Back
Back
  • Eine einzige Verheißung: das Mercedes-AMG Project One.
    1

    Die Geburt eines Mythos.

    Am Anfang stand ein Traum: original Formel-1-Technologie auf die Straße bringen. Der Traum wird bald Realität. Tobias Moers, Chef von Mercedes-AMG, stellt das Mercedes-AMG Project One Showcar vor.

    Text: Hendrik Lakeberg | Fotos: Benjamin Pichelmann

Ein Hypercar.

Zu den Ersten, die träumten, gehörten die Kunden. Auf seinen Reisen um die Welt erzählten sie Tobias Moers, dass sie sich etwas nie Dagewesenes von AMG wünschten. Ein Hypercar – krasser, stärker und schneller als alles, was die Performance- und Sportwagenmarke von Mercedes-Benz bis dahin gebaut hatte, „einen Überflieger“, hieß es, „eine echte AMG Kreation“. Der Geschäftsführer von Mercedes-AMG hörte das gerne, ähnliche Gedanken hatte er zuvor auch schon gehegt. 2013 jedoch, fünf Jahre her, hatte man gerade andere Pläne, den Mercedes-AMG GT zum Beispiel. „Aber der Überflieger“, sagt er, „ging mir nicht mehr aus dem Kopf.“ Man kann es Fügung oder Schicksal nennen.

Mercedes-AMG GT:
Kraftstoffverbrauch kombiniert: 11,4 l/100 km;
CO₂-Emissionen kombiniert: 261 g/km.1

Tobias Moers ist seit Oktober 2013 Vorsitzender der Geschäftsführung der Mercedes-AMG GmbH.

Unter Moers’ Führung entstanden die ersten von AMG komplett eigenständig entwickelten Fahrzeuge, zu denen auch das Mercedes-AMG Project One gehört.

Die schwarze, vertikale Haifinne auf dem Dach des AMG Project One ist nicht nur ein markantes Designelement.

Die schwarze, vertikale Haifinne auf dem Dach des AMG Project One ist nicht nur ein markantes Designelement.


Ohne große Kompromisse.

Auf jeden Fall telefonierte Moers später mit Andy Cowell, dem Geschäftsführer von Mercedes-AMG High Performance Powertrains in Brixworth. HPP entwickelt die Formel-1-Motoren, die Mercedes in der Königsdisziplin des Motorsports so erfolgreich gemacht haben. Cowell hatte in der Vergangenheit ab und zu davon gesprochen, ob man nicht einen Formel-1-Motor in einen straßentauglichen Sportwagen einbauen könne. Ohne große Kompromisse.

Jetzt drang aus Affalterbach die freundliche Anfrage nach England: „Kriegt ihr das hin?“ So ging es los.


Vor Superlativen strotzend.

Vorgestellt wurde das vorläufige Ergebnis auf der IAA 2017, zum 50-jährigen Jubiläum von Mercedes-AMG. „Es war wahrscheinlich die verrückteste Idee, die ich je hatte“, sagt Tobias Moers im hauseigenen Designstudio, er lacht. Vor ihm steht der Versuchsträger, der aus dieser Idee entstanden ist. Der Überflieger. AMG nennt das Projekt: Project One. Während Moers den Zweisitzer umkreist, erklärt er detailreich diesen Sportwagen, der Geschichte schreiben soll. Denn Formel-1-Technologie in solcher Konsequenz auf die Straße gebracht, das gab es bisher nicht. Nur 275 Exemplare werden gebaut und schon jetzt sind alle Fahrzeuge allokiert – trotz des stolzen Preises von 2,275 Millionen Euro, netto. Vor Superlativen strotzen auch die technischen Daten: mehr als 350 km/h schnell, über 1.000 PS Systemleistung, von 0 auf 200 in unter 6 Sekunden. Der Formel-1-Motor schafft bis zu 11.000 Umdrehungen.


Auch das: Rekord. Er wird von einer hochintegrierten und intelligent miteinander vernetzten Einheit aus dem 1,6-Liter-V6-Hybrid-Benzinmotor mit insgesamt vier Elektromaschinen unterstützt: eine im Turbolader, eine wird sich direkt am Verbrennungsmotor befinden und mit der Kurbelwelle verbunden sein, zwei weitere werden die Vorderräder antreiben. Das sind die beschreibbaren Fakten.

Eher schwer zu beschreiben: die Ausstrahlung. Das Gefühl, das das Mercedes-AMG Project One auslöst. Kaum ein Element, das nicht in irgendeiner Weise radikal ist. „Mit diesem Fahrzeug betreten wir Neuland“, sagt Moers.


