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  • Der deutsche Fußball-Bundestrainer Joachim Löw will den Weltmeister noch besser machen.
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    Joachim Löw: Das innere Feuer.

    Der deutsche Fußball-Bundestrainer Joachim Löw will den Weltmeister noch besser machen. Wie soll das möglich sein?

    Interview: Rüdiger Barth | Fotos: Neumann und Rodtmann

„Ein einziger Fehler kann das Ende bedeuten.“

Das alte Heizkraftwerk in Berlin-Mitte wirkt im Innern wie eine Kathedrale. Massive Pfeiler, die im Dunklen verschwinden. Das Licht von Leuchtstäben spiegelt sich in Wasserpfützen auf dem Beton. Hier dreht Joachim Löw einen neuen WM-Werbespot für Mercedes-Benz, hier treffen wir den deutschen Bundestrainer zum Gespräch – den Weltmeister-Trainer, den in diesem Sommer alle schlagen wollen.

Herr Löw, Sie sprechen davon, den WM-Titel nicht verteidigen, sondern gewinnen zu wollen. Das sei ein feiner Unterschied. Welches Mindset braucht eine Mannschaft, um Weltmeister zu werden?

Joachim Löw: Es braucht vor allem eine immens große psychische Robustheit. Wenn man sich mit den Allerbesten misst, muss man sich darauf einstellen, dass es unglaubliche Widerstände geben kann. Viele Spiele laufen auf des Messers Schneide, ein einziger Fehler kann das Ende bedeuten. Deswegen beginnt unsere Arbeit nicht erst ein paar Tage oder Wochen vor einem Turnier, sondern wir beschäftigen uns permanent damit.


Der deutsche Fußball-Bundestrainer Joachim Löw.

Der deutsche Fußball-Bundestrainer Joachim Löw.

Joachim Löw mit 20 Jahren, 1980, damals Spieler des VfB Stuttgart

Joachim Löw mit 20 Jahren, 1980, damals Spieler des VfB Stuttgart.


„Es war ein langer Prozess.“

Sie haben einmal gesagt, es bedurfte für alle einige Zeit, um den WM-Titel 2014 zu verdauen und wieder „detailversessen“ zu werden. Wie haben Sie dies erlebt?

Es war ein langer Prozess. Der Kern unserer Mannschaft ist ja seit 2010 zusammen. 2012 sind wir nach dem Halbfinal-Aus bei der Europameisterschaft gegen Italien beschimpft worden. Wir haben damals Fehler gemacht, wir mussten aus diesen Fehlern lernen. Dazu kommt die enorme Emotionalität eines Turniers. Du hängst alles rein, du bist fokussiert, du bist zielorientiert, als Einzelner, als gesamtes Team. Das ist eine körperliche Anstrengung, die an die Grenzen führt. Gleiches gilt für den mentalen Bereich. Und dann gewinnt man alles. Man wird gefeiert. Überall. Egal, wo man hinkommt. Das macht wahnsinnig Spaß.

Bis?

Bis es nach ein paar Wochen wieder von vorne losgeht. Du beginnst bei null. Und du weißt zwar, die Erfolge von gestern zählen nicht. Du bist trotzdem noch auf dieser Euphoriewelle, und die Gefahr besteht darin, zu denken, es läuft alles von alleine. Aber so ist es nicht.


„Siege zu verkraften kann mitunter sehr lange dauern.“

Die Deutsche Angelique Kerber wurde Nummer eins des Damentennis und brach dann ein. Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg trat nach seinem Titelgewinn zurück. Er habe vor den Rennen mitunter nicht mehr schlafen können, so groß war der Druck. Das halte man nicht lange aus.

Der Preis des Erfolgs ist schon groß. Du bereitest dich auf etwas vor und du willst es mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele. Mit all deinen Körperzellen willst du etwas erreichen, willst der Allerbeste sein. Wenn es geschafft ist, fällt die Spannung ab. Das ist ganz natürlich, der Körper fordert irgendwann seinen Tribut. Man verliert Energie. Man verliert Konzentration, auch die Wachsamkeit. Dieser Spannungsabfall ist genauso wie das andere Extrem, man fällt unter das normale Niveau. Siege zu verkraften kann mitunter sehr lange dauern. Und da muss jeder alleine durch.


