Back
Back
  • Ausblick in die Zukunft: Wie entwickelt sich unsere Mobilität? CASE liefert Antworten.
    1

    Besuch in der Zukunftswerkstatt.

    Ein handverlesenes Team, große Ziele: Die Einheit CASE führt Mercedes-Benz in die Mobilität von morgen. Ihr Chef Wilko Stark öffnete für uns sonst streng verschlossene Türen.

    Text: Rüdiger Barth | Fotos: Ramon Haindl

Um die Batterie herum konstruiert.

Der Weihnachtsbaum steht so, dass jeder daran vorbei muss. Gleich gegenüber der Kaffeemaschine, in Sichtachse der „Arena“. Seine Nadeln sind aus Kunststoff. Als die Projektfläche des CASE Teams eröffnet wurde, hatte sein Chef Wilko Stark gesagt: „Weihnachten will ich unser erstes EVA 2 Auto fertig sehen.“ Er meinte nicht das kommende Weihnachten. Ein bisschen länger darf es schon noch dauern.

EVA 2 werden intern bei Mercedes-Benz jene Elektroautos genannt, die erstmals um die Batterie herum konstruiert werden und die Vorteile der Elektromobilität konsequent nutzen. EVA 2 ist für die Entwickler ein Ziel, eine Verpflichtung. Und ein Zauberwort, das Energie freisetzt.

Kurze Zeit nach Starks Ansage schleppte einer der Mitarbeiter diesen Baum an.


Mitten in der „Projektfläche EVA 2“ prangt dieser Weihnachtsbaum aus Plastik. Täglich erinnert er die CASE Mitarbeiter an ihr großes Ziel, das in der näheren Zukunft erreicht werden soll.

Mitten in der „Projektfläche EVA 2“ prangt dieser Weihnachtsbaum aus Plastik. Täglich erinnert er die CASE Mitarbeiter an ihr großes Ziel, das in der näheren Zukunft erreicht werden soll.


CASE Leiter Stark bespricht mit seinem Team eine „Sitzkiste“, einen Zukunftsentwurf.

CASE Leiter Stark bespricht mit seinem Team eine „Sitzkiste“, einen Zukunftsentwurf.


„Zeitenwende“ für den Automobilbau.

Wilko Stark leitet den Strategiebereich der Daimler AG und gleichzeitig die Einheit CASE, eine Abkürzung für die vier prägenden Mobilitätstrends. Von einer „Zeitenwende“ für den Automobilbau spricht Konzernchef Dieter Zetsche. Die Elektromobilität drängt heran. Digitale Dienstleistungen wachsen rasant, ebenso die Vernetzung. Und am Horizont nähert sich das autonome Fahren, für Stark der „gesellschaftlich größte Umbruch“. Von Elektrofahrzeugen, Wallboxen, Ladeinfrastruktur, Lade-Services bis hin zum Home-Energiespeicher: Ein ganzes neues Ökosystem muss zugleich reifen, ineinandergreifen, und in ein paar Jahren soll für die Menschen das erlebbar sein, was Stark „ein intuitives Mobilitätserlebnis“ nennt.

Der Mercedes-Benz von morgen, so lautet die Vision, steckt voller Assistenzsysteme, Live-Daten füttern die Dash-Boards, das Auto wird zum Wohnzimmer. „Der Kunde der Zukunft muss sich um gar nichts kümmern“, sagt der CASE Chef, „er drückt auf sein Smartphone und hat die Mobilitätslösung, die er braucht.“ Die Mobilität der Zukunft ist flexibel wie nie zuvor. Eine Vision, die bald Realität wird.


In gesicherten Räumen.

Die rund 500 Mitarbeiter von CASE sind über mehrere Standorte verteilt, in Sindelfingen ist die „Projektfläche EVA 2“ untergebracht. Darin Denkinseln, die nach Erfindern benannt sind wie Thomas Alva Edison. Die „Arena“, wo manchmal 80, 90 Kollegen zusammenkommen, um zu diskutieren, wie die Batterie von morgen beschaffen sein muss. „Unser Zielbild steht, wir wissen genau, wohin wir wollen“, sagt Stark, „die Herausforderungen bei der Umsetzung aber sind immens.“

Eine Tür schwingt auf, die niemals offen stehen darf – sonst ertönt eine Sirene. Eine „Sitzkiste“, wie sie das nennen, wartet in dem abgeschotteten Raum, ein hölzernes Modell. Ein EVA 2 Entwurf für eine mögliche Zukunft, mit dem Akku im Unterboden. Daher ist die Sitzposition höher als heute üblich. Was bedeutet das für die Kopffreiheit, was für die Sicht? Ein Dutzend Kollegen diskutieren, setzen sich zur Probe, streichen über Linien.


