Für jede ihrer Kopfbedeckungen benötigt Maiko eine volle Woche.

Kopflastig: Maiko Takedas Hutdesign.

Die Künstlerin über das subtile Drama ihrer Kopf-Kreationen.
Text: Zofia Ciechowska
Fotos: Dan Wilton
  • Kopflastig: Maiko Takedas Hutdesign.

  • Maiko Takeda passt eine der Kopfbedeckungen an, die Björk dieses Jahr auf ihrer Tour trug.

    Eine gewagte Gratwanderung.

    Gar nicht so einfach, eine passende Schublade für das Metier der hypertalentierten Künstlerin Maiko Takeda zu finden: Die sprichwörtlich gut behütete Dame brilliert mit einer gewagten Gratwanderung zwischen Kunst, Hutmacherei, Design, Schmuckgestaltung und Mode. Frisch von der Uni freut sie sich, dass ihre scheinbar schwerelosen Formen und Farbenspiele im Rahmen von Björks aktueller Tournee bereits weltweit die Mengen verzaubern. Dabei setzt die in Tokio aufgewachsene Absolventin der prestigeträchtigen Londoner Hochschulen Central Saint Martins und Royal College of Art auf absolute Präzision bei der Konzeption und Konstruktion ihrer surrealen Kreationen, die erst kürzlich im Rahmen der London Fashion Week für Aufsehen sorgten und im Herbst im Wiener MuseumsQuartier gezeigt werden.

    Tanzen mit Björk.

    Nach einer holprigen Taxifahrt suchen wir in einer ehemaligen Holzmühle im Herzen des Londoner Stadtteils Islington Schutz vor dem Regen. Vor uns breitet sich westlich das wunderschöne Panorama bunter Kanalboote aus, östlich davon warten die Silhouetten der Londoner City mit ihren futuristischen Wolkenkratzern.

    Bei einer Tasse Tee erzählt uns Maiko, wie sie gemeinsam mit Björk in einem Pub vor den Toren Dublins ausgelassen zu Folkmusik getanzt hat. Völlig inkognito – ein magischer Moment.

    Warum gibt es eigentlich Kopfbedeckungen?

    Traditionell sind Hüte ein Statussymbol – sie verkörpern Macht, indem sie ihren Träger größer und wichtiger erscheinen lassen. Der Kopf ist ein machtvoller Körperteil, wenn es um Bekleidung geht. Gerade in Sachen Mode kann er jemanden in einen völlig anderen Menschen verwandeln. Wenn man sein Gesicht oder seine Augen bedeckt – oder eben eine Kopfbedeckung trägt – kann man sehr leicht in eine neue Persönlichkeit schlüpfen.

    Maiko Takedas filigrane Kreationen aus gelasertem Azetat werden durch winzige, kaum sichtbare Silberringe zusammengehalten.
    Ihre Werke wurden bisher u.a. mit

    Surreale Alltagsmomente erleben.

    Wie sollte man sich beim Tragen einer deiner Kreationen fühlen?

    Ich wollte surreale, subtile Dramen rund um den Träger und die Personen in seiner oder ihrer Nähe entspinnen. Ich denke, dass die Menschen, die meine Kreationen tragen, surreale Alltagsmomente erleben oder teilen möchten – ob auf einer Party oder ganz privat und zuhause. Mit meinen Kopfbedeckungen möchte ich Menschen genau solche magischen Erlebnisse ermöglichen. Außerdem finde ich es immer wieder spannend, wie andere meine Werke interpretieren.

    Eine Oper als Inspiration.

    Als Inspirationsquelle gibst du auch die Philip-Glass-Oper „Einstein on the Beach“ an. Was reizt und fasziniert dich an diesem Werk so besonders?

    Ich kann die Wirkung nur schwer in Worte fassen, aber als ich die Oper im Barbican Centre sah, hat sie mich sehr berührt – ebenso bei meinem zweiten Besuch in Amsterdam. Es ist ein sehr repetitives und unbarmherzig physisches Werk. Die Darsteller bewegen sich wie Maschinen, doch man kann direkt sehen, wie sie dabei schwitzen und außer Atem geraten.

    Die Oper
    Maiko Takeda während der Arbeit an einem ihrer Stücke.

    Kreationen auf der Bühne.

    Und wie war es für dich, Björk auf der Bühne zu sehen? Mit einer deiner Kreationen auf dem Kopf? Und für wen würdest du sonst gern noch Kopfbedeckungen entwerfen?

    Es war unglaublich! Die erste Variante bedeckt ihr gesamtes Gesicht, und ich war mir nicht sicher, ob sie darin auch gut und bequem singen könnte. Am Abend vorher dachte ich noch, dass sie das Konstrukt wahrscheinlich nicht trägt.

    Doch am nächsten Morgen fand ich überall im Internet Bilder von Björk mit meiner Kreation. Das war ein wirklich schöner, erfüllender Moment für mich. Meine Kollektion hat mich oft genug um den Schlaf gebracht oder zu Tränen getrieben, da hätte es gar keine bessere Bestätigung geben können. Außer Björk würde ich sehr gerne mal etwas für die Schauspielerin Tilda Swinton designen.

    Die außergewöhnliche Künstlerin Maiko Takeda trägt eine von ihren Kopfbedeckungen.

    Von Japan nach London.

    Hat sich dein künstlerischer Ansatz durch den Umzug von Japan nach London verändert?

    Der Ortswechsel hat mich in mehrerlei Hinsicht geprägt: In Japan gibt es grundsätzlich nur sehr wenige Ausländer. Auf meiner Schule sahen wir uns alle recht ähnlich – Haare, Augen, Hautfarbe – und teilten darüber hinaus eine ähnliche Ästhetik und Weltanschauung. In London habe ich mich dann plötzlich viel wohler und mehr wie ich selbst gefühlt. Irgendwie kann ich hier sogar japanischer sein. In Sachen Kunst versuche ich allerdings nie, besonders japanisch zu sein. Ich persönlich bin kein großer Fan von der künstlerischen Aufarbeitung des eigenen kulturellen Hintergrunds. Das ist mir zu einfach und offensichtlich. Andererseits trägt meine Arbeit sicherlich eine japanische Handschrift, aber das ist weder absichtlich noch bewusst.

    Unterschiede des Hutmacherhandwerks.

    Und was unterscheidet das Hutmacherhandwerk dieser beiden Nationen?

    Die Hutmacherei – und überhaupt das Tragen von Hüten – hat in Großbritannien Tradition. In Japan tragen die Leute im Alltag interessanterweise eher weiche Mützen. In unserer Frühgeschichte hatte der japanische Kaiser oft ein flaches Objekt aus Naturfasern auf dem Kopf, ganz anders als die gold- und juwelenbesetzten Kronen der englischen Monarchen.

    Ihr kreatives Werkzeug.
    Eine überirdische Kopf-Kreation.

    Maiko Takedo über ihre Zukunft.

    Und was erhoffst du dir jetzt von deiner Zukunft?

    Da ich eine sehr selbstkritische Ader habe, würde ich sehr gerne Sachen entwerfen, mit denen ich wirklich glücklich bin.

    Und natürlich weiterhin auch Objekte, die ihren Trägern diese subtilen Dramen und Erlebnisse bescheren.

    Verwandte Themen.