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Das andere Morgenland.

San Francisco liegt tief im Westen, also dort, wo die Sonne abends untergeht. Trotzdem wird hier maßgeblich mitbestimmt, wie die Welt übermorgen aussieht – in der Bay Area schlägt das Herz der Digitalisierung. Eine Reise in die Region, aus der die Zukunft kommt.

Ein Sinnbild für die Entwicklung der Westküsten-Metropole.

Der Gebäuderiegel des San Francisco Museum of Modern Art wirkt blass, so als sei alle Kunst und auch jedes Leben aus ihm gewichen. Auch die Wolkenkratzer in der Umgebung sind farblos. Irgendetwas stimmt nicht mit dieser in Wahrheit so bunten Stadt. Und dann kommt plötzlich Bewegung in die Szenerie: Ein riesiger Zeigefinger rast durch die Market Street und droht, das ehrwürdige Ferry Building am Embarcadero in das elfenbeinfarbene Wasser der Bucht zu stoßen.

Der Finger von Sarah Brin stoppt dann doch rechtzeitig. Die Programmentwicklerin der Firma Autodesk hat kein Interesse daran, das detailgetreue Modell von San Franciso zu verwüsten, das in ihrem Unternehmen entstanden ist. Die Miniatur aus monochromem Kunststoff ist ein dreidimensionaler Ausdruck. Stadtentwickler können die Ansicht am Computer beliebig verändern und dann einen neuen 3-D-Print erstellen lassen. Das hilft bei der Planung. Und ist zugleich ein Sinnbild für die Entwicklung der Westküsten-Metropole: In keiner anderen Stadt der Welt wirkt sich der Fortschritt digitaler Techniken so unmittelbar aus wie in San Francisco. Brins Fingerkuppe schwebt nun über dem Modell des Hafengebäudes, in dem sie sich gerade befindet. Ihre Firma ist einer der Weltmarktführer in Computer-Aided Design. „Was wir hier machen“, sagt sie, „lässt sich schwer kategorisieren. Es ist eine neue Art von Kreativität.“

„Die Grenzen des Machbaren erweitern“.

16 Künstler-Stipendiaten sowie 500 Informatiker, Erfinder, Bastler und Ingenieure arbeiten in dieser Zukunftswerkstatt. Sie dürfen 3-D-Printer, Lasercutter und Wasserstrahlschneider für unterschiedlichste Projekte nutzen. Während die einen klimaschonende Gebäudefassaden entwickeln, arbeiten andere an kostengünstigen Prothesen für Kinder. „Wir wollen die Grenzen des Machbaren erweitern“, sagt Brin. „Viele unserer Entwicklungen werden der Allgemeinheit digital zugänglich gemacht.“

„Die Grenzen des Machbaren erweitern“.

16 Künstler-Stipendiaten sowie 500 Informatiker, Erfinder, Bastler und Ingenieure arbeiten in dieser Zukunftswerkstatt. Sie dürfen 3-D-Printer, Lasercutter und Wasserstrahlschneider für unterschiedlichste Projekte nutzen. Während die einen klimaschonende Gebäudefassaden entwickeln, arbeiten andere an kostengünstigen Prothesen für Kinder. „Wir wollen die Grenzen des Machbaren erweitern“, sagt Brin. „Viele unserer Entwicklungen werden der Allgemeinheit digital zugänglich gemacht.“

Formen der Protest- und Subkultur haben hier Tradition.

Seit den 1950er-Jahren gehört die Bay Area rund um San Francisco zu den experimentierfreudigsten Regionen der Welt. Das kulturelle und akademische Zentrum an Amerikas Westküste war bei vielen Umwälzungen ganz vorn mit dabei: Ökologie, Wissenschaft, Rock ’n’ Roll und sexuelle Revolution – in Nordkalifornien wurde vieles ausprobiert und weiterentwickelt. Auch die digitale Wende wäre ohne die Tüftler aus dem Silicon Valley undenkbar.

