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  • Plötzlich steht ein 280er Coupé als Erbstück vor Max, und er wird mit einer Stilikone konfrontiert, die er gar nicht gesucht hatte.
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    Gastbeitrag: Uncle Benz.

    Selbstbewusster Auftritt: Mit einem 280 CE kann man sich auch heute noch überall sehen lassen, das Coupé ist zeitlos und beliebt.

    Text und Fotos: Jens Tanz

Und plötzlich steht da das Coupé.

Autos waren gar nicht so richtig das Thema von Projektmanager Max Pohlmann. Der 280er kam gänzlich unerwartet. Sein Onkel, der ihn als Kind immer auf Touren durch Hamburg mitnahm, stirbt 2010 unerwartet und viel zu jung. Er hinterlässt ihm das Auto, weil er es so geliebt hat. Max findet sich nun in einem Familienerbstück voller Geschichten wieder. Bilder von Backsteinhallen am Hafen im Kopf. Geräusche von Kopfsteinpflaster unter den Rädern im Ohr. Er sagt „ja“ zu einem historischen Coupé. Gelb-weiße Ladekanten. Blaue Tore. Polterndes Kopfsteinpflaster. Wir fahren mit Max zu einem der Orte, die er als Kind vom Rücksitz aus kennengelernt hat.


Die Laderampen bei der unteren Hafenkantine in Sankt Pauli, hier hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Max kennt sie noch, hier war er als Kind manchmal mit seinem Onkel.
Die klare Linie von Paul Bracq definierte „eine neue Klasse“. Das Coupé war seinerzeit die schönste Mercedes-Benz Form. Das hat sich kaum geändert.

Eine neue Generation von Autos.

Die klaren Linien ohne Beiwerk und mit hervorragendem Platzangebot kommen wie die Oberklasselimousinen W 108/109 aus der Feder des Designers Paul Bracq. Vier- und Fünfzylinder als Benziner und Diesel erhalten die interne Modellbezeichnung W 115, die großen Sechszylinder und das ab 1969 gebaute Coupé werden als W 114 bezeichnet – der Volksmund nennt sie alle einfach „Strich-Acht“, nach dem Erscheinungsjahr 1968. Der „Strich-Acht“ bekommt serienmäßige Scheibenbremsen vorn, Doppel-Querlenker an der Vorderachse und eine moderne Schräglenker-Hinterachse. Auch im Inneren ziehen neue Werte ein, Kopfstützen vorn und hinten, Automatikgurte und eine Mittelkonsole, die noch in den heutigen Modellen stilistisch zitiert wird. Wem der kantige Klotz mit dem cw-Wert einer Schrankwand zu minimalistisch ist, der kann ab 1969 auf die zweitürige Variante ohne B-Säule, mit flacheren Scheiben und gehobener Ausstattung zurückgreifen.


Klare Schönheit mit Kofferraum.

Die Coupéform mit den doppelten Stoßstangen steht dem fast 10 Jahre gebauten Millionenwagen ungemein gut. Das Auto wirkt wahnsinnig lang und irgendwie wesentlich agiler als die Limousinen, die in ihrer schwächsten Dieselmotorisierung gern mal als „Wanderdüne“ bezeichnet werden. Pohlmann schätzt das Platzangebot, den großen Kofferraum und den Rundumblick. Die typischen, sofaähnlichen Fauteuils lassen auch längere Reisen zum Erlebnis werden. Das original Becker Europa umschmeichelt die Ohren mit einem für damalige Verhältnisse sagenhaft fetten Sound. Den Winter verbringt dieser 280er in einer trockenen und gut belüfteten Garage, mit ein bisschen mehr Druck auf den Reifen und vollen Flüssigkeitsständen. Regen oder gar Schnee sieht er nach Möglichkeit nicht, zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich in der selbsttragenden Karosserie verborgene Rostnester breitmachen.


