Ein ehemaliger Mercedes-Designer entwirft mit viel Erfolg den Fuhrpark für Science-Fiction-Filme

Futuristische Flundern.

Ein ehemaliger Mercedes-Designer entwirft mit viel Erfolg den Fuhrpark für Science-Fiction-Filme.
Text: Hannah Sartorius
Fotos: Courtesy of Harald Belker Design
  • Futuristische Flundern.

  • „Eine ganz neue Bewegungsform.“

    Harald Belker sieht nicht aus wie ein Zeitreisender. Er trägt Dreitagebart, Tennissocken und ein Trainingsoutfit von adidas, das ganz offensichtlich nicht aus der Zukunft stammt. Und doch verbringt Belker zurzeit einen Großteil seiner Arbeitstage im Jahr 2035. Wie es dort aussieht? Harald Belker lächelt wissend, holt tief Luft und sagt: „Man, it’s big there!“ Der deutsche Automobildesigner entwickelt gerade in Los Angeles das Filmprojekt Pulse, in dem stromlinienförmige Magnet-Gleiter durch glitzernde Hochhausschluchten rasen. Ein digitales Highspeed-Spektakel soll es werden, neben dem aktuelle Formel 1-Rennen aussehen wie eine Pferdekutschen-Parade. „Es ist eine ganz neue Bewegungsform“, erklärt Belker.

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    Er hat Autodesign am berühmten Art Center College of Design in Pasadena studiert, arbeitete einige Jahre bei der Advanced Design Unit von Mercedes-Benz in Orange County und blieb danach in Kalifornien. Auf dem Sideboard seines Büros in LA stehen kleine Modellautos. Die meisten seiner Entwürfe begegnen einem jedoch nicht auf der Straße oder in einem Parkhaus, sondern auf der Leinwand. Belker ist der gefragteste Vehicle Designer von Hollywood.

    Die Leinwand als Teststrecke.

    Wann immer ein Regisseur für einen Science-Fiction-Film ein Auto – oder besser gesagt – ein Transportgerät braucht, mit dem man sich im Jahr 2045 auf dem Highway sehen lassen könnte, ruft er Harald Belker an, den Designer aus Deutschland, der Heimat des Autos, der in Kalifornien das Träumen gelernt hat.

    Bereits in den 90er-Jahren hat Belker das Batmobil für die Comicverfilmung Batman und Robin entworfen. „Der Film war schrecklich“, gibt er heute zu, aber an das aggressive Gothic-Gefährt erinnern sich alle. Für Steven Spielbergs dystopische Zukunftsvision Minority Report baute Belker eine futuristische Flunder, die von Tom Cruise mittels Retina-Scan aufgeschlossen wurde. Und auch an den berühmten Licht-Motorrädern aus Tron: Legacy (2010), die durch digitale Arenen sausen und einen Pixel-Schweif hinter sich herziehen, hat er mitgearbeitet.

    Im Grunde, meint Belker, unterscheide sich die Arbeit in der Filmbranche gar nicht so sehr von seiner alten Arbeit bei Mercedes-Benz. Er bekommt seine Vorgaben allerdings nicht von Ingenieuren, sondern von den Drehbuchautoren. „Aber Designer beschäftigen sich immer mit den Dingen, die es noch gar nicht gibt“, sagt er, „ich habe nur viel mehr Freiheiten als die Kollegen.“ Dabei reicht es nicht, den futuristischen Fahrzeugen möglichst geschwungene Linien und viele blinkende Lichter zu verpassen. „Die Autos sollen nicht aussehen wie eine körperlose Halluzination, sondern wie ein Gefährt, in das man wirklich einsteigen will“, sagt Belker. Deshalb beschäftigt er sich intensiv mit neuen Technologien, Antriebsmethoden, Schnittstellen und künstlicher Intelligenz. Er versucht Trends zu isolieren, die er dann in die Zukunft fortschreibt.

    Die Verkehrsregeln der Zukunft.

