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Die spektakulären Utopien von Chief Design Officer Gorden Wagener.

Sein Konzept der Sensual Purity schafft Raum für völlig neue Welten.

Die „DNA der Form“.

Gorden Wagener sitzt auf einem Sofa und betrachtet einen Granit­stein. Er hält ihn zwischen den Fingern, dreht ihn, fühlt ihn. Der kleine Findling ist grau und länglich, hat keine Kanten, keine Ecken. Die Jahrmillionen haben ihn erschaffen, die Elemente ihn geformt. Ein Stein von absolut reduzierter Schönheit und Eleganz. Keine Spur des Vulgären, kein Anflug von Pathos.

Weich schmiegt er sich in die Hand. In dem Stein liegt nichts anderes als die Klarheit der Dinge. Gorden Wagener, seit 2008 weltweit verantwortlich für das Design bei Mercedes-Benz, nennt es die „DNA der Form“.

Dem 1968 geborenen Chief Design Officer der Daimler AG dient der Stein als Inspiration. Als Sinnbild für seine Philosophie der Sensual Purity. Und seine Vorstellung von der sinnlichen Klarheit überträgt Wagener auf die gesamte Produktwelt des Unternehmens. Jedes Projekt, jedes Automobil von Mercedes-Benz folgt der Idee der Emotion und Intelligenz.

Im Advanced Design Studio Sindelfingen skizzieren Wagener (r.) und sein Team die nahe und ferne Zukunft.
Die Vordenker: Im Advanced Design Studio Sindelfingen skizzieren Wagener (r.) und sein Team die nahe und ferne Zukunft.

Sinnhaftigkeit.

Luxus definiert Wagener auf neue Weise, er spricht von „modernem Luxus“. Es geht nicht mehr darum, Besitztum anzuhäufen und zur Schau zu stellen, es geht um Sinnhaftigkeit. „Kluge Menschen wählen aus, wählen aus, wählen aus“, erklärt der englische Design-Kritiker Stephen Bayley diese Haltung. „Sie wollen nicht mehr, sie wollen das Bessere.“ Wollen ihr Leben auf wesentliche Qualitäten reduzieren.

Freiheit, Raum und Ruhe. Luft, Zeit. Ein Leitbild auch für Design und Konzeption, das sich längst im Automobil der Gegenwart wieder­findet – und dessen Zukunft immer mehr prägen wird. Das Auto als privater Rückzugsraum. Smart, autonom, vernetzt. Ein Gefährt mit fließenden Formen und Funktionen, das seine Umwelt nicht behelligt, sondern positiv gestaltet.

Wagener mit seinen Kollegen Vera Schmidt und Sylvain Wehnert (r.) im Konzeptauto F 015

Philosophie der sinnlichen Klarheit.

Doch griffe es für Gorden Wagener zu kurz, seine Philosophie der sinnlichen Klarheit, der technischen und emotionalen Intelligenz nur auf das Automobil zu projizieren. Die Fragen, die sich ihm und seinem Team stellen, sind weitreichend: Wohin geht gesellschaftlich die Reise? Wie wird die urbane Zukunft aussehen? Wie das mobile Erlebnis von morgen? Eine Gleichung mit vielen Faktoren. Neue Technologien spielen darin eine Rolle, Städte­planung, Architektur. Ebenso der weitsichtige Umgang mit Ressourcen und natürlich die Wünsche und Bedürfnisse der nächsten Generationen.

Eine Frage, die in den Mittelpunkt rückt: Welche Wege muss die digitale Revolution einschlagen, um uns nicht zu erdrücken, sondern zu befreien? Wie können wir den ansteigenden Datenfluss am besten nutzen? Wie die Zettabytes und Yottabytes in eine sinnvolle Sprache der Zukunft umsetzen? Das Design nimmt in dieser Evolution eine zentrale Rolle ein. Denn es wird zur maßgeblichen Schnittstelle zwischen äußeren und inneren Welten, zwischen Technik und Emotion.

Der Entwurf einer Zukunft.

In dem Buch „Sensual Purity – Gorden Wagener on Design“ tauchen wir ein in die Denke des Chefdesigners. Erleben die Arbeit seines Teams, lesen Essays von Philosophen und lauschen Wagener im Gespräch mit führenden Kreativköpfen. Höchst spannend ist der Blick hinter die Kulissen der Design-Studios. Dort findet er schon statt: der Entwurf einer Zukunft, in der Mobilität und Leben verschmelzen, Wolkenkratzer und Grünanlagen koexistieren, Brücken zu gläsernen High-Speed-Tunneln werden und Drohnen wie Vögel über die Welt gleiten.

Fantastereien? Vielleicht. Doch wer nicht gelegentlich spinnt, ist schon im Rückwärtsgang. Wageners Team spricht darum mit Neurowissenschaftlern, querdenkenden Architekten und Digital­nomaden. Es geht um Wissen und Träumereien, um Mögliches und Unmögliches. Um eine kulturelle Vielfalt, in der kalifornische Surfer ebenso zu Wort kommen wie deutsche Ingenieure.

Der Mercedes-Bez AMG Vision Gran Turismo. Sein Design erinnert an einen schwimmenden Manta.
Der Mercedes-Benz AMG Vision Gran Turismo. Sein Design erinnert an einen schwimmenden Manta.

Mercedes-Benz Future World“.

Was bei diesem Spiel mit den Gedanken und Ideen herauskommen kann, zeigen die Visionen der „Mercedes-Benz Future World“. Wir erblicken Jachthäfen, die sich wie Mantarochen aus dem Meer er­heben. Autos, die sich per Gedankenkraft steuern lassen. Intelligente Brücken, die sich wie die Schwingen eines Albatros über einen Sund spannen.

Wir sehen Menschen vor schwebenden Bildschirmen und befahrbare Aussichtsplattformen in tausend Meter Höhe über dem Meer. Eine Welt, die sich in die Welt fügt – geprägt von einem Geist der Klarheit. Gorden Wagener hält noch immer den Stein in Händen. Das Große im Kleinen. Makellos, ohne Ecken, ohne Kanten. Sinnlich und klar.

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