Der Zeitvertreiber.

Aurel Bacs Handelt mit seltenen Uhren und erzielt Millionenumsätze.

Hammer-Gespür.

Der Auktionator hat ein Hammer-Gespür für den Wert seiner Ware – und ein noch feineres für gute Geschichten. Ein Gespräch über die Seele der Dinge in einer digitalen Welt.

Dem Kindesalter ist Aurel Bacs längst entwachsen. Vielleicht beäugt er deshalb skeptisch die Zeitung, die vor ihm auf dem Tisch liegt. Es ist die aktuelle Ausgabe der Financial Times. Und darin wird der 43-jährige Auktionator als „Hammerschwingendes Wunderkind“ gefeiert. Eigentlich ein Kompliment. Aber Bacs zieht die Augenbrauen zusammen und streicht mit dem Finger über das Zeitungspapier. „Könnten wir die hier nicht alle aufkaufen?“, fragt er seine Assistentin scherzhaft. Wahrscheinlich könnte er. Seine Rückkehr ins Geschäft mit seltenen Uhren verlief glänzend.

Anderthalb Jahre hatte er den Hammer aus der Hand gegeben, den er zuvor für Sotheby’s und Christie’s führte. Seine neue Firma Bacs & Russo residiert im Genfer Finanz- und Uhrenzentrum. Anfang Mai 2015 erzielte er an zwei Tagen für das Auktionshaus Phillips mit 220 Uhren einen Umsatz von 28,4 Millionen Euro – praktisch so viel wie alle Konkurrenten zusammen.

Leidenschaftlicher Uhrenfreak.

Herr Bacs, wir leben in einer hochtechnologisierten Zeit und können auf Smartphones und Computern überall die exakte Uhrzeit ablesen. Warum brauchen wir überhaupt noch mechanische Uhren?

Gerade weil wir in dieser Zeit leben. Ein Beispiel: Wir ziehen uns an, weil wir nicht nackt durch die Gegend laufen wollen. Wozu benötigen wir Haute Couture? Obwohl wir sie nicht brauchen, haben die großen Maisons mehr Erfolg denn je. Wir werfen Produkte nach ein paar Monaten weg, weil Neues billiger ist als eine Reparatur. Da gewinnt das Handgemachte an Wert, denn eigentlich fehlt uns bei vielen Objekten die Seele.

Mehrere Hunderttausend Euro für eine betagte Armbanduhr auszugeben – ist das nicht ein wenig übertrieben?

Jeder muss selbst entscheiden, was für ihn ein gerechtfertigter Preis ist. Es sind Liebhaberpreise. Und natürlich kommt es darauf an, was sich ein Bieter leisten kann. In den vergangenen Jahren haben die Notenbanken viel Geld gedruckt, sodass es weniger Wert hat als früher. Vor 30 Jahren konnte ein Millionär noch sehr gut von seinen Zinseinnahmen leben. Heute bekommt er vielleicht noch ein Reihenhaus. Innerhalb einer Generation wurden die Proportionen, die Nullen, die Kommata, entscheidend verschoben. Schauen Sie sich doch den Kunstmarkt an – alte Uhren sind da im Vergleich noch günstig.

Was sagt eine kostspielige Uhr aus?

Männer interessieren sich eben für Mechanik. Wer eine Armbanduhr kauft, hat einen Vorteil gegenüber Flugzeugen und Schiffen: Man muss sie nicht im Hangar oder im Hafen lassen. Keiner schleppt seinen Impressionisten unterm Arm mit ins Meeting. Eine Uhr aber begleitet einen selbst ins Schlafzimmer.

Was begeistert Sie an betagten Zeitmessern?

Die Geschichte. Die Ästhetik. Die Einmaligkeit. Viele Uhren wurden nur einmal gebaut oder durcheine 100 Jahre alte Lebensgeschichte zu Unikaten. Einem Menschen sieht man anhand der Narben und Runzeln an, ob er auf dem Acker oder in der Anwaltskanzlei gearbeitet hat. Das Gleiche gilt für eine Uhr. Die Technik ist natürlich auch wichtig: Handelt es sich um ein Nullachtfünfzehn-Produkt? Oder war das Uhrwerk so revolutionär wie der Flügeltürer im Supersportwagensegment?

Erinnern Sie sich noch an die erste Uhr, von der Sie fasziniert waren?

