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  • Teamwork in Norddeich: vier Abenteurer und das passende Gefährt – die Mercedes-Benz X-Klasse.
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    Schatzsucher.

    Sie tauchen hinab, wo sonst nur Seehunde hinkommen, auf den Meeresgrund der Nordsee. Vor den Ostfriesischen Inseln hoffen die „Gezeitentaucher“ auf vergessene Wracks und echte Abenteuer – mit dabei: die X-Klasse.

    Text: Marc Bielefeld | Fotos: Malte Jaeger

Knochen und Schädel.

Wenn die Freunde von ihrem Hobby erzählen, ist von Attributen die Rede, die nicht zwingend an Spaß erinnern. Es sei dunkel und kalt, sagt Dirk Terbeek, nass und „ein wenig kompliziert“. Das Freizeitvergnügen, dem sie frönen, sagt Wilfried de Jonge, sei ziemlich aufwendig, extrem von Winden und Strömungen abhängig, zudem potenziell gefährlich. Außerdem: Sie können meist kaum etwas sehen. Man müsse das mögen, sagt Dirk Heinemann. Hier und da seien sie schon auf Knochen gestoßen, Schädel. Ihre Frauen hätten sie manchmal darum gebeten, endlich aufzuhören. Aber sie hören nicht auf.


Dirk Terbeek, Dirk Heinemann, Holger Buss und Wilfried de Jonge (von links) hieven ihre schwere Ausrüstung von der großen Ladefläche.

Dirk Terbeek, Dirk Heinemann, Holger Buss und Wilfried de Jonge (von links) hieven ihre schwere Ausrüstung von der großen Ladefläche.

Einsatzbesprechung: Die Taucher studieren die Seekarte auf der Kühlerhaube der X-Klasse.

Einsatzbesprechung: Die Taucher studieren die Seekarte auf der Kühlerhaube der X-Klasse.


Flut umschwappte Stellen in der See.

In einer blauen Mercedes-Benz X-Klasse fahren vier der acht Freunde an diesem Morgen in den Hafen von Norddeich, einem kleinen Ort an der ostfriesischen Küste. Vor dem Hafen erstreckt sich das Wattenmeer, dahinter wie Striche im Meer die Inseln Juist und Norderney. Irgendwo da draußen, schon in Richtung der Schifffahrtslinien durch die Nordsee, liegen die Koordinaten, um die es geht. Positionen auf der Seekarte, von Ebbe und Flut umschwappte Stellen in der See.


Der Flug durch eine amorphe Finsternis.

Die Ladefläche der X-Klasse ist gut bepackt und verzurrt: mit Pressluft- und Gasflaschen, Kisten voller Atemregler, Auftriebshilfen, Karabinern, Bojen und Bleigewichten. Daneben liegen schwarze, kevlarbeschichtete Trilaminat-Anzüge, die aussehen, als planten die vier einen Weltraumspaziergang. „Ein bisschen fühlt es sich auch so an“, sagt Dirk Heinemann und wuchtet seine gut 60 Kilo schwere Ausrüstung vom Heck des Pick-ups.


Bis auf 30 Meter Tiefe lassen sich die Freunde meist hinabsinken. Sie gleiten durch ein Universum aus Sedimenten und umherstiebenden Schwebeteilchen. Die Sicht: fünf Meter, selten mehr, oft weniger. Es ist der Flug durch eine amorphe Finsternis – bis ein von Muscheln und Algen überkrustetes Wrack vor ihren Masken auftaucht. Das Hobby der Freunde aus Ostfriesland: Sie betauchen Wracks – vor der rauen Nordseeküste.


Alles hat gepasst: Wrackteile entdeckt, die Technik funktionierte einwandfrei, viel Spaß am Steuer – ein guter Tag für die Gezeitentaucher der Nordsee.

Alles hat gepasst: Wrackteile entdeckt, die Technik funktionierte einwandfrei, viel Spaß am Steuer – ein guter Tag für die Gezeitentaucher der Nordsee.