„Welcome to Sherwood Forest“, grüßt das Schild am Eingang des Start-up-Unternehmens Robinhood in Palo Alto, etwa 45 Autominuten südlich von San Francisco. Nach einem Finanzdienstleister sieht das Büro wirklich nicht aus. Weder das riesige Comic-Wandgemälde, noch der Kickertisch oder die bunten Stühle, deren Sitzflächen wie große Kunststoffhände aussehen. Das Durchschnittsalter der 40 Mitarbeiter liegt bei Mitte 20. Noch vor einem Jahr wusste kaum jemand, was sich hinter Robinhood verbirgt. Heute zählt das digitale Unternehmen Hundertausende von Anwendern. Robinhood hat eine schlanke App entwickelt, mit deren Hilfe sich kinderleicht Aktien kaufen und verkaufen lassen. Kommissionsfrei. „Bei uns kannst du eine einzige Apple-Aktie kaufen oder hundert“, sagt der 30-jährige Firmengründer Baiju Bhatt, „unser Produkt ist rebellisch. Wir wollen das Börsengeschäft radikal verjüngen und demokratisieren.“

Bhatt ist Stanford-Absolvent und beschäftigt sich eigentlich lieber mit Physik und Raumfahrt als mit Aktienkursen. „Was die Bay Area auszeichnet, wurde nicht von Leuten geschaffen, deren Priorität das Geldverdienen ist“, meint er. „Die wirklich interessanten Dinge haben wir den Nerds und Außenseitern, den Schwulen und Hippies zu verdanken.“ San Francisco ist eben kein blasses Plastikmodell einer Stadt, sondern äußerst vital. Verschiedene Formen der Protest- und Subkultur haben hier Tradition. Legendäre ­Musiker und Künstler wirkten in der Bay Area. Engagierte Schriftsteller von Jack London und John Steinbeck, über die Beatniks um Allen Ginsberg, Jack Kerouac und Lawrence Ferlinghetti bis hin zu Internet-Kritiker Dave Eggers. Letzterer war 2001 samt seinem Verlag McSweeney’s von New York an die Westküste umgezogen. Sein Verlag gehört inzwischen zu den renommiertesten literarischen Adressen der Vereinigten Staaten. Sein Hauptsitz befindet sich im Mission District zwischen Espresso-Bars, Tattoo Studios und Boutiquen. „Wir geben ein literarisches Magazin heraus, eine Zeitschrift mit Essays und Reportagen sowie Bücher“, erklärt Verlagsleiter Jordan Bass. „Unsere Entscheidungen treffen wir mit dem Herzen. Wir glauben an die Zukunft des gedruckten Worts.“

Ein quicklebendiger Ort.

Wie sich ausgerechnet die Hauptstadt des Anti-Establishments in den vergangenen Jahren zur teuersten Metropole der USA entwickeln konnte, gehört zu den Ironien der Geschichte, die Jordan Bass nicht überstrapazieren möchte. „San Francisco ist nach wie vor ein quicklebendiger Ort, den wir nicht mit unserer Nostalgie in Beschlag nehmen sollten.“ Eigentlich, so der Verlagsleiter, sei es doch logisch, dass immer mehr gutbezahlte IT-Mitarbeiter aus den langweiligen Vorstädten in die City ziehen wollten. Genauso logisch wie die Tatsache, dass sich die Bedeutung der Digital- und Internet-Industrie auch auf den Kulturbetrieb auswirkt.

Wer mit dem Zug ins Silicon Valley pendelt, fährt jeden Tag an einem 180 Meter langen Wandgemälde vorbei, dem größten der vielen „Murals“, die es in San Francisco gibt. Entstanden ist das Werk per Crowdfunding. „Nachdem ich die Idee hatte“, erzählt Brian Barneclo, „holte ich mir erst den Segen des Gebäudeeigentümers.“ Jahrelang sammelte der Künstler dann Geld für sein Projekt. „Gemalt hab’ ich das Ding schließlich innerhalb von zwei Wochen.“ Barneclo ist ein humorvoller, selbstkritischer Mann. Sein Erfolg als Street Artist hat ihm großformatige Aufträge von Facebook und Google eingebracht. „Plötzlich war ich Wandmaler“, erzählt der 44-Jährige. Ganz wohl scheint er sich damit aber nicht zu fühlen.