Frucht einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit: Unter den Lüftungsöffnungen am Heck verbirgt sich der über 500 kW starke Motor.

Frucht einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit: Unter den Lüftungsöffnungen am Heck verbirgt sich der über 500 kW starke Motor.


Kein Gramm Fett.

Ein Großteil der Bauteile besteht aus Carbon, um Gewicht zu sparen: das Monocoque, die Kühlung. Carbon dominiert den Innenraum und die Motorhaube. Einige Motorteile hingegen sind so fein, dass sie per 3D-Drucker in Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz eigens für das Fahrzeug angefertigt wurden. Insgesamt findet sich an der Silhouette kein Gramm Fett. Flach, kraftvoll – souverän. Jedes Detail ist der Aerodynamik untergeordnet, damit das Fahrzeug so flach wie möglich über den Asphalt gleitet. Die Finne, die sich von dem ovalen Lufteinlass auf dem Dach bis zum Heck ausformt, gibt dem eleganten, tropfenförmigen Exterieur einen überraschenden Akzent. Und sorgt – viel wichtiger – für die notwendige Seitenstabilisierung bei Höchstgeschwindigkeiten. Auch dass der Lufteinlass nicht direkt auf dem Dach anliegt, sondern durch einen schmalen Steg leicht angehoben wird, war eine Entscheidung, die vor allem der Aerodynamik dient.


Eine ruhige Designsprache.

Gorden Wagener, Chief Design Officer der Daimler AG, meinte zu Moers: „Wenn ihr das so braucht, dann macht das so.“ Auf den ersten Blick erinnert die Karosserie entfernt an den schlanken, kraftvollen Körper eines Hais. Die Finne auf dem Dach, dazu die justierbaren Louvres auf den Radhäusern der Vorderachse, die wie Kiemen anmuten. Bewusst entschied man sich für eine ruhige Designsprache – ein souveränes Gegengewicht zu den schwindelerregenden Leistungen der extremen Technologie. Im mit weichem Leder bezogenen Schalensitz – die Rückenlehne ist verstellbar – legt der Fahrer die Hände an ein Lenkrad, dessen schmale, rechteckige Form an das eines Formel-1-Fahrzeugs angelehnt ist.

Auch der Rest des Interieurs ist auf das Nötigste reduziert. Zwei Bildschirme steuern das Infotainment-System. Der Rückspiegel ist in Wahrheit ein Bildschirm, der von einer Kamera bespielt wird, die unterhalb der Finne angebracht ist. Wie beim Exterieur geht es im Innenraum nicht um Effekte, sondern um klares Design, das die Fahrleistung bestmöglich unterstützt.


Bei der Entwicklung des Hypercars stellten sich Tobias Moers und seinem Team viele Fragen. Denn Formel-1-Technologie konsequent auf ein Straßenauto zu übertragen: Das gab es vorher noch nie.

Bei der Entwicklung des Hypercars stellten sich Tobias Moers und seinem Team viele Fragen. Denn Formel-1-Technologie konsequent auf ein Straßenauto zu übertragen: Das gab es vorher noch nie.

Das spektakuläre Heck des Hypercars wirkt wie ein Hightech-Massiv.

Das spektakuläre Heck des Hypercars wirkt wie ein Hightech-Massiv.


Die DNA der Marke.

„Wir denken absolut vom Produkt her“, sagt Moers, „dem angestrebten Ergebnis ordnen wir alles unter.“ Diese Haltung liegt in der DNA der Marke. Das Mercedes-AMG Project One steht aber auch für eine Zeitenwende. Denn der EQ Power+ High Performance Plug-in-Hybrid-Antrieb gibt die Richtung vor, in die sich Mercedes-AMG entwickelt. Den Verbrennungsmotor hat man zuletzt immer näher an die Perfektion getrieben. Die Herausforderung ist nun, die neuen Hybrid- und Elektrotechnologien zu integrieren. Und nicht nur das. Die Affalterbacher Firma versteht sich auch als technologischer Pionier für Serienfahrzeuge von Mercedes-Benz.

Die Seele und Substanz eines echten Mercedes-AMG: Das Hypercar wird sie haben, auf der Nordschleife und den anderen Rennstrecken der Welt, aber dank des Komfortmodus auch im Alltag. Kann man in Zukunft also mit dem Mercedes-AMG Project One am Sonntag entspannt zum Bäcker fahren? „Klar“, sagt Tobias Moers. Lächelnd fügt er hinzu, „wenn jemand auf so eine verrückte Idee kommen sollte“.