Auf der Suche nach Design. © Maxime Ballesteros

Auf der Suche (nach Design).

Gastbeitrag des Sleek Magazines, Teil I: Auf der Suche nach neuen Designtalenten führt uns ein weiterer Roadtrip mit Sleek nach Amsterdam, Antwerpen und London.
  • Auf der Suche (nach Design).

  • Revolution: Design.

    Zwischen Amsterdam, Antwerpen und London trifft Sleek sechs der spannendsten jungen Designabsolventen, die unser Modeverständnis radikal neu definieren.

    Während unseres Roadtrips erleben wir Amsterdamer Anarchie, düsteres Design aus Belgiens Kunstmetropole und unbeschreibliche Kopfbedeckungen, die im Londoner East End Gestalt annehmen – dank einer neuen Kreativgeneration, die kommende Trends souverän vorwegnimmt.

    Auf der Suche nach Design. © Maxime Ballesteros

    Anne van den Boogaard: Designanarchie auf Amsterdamer Straßen.

    „Ich habe einfach diesen unwiderstehlichen Drang, mich durch Kleidung auszudrücken“, erwähnt Anne van den Boogaard während unseres Treffens im zentralen Westerdok-Bezirk. „Dadurch bin ich auch zur Mode gekommen: Es war dieses Bedürfnis, mich der Welt und meiner Generation mitzuteilen.“

    Auf der Suche nach Design. © Maxime Ballesteros

    Frisch diplomiert präsentiert Anne mit ihrer Abschlusskollektion nun Entwürfe, die nicht nur etwas zu „sagen“ haben, sondern ihre Intention schlicht in die Welt hinaus rufen, brüllen, schreien.

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    „Ich liebe Klischees.“

    Irgendwo zwischen rebellischem Cheerleader und aufmüpfiger Braut finden sich hier freche 1990er-Referenzen wie übergroße goldene Hoop-Ohrringe und amerikanische Sporttrikots im plakativen Mix wieder, der passenderweise den Namen „Infinity ‘n Shit“ trägt. „Ursprünglich war ich von meiner eigenen Generation frustriert. Die ist irgendwie langweilig und farblos. Niemand riskiert etwas, alle sind faul. Mit dieser Kollektion will ich meine Generation aufrütteln. Sie soll – positiv gesehen – wie ein Tritt in den Hintern wirken.“ Die Kollektion versteht sich so als Aufruf zum „süßen Anarchismus“. Auf ihren T-Shirts sorgen wütende, flammenwerfende Cheerleader und AC/DC-inspirierte Blitze für rebellische Stimmung. „Klar, das ist alles ziemlich klischeegetränkt, aber ich liebe Klischees über alles“, lacht die Designerin.

    Gegensätze ziehen sich an.

    „Ich wollte in meiner Kollektion möglichst viele Infos unterbringen. Wir sind mittlerweile immer und überall von extrem vielen Informationen umgeben, aber ich wollte dieses Überangebot so neu verpacken, dass es funktioniert.“ In Annes überschäumenden Visionen treffen Nadelstreifen-Baseballtrikots auf Spitzenschleier und bommelbesetzte Motorradjacken, bis uns fast schwindelig wird. Und wir uns die Frage stellen, ob sie eigentlich gar keine Angst hatte, dass ihre ironischen Verweise auf die eigene Generation vielleicht doch ein bisschen über das Ziel hinausschießen könnten? „Es war meine letzte Chance, alles extrem auszuleben – das war mir die ganze Zeit deutlich bewusst“, erklärt Anne. „Ich möchte positive Statements setzen. Nehmt bitte kein Blatt vor den Mund, aber seid gleichzeitig nett zueinander.“

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    Anne van den Boogaards nächstes Ziel ist London, die natürliche Heimat ihres persönlichen Modebegriffs: rebellisch, bunt und immer ein bisschen gewagt.

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    Merel van Glabbeek: Schämen ist keine Schande.

