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  • Mein Auto, Clark Gable und ich.
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    Mein Auto, Clark Gable und ich.

    Der 300 SL Roadster, eine der Ikonen der Auto­mobilbau-Geschichte, feiert 60. Geburtstag. Sein Erstbesitzer: die Hollywood-Legende Clark Gable.

    Text: Jörg Heuer | Fotos: David Klammer

Mehr Glück geht kaum.

Mehr Glück geht kaum für Martin Semm. Man sieht ihm an, dass heute ein ganz besonderer Tag ist, „ein Feiertag“. Er ist extra früh aufgestanden, hat aufs Frühstück verzichtet und strahlt vor Vorfreude. Sein Herz schlägt schneller. Das Adrenalin sprudle nur so, erklärt er erwartungsfroh.

Der 47-jährige Unternehmer startet heute zum ersten Mal den Motor für eine längere Ausfahrt mit dem Auto, das er unlängst von einem britischen Oldtimerliebhaber erworben hat. Doch was heißt schon Auto? Der historische Sportwagen mit bereits geöffnetem Stoffverdeck ist nicht nur für Martin Semm eine Legende. Eine alle Moden über­dauernde, zudem äußerst wertvolle Stilikone (der materielle Wert liegt längst im siebenstelligen Bereich). Ein Kunstwerk auf vier Rädern: der 300 SL Roadster.

Markanter Weltstar.

Und genau dieser hier, hellgrün-metallic, dunkelgrünes Leder und Stoffverdeck, Baujahr 1957, Chassis-Nummer 00.7500582, ist ein ganz besonderer. Denn sein Erstbesitzer war einer der schillerndsten Leinwand­helden, die Hollywoods Traumfabrik je hervorgebracht hat: Clark Gable, Oscarpreisträger, Frauenheld, berühmt für seinen spöttischen Blick in Verbindung mit der hochgezogenen Augenbraue – und für seinen raubeinigen Charme. Weltruhm erlangte Gable vor allem durch seine Hauptrolle als Rhett Butler im Filmklassiker „Vom Winde verweht“ oder als schnodderiger Reporter Peter Warne in „Es geschah in einer Nacht“, für dessen Darstellung er 1934 seinen Oscar erhielt. Gable war mehrmals Filmpartner von Marilyn Monroe und ein großer Autoliebhaber. Ein markanter Weltstar mit Glamourfaktor. Das hatte er mit dem 300 SL gemein. Kaufte er ihn sich deshalb?

Roadmovie zum sechzigsten.

Der Wetterbericht prognostiziert für heute einen ziemlich milden Tag. Um die 20 Grad. Die Sonne wechselt sich mit Wolken ab. Regenwahrscheinlichkeit: 20 Prozent. „Früher fuhr Clark Gable den Roadster, heute fahre ich ihn. Ein Gefühl: unbeschreiblich“, sagt Martin Semm etwas verträumt und legt nach zweiminütiger Aufwärmphase des Motors jetzt genüsslich den ersten Gang ein.

Der dominante Dreiliter-Motor bringt den Sportwagen fix und fulminant auf Trab. „Der Sound, der Geruch, das Fahrverhalten, alles ist phantastisch an diesem Wagen“, schwärmt Semm schon nach den ersten paar Kilometern: „Ich könnte jubeln vor Freude.“


Liebevoll restaurierter Roadster.

Es ist seine Jungfernfahrt mit dem 215 PS starken, bis zu 250 km/h schnellen, liebevoll restaurierten Roadster. Und für ihn nicht nur irgendein Roadtrip. Es ist sein persönliches Roadmovie mit dem Supersportwagen der 1950er-Jahre, einmal durch das oberbayerische Alpenvorland zwischen Starnberg und Bad Tölz. Hügeliges Terrain, kurvenreiche, hervorragend ausgebaute Straßen. Auch mal welche mit wenig Verkehr, wo Fahrer und Gefährt ordentlich Gas geben können.

Martin Semm hat uns eingeladen, ihn bei seinem Roadmovie zu begleiten. Und wir haben sofort zugesagt. Immerhin feiert der 300 SL Roadster in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag.

Begehrter Traumsportwagen.

Drei Jahre vor dem offenen Modell hatte ein geschlossenes Coupé mit Flügeltüren den Belag der Straße erblickt. Der legendäre 300 SL „Gullwing“ (Möwenflügel) wurde gleich bei seinem Erscheinen zum begehrten Traumsportwagen. Dazu trug auch seine Abstammung bei – war er doch eine Weiterentwicklung des gleichnamigen Rennsportwagens der Saison 1952, der spektakuläre Doppelsiege bei den „24 Stunden von Le Mans“ und der Carrera Panamericana in Mexiko eingefahren hatte. Dank der innovativen Benzineinspritzung war die Serienversion des 300 SL sogar noch leistungsstärker als der erfolgreiche Rennwagen – und mit bis zu 250 km/h der schnellste Serienwagen seiner Zeit.


