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  • Unangefochten – Die Geschichte der Beatrice Vio.
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    Unangefochten – Die Geschichte der Beatrice Vio.

    Mit elf Jahren verliert sie Arme und Beine, bekommt Prothesen und folgt dennoch weiter ihrer Passion: Fechten.

    Text: Marc Bielefeld

Sportlich, agil, talentiert.

Die Meningitis kam schnell und leise, binnen drei Tagen schlug sie zu. Eine seltene Form, die schlimmste Form. Beatrice Vio, elf Jahre alt, Italienerin, geboren in Venedig und von Freunden „Bebe“ genannt, traf es aus heiterem Himmel. Ein hübsches, junges Mädchen. Sportlich, agil, talentiert. Aber was weiß der Mensch schon über sich selbst? Was kann er von sich selbst behaupten, wenn er immer nur über die gemütlichen, über die blessurlosen und abgrundfreien Wege des Lebens spaziert ist? Beatrice Vio ficht, seit sie fünf ist. Ihr Lieblingssport, ihre Passion. Man muss für diese Art des Wettkampfs schnell sein, behände, tänzerisch.


Wer fechten will, der soll haben ein Herz wie ein Löwe.

Man muss ein sehr gutes Auge besitzen und darf keine Angst vor Treffern haben. Der Rat eines alten Fechtmeisters an seine Schüler geht so: Wer fechten will, der soll haben ein Herz wie ein Löwe. Junger Ritter, lerne Gott zu lieben. Trachte nach Redlichkeit und befleißige dich in Ritterschaft. Habe eines Mannes Mut, gegen jeden, der dir Unrecht tut. Willst du bei Ehren bleiben, so sollst du die Wahrheit üben. Stehe fest wie ein Bär und sei nicht wankelmütig. – Drei Tage. Die Hirnhautentzündung befällt sie jäh, überfällt sie. Ein Dieb, der von hinten kommt. Diese Meningitis kommt so schlimm, dass die Elfjährige plötzlich in akuter Lebensgefahr schwebt.


Sie hält durch.

Es ist eine jener Formen, die nur vier Prozent der Betroffenen überleben. Experten sagen, diese Form der Meningitis besäße die Wucht, einen Stier zu töten. Krankenhaus, Ärzte. Die junge Beatrice kommt am Ende mit dem Leben davon – jedoch mit gravierenden Folgen. Die Entzündung führt zu Nekrose, dazu, dass dem jungen Mädchen unterhalb der Knie beide Beine, ab den Ellenbogen beide Unterarme amputiert werden müssen. Dreieinhalb Monate Krankenhaus. Es folgen plastische Operationen, Schmerzen. Haut wird ihr entnommen, auf den offenen Stümpfen von Armen und Beinen reimplantiert. Sie hält durch, übersteht die Strapazen.


Trägerin der olympischen Flamme.

Bald ist sie wieder zu Hause, geht wieder zur Schule, trifft Freunde. Vier Gliedmaßen leichter. Vier. Fechten war schon im antiken Griechenland und im Römischen Reich anerkannt, eine der ältesten Wettkampfarten der Menschheit. Im Mittelalter war es üblich, sein Gegenüber bei Meinungsverschiedenheiten oder Beleidigungen zu einem Duell aufzufordern, das mit Säbeln ausgefochten wurde. Wer diese potenziell hochgefährliche Einladung ausschlug, galt als Mann ohne Ehre. Der musste mit gesellschaftlicher Ächtung rechnen. Beatrice Vio hat die Meningitis zu einem besonderen Duell herausgefordert. Zu einem Kampf mit sich selbst.


Ein Jahr lang lernt „Bebe“ den Umgang mit ihren Prothesen, aktiviert erneut ihre Muskeln. Sie lernt gehen, lernt greifen. Sie lernt, den Degen zu halten. Da ist ein ungeheurer Wille. Eine Kraft, die für weitaus mehr reicht als sportliche Siege. Sie beginnt wieder zu fechten, nimmt während der Paralympics an Wettkämpfen teil. Sie gewinnt eine Auswahl, wird zur Trägerin der olympischen Flamme. Es ist der Moment, in dem die Welt von ihr erfährt, schweigt und staunt. Nicht über die bunte Eröffnungsfeier, nicht über die sportlichen Leistungen. Die Welt staunt über das innere Feuer, das in dieser jungen Frau aus Italien brennen muss.