    Nach einer Runde durch Amsterdam im GLK 250 treffen wir Merel van Glabbeek. „Ich glaube, es ist gar nicht möglich, völlig frei von Scham zu sein“, so die 25-jährige Absolventin. „Im Zustand akuter Scham geben wir die intimsten Aspekte unseres Daseins preis. Die Schönheit des Menschen zeigt sich ganz besonders, wenn man in eine Person tief hineinblicken kann; wenn man sieht, wofür sie sich schämt. Das lässt sie echt und wirklich werden. Ich brauche diesen realen Aspekt in meiner Arbeit.“ Die Designerin gibt sich ruhig, introvertiert und aufmerksam: Nach kaum fünf Minuten in ihrer Gegenwart versteht man intuitiv, warum sie dieses Thema so intensiv beschäftigt. Und warum sie ihm ein halbes Jahr ihres Arbeitslebens gewidmet hat. „Das Konzept an sich, die Scham, war mein Ausgangspunkt.“

    Kontrast von Stoff und Haut.

    „Im Rahmen meiner Recherche bin ich dann irgendwann auf altgriechische Kleidung gestoßen, die den Körper ganz bewusst idealisiert, statt ihn zu verhüllen“, erklärt die Designerin, während sie die Motive ihres Skizzenbuchs durchblättert, um uns griechische Skulpturen zu zeigen, deren weibliche Formen durch geschickte Drapierungen vielsagend unterstrichen werden. Dank einer soliden technischen Ausbildung samt abgeschlossener Schneiderlehre (und einer Mutter im gleichen Metier) konnte Merel selbst direkt mit mehreren Techniken experimentieren. „Ich habe wochenlang herumprobiert, dem Stoff freien Auslauf bzw. Faltenwurf gelassen und an üppigen Models unterschiedliche Materialien ausprobiert.“

    Auf der Suche nach Design. © Maxime Ballesteros

    Doch es wäre zu einfach gewesen, die historischen Drapierungen schlicht zu kopieren. „Die Kollektion sollte modern wirken. Das Thema Scham ist so vielschichtig und kompliziert, dass ich zusätzlich noch einen klaren Kontrast brauchte.“

    Pierre Renaux: Depression als Katalysator für den Designerfolg.

    In Antwerpen ticken die Uhren etwas anders: Die Modestadt verhätschelt ihre Designstudenten. Natürlich stressen Deadlines und Konkurrenz, aber jeder angehende Experte darf hier seine Entwürfe auf dem Laufsteg vor Profipublikum präsentieren. Doch was passiert direkt nach dem Diplom – wenn die schnöde Wirklichkeit wartet? Diese Frage – bzw. Sorge – beschäftigt Pierre Renaux, als wir ihn zuhause besuchen. In seiner zentral gelegenen Wohnung sind sämtliche Wände mit Kollektions-Looks und fotografischen Inspirationen gepflastert. Nach seinem Bachelor-Abschluss machte Pierre zunächst ein Praktikum bei Thierry Mugler, bevor er an Antwerpens berühmter Modeschule sein Masterstudium begann. „Die Schule war für mich wie ein kleines Nest, in dem man einfach alles machen kann, ohne irgendwelche Konsequenzen befürchten zu müssen.“

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    Kreative schwarze Zukunft.

    „Bei Mugler habe ich dann gelernt, dass man im wahren Leben auch Kompromisse machen und seine Kreativität verkaufen muss. Ich habe dann einfach versucht, den direkten Stress dieser Erkenntnis in etwas Positives und Kreatives zu verwandeln.“ Plötzlich symbolisieren strenge und gerade weiße Lederbahnen, aus denen Renaux schulterfreie Tops und Kleider schneidert, die unerbittlichen Strukturen der Branche, während verspielte Ausschnitte seine fantasievollen Exkurse außerhalb dieser Beschränkungen andeuten. Auch der brave Bleistiftrock mutiert zu etwas völlig Neuem – dank Pierres Einsatz von falschem Gummiglas, das normalerweise eher als Special Effect im Filmgeschäft zum Einsatz kommt. „Der Glasrock ist jetzt total zerstört, aber auch das war Teil des Konzepts. Er sollte vollständig zerfallen. So wie ich wahrscheinlich im nächsten Jahr! Was soll ich dann tun?“

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    Er scheint von dieser selbstgewählten Verzweiflung sogar ein bisschen zu zehren. „Ich mag Depressionen“, erklärt er abschließend. „Aber nur, wenn sie unterhaltsam sind.“

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