Haben Sie deswegen jetzt viele junge Spieler an die Mannschaft herangeführt – um wieder einen Kraftakt schaffen zu können?

Für mich als Trainer ist klar: Mit dem gleichen Rezept, der gleichen Mannschaft, den gleichen Menschen ist es schwierig, einen Erfolg auf diesem Level zu wiederholen.

Ein Weltmeister muss sich neu erfinden?

Der Fußball entwickelt sich ständig weiter. Nationen lernen aus ihren Ergebnissen, verbessern sich. Über einen Zyklus von zwei oder drei Jahren braucht es neue Leute, frisches Blut. Diese Mischung kann dann wieder zielführend sein.


Timo Werner ist einer seiner lernwilligen neuen Spieler.

Timo Werner ist einer seiner lernwilligen neuen Spieler.


„Ich experimentiere einfach gerne.“

Sie haben als Bundestrainer insgesamt 94 Neulinge eingesetzt. Wie lange brauchen Sie heute, um zu wissen, dieser junge Spieler wird zu den Besten gehören?

Zunächst mal: Ich experimentiere einfach gerne. Wenn es klappt, ist es gut. Wenn nicht, lassen wir es wieder weg. Man kann das Talent bei einem 20-Jährigen beurteilen, auch die Willensstärke. Es ist aber schwierig zu sagen, wie es weitergeht. Nach guten Spielen prasseln extrem viele Einflüsse auf sie ein. Sie werden berühmt, alle wollen etwas von ihnen, sie bekommen neue Verträge. Vorher konnten sie sich auf den Fußball konzentrieren, waren unbeschwert. Manche Spieler, das habe ich auch erlebt, fallen in dieser Zeit in ein Loch – die einen kommen zurück, die anderen bleiben stecken. Unser Maßstab ist ja auch hoch, höher geht es nicht: Wir wollen die Benchmark sein im Weltfußball. Deswegen orientieren wir uns immer an denen, die die Besten sind.


„Ich will den Fußball aus der Vogelperspektive betrachten.“

Die Besten zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht aufhören, lernen zu wollen. Stimmt der Satz: The best never rest?

Absolut. Mir ist wichtig, ob ein Spieler bereit ist weiterzukommen, ob er Dinge annimmt oder ob er Dienst nach Vorschrift tut. Viele der jungen Spieler sind sehr, sehr professionell. Sie machen sich viele Gedanken über die eigene Leistung. Und das den ganzen Tag. Und sieben Tage die Woche. Und das 360 Tage im Jahr. Da hat ein Wandel stattgefunden in meinen zwölf Jahren als Bundestrainer: Die Spieler heute sind lernfähiger als noch die Generation davor. Früher waren manche Dinge eher in Zement gemeißelt. Die Generation, die jetzt kommt, ist aufnahmefähig und wissbegierig, sie stellt alles infrage. Was können wir noch tun, was können wir ausprobieren? Und sie kann die Dinge sehr schnell umsetzen, das ist ja auch wichtig. Sie sind sehr gut geschult in den Internaten der Vereine, in den Leistungszentren, und sie erhalten in den Akademien dazu die schulische Ausbildung – sie lernen zu lernen.


Sie sprechen oft von einem Plan, den die Spieler verfolgen müssen. Wo können Sie selbst noch besser werden?

Oh, ich kann noch in vielen Bereichen besser werden. Wie jeder andere Mensch auch.

Herr Löw, Sie sind Weltmeister, haben 2017 auch den Confederations Cup gewonnen!

Ich schaue immer, dass ich in meinem Beruf keinen Tunnelblick entwickele. Ich will den Fußball aus der Vogelperspektive betrachten, schaue mir Spiele in anderen Ländern an, schicke meine Trainer und Scouts nach Südamerika, Afrika, Asien: Wie trainieren andere Nationen, wie bereiten sie ihre Spieler vor? Gibt es Dinge, die wir noch nicht gesehen haben? Manchmal sind es nur ein oder zwei Beobachtungen, die wir einfließen lassen.