„Ich habe mich aus der Komfortzone herausbegeben, Neues probiert – aber jetzt würde ich gern mal wieder Werke in Galerien ausstellen“, sagt Barneclo. Lachend fügt er hinzu: „Eigentlich sind Wandgemälde ja nur dazu da, dass man Selfies vor ihnen macht.“

Um sie anschließend in jene sozialen Netzwerke einzuspeisen, die von der Bay Area aus ihren Siegeszug angetreten haben. An San Francisco und seinen revolutionären Ideen führt kein Weg vorbei. Im virtuellen wie im echten Leben.

Frische und gegrillte Austern an Picknicktischen.

Der in San Francisco geborene Jack London kannte sich gut mit dem Meer aus. Bevor er 1904 seinen Roman „Der Seewolf“ veröffentlichte, war er als Jugendlicher im eigenen Boot durch die Buchten gekreuzt, um – illegal, aber geduldet – Austern zu ernten und zu verkaufen. Wer die Delikatesse heute kosten will, sollte über die Golden Gate Bridge rund 80 Kilometer nach Norden fahren. In Marshall an der Tomales Bay hat die Hog Island Oyster Company ihren Sitz. Frische und gegrillte Austern werden hier an Picknicktischen mit Blick aufs Wasser serviert. Dazu gibt es Weißwein, Champagner, Craft-Bier – und Wissenswertes über die Aufzucht der Weich­tiere. George Curth etwa erklärt Gästen gern, wieso in Nordkalifornien Austern so gut gedeihen: Gourmets verdanken das einer Meeresströmung aus Alaska, die reichlich Plankton heranschwemmt.

hogislandoysters.com

Pionierin der kalifornischen Qualitätsküche.

Amaryll Schwertner betreibt zwei Restaurants im Ferry Building, dem 1898 eröffneten Fährterminal und Einkaufszentrum am Ende der Market Street. Die Köchin, die als Kind 1956 mit ihrer Familie aus Ungarn floh, gilt als Pionierin der kalifornischen Qualitätsküche: Seit mehr als 35 Berufsjahren setzt sie auf den Reichtum der lokalen Landwirtschaft. Ihre Küche vereint europäisch-mediterrane und amerikanische Einflüsse, die Karte wechselt saisonal. „Man muss die Zutaten respektieren“, sagt Schwertner, „in Nordkalifornien fand ich schon in den 80er-Jahren eine hohe Sensibilität gegenüber frischen und gesunden Produkten vor.“ Schwertner bezieht die Zutaten für ihre Lokale „Boulettes Larder“ und „Boulibar“ vornehmlich von Bio-Farmen, kleinen Sennereien, Imkereien und Obstgärten. Gäste können einige der Produkte kaufen, um zu Hause selbst damit zu kochen.

bouletteslarder.com

„Ich koche im Grunde sehr einfach“.

Sehr gut essen konnte man in San Francisco schon lange, aber erst in jüngster Zeit hat sich die Westküsten-Stadt zu einer der wichtigsten kulinarischen Metropolen Nordamerikas aufgeschwungen. Wer kalifornische Kochkunst in Perfektion erleben möchte, sollte sich in die Obhut von Dominique Crenn begeben. Die Küchenchefin mit den französischen Wurzeln war die erste Amerikas, die mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde. Crenn, die aus Versailles stammt und der Liebe wegen nach San Francisco auswanderte, inszeniert ihre Küche poetisch: Gästen gibt sie kein schnödes Menü an die Hand, sondern ein Gedicht, das sie selbst verfasst hat. „Ich koche im Grunde sehr einfach“, sagt die Meisterin, „wobei diese Simplizität wiederum äußerst komplex ist.“ Ähnlich ist es ja auch in der Literatur: Nur den besten Dichtern gelingt es, etwas Gehaltvolles zu schreiben, das vollkommen und leicht wirkt. Crenns Speisen schmecken häufig anders, als sie auf den ersten Blick erscheinen: ein Kir Royal als Praliné, Kaviar auf Banane, Pistazien-Sorbet in Olivenform. „Der Gast soll bei mir ruhig mal die Kontrolle abgeben. Ich bin hier die Food-Domina“, sagt Crenn und lacht.

