Das Unerwartete einfangen.

Der britische Designer Paul Cocksedge erklärt seine Motivation und wie man bei der Londoner Messe 100% Design seiner eigenen Vision treu bleibt.
Text: Gabriel Tamez
Fotos: Mark Cocksedge
  • Das Unerwartete einfangen.

  • Paul Cocksedge stürmt mit schnellem Schritt um die Ecke, schüttelt mir fest die Hand und konfrontiert mich umgehend mit der Frage, was ich vom Design des Auditoriums halte, während er sich ein diskretes Gähnen erlaubt. Gesegnet mit scharfem Geist, Blick und Zunge ergänzt der junge Designer, der zu Großbritanniens führenden – und meistgebuchten – Talenten zählt: „Es ist eigentlich alles nur Luft, oder? Vielleicht hätte ich mich eher mit der Akustik auseinandersetzen sollen.“ Seine Londoner Paul Cocksedge Studios, die er gemeinsam mit Joana Pinho betreibt, folgen einem simplen Motto: Tue, was sonst niemand tut.

    Ein Leitspruch, der ihm unter anderem den Auditoriumsauftrag der diesjährigen 100% Design-Messe im höhlenartigen Earls Court Exhibition Centre einbrachte. Seine Aufgabe und Herausforderung: Die begrenzenden Wände des zentralen Auditoriums aus scheinbarem Nichts heraufzubeschwören. Geschichtet, verwoben und durch den Raum gesponnen, verwickeln sich die fast unsichtbaren, fadendünnen Drähte zu einem flüchtigen Kokon, der den Auditoriumsbereich von der restlichen Messe abtrennt. Scheinwerfer an der Decke verwandeln das hauchzarte Gespinst in ein taubedecktes Spinnennetz. Innerhalb des temporären Gebildes definieren die Drähte den Raum – außerhalb bringen sie die Massen zum Staunen.

    Auch Mercedes-Benz ließ sich von Cocksedges Kreation begeistern – und bat den Designer um eine Inszenierung des ebenfalls auf der Messe ausgestellten Concept Style Coupés. Das überraschende Ergebnis: vier Elektrolumineszenz-Drähte, die ein räumliches Netzwerk grün-leuchtender, diagonaler Striche bilden und sich in den ausdrucksstarken Kurven der Hochglanzchassis spiegeln. Im Interview gibt der Designer interessante Einblicke in seine Inspirationsquellen, seinen Alltag und ideologischen Ansätze, die derartige Kreativhöhenflüge ermöglichen.

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