Moderne Raritäten.

Die Südafrikanerin Katie Thompson verarbeitet gebrauchte Alltagsgegenstände zu edlen Interieur-Objekten. Aus den Einzelteilen eines Mercedes-Benz SL kreierte sie jetzt sogar ein ganzes Arbeitszimmer.
Text: Benjamin Cantu
  • Moderne Raritäten.

  • Edle Interieur-Objekte.

    Ausrangierte Koffer, kaputte Messwaagen, abgeblättertes Emaille Geschirr – alles Fragmente des Alltags, die für sich genommen keinen Wert mehr besitzen und selbst auf einem Flohmarktstand untergehen würden. Katie Thompson aus Kapstadt ist gerade von diesen Objekten des täglichen Gebrauchs, die unvollständig oder zerbrochen durch die Welt driften, fasziniert. Mit ihrem abstrahierenden Blick entdeckt die junge Designerin in ihnen immer wieder Ideen zum Neugestalten: Der einfache Eimerdeckel wird zur zeitlosen Wanduhr, ein aufgeklappter Koffer avanciert zum einladenden Polstermöbel und ein Staubsauger aus den 50er Jahren mutiert zur eleganten Stehlampe.

    Zu finden sind diese modernen Raritäten in Thompsons 100 Quadratmeter großem Studioshop Recreate im Süden Kapstadts. Hier, im ehemaligen Industriegebiet Woodstock, befindet sich das kreative Epizentrum der Stadt, dessen alte Lagerhallen und Brauereigebäude innovative Künstler- und Designerateliers beherbergen.

    Nostalgie trifft Innovation.

    Aufbruchstimmung liegt in der Luft – nicht erst, seitdem die Metropole am Tafelberg zur World Design Capital 2014 ernannt wurde. Inmitten dieser Umgebung treffen in Thompsons liebevoll eingerichtetem Showroom Nostalgie auf Innovation, Schrott auf Design, Kreativität auf Upcycling – ein Begriff, den die Designerin erst mit der Gründung ihres Unternehmens kennengelernt hat und dennoch instinktiv in die Tat umsetzt. Upcycling umschreibt den Prozess, bei dem aus weggeworfenen Materialien neue, hochwertigere Produkte gewonnen werden.

    Wie alles begann.

    Nach ihrem Innenarchitektur-Studium und der Zusammenarbeit mit namhaften Designern wie Jo Carlin aus Kapstadt wagte Thompson vor drei Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit. Begonnen hat alles mit vier losen Holzstücken, die ursprünglich zu einem Stuhl gehörten und von der damals 27-Jährigen zu einem filigranen Sitzmöbel mit Plexiglaselementen verarbeitet wurden.

    Das Stück verhalf ihr prompt zur Einladung auf die richtungsweisende Decorex-Ausstellung in Johannesburg und legte den Grundstein ihrer gewagten Geschäftsidee. Anfangs fuhr Thompson mit ihrem alten Pickup quer durchs Land, um Recyclinganlagen und Garagenausverkäufe zu durchstöbern.

    Möbel aus Einzelteilen eines Mercedes SL.

    Heute kommen Kunden oft zu ihr, um sich Objekte mit sentimentalem Wert neu auflegen zu lassen. Und auch wenn Thompson ihre Stücke zum Teil sehr ans Herz wachsen, bleibt doch ihr erstes Ziel, alles wieder in den Umlauf der Alltagsgegenstände zurückzubringen.

    Zu den bislang größten Herausforderungen, denen sich die innovative Jungunternehmerin mit ihrer funktionalen Kunst gestellt hat, zählt sie die Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz. Aus der Fülle von Einzelteilen eines Mercedes SL suchte sie sieben Elemente heraus, um daraus das Mobiliar eines Bürozimmers zu re-kreieren.

    Dank ihrer Fähigkeit, sich Designs bis ins letzte Detail vor dem geschlossenen Auge vorstellen zu können – ohne einen einzigen Strich setzen zu müssen –, gelang es Thompson diese ungewöhnliche Aufgabe mit Bravour zu meistern.

    In Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern verarbeitete sie das Armaturenbrett in einen originellen Schreibtisch samt praktischen Neufunktionen: Der ehemalige Tachometer wurde zum Magnetpad; wo sich einst der Lüftungsregler befand, ist nun ein Visitenkartenfach eingebaut und das Zündschloss fungiert als USB-Ladestation. Aus dem Fahrersitz wurde ein komfortabler Bürostuhl und die ovalen Tacho- und Umdrehungsanzeigefenster ließ Thompson zu einer geschwungenen Weltuhr umbauen. Um das Fahrerlebnis bei der Arbeit zu perfektionieren, wurde der Rückspiegel zur Schreibtischlampe umfunktioniert und aus den Gas- und Bremspedalen ein spitzfindiger Stifthalter.

    2014, wenn ihre Heimatstadt World Design Capital ist, will Thompson mit ihren Stücken präsent sein. Zuvor lassen sich ihre Werke schon auf der nächsten Creative Week Cape Town vom 15. bis zum 23. September bewundern.

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