Back
Back
  • Gastbeitrag: Die EVOlution des 190 E.
    1

    Gastbeitrag: Die EVOlution des 190 E.

    Mercedes-Benz baute in den späten 80ern zusammen mit AMG ein schwarzes Projektil, das uns heute noch das Fürchten lehren kann.

    Text: Jens Tanz | Fotos: Julian Morris – morrisviews-foto.de

Schnell – stark – schwarz.

Draußen schwirren Mücken im Schein einer einzelnen Laterne. Drinnen ist es stockdunkel. Es klickt kurz, dann flackern drei Deckenlampen auf und geben einen vagen Blick auf die Szenerie frei. Viele gelbe Benzinfässer. Ein silbernes Flugzeug. Ein schwarzes Auto. Es ist seltener als so mancher Ferrari, und es ist begehrter als die britischen Kronjuwelen. Warum das so ist, versteht man, wenn man es fährt.


Aus 190 E wurde EVOlution.

Schon in den 80ern brachte man dem braven 190 E mit einem großen 16-Ventiler das Fliegen bei. Volker Weidler und Roland Asch trieben das Leichtgewicht bei der DTM auf Platz 2 der Gesamtwertungen. 1989 legte AMG noch eine Schippe drauf und brannte den 2.5-16 auf den Asphalt. Mit 195 PS und rund 230 km/h räumte der „EVOlution“ das Feld einmal komplett von hinten auf. Von 1989 bis 1990 liefen genau 502 blauschwarz metallic lackierte 190 E vom Band und wurden rübergebracht zu AMG.


  • 1

Tiefer. Breiter. Und wahnsinnig schnell.

Diese dort entstehende Homologationsserie, welche zwingend in der Tourenwagenmeisterschaft das Serienmodell vorgibt, war das brutalste, was Vatis Augen bis dahin gesehen hatten. Ein extrem hochdrehender Vierzylinder mit 235 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von über 250 km/h. Spoiler, die sich so gewaltig und so tief auf den Boden drückten, dass die Bumper bei McDrive zum unüberwindbaren Hindernis wurden. Ein Heckflügel, der jeden Manta in die Schäm-Ecke verwies.


17-Zoll-Felgen, auf denen 245/40 ZR 17 Reifen klebten und die eine nennenswerte Verbreiterung der Kotflügel nötig machten. Im Inneren triefte aus jedem Karo der gemusterten Rennstühle das Adrenalin. Das sachliche Cockpit hatte drei Zusatzinstrumente auf der Mittelkonsole bekommen und blieb ansonsten unverändert. Der Pilot sollte nicht durch zu viel Firlefanz abgelenkt werden. Das Auto war eine so klare Ansage, dass sogar Porschefahrer andächtig und respektvoll ihre Golfmütze zogen.


30.000 Kilometer, Neuwagengeruch.

Der EVO II Besitzer streicht mit der Hand über den Heckflügel und schließt die beiden Türen auf. Innen riecht es wie in einem Neuwagen, der Tacho zeigt nur etwas über 30.000 echte Kilometer. Auf Auktionen bringt ein gepflegtes Exemplar, wenn man überhaupt eins bekommt, gut und gern 200.000 Euro. Dafür bekommt man auch schon ein nettes kleines Häuschen auf dem Land. Das kann allerdings genau so wenig fahren wie die Kronjuwelen der Queen. Der schwarze, böse Keil hier kann. Und wie er kann.


Lass das Biest frei!

Es geht alles sehr schnell. Handgerissene fünf Gänge. Mit kurzen Gasstößen geht es aus der Halle raus. Die Lenkung ist so direkt, dass man im Geist die letzte Betriebsfeier auf der Kartbahn rekapituliert. Das Fahrwerk ist so straff, dass man wissen will, was über 5.000 Touren abgeht. Darunter liegt das maximale Drehmoment sowieso nicht an. Der EVO driftet um die Halle rum, immer wieder. Vier Mal. Fünf Mal. Fahren mit Lichtgeschwindigkeit, zurück in der Zeit.

Rekordhalter und Zeitmaschine.

Ein EVO II ist kein Auto für den Alltag. Platz genug für die ganze Familie nebst Kindersitz wäre sogar auf den tief reingezogenen Rücksitzen, und einen Kofferraum gibt es auch. Aber so einen Zeitzeugen holt man lieber nur zu besonderen Anlässen raus. Er erzählt vom Zeitgeist der späten 80er und frühen 90er. Sie sind wieder da, die guten rauen Zeiten des Motorsports. 1990 dritter Platz mit Kurt Thiim. 1991 zweiter Platz mit Klaus Ludwig. 1992 erster Platz, ebenfalls mit Klaus Ludwig. 16 Siege in 24 Rennen, so etwas hat es in der Geschichte der DTM danach nie wieder gegeben. Unter dem schwarzen Kleid des bösen Autos wabert noch immer Abwärme hervor. Das Rolltor wird hinter uns geschlossen. Draußen ist es stockdunkel. Da drin lauert der 2.5-16 auf seinen nächsten Einsatz. Er ist immer wach und allzeit bereit. Tief durchatmen jetzt – und zurück in die Gegenwart.