Gegen die Wand.

Big-Wave-Surfer kämpfen mit Monsterwellen, deren Wassermassen sich mehr als 20 Meter hoch auftürmen. Den portugiesischen Wallfahrtsort Nazaré erobern sie am liebsten – im Sturm. Ein Besuch auf rauer See bei Weltrekordhalter Garrett McNamara und Profi Sebastian Steudtner.

Die richtige Welle.

Das Ungetüm sieht aus, als würde es gleich den roten Leuchtturm am Eingang der Bucht verschlingen. Eine mindestens 20 Meter hohe Welle rast auf die Küste zu. Ein Stückchen unterhalb des Kamms bewegt sich ein winziger Punkt, der eine weiße Gischtspur in die Wasserwand zeichnet. Durch ein Fernrohr wäre erkennbar, dass der Punkt in Wahrheit ein Mann ist. Er steht auf seinem Surfbrett, als würde er einen Tsunami reiten wollen.

Jahrelang hat sich Sebastian Steudtner auf Momente wie diesen vorbereitet, wochenlang auf die richtige Welle gewartet. Er ist völlig konzentriert. Wenn er stürzt, brechen 500.000 Tonnen Wasser über ihm zusammen. Senkrecht schießt er den Wellenberg hinunter. Ein Gefühl, sagt Steudtner später, als rase man auf einem Snowboard mit Tempo 80 eine Buckelpiste hinunter – bei einem Meter Vorsprung vor einer Lawine. Dann bricht die Welle. Es kracht und schäumt, das Weißwasser tobt. Kurz bevor es Steudtner einholt, dreht er zur Seite ab und bringt sich in ruhigerem Wasser in Sicherheit.

Eine besondere Faszination.

„So eine Riesenwelle zu erleben, ist eine besondere Faszination. Die Energie dieser Wasserberge zu spüren und Teil eines Naturschauspiels zu werden, das erlebt man so selten“, sagt Sebastian Steudtner über seinen Ritt am 11. Dezember 2014. Nachdem Experten die Aufnahmen analysiert hatten, bestimmten sie die Höhe der Wasserwand: mehr als 21 Meter. Es war die größte Welle, die in diesem Jahr gesurft wurde. Der 30-jährige Deutsche gewann damit 2015 zum zweiten Mal bei den Big Wave Awards in der Kategorie „Höchste Welle“. Als erster Europäer hatte er bei den Surf-Oscars schon 2010 gesiegt.

Eine besondere Faszination.

„So eine Riesenwelle zu erleben, ist eine besondere Faszination. Die Energie dieser Wasserberge zu spüren und Teil eines Naturschauspiels zu werden, das erlebt man so selten“, sagt Sebastian Steudtner über seinen Ritt am 11. Dezember 2014. Nachdem Experten die Aufnahmen analysiert hatten, bestimmten sie die Höhe der Wasserwand: mehr als 21 Meter. Es war die größte Welle, die in diesem Jahr gesurft wurde. Der 30-jährige Deutsche gewann damit 2015 zum zweiten Mal bei den Big Wave Awards in der Kategorie „Höchste Welle“. Als erster Europäer hatte er bei den Surf-Oscars schon 2010 gesiegt.

Regelmäßig Riesenwellen.

Seinen prämierten Ritt schaffte Steudtner in der Bucht von Nazaré. Der kleine Fischerort liegt an der portugiesischen Atlantikküste, 120 Kilometer nördlich von Lissabon. Das Städtchen wirkt nur auf den ersten Blick verschlafen. Tatsächlich kommen hier regelmäßig Riesenwellen an – und um 1183 geschah sogar ein Wunder: Auf dem Felsplateau von Sítio soll sich damals die Jungfrau Maria gezeigt haben. Der Legende nach erschien sie dem Dom Fuas, der auf der Jagd bei dichtem Nebel einem Hirsch hinterherritt. Ein Fliesentableau an einer Wand zeigt die Szene im typischen Weiß-Blau der Azulejo-Kunst: Am Abgrund über dem Meer der Nobelmann auf seinem Pferd, in einer Wolke darüber die Senhora, die ihn vor dem Absturz warnt. Der Hirsch hingegen ist verloren, auf dem Weg ins Meer, das dem Kunstwerk zufolge ruhig war an diesem Tag – glatt wie gefliest.

Lange Zeit galt Nazaré noch vor Fátima als wichtigster Wallfahrtsort Portugals. Heute ist das Städtchen vor allem eine Pilgerstätte für Surfer. Der Grund dafür ist ein Unterwassergraben, der sich vom offenen Atlantik bis zur Bucht vor Nazaré erstreckt. Durch die großen Unterschiede in der Wassertiefe, viel Wind und eine besondere Strömung schaukeln sich die Wellen zeitweise zu 20 bis 30 Meter hohen Ungetümen auf. Mit großer Regelmäßigkeit gibt es hier von Oktober bis Januar die höchsten küstennahen Wellen der Welt.