Ein paar Schritte weiter, im 9. Stock der „Sichel“, reicht der Blick über Fabrikhallen, in der Ferne dreht sich ein Mercedes-Stern. Hier oben werden die Entscheidungen für die 2020er-Jahre durchdacht. Manche Weiche ist jetzt zu stellen, schon heute.

Wilko Stark, 45 Jahre alt, arbeitet seit 2012 bei Daimler. Mit seinem Führungsteam pflegt er offene Kommunikation. Er nennt Namen wie Jochen Hermann, Oliver Wiech, Susanne Hahn, Stefan Abraham, Jörg ­Heinermann, Christoph Starzynski und er könnte viele weitere nennen, Profis aus Entwicklung, Vertrieb, Produktion, aus allen Gewerken der Fahrzeugentwicklung, bestens vernetzt in die gesamte Daimler Organisation, und dazu Kollegen, die „out of the box“ denken, wie der CASE Leiter sagt, in neuen Bahnen.


Arbeitsalltag bei CASE, Ideen werden oft auf bunten Post-its notiert.

Arbeitsalltag bei CASE, Ideen werden oft auf bunten Post-its notiert.


„Das ist etwas komplett Neues.“

Widerspruch? Ist erwünscht, unabhängig vom Rang. Stark lässt reden, hört zu, greift selten ein. „Ich habe nur eine Bitte, aber die ist wichtig.“ So klingt es, wenn er eine Anweisung gibt.

Sie duzen sich. Sie reden schnell, aber lassen sich ausreden. Ab und zu eine Brezel, eine Banane, einen Berliner, dazu einen Kaffee. Intensive Tage sind das, die sich aneinanderreihen, ein langes, reichlich verflochtenes Band aus To-dos, das weit in die Zukunft reicht. „Ein Traumjob“, sagt Wilko Stark, „weil ich von Menschen umgeben bin, die intrinsisch motiviert sind, die sich für das begeistern, was wir hier tun, die freiheraus ihre Meinung sagen.“ Wenn 2019 das erste Fahrzeug der eigenen Elektro­marke in den Handel kommt, bedeute das eine Zäsur, sagt er. „Das ist etwas komplett Neues, dafür bedarf es eines anderen Mindsets.“ Mercedes-Benz wird bis 2022 sein gesamtes Portfolio elektrifizieren, in jedem Segment eine Elektroalternative anbieten. Ein Kraftakt historischen Ausmaßes.


Ein leichtfüßiger Riese.

Handverlesen ist Starks Mannschaft. Als CASE im Oktober 2016 startete, kamen aus den Fachbereichen die besten Leute. Es geht um gewaltige Investitionen in Zukunftstechnologien, zehn Milliarden Euro. Stark berichtet direkt an Vorstandschef ­Zetsche. Kurze Wege, hohe Flexibilität, das ist die Idee. Ein leichtfüßiger Riese.

Stark muss Pionier sein und mit seinem Team Pfade gehen, wo es bislang keine gab; er muss Diplomat sein, der zwischen den Fachbereichen vermittelt; er ist natürlich auch Rivale, der Leute, Budgets, Aufmerksamkeit abzieht; und er ist Lotse, weil diese Themen für die anderen ebenso fremd sind. Intuitive Mobilität, das klingt so selbstverständlich. Der Weg dahin steckt voll Detailarbeit. Der Gesetzgeber entdeckt gerade Themen wie Datenmanagement oder autonomes Fahren, viele Fragen werden erstmals formuliert. Die kulturellen Unterschiede in den Märkten der Welt sind zudem groß.