Mit 13 oder 14 Jahren habe ich die Fliegeruhren von IWC entdeckt. Auf der Rückseite sieht man Gravuren, Hoheitszeichen der Luftwaffe und Gerätenummern. Ich dachte daran, dass ein Exemplar einem Mann gehört haben könnte, der in einem Spitfire oder in einer Junker flog, vielleicht abgeschossen wurde und mit dem Fallschirm heruntersegelte – und plötzlich fing ich an zu träumen. Man kann sicher sein, dass eine alte Uhr mehr durchgemacht hat als man selbst. Sie ist wie eine Zeitmaschine, die einen mit in eine andere Epoche nimmt.

Am Arm trägt Bacs eine schlichte Patek Philippe aus den 1940er-Jahren, die ihm seine Eltern vorfinanzierten, als er 14 war. 1.600 Franken hatten sie vorgestreckt – unter einer Bedingung: Der Junior musste den vollen Betrag abbezahlen. Zwei Jahre lang gab Bacs alles, was er sparte, seinen Eltern, bis er endlich die Uhr das erste Mal tragen durfte.

Wie sind Sie überhaupt auf Uhren gekommen?

Mein Vater war und ist Freund von schönen mechanischen Uhren. Ich durfte ihn zum Uhrmacher, zu Antiquitätengeschäften und Goldschmieden begleiten. Und bevor ich es recht merkte, war ich ein leidenschaftlicher Uhrenfreak geworden.

Wussten Sie damals schon, dass Sie mit Ihrem Hobby später Geld verdienen würden?

Nein. Ich studierte zunächst Wirtschaft und Jura, aber – ehrlicherweise – nur, weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte. Ich habe stets so wenig gelernt, dass es nur für die nächste Prüfung reichte. Nach drei Jahren machte mich meine Mutter auf eine Anzeige von Sotheby’s im Uhrenmagazin aufmerksam: Das Auktionshaus suchte einen Experten für seine Uhrenabteilung. Ich glaube, am Anfang hielten sie meine Bewerbung für einen Witz: Ein 23-jähriger Bursche präsentiert sich für die Leitung der Genfer Uhrenabteilung! Ich bekam den Job trotzdem, fand es aber nach einem Monat so schrecklich, dass ich fast wieder zurück an die Universität gegangen wäre. Ich bin meiner ersten Chefin heute sehr dankbar. Sie hat mir beigebracht, was hart arbeiten wirklich heißt. Die ersten sechs Monate musste ich mich durchbeißen.

Einer der intelligentesten Käufe.

Hat man Sie als Laien ernst genommen?

Es gab Zweifler. Während eines Vorstellungsgesprächs wurden mir 20 Uhren aus allen Epochen vorgelegt, die ich in zwei Stunden technisch und historisch beschreiben musste. Außerdem sollte ich sagen, welche Originale sind und welche Fälschungen. Jahre später teilte mir jemand aus der Personalabteilung mit, dass ich diese Prüfung bestanden hatte.

Seitdem haben sich die Preise auf dem Uhrenmarkt vervielfacht. Sie ersteigerten 2014 im Auftrag eines Sammlers eine einzelne Uhr für 19,3 Millionen Euro.

Zu der Uhr muss man wissen: Die Patek Philippe Supercomplication von Henry Graves Jr. wurde vier Mal in den vergangenen 80 Jahren verkauft. Das erste Mal von Patek Philippe an den amerikanischen Bankier Henry Graves. Das zweite Mal in den 1960er-Jahren. Dann 1999 für 11 Millionen Dollar an einen Privatsammler. 2014 schließlich für 19,3 Millionen Euro.

Kurz nachdem Bacs seine Firma im November 2014 gegründet hatte, bot er im Auftrag eines Unbekannten bei einer Sotheby’s-Auktion diesen Rekordpreis. Die Supercomplication-Taschenuhr, die 1932 exklusiv für Henry Graves gebaut wurde, war jahrzehntelang die technisch aufwendigste mechanische Uhr der Welt. Seit der Auktion von 1999 war sie auch die teuerste – und ist es bis heute. Nur mit einem nochmals gesteigerten Preis.

Fanden Sie die Summe angemessen?

Ja, ohne Zweifel. Für mich war es einer der intelligentesten Käufe, die man in den letzten paar Jahren auf einer Uhrenauktion machen konnte.

Weil die Wertentwicklung absehbar ist?