Ein echtes Abenteuer.

Dafür begeben sie sich in starke Strömungen. Mit speziellen Atemgasgemischen gehen sie runter, tragen Trockentauchanzüge und beheizbare Thermowesten, sind behangen mit Kameras und Argonflaschen, deren dichtes Gas ihre Montur besser gegen die Kälte isoliert. Um in der Düsternis überhaupt etwas sehen zu können, haben sie sogar eigene Unterwasserlampen entwickelt, mit 95.000 Lux so hell wie acht gewöhnliche Autoscheinwerfer. Kein Wunder, dass die Männer die Einzigen sind, die hier im hohen Norden dem Wracktauchen nachgehen. Ein unwirtliches Hobby, oder? „Dafür aber echtes Abenteuer“, sagt Dirk Terbeek. „Unsere Spots sind oft unberührt. Manche Wracks, die wir entdecken, hat seit 100 Jahren niemand mehr gesehen.“


Sie teilen einen Traum.

Sie alle waren bereits erfahrene Sporttaucher, als sie sich in einem Tauchklub der Region begegneten. Aber warum nur die heimischen Seen erkunden oder für ihren Sport nach Kroatien reisen, ans Rote Meer oder auf die Andamanen? Warum nicht das abenteuerliche Revier vor der Haustür erobern – und die vielen unentdeckten Wracks dort? Schon bald entschlossen sie sich, ein Team zu gründen. Belegten Kurse im technischen Tauchen, bildeten sich fort in der Unterwasserarchäologie, spezialisierten ihr Equipment. „Wir alle teilten diesen Traum, in die Nordsee aufzubrechen und gesunkene Schiffe zu entdecken“, sagt Wilfried de Jonge, der von Anfang an dabei ist.


Atempause: Drei Froschmänner überqueren eine Sandbank vor der Insel Juist.

Atempause: Drei Froschmänner überqueren eine Sandbank vor der Insel Juist.

Das Tauchboot ist startklar, die vierköpfige Crew bereit für die Unterwasserwelt vor der Nordseeinsel Juist.

Das Tauchboot ist startklar, die vierköpfige Crew bereit für die Unterwasserwelt vor der Nordseeinsel Juist.


Das Boot ist nun im Wasser.

Beim Traum blieb es nicht lange. Sie kauften sich ein sieben Meter langes Schlauchboot, angetrieben von einem 225 PS starken Motor. Damit fuhren sie hinaus, bis vor die Inseln, um dann in den Gezeitenfenstern zwischen Ebbe und Flut abzutauchen. Das Boot ist nun im Wasser, die Flaschen und Flossen sind verstaut. Grauer Himmel, von der Strömung verworfene Kabbelwellen vor dem Bug. Sie passieren eine Fähre, geben Vollgas. Das Boot jagt übers Meer, bis eine Sandbank auftaucht: der letzte Zipfel der Insel Juist. Sie navigieren noch ein, zwei Seemeilen nördlich, schauen aufs Echolot, bis sich dort eine Kontur abzeichnet. Ein Wrack.


Wie die Seehunde.

„Dann machen wir uns mal fertig“, sagt Holger Buss, heute der Vierte im Bunde. Er hievt sich seine Doppelflasche auf den Rücken, rückt die Maske zurecht. Die Männer geben sich letzte Handzeichen, auf Kommando lassen sie sich rücklings ins Meer plumpsen. Weg sind sie. Wie die Seehunde. Nur noch Blasen steigen auf, die einzigen oberflächlichen Signaturen dieses Tauchgangs in die grafitgraue See. Denn dort, wohin sie hinabfliegen, begleitet sie niemand. Außer ihrer Erfahrung, ihrem Mut und ihrem Wissen. Was hatte Dirk Terbeek oben noch gesagt? „Wenn etwas schiefgeht, vielleicht ein Lungenautomat im kalten Wasser vereist, sollte man immer eine mentale Reserve haben.“


