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  • Michael Kübler checkt, ob die ­Zylinderlaufbahn eines V8-Motors frei von Beschädigungen ist.
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    Ein Mann, ein Motor.

    Michael Kübler arbeitet seit zehn Jahren als Motorenbauer bei Mercedes-AMG. Der Job ist für ihn viel mehr als nur ein Traumberuf – er ist auch der Antrieb seines Lebens.

    Text: Jörg Heuer | Fotos: Myrzik und Jarisch

„Die besten Motoren der Welt.“

AMG, sagt Michael Kübler, stehe für Mut, Intensität, Charakterstärke. Für Entschlossenheit, Willenskraft, Überlegenheit und Driving Performance – „und natürlich auch für die besten Motoren der Welt“.

Wir begleiten den 36-Jährigen durch seine Schicht in der Motorenmanufaktur in Affalterbach, wo die V8-Motoren nach dem Produktionsprinzip „One man, one engine“ von jeweils einer Person per Hand gefertigt werden. Damit sind die Motoren gewissermaßen Einzelstücke. Techno­logische Meister­werke mit enormer Leistungs­entfaltung bei größtmöglicher Leichtbauweise und Energieeffizienz.


Blick in die Motorenmanufaktur in Affalterbach.
Gütesiegel: Mercedes-AMG Motoren, die nach dem Prinzip one man, one engine gefertigt werden, erhalten eine handsignierte Motorenplakette.

Gütesiegel: Mercedes-AMG Motoren, die nach dem Prinzip „One man, one engine“ gefertigt werden, erhalten eine handsignierte Motorenplakette.


Fundamentales Qualitätsversprechen.

Für die Spitzenqualität der Antriebe stehen Michael Kübler und seine Kollegen mit ihrem Namen ein. Eine handsignierte Plakette mit der persönlichen Unterschrift desjenigen, der den Motor gebaut hat, zeugt von dem fundamentalen Qualitätsversprechen. „Ich schätze, dass ich bislang schon mehr als 4.000 Motoren gefertigt habe“, sagt Michael Kübler.


Motoren mit Seele.

Zwei High-Performance-V8-Aggregate stam­men zurzeit aus der Mercedes-AMG Mo­toren­­­manufaktur: Der V8-Biturbo-Benzin­motor M 177 kommt in den aktuellen 63er-Modellen zum Einsatz und der M 178 als leistungsstarkes Sportwagenherz der GT-Familie. „Sie wiegen jeweils nur etwa 200 Kilogramm“, erklärt Michael Kübler. Rund 600 Einzelteile würden in ihnen stecken. Der Motorenbauer benötige vom ersten bis zum letzten Handgriff vier bis fünf Stunden. Dann sei der V8 fertig und werde an die weltweiten Mercedes-Benz Werke verschickt, in denen die AMG Fahrzeuge gebaut werden.

Kübler selbst ist an seinem speziellen Einzelarbeitsplatz auch mit den großen V12-Motoren beschäftigt, die ihren Weg unter die Motorhaube von Pagani-Supersportwagen finden.


Mit dem Klein­serienhersteller verbindet AMG ein exklusiver Motoren-Kooperationsvertrag – Michael Kübler baut bereits seit sieben Jahren Pagani-Triebwerke.

„Ich benötige etwa zwei Arbeitstage für die Fertigstellung eines V12-Motors“, erklärt er. „Und noch nie, wirklich nie, gab es Beschwerden. Das ist wichtig und er­freulich für einen Perfektionisten wie mich, der mit Hingabe und Herz an den Motoren arbeitet. Egal, ob es V12 oder V8 sind. In meinen Motoren – und in denen meiner Kollegen – steckt Seele. Ja, wir bauen hier in Affalterbach Motoren mit Seele!“


Blick in die Motorenmanufaktur in Affalterbach.

Blick in die Motorenmanufaktur in Affalterbach.


Antrieb des Lebens.

Andere Menschen, sagt Michael Kübler beim Gang durch die blitzsaubere Hightech-Manufaktur, würden Yoga für ihr Wohlbefinden machen oder um ihre Mitte zu finden, er baue einfach nur Motoren, das habe für ihn den gleichen Effekt. Die Antriebsaggregate, die hier gefertigt werden, bringen nicht nur einige der für ihn „heißesten Autos der Welt“ auf Touren – „Sie sind auch der Antrieb meines Lebens. Ich blühe auf, wenn ich am Motor arbeite. Klar, es gibt auch in diesem Beruf eine gewisse Routine. Aber irgendwie ist jeder neue Motor wieder etwas ganz Besonderes. Meine Arbeit berührt mich noch immer wie am ersten Tag. Manchmal denke ich, das ist fast schon surreal, aber was soll ich denn tun? Sie macht mich nun mal happy!“


Magische Anziehungskraft.

