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  • Frau mit wehenden Haaren im Wind.
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    Warum Sie sich gute Ratschläge sparen können.

    Mitfühlen statt mitleiden. Auch wenn sie gut gemeint sind, sind Ratschläge meist wertlos. Erfahren Sie, wie Sie anderen richtig helfen – und gleichzeitig auch sich selbst.

    Text: Rebecca Randak

Manchmal hilft nur Zuhören.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Einer guten Freundin geht es schlecht. Vielleicht ist sie krank oder hat einfach nur Liebeskummer. Wie verhalten Sie sich? Versuchen Sie, sie mit tröstenden Worten aufzumuntern? Schütteln Sie gleich ein paar Tipps aus dem Ärmel, mit denen sie etwas an ihrer verzwickten Situation ändern kann?


Frau vor Naturlandschaft.
Hand.

Reden gegen die eigene Hilflosigkeit.

Das ist zwar gut gemeint, doch guter Rat ist nicht immer das Mittel der ersten Wahl. Leidet eine Person, die einem nahesteht, möchte man gerne helfen und irgendetwas tun, um ihren Schmerz zu lindern. Weil das gar nicht so einfach ist, fühlt man sich in solchen Situationen schnell hilflos. Aus ein paar Tipps werden plötzlich ganze Vorträge: Man erzählt von diesem einen Bekannten, der genau die gleiche Krankheit bei einem Wunderheiler im Schwarzwald kuriert hat, berichtet von seinen Erfahrungen aus der Selbstständigkeit oder erinnert an die gemeinsame Freundin, die nach der schlimmen Trennung doch noch die große Liebe gefunden hat und nun mit Babybauch und Kinderwagen flaniert.


Die Situation umdrehen.

Die gute Nachricht: Die Tipps zeugen von einem aufrichtigen Interesse am Wohlbefinden der betroffenen Person. Die schlechte: Sie helfen nicht – zumindest meistens. Drehen Sie das Ganze einmal um und denken Sie an eine Situation, in der es Ihnen schlecht ging. Wie oft hat ein Rat, um den Sie nicht gebeten hatten, dazu geführt, dass Sie sich besser fühlten? Wohl eher selten.


Frau hebt Hände an Herz.
Frau schaut in Himmel.

Mitgedacht ist nicht mitgefühlt.

Nicht umsonst heißt es im Volksmund: Ratschläge sind immer auch Schläge. Ein Ratschlag impliziert, dass Person A glaubt, die Lösung für das Problem von Person B zu haben. Damit entsteht automatisch ein Hierarchieverhältnis, selbst wenn der Rat liebevoll und ohne erhobenen Zeigefinger vorgebracht wird. Wenn Sie selbst um Rat bitten, akzeptieren Sie Ihre temporäre Unterlegenheit, weil Sie davon ausgehen, dass das Wissen der anderen Person Ihnen weiterhilft. Wenn nicht, fühlt sich der Rat eher unangenehm und wie ein Schlag an. Und das ist eigentlich das Letzte, was wir haben möchten.


  • Abgeschnittenes Frauengesicht.
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Lösungen dienen nur uns selbst.

Die Verhaltensforscherin und Autorin vieler psychologischer Ratgeber, Brené Brown, führt gut gemeinte Ratschläge auf einen möglichen Mangel an Empathie zurück. Empathisch zu reagieren, also mitzufühlen, bedeutet, sich in die andere Person hineinzuversetzen, Verständnis für die Situation aufzubringen und gemeinsam mit ihr den Schmerz auszuhalten. Mitzuleiden bedeutet im Gegensatz dazu, den Schmerz des Gegenübers zu fühlen, als wäre es der eigene.


Im Mitleid liegt der Grund für unseren Hang zu gut gemeinten Ratschlägen: Unser Gehirn ist nämlich darauf programmiert, Schmerz und Unlust zu vermeiden, ob nun unseren eigenen oder den der anderen. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass wir möglichst schnell Lösungen für die Misere der anderen, also auch unsere, finden möchten.


Frau mit wehenden Haaren.

Auf dem Weg der Selbsterkenntnis.

Die Frage ist nun: Was können wir tun, um traurigen Freund*innen Trost zu spenden? Es ist einfacher, als Sie vielleicht denken. Hören Sie zu und sagen Sie etwas wie: „Ich kann verstehen, dass du traurig bist, und ich weiß auch nicht, was ich dazu sagen soll. Aber ich bin da, wenn du mich brauchst.“ Lassen Sie Ihre Freundin erzählen, be- und verurteilen sie ihre Gefühle nicht und nehmen Sie sich und vor allem Ihre Meinung zurück. Ihre Freundin wird sich aufgehoben und verstanden fühlen – ein Zustand, der es ihr leichter machen wird, den Schmerz auszuhalten und eigene Lösungen zu finden.


Empathie lernen.

Auf YouTube finden Sie die Forschungsergebnisse von Brené Brown in einem kurzen Video, welches das Thema „Empathie versus guter Rat“ sehr schön illustriert. Nehmen Sie es sich zu Herzen und erinnern Sie sich daran, wenn das nächste Mal jemand aus Ihrem Umfeld Ihre Unterstützung braucht. Sie werden schnell merken, dass es wesentlich angenehmer und vor allem zielführender ist, andere still auf dem Weg zur Selbsterkenntnis zu begleiten, als mit Ratschlägen um sich zu werfen. Auch Sie werden sich besser fühlen, statt im Mitleid zu ersticken.


Hände im Wasser.