Ikonische Fotografien.

Steudtner bekam für den 2014er-Ritt einen Preis, doch noch berühmter machte Nazaré der Weltrekord von Garrett McNamara 2011. Überall im Ort zeigen fast ikonische Fotografien den Amerikaner, wie er ungefähr dort, wo einst ein Hirsch ertrank, auf einer Monsterwelle reitet. Die Surfbilder hängen in Hotels, zieren Speisekarten und werden als Postkarten verkauft. 2011 war McNamara eine 24 Meter hohe Riesenwoge abgesurft, zwei Jahre später bezwang er zwar als erster Mensch eine Welle mit annähernd 100 Fuß. Dieser 30-Meter-Riese wurde aber nicht als Rekord bestätigt. „Nazaré ist wie Jaws, Puerto Escondido und Waimea auf Steroiden“, sagt McNamara – er hält die Wellen in Nazaré also für noch stärker als die an den berühmten Spots in Hawaii und Mexiko.

Wie fast alle Big-Wave-Surfer kehrt auch ­Sebastian Steudtner regelmäßig hierher zurück: „Wir wollen immer die größten Wellen und hier ist einer der konstantesten Spots dafür“, sagt er. Auf der Suche nach der perfekten Welle reisen Surfer wie er ständig um den Globus.

Steudtner, der aus Nürnberg kommt, lebt nur noch vier Wochen im Jahr in seiner Heimat: „Meine Jahresplanung sieht so aus: Nach Portugal geht es über Weihnachten, nach Hawaii. Danach vielleicht nach Irland, im April fahre ich nach Indonesien, im Mai nach Chile und danach nach Tahiti. Als Big-Wave-Surfer musst du dein Leben an den Wellen ausrichten.“

Auch Garrett McNamara ordnet alles seinem Sport unter. Mit 17 wurde er Profi, danach surfte er zehn Jahre lang vor allem in Japan, bis er das Big-Wave-Surfen für sich entdeckte. Bald gewann er etliche Wettbewerbe und wurde zum Star dieser Disziplin. „Wenn du dem Tod ins Gesicht siehst und wieder rauskommst, hast du diesen Rausch“, sagt er. Seinen zweijährigen Sohn hat McNamara „Barrel“ genannt – wie den Wassertunnel, der entsteht, wenn eine Welle bricht.

Immer noch auf der Jagd.

Mit 48 Jahren ist der Amerikaner immer noch auf der Jagd. Letztes Jahr fuhr er über Weihnachten von Nazaré in sein Zuhause nach Hawaii. Drei Tage später saß er wieder im Flugzeug nach Portugal, weil der Wetterbericht plötzlich doch größere Wellen für Nazaré vorhergesagt hatte. „Wir Big-Wave-Surfer checken unsere Wetter-Apps alle zehn Minuten. Wir sind alle völlig besessen davon“, sagt McNamara. Auf seinem iPhone leuchtet die Wetterkarte jetzt westlich von Irland rot auf. Das Zeichen für eine Sturmfront – und genau das, wonach er sucht. Wo viel Wind bläst, steigt die Wahrscheinlichkeit, geeignete Wellen zu finden. Dabei kommt es nicht nur auf die Höhe an. „Perfekte Wellen haben 15 Sekunden Abstand“, erklärt McNamara. Obwohl er gleich mehrere Meteorologie-Dienste nutzt, sagt er: „Die Angaben für Nazaré stimmen fast nie. Man muss sie meistens verdoppeln, um auf die tatsächliche Höhe der Wellen zu kommen.“ Sein Freund Keali’i Mamala ergänzt: „Früher haben wir einfach aufs Meer geschaut und gesehen, ob es Wellen gibt. Das Internet hat alles verändert.“ Der 38-jährige ist seit zehn Jahren der Partner von McNamara in den Wellen, denn Big-Wave-Surfen ist ein Teamsport. Die Wasserberge sind zu hoch, um einfach mit den Händen hineinzupaddeln. Stattdessen wird der Surfer mit einem Jetski, der 280 PS und mehr hat, in Position gezogen.

Am liebsten sehen Profis rot.