Zeit für eine kurze Pause. Als „f1mike28“ lässt Michael Kübler auf Insta­gram mit atemberaubenden Fotos Interessierte und Fans auf der ganzen Welt an den Ergebnissen seiner Arbeit teilhaben und hat bereits über 200.000 Follower. Er zieht sich einen Kaffee aus dem Automaten, setzt sich nach draußen an die frische Luft. Kollegen gehen vorüber. Man begrüßt sich freundschaftlich, wechselt ein paar Worte, fachsimpelt ein bisschen. Im beschaulichen Affalterbach, so scheint es, kennt jeder jeden. Michael ­Kübler ge­nießt seinen Kaffee und verspeist einen roten Apfel. Viel mehr esse er in der Regel nicht während seiner Schicht, in die Kantine gehe er fast nie, sagt er. „Erst nach der Arbeit kommt der Hunger.“


Wie er eigentlich zu Mercedes-AMG kam? „Meine Leidenschaft für Mercedes-Benz wurde mir in die Wiege gelegt“, erzählt er. „Bereits mein Urgroßvater war Anfang des 20. Jahrhunderts Obermeister im Motorenprüffeld in Untertürkheim. Mein Opa trat in seine Fußstapfen. Auch mein Vater und meine Mutter arbeiteten bei Daimler.“ Seine Ausbildung absolvierte auch er bei Mercedes-Benz – in der Motoren­produktion. Erst Diesel, dann V6, V8. An der Abendschule qualifizierte er sich weiter, bewarb sich bei Mercedes-AMG und wurde vor zehn Jahren eingestellt.


Montage des AMG 4.0-Liter-V8-Biturbo-Motors (M 178) nach dem „One man, one engine“-Prinzip.

Montage des AMG 4.0-Liter-V8-Biturbomotors (M 178) nach dem „One man, one engine“-Prinzip.


„One man, one engine.“

„One man, one engine, für die Qualität seiner Arbeit mit dem eigenen Namen bürgen, das hat mich enorm gereizt“, erklärt er. „Überhaupt übte AMG auf mich eine magische Anziehungskraft aus. Als ich den Führerschein endlich hatte, fuhr ich, so oft es ging, nach Affalterbach und guckte mir die Autos an, die hier standen: SL 55, SLK 55, CLK Black Series, CLK DTM, auch die Formel 1 Safety Cars. Wow, dachte ich begeistert, das ist genau mein Ding!“

Der junge Michael Kübler träumte bei seinen zahlreichen Ausflügen zum AMG-Unternehmenssitz mit offenen Augen. AMG war sein Ziel. „Mein Fixstern“, sagt er – und seine Augen funkeln in diesem Moment tatsächlich besonders stark.


Motoren im Einsatz.

Sein erster AMG-Motor? „Ein vor Kraft strotzender V12.“ Die größte Heraus­forderung? „Die GT3-Motoren, weil es bei ihnen viele Regularien zu beachten gibt, viele Messvorgänge nötig sind.“ Sein persönlicher Antrieb? „Der Moment, wenn der Motor fertig ist, schenkt mir jedes Mal – Mick Jagger würde sagen – Satisfaction.“ Und überhaupt: Das Gefühl, dass viele Traumwagen weltweit verlässlich auf Racetracks oder Straßen fahren, weil er und seine Kollegen mit Können und Hingabe den perfekten Motor gebaut haben, das sei für ihn das Allergrößte. „Ich stelle mir Folgendes vor: Ein Mercedes-AMG cruist mit einem von mir gebauten Motor lässig durch San Francisco, ein zweiter durch Südfrankreich und ein dritter rast mit Vollgas über den Nürburg­ring. Das sind ja alles keine Träume. Das ist die Realität!“


Der Beruf schenkt Michael Kübler sehr viele emotionale Momente. Und das nicht nur am Wochenende, wenn er mit seinem Sohn live vor Ort, im Fernsehen oder im Netz die GT3-Rennserie verfolgt, bei der immer auch Motoren im Einsatz sind, die durch seine Hände gingen. Was war denn ein besonders einpräg­sames Erlebnis für ihn? Michael Kübler überlegt nicht lange. „Ein australisches Ehepaar kam mich in der Manufaktur besuchen. Er fuhr einen Mercedes-AMG mit V12-Motor und hatte seiner Frau einen mit V8 gekauft. Auf beiden stand mein Name. Das Ehepaar wollte mich einfach mal kennenlernen. War top, der Tag.“ War er stolz? „Sehr stolz. Und ziemlich glücklich.“