Alles im Wanderland.

Vancouver ist eine so wundervolle Stadt, dass sich selbst Alice nie langweilen würde. Mit dem Kajak vorbei an Wolkenkratzern, per Gondel in den Urwald oder im Wassertaxi zur indianischen Kunst.

Die Naturschönheit.

Die Naturschönheit der kanadischen Metropole ist durch nichts zu übertreffen – außer noch durch ihren Kulturreichtum. Vom Kajak aus wirkt Vancouver wie ein gigantisches Freiluft-Fitnessstudio. Leise schwappen die Wellen gegen das Boot, Möwen kreisen am Himmel und rundherum herrscht reger Verkehr. Segelboote kreuzen den Weg, athletische Stehpaddler gleiten unter der Granville Bridge hindurch, während auf der Uferpromenade „Sea Wall“ Läufer, Rollerblader und Radfahrer aneinander vorbeiflitzen. „Die meisten Menschen in Vancouver sind verdammt fit“, sagt Tessa Mul. Die strohblonde Niederländerin ist 28, Kajak-Instruktorin und gehört selbst zu jener Spezies Mensch, die ohne Körperfett auskommt. Vor sechs Jahren war Mul für ein Praktikum an die Westküste Kanadas gereist und entschied sich, in der dynamischen, multikulturellen Stadt zu bleiben. „Die Leute hier verbringen ihre Zeit am liebsten in der Natur“, sagt sie. Kultur spiele da eher eine Nebenrolle. „Das da ist der Ersatz“, sagt Mul und zeigt mit dem tropfenden Paddel auf den Stanley Park, einen gigantischen Stadtwald mit mächtigen Bäumen, Moos und Farn. Bereits im 19. Jahrhundert wurde die Halbinsel per Gesetz vor jeglicher Bebauung geschützt.

Was für eine Location!

Wenn Vancouvers Bewohner über ihre Heimat schwärmen, sprechen sie zuerst über die Lage der Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole, die fjordähnlichen Buchten, die Strände und das dicht bewaldete Gebirge. Was für eine Location! Zum Wandern, Mountainbikefahren, Skilaufen und Snowboarden. Es gibt hier Menschen, die zum Training mehrmals die Woche auf den Hausberg Grouse Mountain rennen, dabei 853 Höhenmeter und 2830 Stufen mitnehmen. Selbst zwischen den Wolkenkratzern der Innenstadt ist der Outdoor-Look präsent. „Goretex-Jacken, Fleece-Pullis und Tights sind in Vancouver überall salonfähig“, sagt Nicole Bridger. „Für mich als Modemacherin ist das natürlich schwierig.“ Die Designerin sitzt auf einem der Sofas in ihrer gemütlichen Boutique im hippen Altstadt-Viertel Gastown. Die Wände bestehen aus rohem Ziegelstein, Bücher und Zeitschriften laden zum Verweilen ein.

Grüne Trendsetter.

Ihr Öko-Modelabel beschreibt die 34-jährige als „casual elegant“ und „sexy, aber bequem“. Genäht wird die Kollektion in einer eigenen Fabrik in Vancouver. Bridger hat sich hohe Ziele gesteckt: Ein Laden in Toronto wird gerade eröffnet, Dutzende weiterer Boutiquen sollen folgen. „Es gibt gerade einen Richtungswechsel bei den Konsumenten“, erklärt Bridger, „hin zu Fair Trade, Ökotextilien und nachhaltiger, gut verarbeiteter Kleidung, die nicht nur eine Saison lang in Mode ist.“ Vancouver, sagt sie, sei ein Vorreiter dieser Entwicklung. Die meisten Bürger der Stadt, in der 1971 die Umweltorganisation Greenpeace gegründet wurde, sind laut Bridger grün eingestellt, gesundheitsbewusst und weltoffen. Sie wird unterbrochen, als eine Freundin anruft, um über den Wanderausflug am Wochenende zu sprechen. Auch Nicole Bridger ist natürlich begeisterte Outdoor-Sportlerin.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen. „Als jemand, der nicht mal schwimmen kann, falle ich in dieser Stadt ziemlich aus dem Raster“, sagt Ron Terada und lacht. Der 47-Jährige steht in einer winzigen Galerie, die sich zwischen obskuren Büros versteckt. Wer seine kleine Ausstellung sehen möchte, muss in der Buchhandlung im Erdgeschoss nach dem Schlüssel fragen.

