Olfaktorische Künstler archivieren und kreieren Düfte, um unseren Geruchssinn herauszufordern und dessen Geheimnisse zu erforschen.

Koryphäen des Dufts.

Olfaktorische Künstler archivieren und kreieren Düfte, um unseren Geruchssinn herauszufordern und dessen Geheimnisse zu erforschen.
Text: Benjamin Cantu
Fotos: Alexander Gheorghiu
  • Koryphäen des Dufts.

  • Der Reiz der unsichtbaren Wirkung.

    Gerüche sind etwas Vergängliches. Ihr Reiz liegt in ihrer unsichtbaren Wirkung, die wie kein anderes Medium tiefste Emotionen und Erinnerungen heraufbeschwören kann. Versucht man Antworten auf die komplexen Fähigkeiten unseres olfaktorischen Organs, also Geruchssinns, zu finden, muss man in die molekulare Struktur der Dinge eintauchen. Moderne Technik ermöglicht es, die duftgebenden Moleküle zu analysieren und sogar Moleküle mit bestimmten Geruchseigenschaften synthetisch zu reproduzieren. Doch nicht nur die Industrie, sondern auch innovative Künstler experimentieren mit diesen neuen Möglichkeiten, häufig mit gewagten Ergebnissen.

    Angstschweiß, Kautabak und alte Waschsalons.

    Ein intensiver, nicht assoziierbarer Geruch umhüllt den Besucher, wenn er Sissel Tolaas in ihrer großen Altbauwohnung in Berlin-Wilmersdorf besucht. Es ist der Geruch von über 7000 Proben, welche die isländisch-norwegische Geruchsforscherin und Künstlern in 20 Jahren hier archiviert hat. Es riecht nach Angstschweiß, Kautabak, Leder und alten Waschsalons, um nur einige Gerüche zu nennen, mit denen die studierte Linguistin, Mathematikerin, Chemikerin und Künstlerin experimentiert. Und dennoch riecht es nicht beunruhigend, sondern seltsam angenehm.

    Durch Gastprofessuren, unter anderem für unsichtbare Kommunikation und Rhetorik in Harvard und Stanford, Kunstinstallationen sowie in ihrer pädagogischen Arbeit mit Kindern versucht Tolaas, unserem Analphabetismus im Umgang mit Gerüchen zu kontern: „Ein Geruch beinhaltet Informationen über Situationen und Personen.

    Gerüche sind Vorurteile.

    Wenn wir also automatisch alles, auch uns, in Parfüms hüllen, wie sollen wir dann wissen, wer wir sind. Wie können die anderen wissen, wer wir sind? Wir haben eine Geruchsidentität, die so einzigartig ist wie unser Fingerabdruck.“

    So einzigartig wie unser natürlicher Geruch, so besonders ist auch die Position, die Tolaas mit ihrer Arbeit einnimmt. Geschickt verzahnt sie Kunst mit Kommerz, Wissenschaft mit Alltag. Dabei versucht sie immer ein Maximum an Neutralität gegenüber den Gerüchen zu bewahren: „Gerüche sind Vorurteile. Darum ist es so schwierig, unsere Haltung gegenüber Gerüchen zu ändern. Das ist alles eine Frage der Erziehung und der Kultur.“

    Gerüche identifizieren und reproduzieren.

    Vor kurzem ist Tolaas von einer Reise aus Kansas City zurückgekehrt, wo sie ein Smellscape – ein Geruchsprofil – der Stadt erstellt hat. Dafür hat sie mit Hilfe eines so genannten Headspace-Gerätes Proben aus unterschiedlichen Gegenden entnommen.

    Das Gerät ermöglicht es, die Moleküle einer bestimmte Geruchsquelle einzusaugen und deren molekulare Struktur zu analysieren. Mit dieser Methode kann Tolaas Gerüche identifizieren, reproduzieren und damit anderen die Möglichkeit geben, sich mit ihrer Umgebung neu auseinanderzusetzen.

    Für jeden Duft ein eigener Raum.

    „Die Nase erkennt Dinge, bevor das Auge sie wahrnimmt, weil Gerüche direkt zu den Synapsen gelangen und damit ins Unterbewusstsein eindringen. Die Frage ist also, kann ich im Umgang mit meiner Nase so souverän werden wie mit meinen Augen und Ohren?“

    Um das herauszufinden, experimentiert Tolaas auch manchmal mit sich selbst. Dann hüllt sie sich für eine Vernissage in eine ihrer Kreationen wie Guy # 7, dessen extremer Schweißgeruch im krassen Kontrast zu ihrem eleganten Auftritt steht.

    Für Tolaas ist es interessant zu beobachten, wie Menschen auf die Informationen von Gerüchen reagieren. Insbesondere, wenn man eher den Geruch eines weiblichen Parfüms und nicht männliche Pheromone erwartet. „Ich habe nichts gegen Parfüms. Aber es ist schade, dass all das Wissen darum so wenig genutzt wird. Fantastische Parfüms werden respektlos behandelt. Wenn man in ein Kaufhaus geht und die Flaschen in einer Reihe stehen sieht – wie soll man sich da entscheiden? Idealer Weise gäbe es für jeden Duft einen eigenen Raum.“

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