Damals saß er hinten in der Mitte, heute sitzt er vorn links. Das Coupé steckt voller Erinnerungen, die Max liebevoll bewahrt und pflegt. Alltagstauglichkeit inklusive.
Man kann nirgendwo anhalten, ohne in ein Gespräch über das Auto verwickelt zu werden. Klassiker finden sich, und ihre Fahrer sind immer zu einem Plausch bereit.

Onkels Benz als Fotomodell.

Aber sobald die Sonne herauskommt, ist Pohlmann im „Strich-Acht“ unterwegs. Neben seinem Beruf als Projektmanager betreibt der Hamburger das Unternehmen „Photolove“ und lässt das alte Polaroidbild wieder aufleben. Seine Firma gibt der virtuellen Internetgeneration über Instagram, Handyfoto oder Digitalkamera die Möglichkeit, ihre Bilder als analoge Vintage-Papierabzüge im alten Stil zu bestellen und nach Hause geschickt zu bekommen. Zurück zu den Wurzeln, echte Fotos mit einer Stecknadel an der Wand. Da passt das Coupé vor der Tür wie die Häkelmütze auf die Klorolle. Das Erbe des Onkels bekommt seinen Ritterschlag, als Max ein zweites Mal „ja“ sagt, diesmal auf dem Standesamt. Das frisch vermählte Paar tritt den Heimweg an mit Blumen und Geschenken verteilt auf den Rücksitz und den gesamten Kofferraum – und sie müssen so langsam schleichen, dass sie sich an jeden einzelnen Strich auf der Autobahn erinnern können. Es sind mehr als acht.


Echte Liebe braucht Zeit.

Der sympathische Jungunternehmer liebt seine Frau vom ersten Tag an, sein geerbtes Auto hat er mit den Jahren erst richtig lieben gelernt. Als Oldtimerfahrer entwickelt man mit der Zeit zwangsläufig ein dickes Fell. Es sind Ereignisse wie das klemmende Benzinpumpenrelais neben dem Steuergerät, die das Fahrzeug zumeist mitten auf vielbefahrenen Kreuzungen einfach ausgehen lassen. Man muss das Gehupe und die blutdruckgepeitschten Schimpftiraden der anderen einfach ignorieren. Auch kleine Lackplatzer hier und da oder Rempler von Einkaufswagen auf dem Supermarktparkplatz dürfen einen Daily Driver nicht in den Wahnsinn treiben – das ist ein Teil des Alltags, das ist die Patina, die so ein Fahrzeug liebenswert macht. Während er das Coupé über das Kopfsteinpflaster bei der unteren Hafenkantine lenkt, kullert eine Träne über seine Wange. Ja. Das war hier, dieser Ort, dieses Auto. Das ist alles noch so wie damals. Nur der Onkel ist nicht mehr dabei.


Damals saß er hinten in der Mitte, heute sitzt er vorn links. Das Coupé steckt voller Erinnerungen, die Max liebevoll bewahrt und pflegt. Alltagstauglichkeit inklusive.
Gut unterwegs – das Coupé ist kein Rennwagen, aber wenn es mal schnell gehen soll, lässt sich der Reihensechser auch nicht lange bitten und marschiert munter voran.

Der Kreislauf des Lebens.

Auch ohne die Bilder in seiner Erinnerung hätte Max Pohlmann sich wohl auf eine Affäre mit dem Coupé eingelassen, aber die noch immer gefühlte Präsenz seines Onkels macht den CE zu etwas ganz Besonderem für ihn. Es ist das Auto, das er schon als Kind geliebt hat, und dementsprechend behutsam geht er mit dem Goldstück um. Das unaufhaltsame Kommen und Gehen geliebter Menschen in unserem Leben spiegelt sich nicht nur am dünnen Bakkelitlenkrad des Vorfacelifters mit dem Stern wider, es zeigt sich auch in Form eines Kindersitzes hinter den holmlosen Seitenscheiben. Pohlmanns erwarten Nachwuchs, und wie der kleine Max mit seinem Onkel wird auch dieses Kind eines Tages auf dem Rücksitz die Welt hinter den Coupéscheiben wahrnehmen und die Geschichte weiterschreiben. Denn sie ist niemals zu Ende.