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  • Gastbeitrag: Des Zaubergeigers Alltagsauto.
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    Gastbeitrag: Des Zaubergeigers Alltagsauto.

    Im 190 SL auf den Spuren des Jazz-Violinisten Helmut Zacharias. Eine Reminiszenz.

Bodenständig und hinreißend.

Der Entertainer Helmut Zacharias geigte sich schon während des zweiten Weltkriegs mit Jazz in die Herzen der Massen, mit dem Siegeszug des Fernsehens gelangte er zu allgegenwärtiger Popularität. Wer virtuos oder kreativ sein Leben lebt – der kann konsequenterweise kein normales Auto fahren. Denn ein Auto kann ebenso leidenschaftliche Gefühle wecken wie ein Kunstwerk oder ein Musikstück. Was fährt man denn nun, wenn man sich mit einem fröhlichen Bogenschwung einen Namen gemacht hat und die eigenen 400 Melodien auf Millionen von Schallplatten kreisen? Ein Auto, das gleichzeitig bodenständig und hinreißend ist. Einen Sportwagen mit den Genen einer Limousine.


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Alleinherrschaft auf der linken Spur.

Auf der Basis des braven „Ponton-Mercedes“, der schlichten und unzerstörbaren Limousine mit dem berühmten „Ölmotor“, sollte etwas Rassiges entstehen. Gleich dem beschwingten Bogenstrich des Zaubergeigers kürzten die Konstrukteure um Walther Häcker die Ponton-Bodenplatte ein wenig und schneiderten eine fast schon lüsterne Karosserie auf die technisch unspektakuläre Basis. Das Design wurde vom 300 SL Flügeltürer von Friedrich Geiger entlehnt. Noch ein Geiger.


Motorhaube, Kofferraumdeckel, Türflächen und Türschweller wurden aus Aluminium gefertigt und ließen das Fahrzeug mit 1.180 kg knapp über das angestrebte Gewicht von einer Tonne kommen. Die doppelte 190 fand sich im Hubraum des neu konstruierten Vierzylinders mit 105 PS wieder, außerdem sollte sie die Höchstgeschwindigkeit markieren. Selbst mit Rückenwind kamen die Testwagen aber nur auf etwas über 170 km/h, was allerdings in den 50ern schon für die Alleinherrschaft auf der linken Spur reichte.


Hinten liegt ausschließlich die Geige.

Es ist überliefert, dass Zaubergeiger Zacharias vor allem von der Farbkombination aus rotem Lack und beigen Ledersitzen begeistert war. Die Schönheit des Gesamtkunstwerks 190 SL haute 1955 auf dem Genfer Autosalon die Presse regelrecht aus den Designerschuhen. Genau so etwas hatte man sich gewünscht. Die horizontalen Lanzetten über den Radläufen sahen nicht nur super aus, sie verhinderten auch die Schmutzbildung an den Flanken. Ein weiteres Gimmick war der hinter den Vordersitzen leicht einbaubare Einzelstuhl, auf dem ein dritter Passagier quer zur Fahrtrichtung mitreisen konnte. Bei Helmut Zacharias lag hier ausschließlich seine Philipp-Hamming-Geige, im Geigenkasten in ein sauberes Tuch gewickelt und auf den nächsten Auftritt wartend.


Gelenkt von virtuosen Händen.

Heute liegt hier auch eine Geige. Ob es sich um ein kostspieliges Modell handelt, entzieht sich der Kenntnis des Gitarre spielenden Schreibers, auf jeden Fall sieht sie wunderschön aus. Der weißhaarige Mann im besten Alter, mit Golfmütze, Sportjacke und Schal passend zur Mütze, wirkt ähnlich gut gelaunt wie einst der Zaubergeiger. Otto Voss, Alt-Vorstand der nordrhein-westfälischen Klassikerschmiede Autohaus Voss, hat sich in Schale geschmissen und ist bereit, mit uns Helmut Zacharias’ Auto durch die beschauliche Landschaft zu scheuchen. Es ist nicht so ein ähnliches Auto wie das damals vom Geiger, nein, es ist sein Auto. In den Sitzen stecken noch die Noten des Erfolgs, und am Lenkrad kurbelten diese damals so erfolgreichen, virtuosen Hände. Irgendwie ist das noch immer zu spüren

Tankstopp im Dörfchen.

Die beiden Vergaser füllen sich mit Benzin und der knurrige Vierzylinder erwacht zum Leben. Seine Ponton-Gene kann der Sportler nicht verschweigen. Aber das ist heute irgendwie … cool. Wir geben dem Motor noch ein kleines Weilchen, bis er aufgewärmt ist, dann geht es los. Der Motor läuft rund und gesund, zieht kernig an und knödelt im Standgas munter und unternehmenslustig vor sich hin. Die Landschaft um uns herum fliegt vorbei, sie ist zwar nicht spektakulär wie die Stadtkulisse von Mailand, punktet aber mit liebenswerten Details. Ein Stopp an einer kleinen Zapfsäule, einsam und allein direkt vor einem alten Wohnhaus mitten in der Stadt. Hier tankte man damals. Heute kann man sich nur noch an der Optik freuen, Benzin ist der Säule nicht mehr zu entlocken.


Farben und pures Glück.

Die Sonne strahlt aus einem tiefblauen Himmel auf den roten Roadster mit den beigen Sitzen, als er durch die Straßen rollt und die Dörfer mit unerwartet kraftvollem Motorensound füllt. So viele Farben muss das Auge erst mal verarbeiten. Der 190 SL ist eher Kunst als Auto. Aber warum auch nicht? Es soll Gemälde geben, die wesentlich teurer sind. Und mit denen kann man nicht so toll durchs Land schroten und den Fahrtwind im Gesicht spüren. Helmut Zacharias wusste genau, was er sich da kaufte. Der 190 SL ist auch heute noch Inspiration und Fortbewegungsmittel zugleich, Lifestyle und irgendwie trotzdem fast ein bisschen Understatement. Weil er eben nur 4 Zylinder hat. Otto Voss legt die Gänge am langen Knüppel ein, lauscht und lächelt. Genau wie damals der Zaubergeiger. Nach ein paar Stunden rollen wir zurück auf den Hof. Das ist pures, glücklich machendes Autofahren. Das war schon immer so. Und das wird auch immer so bleiben.

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