Courture fürs Parkett

Couture fürs Parkett.

Die Teppiche von Jan Kath verbinden altes orientalisches Handwerk mit der Ideenwelt der Gegenwart. Sie gelten als Meisterwerke.

Man merkt, dass er sein Produkt liebt.

Jan Kath sitzt an einem Tisch im Showroom seiner Firma in Bochum, er reibt sich die Augen. An den Wänden die Teppiche der Erased-Heritage-Kollektion. Vor diesem vielfarbigen Hintergrund sieht Kath ein wenig blass, fast müde aus. Der 44-Jährige reist permanent um die Welt. Und führt Tag und Nacht Telefongespräche. „Wir haben Kunden in Nordamerika und Asien, wenn ich wollte, könnte ich also 24 Stunden durcharbeiten. Das sind die Geister, die ich rief“, sagt er. Das Gespräch beginnt und Kath ist sofort voll da. Er erzählt gern, man merkt, wie sehr er sein Produkt liebt.

Courture fürs Parkett.
Courture fürs Parkett.

Ich wusste, dass er was Besonderes ist.

Herr Kath, wann haben Sie das erste Mal gemerkt, was einen hochwertigen von einem gewöhnlichen Teppich unterscheidet?

Ich war von klein auf von erlesenen Teppichen umgeben. Schon mein Großvater und mein Vater haben sie gekauft und verkauft. Sie hatten ein Geschäft hier in Bochum. Zu meinem zwölften Geburtstag schenkte mir mein Vater einen wertvollen Teppich, den ich mir in meinem Zimmer an die Wand hängte. Was in dem Alter schon etwas ungewöhnlich ist, aber ich wusste eben, dass er etwas Besonderes ist.

 

Was für ein Teppich war das?

Ein klassischer persischer Teppich, ein Bidjar. Ich habe ihn heute noch.

 

Was bezeichnet der Name Bidjar?

Es ist eine Stadt im Iran, aus der das Muster des Teppichs stammt. Je nach Region, je nach Stadt unterscheiden sich die Designs der Textilien. Als ich noch im Laden meines Vaters in die Lehre ging, hat uns der Lehrmeister abgefragt. Wir mussten anhand der Motive und Farben wissen, woher der Teppich kam, und anhand seiner Struktur fühlen, wie alt er war.

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Tradition und Moderne.

Dieses Wissen nutzen Sie heute noch. Wir sitzen hier in Ihrem Hauptquartier in ­Bochum inmitten von Teppichen Ihrer Erased-­Heritage-Kollektion, deren Grundlage die Motive klassischer Teppiche sind.

Wir haben ein riesiges Portfolio dieser alten Muster. Bei Erased Heritage brechen wir das klassische Design, in dem wir weitere Ebenen darüber legen. Das antike Muster scheint darunter hervor, wie eine alte Tapete hinter abblätterndem Putz.

Tradition und Moderne.

Wir greifen ein, brechen mit Sehgewohnheiten, folgen aber in der Herstellung und der Verwendung der Materialien dem alten Handwerk des Knüpfens. Vor eineinhalb Jahren bezeichnete das Londoner Victoria and Albert Museum, das eine der größten und am längsten zurückreichenden Sammlungen antiker Teppiche beherbergt, unsere Erased-Heritage-Edition als Speerspitze neuer Entwicklungen innerhalb der Tradition. Wir scheinen also auf dem richtigen Weg zu sein.

Ihr eigener Weg war weniger geradlinig. Die Lehre im Laden Ihres Vaters brachen Sie ab. Warum?

Ich wollte auf keinen Fall in die Fußstapfen meines Großvaters und meines Vaters treten und außerdem wollte ich weg aus Bochum und aus Europa. Ich bin dann nach Asien und in die Techno-Hippie-Szene von Indien abgetaucht.

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt?

Ich habe meinen Horizont extrem erweitert, habe Dinge gesehen und wahrgenommen, die meine Denkweise bis heute beeinflussen. Auch meine Arbeit. Sie können es an dem Teppich da hinten sehen. Ihm liegt ein persisches Heriz-Motiv zugrunde, aber ansonsten sieht er aus, als wäre er in einen Topf mit fluoreszierender Farbe gefallen.

Ich war schon etwas orientierungslos.

Warum haben Sie sich dann später doch entschieden, in den Teppichhandel einzusteigen?

Ich war schon auch etwas orientierungslos. Vor mehr als zwanzig Jahren traf ich in Kathmandu, wo ich damals lebte, einen Lieferanten meines Vaters. Er bot mir einen Job an. Ich wurde sein Mann fürs Grobe, führte Qualitätskontrollen durch, organisierte Abläufe. Bald arbeitete ich als freier Mitarbeiter auch für andere Teppichunternehmen, reiste nach Tibet oder in die Mongolei. Und dann bekam ich einen Anruf von dem deutschen Lieferanten, ob ich seine Werkstatt in Kath­mandu übernehmen möchte. Ich sagte zu.

 

Sie scheinen keine Angst vor einschneidenden Entscheidungen zu haben.

Ich war vor allem naiv. Plötzlich hatte ich die Verantwortung für fast 300 Angestellte, konnte mir aber nicht einmal einen Designer leisten. Also übernahm ich das selbst. Die ersten fünf Jahre lief es mehr schlecht als recht, ich orientierte mich am Mainstream.