„Entscheiden unter Unsicherheit“, nennt Stark den Job. Öfter aber benutzt er ein Wort, das man an diesem Ort nicht erwarten würde: Bauchgefühl. Alle Themen bis in die Verästelungen verstehen? Unmöglich angesichts ihrer Komplexität. „Aber mit dem richtigen Bauchgefühl kann ich die richtigen Fragen stellen, am Ende das richtige Management ableiten“, sagt er. Liegen wir im Plan? Wenn nicht, wo hakt es? Stark ist keiner, der Ziele so schnell aufgibt. Pioniere brauchen auch Sturheit.

Zu spüren ist das stete Ringen um Überblick, um Reduktion von Komplexität. Einmal, da ein Thema mal wieder vielgliedrig wird – aus technischer, ökonomischer, juristischer Sicht –, sagt CASE Produktionschef Abraham: „Wir verlieren uns im Detail. Aus 10.000 Meter Höhe betrachtet, gehen wir links- oder rechtsherum?“


Detail: Das Olgaeck in Stuttgart im Jahr 2036 – die Zukunftsvision der Daimler Konzernforschung zeigt autonom fahrende Autos, eine Seilbahn. Und entspannte Menschen. Gesamtkonzept: Daimler AG, Future Trends & Insights (RD/RIF) | Realisierung: XOIO GmbH

Detail: Das Olgaeck in Stuttgart im Jahr 2036 – die Zukunftsvision der Daimler Konzernforschung zeigt autonom fahrende Autos, eine Seilbahn. Und entspannte Menschen. Gesamtkonzept: Daimler AG, Future Trends & Insights (RD/RIF) | Realisierung: XOIO GmbH


„Wie habt ihr das gemacht?“

Mitunter ist es einfach wichtig, loszumarschieren. Professoren der Stanford University aus Kalifornien waren kürzlich hier, schrieben über das „Revolutionspuzzle“, das Stark lösen müsse (siehe Link), erzählten von der „deutschen Versessenheit auf Exzellenz, Präzision und Erfolg“. Ist das eine Bürde, da doch Tempo zählt? „Nein“, sagt Stark. „Ich sehe das ganz klar als Wettbewerbsvorteil.“

Dann: CASE Jour fixe. Thema auf Thema. Mal 10, mal 15 Minuten. Ein Kollege stellt die App einer Konzerntochter vor. Schick, simpel. Sehr, ja: intuitiv zu bedienen. „Wie habt ihr das gemacht?“ CASE will lernen, möglichst schnell, egal von wem. Bei der Entwicklung autonomer Fahrzeuge arbeitet Daimler eng mit Bosch zusammen. „So denken wir heute“, sagt Stark. „Ohne Schranken. Mal wild und weit, dann wieder konzentriert auf die Umsetzbarkeit. Das ist ein Spagat, jeden Tag.“ Auf der Agenda steht das Konzept eines autonomen Autos. Ein neues, leistungsstarkes Sensorset wird diskutiert. „Wie gehen wir mit dem Design um?“, fragt einer, ein anderer: „Was kostet das?“ Fahrzeugentwicklung der klassischen Art. „Lasst uns schnell ein Gefühl dafür entwickeln, was geht“, sagt Stark, „ich will das maximale Package“. Doch dann: „Lasst es uns so intuitiv wie möglich ma­chen. Der Kunde will nicht grübeln, was er tun soll. Er will es tun.“


Der Geist der digitalen Zeit.

Sie denken alles vom Kunden her. Das ist der Geist der digitalen Zeit. Was sind seine „Pain Points“, die Schmerzpunkte? Braucht ein solches Auto der Zukunft ein Notlenkrad, falls es stehenbleibt, um es auf den Abschleppwagen zu bugsieren? „Was hätte das für Folgen, konstruktiv?“ Die Frage steht im Raum. „Das ist eine konzeptrelevante Entscheidung“, sagt Stark, viele Jahre vor der Markteinführung. Sie finden eine Lösung.

Später, bei einer anderen Frage, fetzen sie sich. „Ihr braucht doch nicht so erbittert zu diskutieren“, ruft der Kollege aus dem Controlling dazwischen. Gelächter im Raum.

Stark sagt: „Das macht doch Spaß.“


Rückzugsraum in der wuseligen Projektfläche.

Rückzugsraum in der wuseligen Projektfläche.


Weitere Informationen.

Icon Lesezeichen.