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  • Frau hält sich runde Scheiben vor die Augen.
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    Vergiss mich nicht – Wie wir unser Gedächtnis trainieren können.

    Im vergesslichen Jahrhundert helfen Gehirnjogging und andere Tricks dem Gedächtnis auf die Sprünge.

    Text: Claudio Rimmele

Frag Google.

Man kennt die Situation: Eine Gruppe von Freunden sitzt abends am Tisch und unterhält sich heiter. Bis plötzlich einer fragt: „Wie hieß noch mal der Schauspieler in dem einen Film mit dem Eisberg?“ Ohne abzuwarten, zückt einer das Smartphone und dank Google ist die Antwort schnell gefunden. Und das ohne große Bemühungen der Freundesgruppe, die Antwort aus dem Gedächtnis zu kramen.


Frau tippt auf Smartphone.
Frau spielt mit Smartphone.

Brauchen wir unser Gedächtnis noch?

Diese Alltagssituation wird mittlerweile als Google-Effekt oder auch digitale Amnesie beschrieben. Immer weniger Menschen merken sich Fakten, Telefonnummern oder auch Adressen, die sie im Alltag nicht brauchen, sondern nur noch, wo bei Bedarf die nötigen Informationen gefunden werden können. Neben dem Internet und dem schnell verfügbaren Wissen sehen Wissenschaftler die Ursache in dem alltäglichen Gebrauch von Smartphones. Umfragen ergaben zum Beispiel, dass die Hälfte aller 16- bis 34-Jährigen alle wichtigen Informationen in ihrem Telefon gespeichert hat oder diese darüber abruft. Es scheint, als gäbe es quasi kaum noch einen Grund, sich noch etwas zu merken. Willkommen im vergesslichen 21. Jahrhundert! Viele Studien weisen darauf hin, dass sich durch den digitalen Wandel unsere Denkstruktur grundlegend verändert – und damit auch unser Gedächtnis. Doch was verstehen wir unter Gedächtnis und wieso ist das Gedächtnis so wichtig für unser allgemeines Wohlbefinden?


Identitätsstiftende Funktion.

Das Gedächtnis ist einer der wichtigsten Anker für das menschliche Bewusstsein und dessen Persönlichkeit. Ohne Gedächtnis verschwimmen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und das Erlebte mit dem Erträumten. Daher ist es keine Überraschung, dass die Gedächtnisforschung einen der wichtigsten Forschungszweige der Psychologie und Neurologie darstellt. Darin werden die unterschiedlichen Formen des Gedächtnisses untersucht: Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis, auditives, visuelles und motorisches Gedächtnis sowie prozedurales und episodisches Gedächtnis. Man unterscheidet sogar zwischen dem Gedächtnis für die Vergangenheit, dem retrospektiven Gedächtnis und dem prospektiven Gedächtnis für die Zukunft. Nur so können wir nämlich unterscheiden, ob ein Termin noch stattfinden wird oder schon stattgefunden hat.


Frau macht Gedächtnistraining mit Buch.
Frau macht Gedächtnistraining mit Buch.

Boost fürs Selbstbewusstsein.

Während die gesundheitlichen Aspekte von körperlicher Betätigung auf der Hand liegen, wird das Training unserer geistigen Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit oft unterschätzt. Dabei ist ein gutes Gedächtnis in vielen Lebensbereichen eine ausschlaggebende Ressource. Sich an Geburtstagen von Familie und Freunden rechtzeitig zu erinnern, das Gesicht von entfernten Bekannten wiederzuerkennen oder auch an das letzte gemeinsame Gespräch mit einem beruflichen Kontakt mühelos anzuknüpfen, ist förderlich für ein aktives Sozialleben.


Gefühl von Kontrolle und Ordnung.

