Elisa und Lennart kennen sich schon seitdem sie 14 sind - und sind nun ein perfekt eingespieltes Duo.

Creative Couples: KM Temporaer setzen Kunst in Kontext.

Das Berliner Duo KM Temporaer verbindet in seinen Ausstellungen traditionelle und zeitgenössische Kunst mit gesellschaftlichen Fragestellungen. Das regt zum Dialog an.
Text: Christian Wust
Fotos: Trevor Good
  • Creative Couples: KM Temporaer setzen Kunst in Kontext.

  • Die Stadt der Kunst.

    Gäbe es für die ganze Stadt Berlin einen Tag der offenen Tür, würde er mit einer Vernissage beginnen und in einer Finissage zu Ende gehen. Berlin ist die Stadt der Kunstschaffenden, Kunsthändler, Kunstkritiker und auch des Wir-nehmen-jedes-Kunstwerk-zum-Anlass-für-ne-Party.

    Was die Kunst abseits der kommerziellen Galerien und etablierten Institutionen im subkulturellen Raum allerdings noch zu leisten im Stande ist, das zeigen KM Temporaer in ihren themenbezogenen Ausstellungen.

    Das gemeinsame Interesse an der Kunst ist ein wichtiger Teil ihrer engen Beziehung.

    Über den Dächern Berlins.

    KM Temporaer, das sind die Berliner Elisa R. Linn und Lennart Wolff. Die beiden haben es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit allen Mitteln der Kunst wieder zum Nachdenken und Diskutieren anzuregen. Um zu erfahren wie das funktioniert, treffen wir uns in den Berliner Uferhallen zum Gespräch – ein befreundeter Künstler betreibt in dem verwinkelten Werkstattkomplex sein Atelier. Vorbei an wandgroßen Zeichnungen geht es über eine kleine Leiter hinaus aufs Dach, wo die für Berlin ungewöhnlich zeitige Frühlingssonne vor beeindruckender Kulisse zum Plaudern einlädt. Was uns an einem gemeinsam arbeitenden Paar natürlich am meisten interessiert: Was war zuerst da, die Liebe oder die Arbeit? „Wir kennen uns ja schon seit wir 14 sind aus der gemeinsamen Heimat Prenzlauer Berg“, erzählt Elisa, „zusammengekommen sind wir dann drei Jahre später“.

    KM Temporaer zeigen: Wer sich auf persönlicher Ebene schätzt, tut das auch auf der beruflichen.

    Die selbe Schule haben sie nicht besucht, ein gemeinsamer Freundeskreis bildete sich trotzdem. Letztendlich war es das gemeinsame Interesse an der Kunst, das zur engen Bindung zwischen den beiden führte.

    Elisa und Lennart haben es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen wieder zum Nachdenken und Diskutieren anzuregen.

    Einmal um die Welt.

    Lennart erinnert sich, dass sie sich „eigentlich erst mit 17 richtig kennengelernt“ hätten. „Dann bist du nach Jena gegangen“, sagt er in Richtung Elisa. „Ich habe erst die Schule fertig gemacht und dann angefangen, in Berlin Architektur zu studieren.“ Währenddessen ging es um die Welt: Ganz unabhängig voneinander – wie sich beide sehr einig sind – verbringen sie eine längere Zeit auf dem südamerikanischen Kontinent. Lennart in Santiago de Chile, Elisa in Buenos Aires. Doch schlappe 1.500 Kilometer zwischen West- und Ostküste waren dann doch kein Grund einander nicht zu sehen. „Die Flüge waren ziemlich günstig und Lennart ist fast jeden Monat nach Buenos Aires gekommen“, erzählt Elisa.

    Im Mittelpunkt steht immer das Thema, nicht der Künstler oder ein bestimmtes Kunstwerk.

    Ein Herz, eine Seele, eine Kunst.

    Wieder zurück in Berlin ergab sich die gemeinsame Arbeit dann über einen Zufall, als für die angesammelten Ideen plötzlich ein passender Ausstellungsraum zur Verfügung stand. Von den beiden wollen wir wissen, was es für die Arbeit bedeutet, auch privat ein Paar zu sein. „Es gibt wenig Missverständnisse wenn man sich sehr gut kennt“, lässt uns Elisa wissen.