Courture fürs Parkett.
Courture fürs Parkett.

Ich setzte alles auf eine Karte.

Und wann wurde Jan Kath zu Jan Kath?

So um die Jahrtausendwende machte die Sache finanziell keinen Sinn mehr. Ich dachte, wenn nun alles vorbei sein soll, dann mach etwas, was dir wirklich am Herzen liegt. Ich entwarf die Concept-Kollektion. Sie war von der Ästhetik der Industrie-Ruinen des Ruhrgebiets beeinflusst, vom Zerfall, hinter dem eine zweite Ebene hervorscheint. Das wurde meine Handschrift. Meine letzten 25.000 Mark verwendete ich für ein Fotoshoot in der Zeche Zollverein, damals eine Ruine, und die Produktion eines Katalogs. Ich setzte alles auf eine Karte und es klappte.

 

Seitdem sind 25 Kollektionen entstanden. Wie schwierig war es, den Knüpfern in Nepal die neuen Designs zu vermitteln?

Wir haben Knüpfschulen aufgebaut, um sie zu trainieren. Wir erstellen Vorlagen, die die Knüpfer lesen. Sie sind in Punkte aufgelöst, sie lesen sie horizontal: siebenmal blau, einmal grün, zweimal gelb. Für mich ist jeder Knoten wie ein Pixel in einem Foto. Je feiner, desto fotorealistischer.

Courture fürs Parkett.

Den Beruf wieder schmackhaft machen.

Warum?

Wir mussten ein neues Lagerhaus bauen, um alle Farben vorrätig zu haben. Außerdem weigerten sich einige Knüpfer, an den Teppichen zu arbeiten. Sie müssen ständig die Farben wechseln, manchmal bei jedem Knoten. Mehr als einen Zentimeter pro Tag schafft man so nicht. Das ist sehr frustrierend. Es dauert bis zu sechs Monate, bis ein Teppich fertiggestellt ist.

Wie schwierig ist es, Nachwuchs für diese Arbeit zu finden?

Die jungen Leute in Nepal oder Indien haben heute viel mehr Alternativen als vor zwanzig Jahren. Sie können auch in einer Handyfabrik arbeiten oder auf dem Bau oder sich selbst nach Dubai exportieren. Wir bezahlen zwar überdurchschnittlich gut, bieten den Familien Wohnraum auf unseren Geländen, Kindergärten, angenehme Arbeitsbedingungen – und trotzdem haben die jungen Leute keine Lust mehr auf die Anstrengungen des Knüpfens.

Was tun Sie dagegen?

Ich habe gerade mit einer Fair-Trade-Organisation eine Kampagne gestartet, um den Jungen den Beruf wieder schmackhaft zu machen. Ich möchte ein Handwerk erhalten, das bisher von Generation zu Generation weitergegeben wurde und nun zu sterben droht. Wir können heute fast jedes alte Muster herstellen. Zu mir kommen Kunden, die einen traditionellen Teppich haben möchten, und wir können ihn liefern. Wir haben eine Finishing-Technik entwickelt, die den Teppichen eine Patina verleiht, als wären sie schon mehrere Hundert Jahre alt.

Wie machen Sie das?

Normalerweise werden überstehende Härchen auf der Rückseite der Teppiche abgeflammt. Wir haben ausprobiert, was passiert, wenn man das gleiche auf der Vorderseite macht. Wir scheren also mit Feuer, brennen die Fäden aus Seide und Wolle bis auf den Knoten runter. Wir schaben den Ruß ab und dann kommt ein Teppich heraus, der wirkt, als wären über 300 Jahre hinweg Leute auf ihm herumgelaufen. Selbst Experten können keinen Unterschied feststellen. Dazu kommen noch spezielle Waschungen. Wie das genau funktioniert ist ein Geheimnis. Jedenfalls können wir so Teppiche herstellen, die man nicht von solchen unterscheiden kann, die 150.000 Euro kosten.

Verschiedene Säulen.

Günstig sind Ihre Teppiche aber auch nicht. Wer kauft bei Ihnen ein?

Unser Geschäft steht auf verschiedenen Säulen. Wir arbeiten auch als Unterlieferant und Berater für Modefirmen und einen Möbelhersteller. Die Privatkunden, die in unsere Läden kommen, legen Wert auf Qualität. Ich beobachte immer wieder, wie Frauen ihre Männer in unsere Läden zerren. Widerwillig folgen sie. Doch nach zehn Minuten öffnen sie sich. Durch uns interessieren sich auch jüngere Leute wieder für Teppiche.

 

Und viele Prominente.

Ja, aber eigentlich finde ich die Leute spannender, die hart arbeiten müssen, um bei mir einkaufen zu können. Was suchen sie aus, welche Vorstellungen haben sie? Manchmal ist der Kontakt mit Prominenten natürlich auch interessant und lustig. Vor Kurzem habe ich Sven Väth auf Ibiza besucht. Er besitzt mehrere Teppiche von mir. Wir haben festgestellt, dass wir uns vor 20 Jahren schon mal getroffen haben. Zu meiner Techno-Zeit. Da hat sich ein Kreis geschlossen.

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