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  • Pool vor futuristischem Gebäude.
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    Wetterlust statt Wetterfrust.

    Ist der Wetterbericht auch eine Vorhersage für unser Lebensglück? Von psychologischen Studien, Wolkenfanclubs und der Machtlosigkeit gegenüber der launischen Natur des Wetters.

    Text: Claudio Rimmele

Wetterabhängige Stimmung.

Wie die menschliche Stimmung mit dem Wetter zusammenhängt, scheint die Lieblingswissenschaft von Hobby-Meteorologen und Küchenpsychologen gleichermaßen zu sein. Im Wettkampf der Pauschalitäten heißt es meist: Wo die Sonne scheint, sind alle Menschen glücklich. Wo es kalt und dunkel ist, sind Menschen eher depressiv und miesepetrig.


Pool vor futuristischem Gebäude.
Pool vor futuristischem Gebäude.

Wetter als Barometer für Glück?

Aber entspricht das der Wirklichkeit? Stimmt warmes, sonniges Wetter Menschen wirklich zufriedener, so wie die meisten glauben? Daniel Kahneman, der amerikanische Nobelpreisträger für Psychologie, und sein Kollege, David Schkade, stellten fest, dass in den USA der allgemeine Volksglaube herrscht, in Kalifornien seien die Menschen aufgrund des guten Wetters glücklicher. 1998 traten sie den Beweis an und verglichen in einer repräsentativen Stichprobe die Lebenszufriedenheit von Menschen in Kalifornien mit Menschen im regnerischen und kühlen Mittleren Westen. Die Studienteilnehmer aus beiden Stichproben waren der festen Überzeugung, dass die Bewohner Kaliforniens glücklicher seien. Beim Vergleich der tatsächlichen Lebenszufriedenheit fand man allerdings keinen Unterschied.


  • Schwarzer Mercedes-Benz Regenschirm.
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Die Illusion des schlechten Wetters.

Nicht nur waren die Menschen in Kalifornien nicht wirklich glücklicher, das Wetter als beeinflussender Faktor für die Lebenszufriedenheit hatte auch noch insgesamt den geringsten Einfluss. Weitere Studien, in denen Länder in ihrer durchschnittlichen Lebenszufriedenheit verglichen werden, zeigen fast immer die gleichen Länder auf den Spitzenplätzen: Kanada, Norwegen, Schweden und Dänemark. Alles Länder mit extrem kaltem Wetter und wenigen Sonnenstunden. Warum Menschen trotz aller Studien dennoch dem Trugschluss unterliegen, ihre Stimmung sei vom Wetter abhängig, versuchen Kahneman und Schkade mit der Theorie der kognitiven Verzerrung zu erklären.

Lebensumstände, die für alle gleichermaßen offensichtlich sind, wiegen schwerer als reale, aber weniger offensichtliche Faktoren. Zum Beispiel herrscht in Kalifornien im Vergleich zum Mittleren Westen eine hohe Kriminalitäts- und Gewaltrate. Diese spielt für das Glücksgefühl der Menschen natürlich eine wichtigere Rolle als das gute Wetter. Die hohe Kriminalität wird aber eben nicht von allen gleichermaßen als Belastung empfunden, sondern eher als Schicksalsschlag für den Einzelnen.

Teil eines futuristischen Gebäudes.

Extremes Wetter macht einfühlsamer.

Warum gerade in extrem kalten Ländern die Zufriedenheit sehr hoch ist, kann durchaus auch daran liegen, dass extreme Wetterlagen die Menschen einfühlsamer stimmen. Während Hitze erwiesenermaßen aggressiv macht, soll Kälte Menschen näher zusammenbringen. So verhalten sich Menschen bei extremer Kälte spendabler und hilfsbereiter gegenüber Obdachlosen. Auch klimatische Naturkatastrophen führen laut Studien eher dazu, dass sich Menschen näher kommen und gegenseitig aus der Not helfen. Insgesamt hat Wetter zwar kaum Einfluss auf unsere Zufriedenheit, aber durchaus auf unsere Persönlichkeit. Und dass man mit sich selbst eher zufrieden ist, wenn man gegenüber seinen Mitmenschen großzügig und einfühlsam statt aggressiv ist, leuchtet ein.


Spaß am Wolkenbruch und Wetterwechsel.

Man braucht keine Studie, um zu merken, wie die Laune steigt, wenn die ersten sonnigen Frühlingstage nach einem langen Winter anklingen oder wenn nach dem Regen die Sonne durch die Wolken bricht, die Luft frisch nach Regen riecht und die Pfützen golden glitzern. Vielleicht ist gar nicht mal das gute Wetter per se die ausschlaggebende Quelle des Glücks, sondern der Wetterwechsel, der sich positiv auf das Gemüt niederschlägt.


Palmen unter futuristischem Gebäude.
Schwarzer Mercedes-Benz Regenschirm.

Ungewöhnliche Wettererscheinungen.

Außerdem gibt es mittlerweile viele Fans ungewöhnlicher Wettererscheinungen. Die Cloud Appreciation Society, ein Verein aus England mit über 42.000 Mitgliedern weltweit, hat sich ganz der Schönheit von Wolken gewidmet. Der Himmel ohne Wolken sei bloß monotone Langweile, betonen sie in ihrem Manifest. Über den Horizont blicken, um ganz fachmännisch den Wolken beim Vorbeiziehen zuzusehen, sei die schönste Ausrede für das Nichtstun überhaupt, so der Gründer Gavin Pretor-Pinney. Und gerade heutzutage werden gute Ausreden für das Nichtstun immer wichtiger.


  • Futuristisches Gebäude.
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Wetter als Fitness-Motivator.

Gutes Wetter macht vielleicht nicht glücklich, hat aber durchaus einen wichtigen Einfluss auf unsere Gesundheit und unser mentales Wohlbefinden. Bei gutem Wetter sind Menschen motivierter, Zeit im Freien und in der Natur zu verbringen. Bei einer Studie mit Wanderern stellte man fest, dass sich bereits nach ein paar Tagen Wandern in der Natur sowohl geistige als auch körperliche Werte enorm verbessert hatten.


Und das vollkommen unabhängig davon, ob bei den Wanderungen die Sonne schien oder es komplett durchregnete. Wenngleich also gutes Wetter nicht direkt glücklich macht, sind viele Menschen im Sommer motivierter, Sport zu treiben und einen gesünderen Lebensstil mit viel Freizeit in der Natur und in Parks zu führen.


Futuristisches Gebäude.

Sich nicht dem Wetter hingeben.

Das Leben ist voll von kleinen Trugschlüssen. Ob wir nun das Wetter oder andere Faktoren für unsere Stimmung und Zufriedenheit verantwortlich machen, ist am Ende nebensächlich. Denn egal, wie schwerwiegend einzelne Faktoren auf unsere Lebenszufriedenheit einwirken mögen, der wichtigste Einfluss ist immer noch die eigene Grundhaltung. Und die bestimmt, ob man sein Leben lieber selbst aktiv gestaltet oder man sich den Schwankungen des Wetters hingibt. Wie sehr man als Mensch auch versucht, die Natur zu beherrschen, dem Wetter sind wir alle gleichermaßen ausgeliefert. Statt sich über jede Wolke am Horizont zu ärgern, sollte man sich einen Spaß daraus machen, ihre Formen zu deuten wie beim Kaffeesatzlesen. Oder man lässt die Wolken einfach an sich vorbeiziehen und freut sich, wenn die Sonne wieder zum Vorschein kommt.