    „So weiß man oft schon, was der andere denkt.“ Wer sich auf persönlicher Ebene schätzt, tut das augenscheinlich auch auf der beruflichen. Und die Meinung des Partners gibt Sicherheit: „Das Feedback des anderen brauchen wir auch, um uns sicher zu sein: Genau so machen wir es.“

    Während Lennart sich stark der Architektur verbunden fühlt, betrachtet Elisa die Dinge nach ihrem Studium der Kunstgeschichte mehr aus einer wissenschaftlichen Perspektive.

    Eine klare Linie.

    Was die Arbeit der beiden auszeichnet, ist das bedingungslose Interesse am thematischen Zusammenhang. Es gibt keine Solo-Shows und auch keine Ausstellungen, die als Verkaufsplattform dienen. Elisa und Lennart verstehen sich als moderne Kuratoren, die dafür sorgen, dass jede Ausstellung ein Konzept, eine klare Linie und einen Schwerpunkt hat, mit dem sich Künstler, Publikum und auch die Kuratoren beschäftigen können. Im Mittelpunkt steht immer das Thema, nicht der Künstler oder ein bestimmtes Kunstwerk. Denn die Kunst besitzt für die beiden keinen Selbstzweck: „Wir bieten die Möglichkeit, neue Zusammenhänge zu erschließen, die nicht allein im Kontext der Kunst stattfinden, sondern mit dem politischen und gesellschaftlichen Geschehen in Verbindung stehen“, erklärt Elisa.

    Dialog statt Rezeption.

    Ihre letzte Ausstellung mit dem Namen „Surplus Living Group Exhibition“ ist in Berlin-Mitte gerade zu Ende gegangen. Ausgangspunkt war die Überlegung, dass der Mensch – und damit auch Kunst und Kunstwerk – immer mehr zur Ware werden und das Streben nach Selbstverwertung zunimmt. Warum es nach wie vor wichtig ist, gesellschaftliche Themen in künstlerischer Form für ein Publikum aufzubereiten, macht Lennart extra deutlich: „Kunst hat einen enormen Interpretationsspielraum. Es geht nicht darum, mit einer festen These nach definitiven Antworten zu suchen, sondern um die Erzeugung von Öffentlichkeit und Diskurs.“ Statt passiver Rezeption entsteht auf diese Weise ein echter Dialog zwischen Publikum, Künstlern und Kuratoren.

    Ausgangspunkt ihrer letzten Ausstellung

    Und dass ein Dialog zu mehr Erkenntnis führt als die reine Rezeption haben auch wir auf dem sonnengewärmten Dach der Uferhallen erfahren: Obwohl die herrliche Aussicht unvermittelt zu Liegestuhl und Weizenbier einlädt, führt uns die lebhafte Diskussion dann doch zu den erstaunlicheren Einsichten.

    Was uns treibt ist wahrscheinlich die Sehnsucht nach einem neuen Umfeld und neuen Inspirationen

    Ästhetik mal zwei.

    Alle ihre Ausstellungen verstehen Lennart und Elisa als Gemeinschaftsarbeit. Allerdings integrieren sie auch immer wieder externe Kuratoren. „Weil wir so sehr auf einander abgestimmt sind, kann ein neuer Input sehr förderlich sein”, meint Lennart, obwohl die beiden eigentlich ganz individuelle Herangehensweisen haben.

    Während Lennart sich stark der Architektur verbunden fühlt, betrachtet Elisa die Dinge nach ihrem Studium der Kunstgeschichte mehr aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Trotz allem haben sie aufgrund der Nähe zueinander aber ähnliche Vorstellungen und eine ähnliche Ästhetik, die sie durch die Kollaborationen ergänzen wollen.

    In den kommenden Monaten steht für KM Temporaer ein Projekt in der Künstlermetropole New York City an.

    Antrieb: Sehnsucht.

    Ihre ständige Suche nach Erweiterung wird allein schon dadurch deutlich, dass die Blicke gegen Ende unseres Dach-Gesprächs immer mal wieder in die Ferne schweifen. Sie verraten dann, dass schon in den kommenden Monaten ein Projekt in der Künstlermetropole New York City ansteht. Auch diesen Schritt betrachten sie als einen befreienden Moment – um neue Erfahrungen zu sammeln und ihre Arbeit weiterzuentwickeln. “Hier in Berlin kennen wir die Kunstszene, kennen viele Menschen, finden aber auch, dass sich vieles nicht mehr so dynamisch verändert”, sagt Elisa und denkt kurz nach. “Was uns treibt ist wahrscheinlich die Sehnsucht nach einem neuen Umfeld und neuen Inspirationen.” Da wissen wir, es ist Zeit vom Dach zu steigen und aufzubrechen.

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