Ich persönlich möchte, dass Wertentwicklung nicht der entscheidende Grund ist. Man heiratet ja hoffentlich auch nicht die Frau, die den höchsten Kontostand aufweisen kann. Bei den Uhren hoffe ich wie in diesem Fall, dass der Sammler sich zuerst die Frage stellt, ob ihm die Uhr gefällt. Wenn jemand 300 Prozent Rendite in drei Jahren möchte, soll er an der Börse spekulieren.

Suchen und Jagen und Aufstöbern und Verhandeln.

Gibt es ein Uhrenmodell, dass Sie noch nie in den Händen hielten?

Die berühmte „Marie Antoinette“ von Breguet. Seit ihrer Entstehung eine mythenbehaftete Uhr. Man weiß nicht, wer sie in Auftrag gegeben hat. Später vermachte sie ein berühmter Uhrensammler einem Museum in Jerusalem. Dort wurde sie dann vor Jahrzehnten gestohlen und vor ein paar Jahren wieder anonym zurückgegeben. Heute ist sie so hermetisch unter Verschluss, dass man praktisch nichts mehr erkennen kann.

Ist das für Sie die perfekte Uhr?

Glücklicherweise gibt es so etwas nicht. Weil das ganze Suchen und Jagen und Aufstöbern und Verhandeln und Gewinnen und Verlieren überhaupt keinen Sinn ergäbe, wenn man eines Tages Perfektion finden würde. Das würde alles zunichte machen.

„Sind Sie sicher, dass Sie nicht noch einmal bieten wollen?“

Kurz nach der Auktion sind Bacs und seine Mitarbeiter damit beschäftigt, Uhren für den Versand vorzubereiten. Etwa eine Patek Philippe, die auf maximal 474.000 Euro geschätzt worden war. Sie wechselte für 840.000 Euro den Besitzer und wird nun aus dem Banktresor geholt und verpackt.

Ist es vorstellbar, dass in 30 Jahren ein Wettbieten um die ersten Apple-Watches beginnt?

Ich glaube nicht. Obwohl die frühesten Apple-Computer mit Holzgehäuse heute begehrte Sammlerstücke sind. Diese Computer hat Steve Jobs vermutlich noch eigenhändig mit Schraubenzieher und Hammer zusammengebastelt. Neue Apple-Produkte sind massenproduziert, da sehe ich keinen großen Sammlerwert.

Was macht einen guten Auktionator aus?

Man benötigt sprachliche Fähigkeiten und muss eine gewisse Scheu überwinden. Selbstverständlich hilft es, wenn man in einem Saal mit 300 Sammlern sitzt und 290 seit Jahren persönlich kennt. Wenn dann Los 86 aufgerufen wird, weiß ich: Jetzt ist es der Müller hinten links gegen den Dupont vorne rechts. Und der kommt extra aus Paris für diese Uhr, also muss ich ihn zur richtigen Zeit anschauen. Ein Auktionator sollte auch wissen, wann er fragt: „Sind Sie sicher, dass Sie nicht noch einmal bieten wollen?“ Er muss aber auch ein Gespür dafür haben, wann der Zeitpunkt gekommen ist, den Zuschlag zu erteilen.

Haben Sie die Versteigerungen während Ihrer Auszeit im vergangenen Jahr vermisst?

Total. Ein legendärer Auktionator hat mal gesagt: „Eine Versteigerung zu leiten, ist das Beste, das man im angezogenen Zustand machen kann.“ So fühlt es sich an, wenn die Auktion gut geht. Wenn eine Auktion schlecht geht, dann wünscht man sich, einfach vom Pult verschwinden zu können.

Was macht eine gute Auktion aus?

Sicher zuerst die Uhren. Dazu kommt die richtige Recherche. Ein Kunde, der Hunderttausende für eine Uhr ausgibt, will wissen, ob jedes Fragezeichen in ihrer Geschichte beantwortet wurde.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, ganz aus dem Uhrengeschäft auszusteigen?

Nein. Ich hatte vergangenes Jahr viel Urlaub und trotzdem war es so, dass ich irgendwo in den Bergen, in der Wüste oder an einem Strand zu meiner Frau sagte: „Weißt du was, ich freue mich auf zu Hause. Ich muss wieder mal eine schöne alte Uhr in der Hand halten.“

Nehmen Sie auf Reisen keine mit?

Nur eine. Ich bin vorsichtig und reise nicht mit einer Tasche voller Uhren um die Welt. Das wäre nicht ratsam und geht schon aus zolltechnischen Gründen nicht. Doch nach zwei Wochen mit nur einer Uhr kriege ich fast Schweißausbrüche, da bin ich auf kaltem Entzug.

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