Ein gutes Gedächtnis vermittelt uns aber auch ein Gefühl von Kontrolle und Ordnung. Weiß man zum Beispiel noch, wo die Steuerunterlagen sind, die man seit einem halben Jahr nicht gebraucht hat, ist man weniger gestresst und es entstehen weniger frustrierende Situationen im Alltag. Für den beruflichen Erfolg ist ein gutes Gedächtnis sogar unabdingbar. Bereits begegnete Hürden werden beim nächsten Mal vorausgeahnt und jahrelange Berufserfahrung macht sich wirklich in besserer Voraussicht und Entscheidungsfähigkeit bemerkbar. Zu guter Letzt ist ein gutes Gedächtnis ein Boost für unsere Persönlichkeitsstruktur und unser Selbstbewusstsein. Statt sich immer wieder aufs Neue von Herausforderungen verunsichern zu lassen, erinnert man sich lebhaft, welche Hürden man bereits gemeistert hat, und stellt sich neuen Aufgaben mit mehr Selbstvertrauen.


Frau macht Gedächtnistraining an Tafel.
  • Frau macht Gedächtnistraining.
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Tipps für Gedächtnislose.

Die Grundlage für ein besseres Gedächtnis ist ein gesundes Gehirn und damit einhergehend ein gesunder Lebensstil. Damit das Gehirn fit bleibt, ist eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Nüssen und Fisch genauso wichtig wie für den Rest des Körpers. Doch wer gerne mehr tun möchte, kann versuchen, folgende Ratschläge auswendig zu lernen:

- Kreative Hobbys: Neue Sprachen lernen, ein Musikinstrument oder vielleicht einen exotischen Tanzstil. Alles Herausforderungen, die Spaß bereiten und bei denen sowohl unser motorisches als auch visuelles und verbales Gedächtnis auf unterschiedliche Art und Weise gefördert wird.

- Schlau schlafen: Wer nicht gut schläft, kann auch an Erinnerungsvermögen verlieren. Mindestens sieben Stunden Schlaf und regelmäßige Schlafzeiten werden von Ärzten empfohlen, damit sich das Kurz- und das Langzeitgedächtnis erholen können.

- Vielfalt in den sozialen Kontakten: Eine Vielfalt an sozialen Kontakten hält fit im Kopf. Vor allem, wenn ein aktiver Umgang mit unterschiedlichen Freundeskreisen gepflegt wird.


Eine Vielfalt an Ansichten, Gedanken und Lebensweisen bringt auch unsere Merkfähigkeit auf das nächste Level.

- Sport hilft auch dem Kopf: Studien haben erwiesen, dass ein regelmäßiges Workout sich auch auf die Gedächtnisleistung niederschlägt. Dafür muss man zum Glück keinen Marathon laufen. Bereits ein 30-minütiger Spaziergang kann den Körper – und das Gedächtnis – regenerieren.

- Gehirnjogging für unterwegs: Über Smartphone oder Tablet lassen sich mittlerweile viele gute Gehirnjogging-Apps wie „Peak“ oder „Elevate“ herunterladen, die mit spielerischem Charakter Spaß am guten alten Memory machen.

- Eigene Tricks erfinden: Ohne echten Spaß geht die Motivation am Gedächtnistraining schnell verloren. Daher lohnt es sich, selbst eigene spielerische Herausforderungen zu definieren. Möchte man statt Gehirnjogging die Telefonnummern der besten Freunde auswendig lernen? Warum eigentlich nicht?


Frau macht Gedächtnistraining mit Buch.

Mysterium Gedächtnis.

Unser Gedächtnis ist für viele Forscher noch ein großes Mysterium. Warum können sich einige Menschen nach nur einem Blick ganze Stadtsilhouetten merken und detailgetreu nachzeichnen, während andere nicht mal den Geburtstag des Partners im Kopf haben? Fest steht allerdings: Das Gedächtnis funktioniert wie ein Muskel. Durch Training, Herausforderung, gute Ernährung und Schlaf wächst es und kann wahre Wunder vollführen. Daher lohnt es sich, der Verführung von Google und Smartphone immer mal wieder zu widerstehen und im eigenen Gedächtnis zu kramen. Gerne auch bei Trivialitäten. Denn dass Leonardo DiCaprio die Hauptrolle in „Titanic“ spielte, kann nicht so schnell vergessen sein. Zumindest in der Generation, die noch ohne Handy aufgewachsen ist.