Von 1954 bis 1957 hat Mercedes-Benz insgesamt 1 400 Flügeltürer-Coupés (29 als besonders sportliche Aluminium-Versionen) produziert. Der Sportwagen – das Kürzel SL steht für Super-Leicht – eroberte im Sprinttempo die Straßen der Welt. Der Preis betrug damals rund 30 000 Mark. So teuer war auch ein Einfamilienhaus. Der erste Prototyp des offenen Mercedes-Benz 300 SL Roadsters wurde 1955 fertiggestellt. Erstmals öffentlich gezeigt wurde der Roadster dann im März 1957 beim Genfer Autosalon. Und die Pro­duktion des heiß ersehnten Flügeltürer-Nachfolgers lief im Mai 1957 an. Bis zum Jahr 1963 wurden 1 858 offene 300 SL gebaut.


Viele Stars gönnten sich den Luxus eines 300 SL.

Clark Gable besaß neben dem Roadster auch einen Gullwing, und es gab viele weitere Stars, Wichtige und Mächtige, die sich den Luxus gönnten, 300 SL zu fahren: die Schauspieler Romy Schneider, Tony Curtis und Horst Buchholz, die Playboys Gunter Sachs und Porfirio Rubirosa, Mercedes-Benz Rennfahrer­legende Rudolf Caracciola, Politiker und Industrielle, Scheichs, Barone und Könige.

Carrera Bavaria.

Zurück nach Oberbayern. Es ist nicht Martin Semms erste Fahrt mit einem 300 SL. Denn mindestens eine Gemeinsamkeit hat der sportliche Hesse mit dem schnauzbärtigen Filmstar Clark Gable: Er steht auf Stil und Speed. Und schöne Autos. Sein absoluter Lieblingswagen: der 300 SL. Neben dem Gable-Roads­ter besitzt er noch einen Flügeltürer. Und er besitzt die wertvollen Wagen nicht nur, er fährt sie auch. Allerdings nicht mehr als 1 500 bis 2 000 Kilometer pro Jahr. Genusstouren eben.

Vom Starnberger See in Richtung Alpen gleitet Semm jetzt gemächlich dahin. Passanten staunen, fotografieren ihn, fragen, wenn er hält, nach Baujahr und Motorleistung. Er antwortet gerne und nimmt sich viel Zeit. Das gehört dazu, wenn man so ein Auto fährt.


Er lebt hinterm Steuer seinen Traum.

„Oh Mann, ich mag dieses ursprüngliche puristische Fahren“, schwärmt der 300 SL Enthusiast: „Damals gab es eben noch keine Servolenkung, keine Klimaanlage, keinen Bordcomputer, kein Navigationsgerät.“ Letzteres benötigt er auch gar nicht, denn er kennt sich im oberbayerischen Land recht gut aus. Martin Semm fährt mit einem der faszinierendsten Sportwagen aller Zeiten seine ganz eigene Carrera Bavaria. Für ihn ist diese Landpartie ein besonders intensives emotionales Erlebnis. Er genießt es. Mehr noch: Er lebt hinterm Steuer seinen Traum, für den er hart arbeitet und auch mal auf Urlaub verzichtet.


„Gables Geist fährt irgendwie immer mit“, sagt er bei einer zünftigen Brotzeit mit Brezeln, Wurst, Käse und Kaffee. Vom Ufer des kristall­klaren Riegsees aus reicht der Blick bis auf die im Süden imposant aufragenden Berge. „Mir gehen andauernd historische Fotos und Szenen aus Clark-Gable-Filmen durch den Kopf. Die Ausfahrt hat für mich wirklich etwas Magisches.“ Gäbe es einen Emotionswert zu vergeben, Martin Semm würde den größten wählen: „Natürlich XXXL!

Vom Winde verweht.

Und wenn er die auf dem jeweiligen Straßenabschnitt zulässige Höchstgeschwindigkeit mal lustvoll ausreizt, der Reihensechszylinder unter der Kühler­haube des 1 350 Kilogramm leichten 300 SL laut röhrt, seine Kraft entfaltet, dann werden die Haare des Unternehmers tatsächlich ein bisschen: vom Winde verweht.

„Wie besonders das Auto ist, welche Qualitäten es besitzt, merkt man erst, wenn man es fährt“, erklärt Semm. „Im Drehzahlbereich bis 3 000 klingt er dumpf und satt, über 3 000 hat man das Gefühl, es hockt ein Ungeheuer unter der Motorhaube. Bei Vollgas faucht er wie eine Urgewalt.“


Viele lächelnde Gesichter.

Martin Semm mag es, in seinem wertvollsten Wagen mit dem Stern unterwegs zu sein und anderen die Möglichkeit zu geben, einen Blick zurück in die Goldenen Fünfziger zu werfen.

Er erntet viele lächelnde Gesichter und hochgestreckte Daumen. Einige Beobachter bleiben gar mit offenem Mund zurück – obwohl sie nicht mal ahnen, dass ein Oscarpreisträger Erstbesitzer des eleganten Sportwagens war.


Das Roadmovie neigt sich dem Ende.

Das Roadmovie neigt sich dem Ende entgegen. Dunkle Wolken ziehen schnell von den Bergen heran. Martin Semm schließt das Stoffverdeck und fährt dann ganz entspannt weiter. Diesen Tag mit dem Clark-Gable-Roadster – und mit ihm selbst in der Hauptrolle –, den kann ihm niemand mehr nehmen. Außer ein Hagelschauer vielleicht. Doch zum Glück beginnt es nur zu nieseln. Und das Happy End? Gibt’s in der sicheren Garage – den Klaps aufs Heck!