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Fußball-Weltmeister Mesut Özil will 2016 Europameister werden.

Hier erklärt der Ausnahmekönner,

wie er seine Mitspieler findet – auch ohne Radar.

Ein Gespräch über Linksfahren, Eleganz – und den Unterschied zwischen schnell und gedankenschnell.

Vor den Toren Londons blühen die Kirschbäume, als Mesut Özil das Club-Areal des FC Arsenal verlässt.

Die Security-Männer am Zaun blicken ins Nichts, als wären sie die Leibwache der Königin. Der Fußballer aber ist bestens gelaunt.

Herr Özil, Sie haben das Fußballspielen im „Affenkäfig“ gelernt, einem Bolzplatz an der Olgastraße in Gelsenkirchen. Reichte Ihre Fantasie damals aus, sich vorzustellen, dass Sie eines Tages als Weltmeister beim FC Arsenal spielen würden?

Nein, bei Weitem nicht. Nicht einmal, dass man mit Fußball Geld verdienen kann, wusste ich damals. Erst als mich Norbert Elgert, der damalige A-Jugendtrainer von Schalke 04 entdeckte, wurde mir meine Chance bewusst. Er sagte: „Wenn du kein Fußballer wirst, höre ich als Trainer auf!“ Er hat mir viel beigebracht, ich bin ihm sehr dankbar. Wir haben noch immer Kontakt.

Die Fans bewundern Ihre Eleganz am Ball. Waren Sie schon auf dem Bolzplatz so?

Mein Vorbild war Zinédine Zidane. Er war, wie ich, nicht der Schnellste, aber unheimlich gedankenschnell, sehr elegant, sehr intelligent. Ich wollte so spielen wie er und habe seine Tricks nachgemacht. Das hat sich so ergeben. Irgendwann wurde ich dann bei der Spielerwahl immer als Erster gewählt, obwohl ich zwei Köpfe kleiner als die anderen war – und viel dünner. Wir gingen damals schon in Sportsachen zur Schule, um hinterher keine Zeit zu verlieren. Acht, neun Stunden am Tag wurde gekickt, ohne Aus, ohne Essen, ohne Wasser, es war sehr eng, es ging zur Sache. Heute frage ich mich, wie wir das alle ohne Bänderrisse überstehen konnten: Der Platz war rote Asche, mit dicken Steinen.

Nichtsdestotrotz wurden Sie zum technisch begabtesten deutschen Spieler Ihrer Generation. Oder gerade deswegen?

Da ich körperlich nicht mithalten konnte, musste ich andere Lösungen finden, den Ball zu behaupten. Ich profitiere heute noch davon. Die englische Liga ist im Vergleich zu Spanien, wo selbst die kleinen Mannschaften gepflegt kicken, und Deutschland, wo viel auf Konter gespielt wird, auch ein bisschen ein Affenkäfig. Es geht pausenlos rauf und runter. Du hast am Ball keinen Platz und keine Zeit.

Im Zweikampf mit dem Argentinier Ezequiel Lavezzi im Finale von Rio de Janeiro

„Mein Vorbild war Zinédine Zidane. Ich wollte so spielen wie er und habe seine Tricks nachgemacht.“

Mesut Özil

Mussten Sie Ihr Spiel hier umstellen?

Ich habe mir abgewöhnt, mich nach Fehlpässen zu ärgern und mich damit runterzuziehen. Das macht keinen Sinn – der nächste Ball kommt ja gleich wieder. Die Körpersprache würde falsch verstanden: Die Leute im Stadion könnten denken, man gibt sich auf. Außerdem achte ich stärker auf meinen Körper. Es gibt hier keine Winterpause, die Schiedsrichter pfeifen weniger Fouls, und selbst schlechtere Gegner spielen mit unheimlich viel Risiko. Im vergangenen Jahr war ich zum ersten Mal in meiner Karriere länger verletzt – vier Monate. Da nahm ich mir vor, noch mehr für meine Fitness zu tun. Ich achte auf meine Ernährung, esse kein Brot mehr, trinke viel mehr Wasser und schalte zwischen den Spielen gezielter ab. Ich merke den Unterschied, habe weniger Muskelkater, regeneriere schneller. Diese Saison war meine beste in London.

Sie haben früher viel am Computer gespielt. Kann man auf dem virtuellen Feld etwas lernen, was auch auf dem Rasen hilft?