Bei dieser Art zu surfen, ist alles extrem: die Wellen, das Tempo, die Kraft, die Gefahr, die Anspannung – selbst die Bretter, die länger und schwerer sind als beim normalen Surfen. Sie müssen bei Geschwindigkeiten von 60 bis 80 Stundenkilometern noch ruhig auf dem Wasser liegen. Die Kehrseite für Monsterwellenjäger: Auch ihre Pausen sind extrem. Schon normale Surfer müssen sich manchmal stunden- und tagelang gedulden, bis eine gute Welle kommt. Big-Wave-Surfer aber brauchen Exemplare, die so selten sind, dass sie monate- und jahrelang auf die perfekte Welle warten. Teils vergeblich. Das Ungetüm ist zugleich Gegner, der sie umbringen kann, aber auch Freund, der ihren Sport erst ermöglicht. Deshalb sind Big-Wave-Surfer wie Garrett McNamara und Sebastian Steudtner immer auf dem Sprung. Ihr Revier ist nicht ein bestimmter Strand, eine Bucht oder Insel, sondern die ganze Welt. Vor Kurzem hat Garrett McNamara mit Kollegen deshalb die Initiative „Red Chargers“ gegründet. Der Begriff steht für Männer und Frauen, die ständig auf der Suche nach der nächsten Sturmfront sind.

Sie halten Ausschau nach der roten Markierung in ihren Wetter-Apps, bereit, alles stehen und liegen zu lassen, um den nächsten Flug Richtung Riesenwelle zu buchen. Unterstützt von Mercedes-Benz AMG läuft noch bis Ende Februar in Nazaré der Wettbewerb dieser Initiative. Ausgezeichnet wird natürlich der Surfer, der die höchste Welle reitet. Aber auch derjenige, der anderen Surfern am besten geholfen hat – oder derjenige, der am Hartnäckigsten war, selbst wenn er am Ende gescheitert ist. „Es wird ein Event von Surfern für Surfer. Es geht um selbstlose Menschen, die andere inspirieren“, sagt McNamara. Die Initiative soll Medien und Sportfans auf die Leistungen der Big-Wave-Surfer aufmerksam machen, auch wenn gerade mal kein Rekord gebrochen wird. Denn Bestmarken sind sowieso relativ: Die Höhe der Wellen lässt sich erst im Nachhinein anhand von Fotos oder Filmaufnahmen bestimmen, die Messverfahren sind nicht besonders präzise.

„Das war ein sehr heftiger Moment.“

Anfangs war es für Sebastian Steudtner noch deutlich schwieriger als für andere Big-Wave-Surfer Aufmerksamkeit zu erlangen, doch mittlerweile interessieren sich auch in Deutschland immer mehr Menschen für seinen Sport. Der 30-Jährige ist es gewohnt, gegen Widerstände zu kämpfen. Als 9-Jähriger ritt er das erste Mal im Urlaub mit einem Bodyboard auf einer Welle und war fasziniert. Mit 13 Jahren verkündete er seinen verdutzten Eltern, Surfprofi werden zu wollen – obwohl er mit seiner Familie fast tausend Kilometer vom Meer entfernt lebte. Mit 16 Jahren brach er dann tatsächlich die Schule in Franken ab und zog nach Hawaii. „Wenn ich eine Idee habe, von der ich fest überzeugt bin, dann mache ich das auch, dann beiß’ ich mich durch“, sagt Steudtner. Mit 19 Jahren bezwang er eine der größten und gefährlichsten Wellen der Welt, „Jaws“ in Maui. „Du fühlst dich mächtig, wenn du an einem solchen Naturschauspiel teilnehmen kannst“, sagt er, „du merkst aber auch, wie klein und unbedeutend du bist.“ Am gleichen Tag, an dem Steudtner zum ersten Mal eine Riesenwelle bezwang, stürzte er auch. Er wurde gerade noch von einem Jetski gerettet, bevor er auf einen Felsen geprallt wäre. Andere hätten sich nach so einem Schock vielleicht überlegt aufzuhören. Für Steudtner war der Unfall das Zeichen, nun erst recht weiterzumachen: „Das war ein sehr heftiger Moment, aber ich habe mir gesagt: Wenn ich das überstehe, dann kann ich es wirklich“, sagt er.

Steudtner will den Weltrekord.

Seitdem ist der Deutsche in der großen Surfwelt angekommen, auch wenn er sich immer wieder mit Jobs als Bauarbeiter durchschlagen musste, wenn es gerade nicht gut lief. Durch den Rekord von Garrett McNamara 2011 in Nazaré wurde das Big-Wave-Surfen auch in Europa ein der Wellengröße angemessenes Riesenthema. „Davon habe ich profitiert“, sagt Steudtner. Er fand seitdem neue Sponsoren, darunter auch Mercedes-Benz. „Ich hatte früher nie Geld für richtig gutes Equipment. Aber jetzt ist es endlich so weit, jetzt kann ich Vollgas geben.“

Was das für jemanden heißt, der schon die Monster von Nazaré bezwungen hat, ist klar: Steudtner will den Weltrekord. Angeblich wurde vor dem portugiesischen Wallfahrtsörtchen schon mal eine Welle gesichtet, die höher war als 40 Meter. Big-Wave-Surfer träumen von ihr. Wenn eine solche Erscheinung dann endlich kommt, werden die Gemeindemitglieder da sein. Und dann stehe ihnen der Himmel bei.

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