„Mir wurde ein Traum geschenkt.“

Beatrice Vio aus Mogliano Veneto gewinnt etliche Medaillen. Unter anderem holt sie 2012 bei den italienischen Meisterschaften im Florettfechten Gold und bei den Weltmeisterschaften der unter 17-jährigen Männer und Frauen Silber. Sie macht weiter, immer weiter. Qualifiziert sich für Rio 2016 und gewinnt dort paralympisches Gold. Sie schreibt ein Buch, es trägt den Titel „Mir wurde ein Traum geschenkt“, darin sind Zeilen zu lesen wie diese: „Liebe Welt! Ich bin eine glückliche Frau! Mir geht es sehr gut mit meinen vier Beinpaaren, meinen Händen von Robocop und meinen Narben im Gesicht. Ohne sie würde ich mich gar nicht mehr wiedererkennen.“


Sportlerin des Jahres.

Bei den Laureus Word Sports Awards wird sie im Februar 2017 zur Sportlerin des Jahres mit Behinderung gewählt. Bei der Gala trägt sie ein rotes Abendkleid, rote Lippen, kurze Haare. Als sie aufgerufen wird, steht sie mühelos auf, geht durch den Saal, geht mit leuchtenden Augen die fünf Stufen hoch zur Bühne. Die Menschen im Saal applaudieren, stehend. Sie nimmt den Preis entgegen. Hält da oben ihre Rede, vor dem Publikum und vor der Welt, sie ist 19 Jahre alt. Sie spricht gutes Englisch. Sie lächelt, muss lachen. Beim Fechten, sagen ihre Gegner, sei sie eine heftige Angreiferin. Scheue keine Duelle, nehme es mit allen Gegnern auf. Sogar mit den ganz großen. Den Dämonen.


„Sport hilft.“

Frau Vio, Sie haben mit Ihren Eltern „art4­sport“ gegründet. Was genau machen Sie dort?

Ich war das erste Mitglied und das erste Testimonial. Meine Eltern haben „art4sport“ kurz nach meiner Erkrankung im Jahr 2009 gestartet. Heute sind wir 21 Mitglieder. Wir fördern Kinder mit Amputationen, die Sport als Therapie einsetzen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie sehr Sport hilft.

Glauben Sie, dass Menschen mit Prothesen eines Tages schneller, stärker und sportlich womöglich überlegen sein werden?

Ingenieure und Wissenschaftler machen in der Tat große Fortschritte in der Prothetik. Es hilft Menschen wie uns und dadurch können wir unsere Leistung immer weiter verbessern. Wie stark und schnell, wird sich in naher Zukunft zeigen.


Den Bekanntheitsgrad der Paralympics steigern.

Sie waren nach den Paralympics zum Abendessen im Weißen Haus eingeladen. Verraten Sie uns – was hat Barack Obama zu Ihnen gesagt?

Das darf ich leider nicht verraten. Aber was ich sagen kann, ist, dass er ein überaus herzlicher und freundlicher Mensch ist, ein guter Zuhörer. Und ich hätte es nie für möglich gehalten, aber ich habe tatsächlich ein Selfie mit ihm bekommen.


Was haben Sie in Zukunft vor, was wäre Ihr Traum?

Es gibt eine Menge Projekte und Ziele, die ich erreichen möchte. Was mir besonders am Herzen liegt, ist, den Bekanntheitsgrad der Paralympics zu steigern. Leider wissen die meisten Menschen noch nicht, dass es jede olympische Disziplin auch bei den Paralympics gibt. Das möchte ich ändern, ich glaube, dass ich da eine wichtige Rolle spielen kann.