Auf jeden Fall. Wenn du auf der Konsole gut sein willst, musst du viel nachdenken. Jede Mannschaft spielt ein anderes System. Meine Freunde haben oft gefragt: „Wie hast du jetzt den Mitspieler überhaupt gesehen?“ Unten am Bildschirm gibt es ein Radar, man muss nur hinschauen. Das machen die wenigsten.

Auf dem Platz haben Sie aber kein Radar.

Nein, aber wenn du schon an den nächsten Pass denkst, bevor der Ball bei dir ist, ist es leichter deine Mitspieler zu finden. Ich weiß vorher schon, wo die Lücken sind. Oft verlasse ich mich darauf, dass einer dann wirklich dort hinläuft.

Arsenal ist ein sehr internationales Team. Nehmen Sie kulturelle Unterschiede wahr?

Auf dem Platz nicht, wir alle spielen den technischen Stil, den der Trainer sehen will. In der Kabine sind Per Mertesacker und ich für die anderen natürlich schon „die Deutschen“. Manchmal ziehen sie uns damit auf. Aber wir erinnern sie dann daran, wer in Brasilien Weltmeister geworden ist. So ist schnell wieder Ruhe (lacht).

Mesut Özil mit Jugendtrainer Norbert Elgert

Wie kommen Sie mit dem Linksverkehr klar?

Bei mir ist ja alles links, ich bin Linksfuß und Linkshänder. Links zu fahren, ist kein Problem für mich. Allerdings fahre ich immer noch Linkslenker. Schwierig ist das nur im Parkhaus, da komme ich allein nicht ans Ticket ran. Wenn mein Cousin neben mir sitzt, ziehe ich ihn damit immer auf. Ich lasse das Fenster runter und sage: „Mein Assistent erledigt das.“

Ihr täglicher Weg führt aus der Stadt hinaus zum Trainingsgelände. Macht es Spaß, jeden Tag eine Stunde im Auto zu sitzen?

Sehr. Man ist ja als Fußballprofi ständig auf Achse, aber richtig Spaß macht mir nur das Autofahren. Ich steige morgens noch etwas müde in mein S-Klasse Coupé, mache die Tür zu, meine Musik an und fühle mich auf der Stelle gut. Glauben Sie mir: Ich sage das nicht nur, weil Sie mich interviewen. Ich liebe dieses Auto. Es ist sportlich und zugleich elegant, innen sehr Science-Fiction und außen „classy“, wie die Engländer sagen. Die Straßen haben hier viele Löcher und Unebenheiten, doch der Wagen schluckt alles weg. Seit ich ihn fahre, haben sich einige Mannschaftskameraden auch so einen zugelegt. Und wenn das Wetter mal schlechter ist – das kann hier schon mal vorkommen – fahre ich meine G-Klasse. Die ist im Vergleich ein Monstertruck. Macht aber auch Spaß.

Wäre es denkbar für Sie, auch nach Ihrer Karriere in London zu bleiben?

Wissen Sie, früher wollte ich immer weg. Aber heute vermisse ich Deutschland, meine Stadt Gelsenkirchen, meine Familie und meine Freunde. Wenn ich dort bin, spüre ich sofort, dass das meine Heimat ist. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, später woanders zu leben.

Özil mit dem WM-Pokal

Meilensteine.

1988

Mesut Özil wird am 15. Oktober in Gelsenkirchen geboren.

2006 bis 2008

Als 17-Jähriger kommt er im Trikot von Schalke 04 zu seinen ersten Bundesliga-Einsätzen.

2008 bis 2010

Bei Werder Bremen reift Özil zum Star: Er gewinnt 2009 den DFB-Pokal und wird in die deutsche A-Nationalelf berufen. 2010 wechselt er für rund 15 Millionen Euro zu Real Madrid.

2010 bis 2013

Mit Real Madrid gewinnt Özil die spanische Meisterschaft, den Supercup (beides 2012) und den nationalen Pokalwettbewerb (2011).

2013

Der FC Arsenal zahlt rund 50 Millionen Euro Ablöse an Real Madrid – die bis dahin höchste Summe, die je für einen deutschen Spieler bezahlt wurde.

2014

Özil wird in Brasilien Weltmeister mit der deutschen Nationalmannschaft.

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