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  • „Wow, dachte ich. Coole Idee.“
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    „Wow, dachte ich. Coole Idee.“

    Bei der „Grow up“-Kampagne stellt Mercedes-Benz erstmals nicht das Auto in den Mittelpunkt. Die französische Fotografin Alice Moitié erzählt, wie die Motive entstanden.

    Text: Iris Mydlach | Fotos: Alice Moitié / Daimler AG

Etwas Ungewohntes.

Etwas Ungewohntes zu probieren, Altes hinter sich zu lassen und Neuland zu betreten – für mich als Fotografin gibt es keinen besseren Ausgangspunkt, wenn es um Fotos für eine Kampagne geht. Diese allerdings klang von Anfang an anders: Mit den „Grow up“-Motiven wollte Mercedes-Benz das Lebensgefühl einer neuen Generation zeigen und nicht das Auto in den Mittelpunkt stellen, sondern die Menschen, die sich für dieses Auto entscheiden. Wow, dachte ich. Coole Idee.

Wenn Bilder eine Geschichte erzählen.

Meine Agentur hatte mich als Fotografin für die Kampagne angefragt und ich wusste gleich, dass mein Stil perfekt zum Konzept passen würde. Ich mag es, wenn die Menschen auf meinen Fotos authentisch sind, wenn meine Bilder eine Geschichte erzählen. Was am Set passiert, soll später auch auf meinen Fotos passieren. Für „Grow up“ gab es kaum Vorgaben für meine Arbeit, am Anfang war das nahezu verwirrend. Ich hatte ja auch recht wenig Zeit für die Fotos, da es parallel die Filmaufnahmen gab. Manchmal nur eine halbe Stunde, manchmal zwei Stunden.


Spontan sein, sehen, was aus dem Moment wird.

Es gab so viele Termine zu koordinieren, dass wir auch mal improvisieren mussten. Manchmal wurde das Shooting kurzerhand vom Nachmittag in die frühen Morgenstunden verlegt. Genau das fand ich sehr schnell faszinierend: spontan zu sein, zu sehen, was aus dem Moment wird, in den man hineingeworfen wird. Bei einem Shooting haben wir irgendwann die Musik bis zum Anschlag aufgedreht – und einfach geschaut, was geschieht. Herausgekommen sind Fotos, auf denen diese Energie zu spüren ist.


Es gab bei Mercedes-Benz viel Interesse an meinem Stil. Schön auch zu wissen, dass es wenig Eitelkeiten gibt, dass alle zusammen auf ein großartiges Ziel zugesteuert sind. Wenn ich zum Beispiel während der Filmaufnahmen merkte, dass das am Set gerade ein Wahnsinnsfoto war, dann wurde die Szene einfach gestoppt. Nicht gerade üblich in der Branche. Aber so einen Moment später künstlich nachzuspielen, das wäre nicht gegangen, jedenfalls nicht für mich.


Die Wahrheit auf den Bildern.

Vielleicht hat das nicht jeder gleich verstanden, aber die Fotos, die aus diesen Situationen entstanden sind, waren ausnahmslos toll. Einige sind später sogar Billboards geworden, also riesige Plakatwände an Straßen und Plätzen.

Auch bei der Bildbearbeitung war ich komplett frei in meinen Entscheidungen. Ich bin kein großer Fan von Retusche. Ich mag es, wenn die Wahrheit auf den Bildern bleibt. Bei Mercedes-Benz hatte man nichts dagegen. Anders als bei anderen Kampagnen gab es ein großes Interesse an meiner Arbeitsweise, an meinem Stil. Fast so, als wollte Mercedes auch von mir lernen und nicht umgekehrt.


Was bleibt, sind die Werte, auf die man sich besinnt.

Obwohl ich sehr häufig analog fotografiere, habe ich für „Grow up“ eine Digitalkamera benutzt, das heißt: Jedes Bild, das ich gemacht habe, enthielt unzählige Informationen. Digitale Bilder sind riesige Datenmengen, die das menschliche Auge in ihrer Komplexität oft überfordern. Durch das Reduzieren von Informationen werden die Bilder wieder ruhiger.

Ich mag diesen Effekt. Die künftige Generation wird viel Ruhe brauchen. Es gibt einfach zu viele Informationen, zu viele Möglichkeiten. Zu viele Bilder. Aber man schaut sie sich nicht mehr an. Sie haben ihren Wert verloren. Auch das ist Teil einer Entwicklung, die mit der Digitalisierung begann.


Noch vor wenigen Jahren war die Situation doch so: Informationen musste man sich erarbeiten, man ging in Bibliotheken oder fuhr an den Ort, für den man sich interessierte. Heute besteht die Arbeit darin, aus der Masse an Informationen die relevanten herauszufiltern. So ist es auch für uns Fotografen. Man verbringt die Zeit damit, zu sortieren, was man sieht, um einigermaßen klar bei Verstand zu bleiben. Unsere Kinder und Enkel – es würde mich nicht wundern, wenn die in Richtung eines neuen, radikalen Minimalismus gehen. Was bleibt, sind die Werte, auf die man sich besinnt. Familie, Freunde, berufliche Erfüllung. Treue. Zuverlässigkeit. Im Grunde alles Themen, die auch bei „Grow up“ eine Rolle spielen.