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  • Mann trägt Bademantel und schlägt Hände über.
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    Vom Schneetreten und Eisbaden – Eiskalte Inspiration.

    Spaß am Temperatursturz – Gesundheitstechniken im Spiel mit den Celsius-Graden.

    Text: Claudio Rimmele

Vorbild japanische Perlentaucherinnen.

Anfang April ist das Meer an der Südwestküste Japans gerade mal 5 Grad Celsius kalt. Dennoch kann eine Ama, eine japanische Perlentaucherin, stundenlang im Meer schwimmen und in den eiskalten Tiefen fischen. Seit Jahrhunderten wird dieser traditionelle Beruf von Frauen ausgeübt. Dank ihres höheren Körperfettanteils und des leichteren Körperbaus können sie der Kälte besser standhalten und tiefer tauchen als Männer. Viele Amas sind bis ins hohe Alter beruflich aktiv und bleiben dabei sehr gesund. Den extremen Temperaturen zum Trotz oder vielleicht gerade dank diesen?


Eiswürfel in Hand.
  • Mann relaxt in Bademantel.
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Kaltes Wasser verjüngt.

Seit den 1970er-Jahren sind Forscher fasziniert von den japanischen Perlentaucherinnen, ihrer Widerstandsfähigkeit und gesundheitlichen Fitness. In einer klinischen Studie fanden sie heraus, dass die Arterien der Perlentaucherinnen wesentlich elastischer und funktionsfähiger waren als für ihr Alter üblich. „Als würde der Stress der Tauchgänge im kalten Wasser den Körper um Jahre verjüngen“, schlussfolgert Professor Tanaka, der die Untersuchung durchführte.


Wird sich also vielleicht Cold-Diving, also das Tauchen im kalten Wasser, als neue verjüngende Trendsportart zu CrossFit und Hot Yoga gesellen? Doch eisige Tauchgänge sind nicht die einzige Methode, um den Körper in Höchstform zu bringen. Überall auf der Welt nutzen Menschen kaltes Wasser und Eis, um ihrer Gesundheit einen Kick zu geben. Denn durch Kälte werden im Körper verschiedene Mechanismen aktiviert, die uns in Extremsituationen das Überleben ermöglichen. Gezielte schrittweise Stimulation dieser Mechanismen kann zu mehr Gesundheit und Leistungsfähigkeit führen.


Mann liegt in Eisbad und entspannt.

Eisbaden.

Man muss kein Arzt sein, um zu wissen, dass ein kurzes Bad im Eisloch eines zugefrorenen Sees im Winter ein ganz schöner Schock für den Körper ist. Doch genau dies praktizieren Menschen in Russland, Deutschland und vielen anderen Ländern. Sie schwören auf die wohltuenden Effekte und vor allem auf den Rausch, der durch die starke Ausschüttung an Adrenalin und Glückshormonen entsteht. Der Schock ist zum Glück nicht immer so schlimm wie beim ersten Mal. Wer regelmäßig im Eiswasser badet, gewöhnt den Körper an die Kälte: Mehr Blut fließt durch die feinen Äderchen unter der Haut, wodurch der Körper länger warm bleibt. Das ist auch der Grund dafür, warum Eisbaden vor Erkältung schützt. Die bessere Durchblutung der Adern in Nase und Rachen bringt auch mehr Abwehrzellen in Körperregionen, die von Erkältungserregern heimgesucht werden. Eisbaden-Anfänger sollten jedoch nicht gleich ins sprichwörtlich kalte Wasser springen. Vor dem ersten Bad ist mehrere Wochen kaltes Duschen als Vorbereitung angebracht. Das anschließende Eisbaden sollte nur in Begleitung stattfinden.

Schneegehen.

Bei Neuschnee barfuß über die Wiese laufen, klingt naturverbunden und nach einer ganz schön frostigen Angelegenheit. Die mutigen Schneeläufer werden mit einem gestärkten Immunsystem, weniger Krampfadern und einer besseren Durchblutung belohnt. Wichtig dabei ist, die Füße und Beine durch Gymnastik oder Bewegung vorher zu erwärmen. Beim Gehen sollte man möglichst die Knie anheben und die Füße immer einzeln dem Kältereiz aussetzen. Am Anfang sind erst mal kurze Läufe ratsam. Nach dem Schneegehen sollte man die Füße gut abtrocknen, in warme Socken und Schuhe packen und das angenehme Kribbeln in den Beinen auf sich wirken lassen.


Eiswürfel auf Boden.
Eiswürfel in Händen.

Kryotherapie.

Viele Kältetechniken bedienen sich der Natur und arbeiten mit kaltem Wasser, Schnee oder Eis. Bei der Kryotherapie hingegen werden extrem niedrige Temperaturen künstlich erzeugt. Die in Japan entwickelte Methode wurde zur Behandlung von Rheuma- und Schmerzpatienten entwickelt. Dabei steigen die Patienten nackt in eine Kältekammer, in der Minus 110 Grad Celsius herrschen. Die Kryotherapie wirkt laut Studien vor allem bei Patienten mit akuten Schmerzen, da durch den extremen Kälteschock entzündungshemmende Hormone freigesetzt werden. So wundert es nicht, dass viele Hochleistungssportler die Kryotherapie nutzen, um sich von harten Wettkämpfen zu erholen.


Niemand muss Kälterekorde brechen.

Wenngleich alle diese Techniken auf der ganzen Welt beliebt sind, warnen viele Ärzte vor dem hohen Verletzungsrisiko. Vielleicht reicht für den einen oder anderen erst mal ein kaltes Fußbad, um das Immunsystem und die Durchblutung anzukurbeln. Schließlich muss nicht jeder gleich Weltrekorde im Aushalten extremer Kälte brechen (wie der weltberühmte Iceman Wim Hof). Eine ganzheitliche Gesundheitspraxis testet Grenzen aus, setzt sich dabei jedoch keinen unnötigen Risiken aus. Außerdem sind die niedrigen Temperaturen allein nicht ausreichend. Tägliches Schwimmen, eine gesunde ausgewogene fischreiche Ernährung, viel Sonnenlicht und frische Luft werden ebenfalls ihren Beitrag geleistet haben, dass einige Perlentaucherinnen mit 70 Jahren noch quickfidel ins Wasser springen. Von ihrem Lebensstil können wir uns also noch viel mehr abschauen als nur die Lust aufs eiskalte Nass.


Eiswürfel in Badewanne mit Mercedes-Benz Flasche und schwarzer Quietscheente.