Anzüge aus feinstem Garn warten auf den richtigen Mann. © Gabriel Tamez.

Die Spencer Hart Silhouette.

In Sachen cooler Verführung ist Savile-Row-Schneider Nick Hart ein echter Connaisseur. Aber wer genau ist dieser Mann hinter dem Vorhang? Ein Gespräch.
  • Die Spencer Hart Silhouette.

  • Klare Silhouetten.

    Direkt gegenüber dem Edelhotel Claridge’s, im Londoner Stadtteil Mayfair, signalisiert eine Eckboutique mit sanft-weißem Schimmer und feinstem Zwirn dem modeaffinen Gentleman, dass sich der Weg durch den Regen lohnt. Jedes der exquisiten Schaufenstermodelle versprüht ein gewisses, schnittiges Etwas, das nur auf den richtigen Mann zu warten scheint.

    Direkt darüber: der Name Spencer Hart in elegant-mattschwarzen Lettern. In den 1950er Jahren hätten sich hier wahrscheinlich Jerry Lewis, Frank Sinatra, Count Basie oder Dean Martin eingekleidet; heutzutage eher Bond.

    Boutique der High-Society. © Gabriel Tamez.
    Nick Hart - zeitlos stilvoll.

    Unterschwellige Eleganz.

    Der Mann, der diesem Shop Stil und Namen leiht, ist Nick Hart – Gründer und Kreativdirektor des Londoner Schneiderimperiums Spencer Hart. Seit 2002 gilt er an der berühmten Savile Row als Verfechter einer unterschwelligen Eleganz, der Nachkriegs-Jazzer und Show-Biz-Größen ihren lässigen Look verdanken. Ein smarter Stil, der auch Gegenwarts-Gentlemen bestens steht, wie Harts Kundenstamm beweist: Film- und Musikstars wie Sherlock -Darsteller Benedict Cumberbatch und James Bond bzw. Daniel Craig, aber auch Jay Z, Kanye West oder David Bowie schätzen die messerscharfen Schnitte des Edelschneiders. Doch Hart meistert auch andere Disziplinen, wie seine jüngste Kollaboration mit Mercedes-Benz beweist, für die er den CLS 63 AMG Shooting Brake stylte.

    'Der Tresor.'

    Auch sein Stammhaus in der Brook Street beweist ein sensibles Händchen, gepaart mit exzellent gesetzten Details: Während im Erdgeschoss Palm-Springs-Chic und Hollywood-Glamour regieren, findet das wahre Gentleman-Leben im Keller des ehemaligen Bankgebäudes statt. Dunkler und weicher als der schwärzeste Nachthimmel versprüht „Der Tresor“ Eleganz alter Schule. Im Licht sorgfältig gesetzter Spots wird hier maßgenommen – begleitet von Miles Davis und einem Martini. Wie wäre es mit einem klassischen Filzhut? Während ich noch einen nachtblauen Smoking bewundere, muss ich an Vesper Lynds Worte denken:

    Im

    „Es gibt Dinner Jackets und Dinner Jackets. Das da ist letzteres. Sie sollten aussehen wie ein Mann der an diesen Tisch gehört.“

    Nick Harts Anzüge verwandeln Männer in Freigeister. © Gabriel Tamez.

    Die Liebe zu Jazz und Bebob.

    Mit seinen Maßanzügen überreicht uns Nick Hart eine Einladung an „diesen Tisch“. Seine Kunst offenbart sich in aufwändigen Details und klaren Silhouetten, die jedoch keinesfalls streng oder puristisch daherkommen. So verwebt er subtiles Rebellentum mit leichter Romantik und einer Spur Glamour, um die Träger seiner Anzüge in mysteriöse Freigeister zu verwandeln. Nach meinem Besuch vor Ort bekomme ich Nick an einem Mittwochnachmittag am Telefon zu fassen. Und während seine Stimme so souverän und gradlinig wie die Nähte seiner Anzüge bleibt, lässt sie gleichzeitig das brillante Charisma eines Mannes durchschimmern, der seinen eigenen Weg gegangen ist. Zum Auftakt unseres Gesprächs dreht sich alles um seine Liebe zu Jazz und Bebob – später auch um Inspiration, Designansätze und wie es ist, Stars einzukleiden.

    Nick, inwieweit hat Musik eigentlich deine Schnitte beeinflusst?

    Bebop-Musiker wie John Coltrane oder Thelonious Monk bevorzugten simple, exakte und klare Silhouetten, die gleichzeitig relativ großzügig wirkten. Innerhalb dieser ästhetischen Koordinaten bewegt sich auch Spencer Hart. Weniger ist mehr, verbrämt mit dem einen oder anderen überraschenden Detail, damit es stets spannend bleibt.