„Nicht sehr glamourös“, gibt der Künstler zu, „aber ich mag diesen Raum.“ Hinter ihm hängen fiktive Filmposter für Spaghetti­western. Ihre Titel hat Terada in einer schwer lesbaren Typografie gelayoutet. „Vancouver ist eine seltsame Stadt“, meint der Mann mit der Hornbrille und nippt an seinem Kaffee, „wir haben weltbekannte Künstler wie Jeff Wall, Stan Douglas oder Rodney Graham. Aber die kennt hier kein Schwein.“ Er zuckt mit den Schultern. „Der Wilde Westen eben.“ Trotzdem, so Terada, sei „Made in Vancouver“ eine Art Qualitätsprädikat im globalen Kunstmarkt. Eine Tatsache, die der Kanadier ironisch aufgreift, indem er das Ortsschild „Entering City of Vancouver“ regelmäßig in seine Arbeiten integriert. Teradas radikalstes Werk war eine Ausstellung in der Vancouver Gallery of Contemporary Art, die auf Kunstobjekte vollständig zugunsten eines hochwertigen Katalogs verzichtete. An den Wänden konnte man lediglich die Namen und Logos der Sponsoren lesen, die bereit waren, diese Zuspitzung zu finanzieren.

Sushi und Totempfähle.

Dass Terada japanische Wurzeln hat, findet der Künstler übrigens kaum erwähnenswert. „Soll ich mit Reispapier arbeiten, nur weil ich Vorfahren aus Asien habe?“ In Vancouver, wo Sushi und Dim Sum verbreiteter sind als Burger, ist das ganz normal. Etwa 400.000 Menschen chinesischer Herkunft leben in der Metropolregion. Einen kleineren Teil der Bevölkerung bilden die sogenannten First Nations oder Ureinwohner. Bis heute streiten einige ihrer Vertreter mit den kanadischen Behörden um einen angemessenen Umgang. „Ein höchst komplizierter Prozess“, sagt Pam Brown, Kuratorin des Anthropologischen Museums, „erschwert durch die Tatsache, dass es in British Columbia 196 verschiedene First-Nations-Gruppen gibt.“ Die 62-jährige gehört selbst dem kleinen Volk der Heiltsuk an, das auf einer Insel nördlich von Vancouver beheimatet ist. Brown spaziert durch die Haupthalle des Museums. Vorbei an Kanus, überlebensgroßen Holzfiguren und Totempfählen. „Wir haben in den letzten Jahren immer mehr Tafeln angebracht, die sich mit der Provenienz der Exponate beschäftigen und den Geschichten der Familien, die dahinterstehen.“ Das Museum of Anthropology hat eine der wichtigsten Sammlungen von Indianer-Kunst weltweit und ist eine bedeutende Touristenattraktion.

Vielleicht gibt es in Vancouver gar nicht so wenig Kultur.

Kaum ein Besucher kann sich der Wirkung der Figuren, Masken, Kanus, Körbe, Decken und Truhen entziehen, die in dem Arthur-Erickson-Bau ausgestellt sind. „Wir stehen in ständigen Verhandlungen mit Vertretern der verschiedenen Nations und Klans“, erklärt Brown. „Was für den einen Kunstgegenstände sind, kann dem anderen heilig sein.“ Manchmal wird jahrelang über eine angemessene Präsentationsform diskutiert. „Diese intensive Auseinandersetzung ist für die Identität vieler Menschen wichtig“, sagt Brown.

Vielleicht gibt es in Vancouver gar nicht so wenig Kultur. Man darf nur nicht im Eilschritt an ihr vorbei joggen. Was man dann entdeckt, kann genauso spannend sein wie ein Downhill Ride mit dem Mountainbike.

Sushi ohne Chichi.