Joachim Löw.

„Mein Leben, das ist Fußball.“

Was treibt Sie noch an, nach all der Zeit?

Wahrscheinlich dies: Mir macht das, was ich tue, unheimlich Spaß. Ich bin als kleiner Junge mit Fußball aufgewachsen und hatte als Spieler nicht die ganz große Karriere, die ich gerne gehabt hätte. Wenn die Nationalmannschaft zusammen ist, bin ich jeden Tag gerne da. Und auch die Spieler sollen sich wohlfühlen – um die besten Leistungen bringen zu können. Ich will bei den Spielern ein inneres Feuer entfachen. Ihnen vermitteln, die Sache zu lieben, die man tut. Das treibt mich an. Mein Leben, das ist Fußball.

Was ist die besondere Qualität Ihrer Elf?

In den letzten Jahren haben wir spielerisch enorme Fortschritte gemacht. Jetzt haben wir auch diese Leichtigkeit, eine Kreativität, die es uns selbst gegen Brasilien oder Spanien ermöglicht, spielerisch mitzuhalten. Früher mussten wir dies mit Kampf, Einsatz, Willen ausgleichen. Aber das sind heute Grundvoraussetzungen für den Job. Jemand, der Mathematik-Professor sein möchte, sollte ja auch das Einmaleins beherrschen. Vor allem haben wir Spieler, die charakterlich richtig gut sind, nie nachlassen und eine gute Gewinner-Mentalität entwickelt haben.

„Brasilien wird einer der großen Favoriten sein.“

Wer ist denn für Sie bei der WM in Russland der härteste Rivale?

Argentinien hat Lionel Messi und eine große Qualität in der Breite. Frankreich hat sich wahnsinnig entwickelt in den letzten vier, fünf Jahren, schnelle, junge Spieler, physisch sehr stark, auch technisch. Spanien schätze ich immer sehr, in England entwickelt sich etwas, da muss man nur auf die Titelgewinne der Jugend-Teams schauen.

Und Brasilien?

Auch Brasilien. Gerade Brasilien.

Trotz des 1:7 im WM-Halbfinale gegen Deutschland, blieb da kein Trauma zurück?

Ganz klar, das war das größte Desaster, das Brasilien in seiner Geschichte des Fußballs erlebt hat. Das ganze Land war im Fieber, der Druck für Brasilien war unmenschlich.


Bei jedem Tor von uns sind sie in sich mehr zusammengesackt. Die Brasilianer waren danach in Schockstarre – aber dann haben sie alles auf den Kopf gestellt. Sie haben sich gesagt: So eine Schmach wollen wir nie mehr erleben. Seit drei Jahren ist diese Mannschaft, mit neuem Trainer, neuen Spielern, eine ganz andere Mannschaft. Brasilien hatte immer gute Fußballer, tolle Techniker, aber jetzt sind sie auch in der Lage, für den Erfolg hart zu arbeiten. In der Qualifikation haben wir sie einige Male beobachten lassen, sie spielen sehr diszipliniert. Brasilien wird einer der großen Favoriten sein, keine Frage. Das ist bemerkenswert und bewundernswert.


Trost nach dem 1:7 im WM-Halbfinale – Brasilien zählt Löw heute zu den WM-Favoriten 2018.

Trost nach dem 1:7 im WM-Halbfinale – Brasilien zählt Löw heute zu den WM-Favoriten 2018.


„Weil es immer weitergeht.“

Im Vergleich zu früher wirken Sie vor dieser WM erstaunlich entspannt. Trügt das?

Da hilft die Erfahrung. Ich habe schon so vieles erlebt. Magische Momente, wahnsinnige Enttäuschungen. Und ich habe festgestellt: Auch große Enttäuschungen, nach denen man heftig kritisiert wird, helfen, dass man sich weiterentwickelt. Man muss den Erfolg einordnen, dass er vergänglich ist, man muss aber auch die Enttäuschungen einordnen, dass sie vergänglich sind. Weil es immer weitergeht.