     

    Was für Details wären das zum Beispiel?

    Thelonious Monk hat sich beispielsweise immer sehr schlicht und einfarbig gekleidet. Gleichzeitig hatte er ein ausgeprägtes Faible für interessante Ringe. Als Pianist hat er extremen Wert auf seine Finger gelegt. Diese Beziehung zwischen Musikern und ihrer Garderobe hat mich schon immer fasziniert. Sie haben damals traditioneller Kleidung einen subversiven Touch verliehen, z.B. über schmalere Krawattenknoten, einen leicht schrägen Hut oder ständiges Sonnenbrillentragen. Ihr Ziel waren subtile Normverschiebungen, die sich dem Betrachter entziehen – er weiß nie genau, was diesen Menschen eigentlich so cool und anders macht. Es geht um das Spiel mit der Wahrnehmung.

    Dresscode Spencer Hart: weniger ist mehr, aber auf die Details kommt es an.
    Anzüge inspiriert aus Musik und Architektur. © Gabriel Tamez.

    Du beziehst dich auf vergangene Zeiten – wie bleibst du dabei trotzdem aktuell?

    Vor ein paar Wochen habe ich mir auf dem Glastonbury-Festival die Arctic Monkeys angesehen. Alex, zum Beispiel, trägt eine 1950er-Jahre-Tolle. Auch David Bowie hat die aktuelle Mode extrem beeinflusst. Die Vergangenheit bleibt aktuell – auch die Stones haben sich damals bei Chuck Berry und Muddy Waters bedient, alles hängt zusammen.

     

    Gibt es weitere Dinge, die dich prägen? Auch außerhalb der Musik?

    Architektur. Ich liebe Vertreter der Moderne wie Hoffmann, A. Quincy Jones und Neutra. Ich schätze sowohl simple Schlichtheit als auch opulente Dekadenz. Grundsätzlich mag ich Dinge, denen man exzellentes Handwerk ansieht.

    Wäre das dann die Welt des Spencer-Hart-Mannes?

    Nick muss unwillkürlich grinsen. Während er noch nachdenkt, fällt mir auf, dass er hier eigentlich sich selbst beschreibt. Der Spencer Hart-Mann ist ein Individualist. Er weiß, dass der größte Luxus des Lebens in Freiheit und innerer Ruhe besteht. Viele der Leute, die ich in Musik oder Film verehre, haben ihre eigenen Universen erschaffen, obwohl sie aus ärmlichen Verhältnissen stammen. Sie sind unabhängig und folgen nicht einfach der Masse. Sie schätzen gute Kleidung und finden es spannend, mit Stil zu spielen – in dieser kuriosen Spencer Hart-Welt.

    Zeitlose Eleganz. © Gabriel Tamez.
    Mode für Individualisten.

    Und wie ist dieses Universum überhaupt entstanden?

    Ich habe schon mit 13 in der Bekleidungsbranche gearbeitet – in den Ferien oder an Feiertagen. Mit 16 habe ich dann die Schule verlassen. Mittlerweile bin ich 50 und habe alle Seiten der Branche kennengelernt. Wenn man bei den großen Namen hinter die Kulissen schaut, wird schnell klar, dass viele der Führungskräfte gar keinen traditionellen Design- oder Schneiderhintergrund besitzen. Mag sein, dass sie an Leseschwäche leiden oder mit überschäumender Kreativität gesegnet sind – ihnen blieb gar nichts anderes übrig, als ihre eigene Welt aufzubauen. Sie mussten alternative Wege gehen – genau wie ich.

    Und wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben?

    Bei der Arbeit trage ich natürlich meist Anzug. Oft ein Jackett mit sehr eigenwilligen Details, das bei uns als „Reise-Jackett“ läuft. Es geht auf ein Modell der 1950er Jahre zurück, das damals für einen exzentrischen Milliardär gefertigt wurde. Es besitzt einen Zigarreneinschub, eine etwas seltsame Zeitungstasche, Aufbewahrungsmöglichkeiten für Stifte – aber all diese Details sind so subtil, dass man sie erst beim genaueren Hinsehen erkennt.

     

    Bei meinem Besuch im Brook-Street-Geschäft ist mir ein wunderschönes graues Modell aufgefallen…

    Danke! Ich mag diese leicht exzentrischen, unnötigen Details und vermische sie dann mit extrem minimalistischen Schnitten, um diese Welten zusammenzubringen. Weißt du, was ich eigentlich mache? Ich stelle gern große Thesen auf – um mir dann absolut zu widersprechen!

     

    Vielen Dank für dieses Interview, Nick!

    Nick Hart und Mercedes-Benz - Stilikonen unter sich.