Bei Hidekazu Tojo haben sie alle schon gegessen: Schauspieler, Sänger, Industrielle, Politiker und sogar der Kaiser von Japan. Der kleine Mann mit dem beachtlichen Schnurrbart ist selbst längst ein Star, und das Abschlussfoto mit dem Chefkoch gehört zum Ritual des humorvollen Sushi-Meisters. „Oishiiiiii“ (leeeecker) ist das Zauberwort, mit dem er seine Gäste zum Grinsen bringt. 1971, als Tojo als 21-Jähriger nach Vancouver kam, war japanisches Essen dort völlig unbekannt. Inzwischen findet man in der stark asiatisch geprägten Metropole leichter ein Lokal für Sushi, Sashimi und Ramen als einen anständigen Burger-Laden. Tojo, dessen unorthodoxer Ansatz in Japan auf erbitterten Widerstand stieß, kreierte in Kanada eine innovative Sushi-Küche. Heute führt der Erfinder der California Roll, ein Inside-Out-Maki mit Gurke, Krebsfleisch und Avocado, ein Restaurant der Spitzenklasse. Entspannt geht es am langen Tresen der offenen Küche zu. Tojo hat zahlreiche Helfer um sich geschart, die konzentriert arbeiten. Dass sie Spaß an ihrem Job haben, ist regelmäßig zu hören, wenn das gesamte Team in schallendes Gelächter ausbricht. Wer Tojo in Höchstform erleben will, sollte ein mehrgängiges Omakase-Dinner bestellen und sich vom Meister überraschen lassen.

tojos.com

Im Himmel der Brauer.

Um ein Glas Kürbis-, Brombeer- oder Traubenbier kommt man an der nordamerikanischen Westküste derzeit kaum herum. Die Craft-Beer-Szene ist riesig, das Geschäft mit Spezialbieren boomt. 17 Brauereien gibt es in Vancouver, fünf Brewpubs und zwölf Tap Rooms. „Wir kleinen Brauer können uns hier so ziemlich alles erlauben“, sagt Chris Charron, 28-jähriger Braumeister der Steel Toad Brewery. Eine Variante der Berliner Weiße mit Himbeeraroma? Ein englisches Bitter mit Apfelnoten? Alles ist möglich. „Kein Traditionalist wird mir hier vorwerfen, mich am Pilsner zu vergreifen“, sagt Charron. Was auch immer er gerade zusammenbraut – es muss sich nicht im Handel beweisen, sondern wird im eigenen Ausschank getrunken. Und deshalb gibt es bei Charron fast jede Woche neue Varianten, Nuancen, Versuche. „Das ist eine geniale Freiheit“, sagt er. Vor knapp einem Jahr eröffnete die stylishe Bierhalle im ehemaligen Olympischen Dorf. Zu den raffiniert gehopften Getränken gibt es Speisen weit jenseits normaler Pub-Kost. Probieren sollte man unbedingt den mehrstöckigen Tomatensalat.

steeltoad.ca

Eisbein mit Hummer.

Als der Sternekoch Stefan Hartmann seine beiden Berliner Lokale 2014 aufgeben musste, stellte sich die Frage: Was nun? „Das Angebot, ein neues Restaurant in Kanada zu entwickeln, kam wie gerufen“, sagt der 38-Jährige. „Bauhaus“ heißt sein neues Projekt. „Nicht zu verwechseln mit Brauhaus“, sagt Hartmann und lacht. Er hat sich vorgenommen, das Lokal zu einem der besten der Stadt zu machen. Mitten in Gastown, dem quirligsten Ausgehviertel Vancouvers, ist das „Bauhaus“ in einem historischen Backsteingebäude untergebracht. Serviert wird moderne deutsche Küche mit einem kanadischen Twist: etwa Schwarzer Zackenbarsch mit Miesmuscheln und Wurzelgemüse oder Eisbein mit Hummer. Hartmann kocht schnörkellos, elegant und mit hohem handwerklichen Anspruch. Typisch deutsch, könnte man sagen, was Hartmann durchaus beabsichtigt. „Besonders gut kommen wir bisher bei chinesischen Gästen an“, erklärt der Koch, „die verstehen hier am meisten vom Essen.“ Überrascht war Hartmann von der hervorragenden Qualität des regionalen Gemüses. „Wir denken ja immer, dass Kanada weit im Norden ist. Dabei liegt Vancouver auf demselben Breitengrad wie Stuttgart.“

bauhaus-restaurant.com

Für jeden das Richtige – und ein bisschen Gaga.