ateliercrenn.com

101 Jahre Stilvolle Nächte.

Avantgardistisch war das Clift schon 1915, als es zur Panama-Pacific-Weltausstellung eröffnete. Bis heute spüren Gäste des 15-stöckigen Hotels den Chic der Art-déco- Epoche, etwa im holzvertäfelten Redwood Room mit Bar. Viele Räume hat der französische Star-Designer Philippe Starck umgestaltet: so die Lobby, in der noch Möbel von Ray und Charles Eames, ein Tisch von Salvador Dalí und ein von René Magritte inspirierter Hocker versammelt sind. In den Zimmern ist das Design zurückhaltender. Imposant ist aus den oberen Etagen der Blick auf Downtown.

clifthotel.com

101 Jahre Stilvolle Nächte.

Avantgardistisch war das Clift schon 1915, als es zur Panama-Pacific-Weltausstellung eröffnete. Bis heute spüren Gäste des 15-stöckigen Hotels den Chic der Art-déco- Epoche, etwa im holzvertäfelten Redwood Room mit Bar. Viele Räume hat der französische Star-Designer Philippe Starck umgestaltet: so die Lobby, in der noch Möbel von Ray und Charles Eames, ein Tisch von Salvador Dalí und ein von René Magritte inspirierter Hocker versammelt sind. In den Zimmern ist das Design zurückhaltender. Imposant ist aus den oberen Etagen der Blick auf Downtown.

clifthotel.com

Im Grünen Bereich.

Der Golden Gate Park gehört zu den größten städtischen Grünanlagen der Welt. Angelegt wurde er in den 1870er-Jahren. 1967 waren seine Rasenflächen ein Hauptschauplatz des „Summer of Love“. Heute bietet das rund fünf Kilometer lange und 800 Meter breite Areal von der Stanyan Street bis zum Pazifik Joggern und Spaziergängern reichlich Platz. Langweilig wird es auf dem Gelände mit Angelseen, Golfplatz und Wasserfällen selten. Eine schöne Strecke führt beispielsweise von den Gewächshäusern im viktorianischen Stil über das Museum de Young, dessen Gebäude Herzog & de Meuron gestalteten, zum Botanischen Garten. Von hier aus weiter an Sportplätzen und den Polofeldern vorbei zum Bisongehege und bis an den Strand. Wer es ernst mit diesem Park meint, sollte genug Zeit mitbringen.

Gut zu wissen.

Zitterpartie

Wer sich im Falle eines Erdbebens in einem öffentlichen Gebäude neueren Datums befindet, hat wenig zu befürchten. Sagen die Statiker. Ingenieure müssen sich im Gebiet um die Bucht von San Francisco an strenge Bauvorschriften halten. Immerhin verläuft die San-Andreas-Verwerfung nur wenige Meilen westlich der Metropole.

Berg- und Talfahrt

Karl Malden und Michael Douglas zeigten dem Fernsehpublikum in den 1980er-Jahren, wie eine Verfolgungsjagd durch die „­Straßen von San Francisco“ aussehen könnte. Normalerweise geht es auf den Straßen weniger rasant zu. Abschnitte wie die Vermont Street mit fünf Spitzkehren innerhalb von 85 Metern oder die Filbert Street mit 31,5 % Gefälle sind aber auch im Schritttempo eine Herausforderung.

Brückenschau

Die wahrscheinlich berühmteste Sehenswürdigkeit in der Bay Area ist die Golden Gate Bridge. Wer die Hängebrücke in aller Ruhe bestaunen möchte, kann zwischen mehreren Aussichtspunkten wählen. Ideal ist das Gelände des ehemaligen Flugplatzes Crissy Field im Presidio District oder der alte Bunker in den Marin Headlands.

Kleinwetterlage

Die Mikroklimazonen an der Bucht von San Francisco sind berüchtigt. Es kommt vor, dass Oakland in der Hitze brütet, während es in Downtown San Francisco mild ist und am Golden Gate vor Kälte gezittert wird. Der Nebel am Pazifik verdichtet sich an manchen Tagen so stark, dass man kaum eine Armlänge vorausschauen kann.

Wissenschaft

Ganze Websites beschäftigen sich mit der Frage, welche der beiden Elite-­Universitäten der Gegend die bessere ist. Sowohl Stanford als auch Berkeley gehören zu den besten der Welt und haben reihenweise Nobelpreisträger hervor­gebracht. Fest steht, dass UC Berkeley mehr als doppelt so viele Studenten aufnimmt wie Stanford.

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