    Für die Highspeed-Gleiter des Pulse-Projekts beschäftigte er sich deshalb ausführlich mit der Magnetschwebe-Technologie und der menschlichen Biologie: „Welche Geschwindigkeiten und Fliehkräfte kann unser Körper überhaupt aushalten?“ Erst indem der Vehicle Designer die technischen Parameter im Rahmen der Naturgesetze und, ja, die Verkehrsregeln der Zukunft festlegt, erhält das fiktive Fahrzeug die notwendige Substanz und Glaubwürdigkeit. Besucht man Belker in seinem Büro im Stadtteil Marina del Rey, ahnt man sofort, was dem Autodesigner an Kalifornien so gut gefällt. Sein minimalistischer Bungalow liegt in direkter Nachbarschaft von Blockhütten oder Renaissance-Schlösschen – das Motto hier lautet: anything goes.

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    Der Straßenalltag in Hollywood und Beverly Hills gleicht einer 24-Stunden-Auto-Show. Stolz führen die Macher der Unterhaltungsbranche ihre Limousinen, Sportwagen und Oldtimer aus, und weil meistens Stau herrscht, rollen die Traumautos im Schritttempo durch die Straßen – dann kann sie jeder bestaunen. „Los Angeles ist die Autostadt schlechthin“, sagt Belker. Für ihn eine nützliche Inspiration.

    Monate statt Jahre für ein Konzept.

    Ein Film-Fahrzeug entsteht auf ganz ähnliche Art und Weise wie ein Serienmodell. Belker zeichnet ein paar Striche aufs Papier und fertigt dann mit Design-Software, die auch in der Autoindustrie verwendet wird, einen ersten Entwurf. „Nur in Hollywood muss alles schnell gehen“, sagt Belker, „während die realen Autos über viele Jahre entwickelt werden, haben wir oft nur zwei bis drei Monate.“ Sobald der Regisseur eines Films den Entwurf abgenommen hat, erstellt Belker im Computer ein 3D-Modell des Filmautos. Mithilfe dieser Daten werden ein 1:1-Kunststoff-Modell und Fiberglas-Formen produziert. Parallel baut eine Spezialfirma Chassis, Motor und Elektronik. Belker sagt: „Das Skript gibt die technischen Parameter vor.“

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    Weil die Entwicklung sehr viel Geld kostet, werden in Hollywood immer weniger Prototypen gebaut. Oft wird ein Computer-Modell nach dem Dreh digital eingefügt. „Eigentlich schade“, meint Belker, dessen Kreationen allzu oft nur für schöne Hintergrundbilder genutzt werden. „Ich würde mir wünschen, dass es mehr Filme gibt, in denen das Auto auch als tragende Figur wirkt.“

    Die Zukunft des Automobils.

    Das Personenkraftfahrzeug und die individuelle Freiheit, untrennbar miteinander verbunden, sind schließlich zentrale Bestandteile des Selbstverständnisses des modernen Menschen. Wenn Belker also das Auto für das Jahr 2080 gestaltet, dann malt er immer auch ein Bild der Gesellschaft dieser Zeit. Für den Science-Fiction-Film In Time, in dem unter anderem Justin Timberlake mitspielt, baute Belker zum Beispiel futuristische Muscle Cars, weil in dieser Welt jeder gegen jeden kämpft. Ganz anders sieht das Auto in Minority Report aus: Hier gibt es ein Verkehrsnetz, das diesen Namen auch verdient; einzelne Fahrzeuge klinken sich in den Verkehrsstrom ein und kommen computergesteuert ans Ziel, intelligent und ressourcenschonend.

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    „Science-Fiction hat einen großen Einfluss auf unsere Kultur“, sagt Belker. „In ihr träumen wir von neuer Technik. Touchscreen und Spracherkennung haben die Menschen zum ersten Mal bei Star Trek gesehen. Heute sind sie Alltag.“ Auch wenn er nicht mehr für einen Autokonzern arbeite, bastele er an der Zukunft des Automobils mit, so sieht es Belker. Jedes Jahr schickt er neue Prototypen in die Welt. Und zwar auf eine ganz besondere Teststrecke: die Kinoleinwand.

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