Er meint: verdammt gute Nerven. Doch das Tauchen selbst ist nur Teil des Abenteuers. Allein um die Wracks zu finden, ist viel Vorarbeit nötig. Die Gezeitentaucher sprechen viel mit Fischern, die wissen, wo Hindernisse liegen. Denn oft verfangen sich ihre Netze darin. Die Taucher recherchieren zudem in Marinearchiven, studieren Versenkungsberichte und Seekarten. Und sie ziehen Sonare hinter dem Boot her, um auffällige Objekte zu orten. Dann aber steigt die Spannung: Was finden sie da unten vor?


Ein befreiendes Ritual: nach dem Tauchgang als Erstes das Salzwasser aus Gesicht und Haaren spülen.

Ein befreiendes Ritual: nach dem Tauchgang als Erstes das Salzwasser aus Gesicht und Haaren spülen.


„Du tauchst in eine andere Welt.“

Keineswegs nur Taschenkrebse, Hummer und Seesterne. Diverse Wracks haben sie vor den Ostfriesischen Inseln schon betaucht. Gesunkene Küstenmotorschiffe, Fischdampfer, Minensuchboote oder den 130 Meter langen Frachter „Mongabarra“. Sie vermessen die Schiffsreste, identifizieren in detektivischer Arbeit Teile und Aufbauten, die Schlamm und Bewuchs halb verschluckt haben. Anschließend erstellen sie maßstabsgetreue Zeichnungen der rostigen Wracks. Dokumente, für die sich auch Fischer und Seebehörden interessieren. Denn ihr Ziel ist keineswegs, Trophäen zu ergattern, sondern die Orte der Untergänge zu dokumentieren. Sie zu Denkmälern und offiziellen Stätten in der See zu erklären.


Schweben über einer Mondlandschaft.

Nach 45 Minuten schießen zwei rote Bojen aus der Meeresoberfläche. Sie haben sie unten an einer Leine aufgeblasen, damit der Skipper des Schlauchboots oben weiß, wo sie auftauchen werden. Denn unter Wasser, in fünf Meter Tiefe, driften die Taucher jetzt noch mal in der einsetzenden Flut: bis zu zwei Kilometer weit. Vorher dürfen sie nicht auftauchen, müssen erst einen Dekompressionsstopp einlegen, um sich langsam wieder an den Druck der Oberfläche zu gewöhnen. Bald darauf aber sind alle wieder an Bord, klatschen sich ab, freuen sich, preschen zurück zum Hafen. Auf den Displays ihrer Kameras ist zu sehen, was sie unten erlebt haben: Schweben über einer Mondlandschaft. Mit Seepocken überzogene Wrackteile am Meeresgrund. „Deshalb lieben wir es – du tauchst in eine andere Welt!“, sagt Dirk Terbeek.


Entdeckung: Von Muscheln und Algen überwucherte Wrackteile schlummern auf dem Meeresgrund.

Entdeckung: Von Muscheln und Algen überwucherte Wrackteile schlummern auf dem Meeresgrund.

Heimweg durch Friesland: die X-Klasse auf einer alten Klappbrücke in Großefehn.

Heimweg durch Friesland: die X-Klasse auf einer alten Klappbrücke in Großefehn.


Nichts wie nach Hause.

Zurück im Hier und Jetzt hieven die Abenteurer ihre Ausrüstung auf die Ladefläche der X-Klasse. Eine Pfütze Nordsee sammelt sich am Boden. Sie schälen sich aus den Anzügen, schrauben die Handschuhe ab, die mit Bajonettverschlüssen gesichert sind. Tauchen der verschärften Art. Raumfahrt à la Nordsee. Dann aber wollen auch die Gezeitentaucher wieder gänzlich irdischen Wünschen nachgehen. Holger Buss setzt sich ans Steuer der X-Klasse und startet den Motor. Nichts wie nach Hause, warm duschen.