Als die 96 Zimmer des Opus Vancouver vor zwei Jahren umgestaltet wurden, erfanden die Hotel-Erneuerer fünf Figuren, die für die verschiedenen Gästetypen stehen sollen: Pierre, der Pariser Restaurantkritiker. Dede, die Schauspielerin aus Los Angeles. Mike, der schwule Arzt aus New York. Und Billy, der Londoner Rockmusiker. Nicht zu vergessen die kinderliebe und Yoga-begeisterte Susan aus Toronto. Um die fiktiven Musen zufriedenzustellen, wurden fünf Designkonzepte mit unterschiedlichen Farbskalen, Kunstobjekten und sogar Playlists entwickelt.

Alle Zimmertypen haben iPad, Espressomaschine und Gratis-Mieträder. Das Opus ist bunt, cool und ein bisschen retro. Kein Wunder, dass es auch bei Prominenten beliebt ist: Lady Gaga war auch schon da, obwohl sie in kein Schema passt.

vancouver.opushotel.com

Trimm-dich-Pfad mit Ausblick.

Wer seine Laufschuhe am English Bay Beach schnürt, kann sich in den Strom der Läufer einreihen und einen der schönsten Lauftrails der Welt erleben. Die Strecke führt 10 Kilometer am Stanley Park entlang, rund um die grüne Halbinsel. Auf einer Seite das Wasser, auf der anderen die prächtigen Bäume des Waldgebiets. Entlang von Stränden, Felsen und einer Bronze namens „Girl in A Wetsuit“ geht es vorbei am Royal Vancouver Yacht Club und dem Ruderverein. Achtung: Jogger dürfen in beide Richtungen laufen, Radfahrer und Rollerblader müssen gegen den Uhrzeigersinn unterwegs sein.

Unsere Reisetipps.

Kreuzfahrt: theaquabus.com

Protestkultur: westbankcorp.com/STAN-DOUGLAS

Insellage: granvilleisland.com

Abgehoben: harbourair.com

Drahtseilakt: seatoskygondola.com

Gut zu wissen.

Appfahren.

Einen Mietwagen müssen sich Reisende in und um Vancouver eigentlich nicht nehmen. Stattdessen melde man sich einfach bei Car2go an und lade die App des Carsharing-Systems auf sein Smartphone. Bei Bedarf wird angezeigt, wo das nächste Fahrzeug steht. Wird es nicht mehr gebraucht, einfach parken, aussteigen, elektronisch abschließen – die Abrechnung kommt per Mail. Die Car2go-Flotte in Vancouver umfasst mehr als 300

Abfahren.

Obwohl es in der Stadt selbst selten schneit, ist sie eine der besten Wintersport-Destinationen der Welt. Nicht umsonst war Vancouver Austragungsort der olympischen Winterspiele 2010. Skifahrer und Snowboarder haben die Wahl zwischen den drei Hausbergen Grouse Mountain (24 Pisten), Cypress Mountain (34 Pisten plus Langlauf-Optionen) und Mount Seymour (20 Pisten) sowie dem knapp zwei Stunden entfernten Wintersportparadies Whistler.

Durchblicken.

Seit 1990 wuchsen in Vancouver grünlich schimmernde Wohntürme in den Himmel. Einheimische nennen die architektonisch eher eintönigen Glasgebäude „See-Throughs“, der Schriftsteller Douglas Coupland hat das Wort „Glass-Totems“ geprägt. Ein Gutteil der Apartments gehört reichen Hongkongern und steht den größten Teil des Jahres leer.

Treiben lassen.

Vancouver hat hervorragende Sandstrände. Die meisten sind aber mit Baumstämmen übersät – ein natürlicher Plastikliegen-Ersatz. Das viele Treibholz ruft in Erinnerung, dass British Columbias wichtigster Wirtschaftszweig die Forstwirtschaft ist (Jahresumsatz: 12 Milliarden kanadische Dollar). Zum Picknicken und Sonnenbaden sind die Strände an der English Bay gut geeignet. Wer schwimmen will, darf bei maximal 17 Grad Wassertemperatur nicht allzu kälteempfindlich sein.

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