Anton Corbijn erzählt in A MOST WANTED MAN eine Agentengeschichte über den Terror nach 9/11, über die Einsamkeit und die Sehnsucht nach dem Guten.

A most wanted man.

Ein Interview mit Anton Corbijn über seinen Weg zum Film, die Tricks der Künstler und die Rolle der S-Klasse W 126 und des SL Roadster in seinem neuen Film.
  • A most wanted man.

  • Das Multitalent aus Hollywood.

    Seine Bilder sind so ikonisch, wie seine Modelle – Bowie, Bono, Tom Waits. Sein reduzierter, fast schon karger Stil prägte eine ganze Generation von Fotografen. Seit den frühen 1980er Jahren ist Anton Corbijn einer der wichtigsten Fotokünstler der Musikgeschichte. Als Art Director produzierte er Musikvideos und kreierte Plattencover für Depeche Mode und U2. Ende der 2000er Jahre klopfte Hollywood an seine Tür und Corbijn wurde zum Filmemacher.

    Sein neuer Film A MOST WANTED MAN feierte Anfang des Jahres auf dem Sundance Film Festival Premiere. Erzählt wird eine Agentengeschichte über den Terror nach 9/11, über die Einsamkeit und die Sehnsucht nach dem Guten.

    Im Hotel Adlon Kempinski in Berlin spricht Multitalent Anton Corbijn über den Unterschied zwischen Fotografie und Film und die Macht der Kamera.

    Teil des internationalen Schauspieler-Ensembles: Der kürzlich verstorbene Philip Seymour Hoffman in seiner letzten Rolle – als kettenrauchender, Whisky trinkender Agent Günther Bachmann.

    Anton Corbijn bei den Dreharbeiten zu A Most Wanted Man.

    Der kleine Unterschied.

    A MOST WANTED MAN ist bereits Ihr vierter Film. Was reizt Sie an diesem Medium?

    Ich bin seit 40 Jahren Fotograf. Ich weiß, wie ich mit diesem Medium umzugehen habe. Aber Film ist neu für mich. Ich entdecke immer wieder neue Arten des Denkens, neue Arbeitsprozesse. Das ist inspirierend.

    Abgesehen vom Reiz des Neuen, wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen Fotografie und Film?

    Es gibt viele Unterschiede. Zum Beispiel den Faktor Zeit: Ein paar meiner besten Bilder habe ich in wenigen Minuten fotografiert. Aber du kannst eineinhalb Jahre für einen Film brauchen, der am Ende vielleicht nicht mal gut wird. Das ist ein Risiko.

    Vom Fotografen zum Filmemacher.

    Wie können wir uns Ihre Entwicklung vom Fotografen zum Filmemacher vorstellen?

    Das lief ganz organisch ab. Ich bin Fotograf geworden, weil ich Musik mochte und näher an die Bühne wollte. Irgendwann fing ich an, Musikvideos zu drehen. Jemand kam daraufhin mit der Idee an, ich solle doch mal einen richtigen Film machen. Da habe ich gesagt: „Ich werde nie einen Film machen. Ich bin Fotograf. Ich arbeite gerne alleine.“ Jahre später drehte ich dann doch meinen ersten Film: Control. Danach kamen immer neue Angebote – und jetzt sitze ich plötzlich hier und bin Filmemacher (lacht).

    Philip Seymour Hoffman spielt in A MOST WANTED MAN den Agenten Günther Bachmann .

    Wie arbeiten Sie? Haben Sie die fertigen Szenen schon im Kopf, wenn Sie ans Set kommen?

    Ich mache keine Storyboards – außer für Actionszenen. Ich versuche alles sehr offen zu halten: Wir proben die Szene, ich schaue, ob der Text passt und wie ich das Ganze drehen möchte. Was mir nicht gefällt, ändere ich.

    Der Agent, der in der S-Klasse kam.

    Gehen Sie bei der Ausstattung der Charaktere ähnlich vor? Warum haben Sie sich bei dem Agenten Günther Bachmann in A MOST WANTED MAN z.B. für die S-Klasse W 126 entschieden?

    Oft habe ich vor Drehbeginn schon eine vage Idee, wie die Figur auszusehen hat. So war es auch bei dem Bachmann-Charakter. Ich fuhr früher das gleiche Auto und wollte unbedingt so ein Modell für den Film haben. Es passt einfach perfekt zu Günther Bachmann. Es ist nicht so clean, nicht so glänzend. Ich wollte etwas, das nicht nach einem offensichtlich erfolgreichen Geschäftsmann aussieht, sondern auch irgendwie funky ist. Für Willem Dafoe, der den Banker Thomas Brue spielt, wollte ich ein elegantes Auto, das nach richtig viel Geld aussieht. Ich denke, der SL Roadster trifft es ganz gut (lacht).

    Auf der Suche nach der eigenen Stimme.

    Was raten sie jungen Filmemachern, die auf der Suche nach ihrem Publikum sind?

    Bleibt zu Hause (lacht)! Nein, im Ernst: Es ist wichtig, seine eigene Stimme zu finden. Keine Angst zu haben und genau das zu machen, was man will. Ich glaube, dass die Zukunft im Film liegt, nicht in der Fotografie. Wenn junge Leute mich heutzutage fragen, ob sie Fotograf werden sollen, sage ich: besser nicht.

    Warum?

    Mittlerweile ist jeder ein Fotograf. Aber die meisten produzieren nur Müll. Alles wird fotografiert, aber nichts von dem wird wirklich gelebt. Das ist verrückt! Das ist für mich keine Fotografie mehr. Das hat nichts mit dem echten Leben zu tun. Alles dreht sich nur noch um Status. Aber Fotografie ist nicht glamourös, es ist harte Arbeit. Nur wer bereit ist, die zu leisten und wer es wirklich will, der wird Erfolg haben.

    Für Corbjin ist der Mercedes-Benz SL das passende Auto für eine Figur wie den Banker Thomas Brue (Gespielt von Willem Dafoe).

    Wenn Sie auf Ihr bisheriges Werk zurückschauen: Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie sehen?

    Ich bereite gerade zwei Ausstellungen in Holland vor. Dazu gehört auch ein Blick in die Vergangenheit. Ich stoße gerade wieder auf Bilder, die ich längst vergessen hatte – gute, aber auch welche, bei denen ich denke: Wie konnte ich damit meine Zeit verschwenden? Es gibt Höhepunkte, aber auch Tiefpunkte. Der Trick des Künstlers ist es, nur das zu zeigen, was gut ist.

    Vielen Dank für das Gespräch, Herr Corbijn!

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