Harte Schale weicher Kern.

Tempo 320: Was sich dabei im Kopf eines Rennfahrers abspielt,

lässt sich nur vermuten. Sicher ist, was ihn umgibt: ein Helm.

Die Entstehungsgeschichte von Nico Rosbergs Kopfschutz.

Einen kühlen Kopf bewahren.

Früher, sagt Sven Krieter, konnte er wenig mit der Formel 1 anfangen. Seit zehn Jahren aber steckt er so gut wie mittendrin im Rennbetrieb – er widmet sich den Haupt-Sachen der Fahrer. Er sorgt dafür, dass sie einen kühlen Kopf bewahren und durchblicken, wenn es einmal unübersichtlich wird. Krieter bringt eine Gummilippe an den Kanten eines schwarzen Helms an, dreht ihn dabei immer nur ein Stückchen weiter, wischt überschüssigen Kleber weg und drückt das elastische Material mit drei Fingern fest. So sieht seine Arbeit in Magdeburg aus. Wenn der Helm dann fertig ist, wird ihn Nico Rosberg im nächsten Rennen für Mercedes AMG Petronas auf dem Kopf tragen. Die Firma Schuberth rüstet fünf Formel-1-Piloten aus, Krieter ist einer ihrer wichtigsten Mitarbeiter, das Gesicht der Rennsport-Aktivitäten des traditionsreichen Helmherstellers. Zu allen Rennen und Testfahrten begleitet der 40-Jährige den Formel-1-Tross, um die Piloten zu betreuen. Jedes Jahr legt er mehr als eine Viertelmillion Kilometer im Flugzeug zurück. Mittlerweile kann er sich keinen schöneren Beruf mehr vorstellen.

Gezögert hatte der gelernte Heizungs- und Lüftungsbauer einst, den Job anzunehmen, weil ihm die Aufgabe eine Nummer zu groß erschien. Nach etwas Bedenkzeit und einem Intensiv-Sprachkurs sagte er zu. „Mein erstes Rennen war Silverstone 2005. Ich war vorher noch nie geflogen, und dann gleich der Trubel in Heathrow, Linksverkehr und kein Navi. Das war hart“, erinnert er sich. Heute kann er über die Anfangszeit lachen.

Handarbeit für die Hightech-Show.

80 Helme fertigen Krieter und seine drei Kollegen pro Jahr für die Formel-1-Piloten an. Dazu kommen noch 20 für die DTM und rund 150 für den Handel. Ambitionierte Hobbyrennfahrer können sich den SF1 – so heißt das Rennmodell von Schuberth – für 5.000 Euro kaufen. In einem Teil der modernen Fabrik wurde eigens eine  kleine Manufaktur eingerichtet: Hier stellen Krieter und sein Team den Kopfschutz an Werkbänken fertig, mithilfe von Spezialwerkzeugen, Messinstrumenten und Highendklebstoffen. Exklusive Handarbeit im Hochtechnologiebetrieb der Formel 1.

Die Helmschale entsteht zuvor aus 19 Kohlefaserschichten im sogenannten Autoklavverfahren. Dabei werden die einzelnen Schichten übereinander gelegt, in ein Vakuum gebracht und unter großem Druck von bis zu sechs bar bei 170 bis 200° Celsius im Autoklav, einem Druckgefäß-Ofen, gebacken. Nach demselben Prinzip werden die Monocoques, die Sicherheitszellen der Formel-1-Fahrzeuge, hergestellt. Auch in der Raumfahrt wird das sehr aufwendige Verfahren angewendet, weil es die höchste Festigkeit des Materials garantiert. Drei verschiedene Größen gibt es für die Helmschalen, Nico Rosberg verwendet die mittlere.

Die Rezeptur ist geheim.

Krieter und seine Kollegen erhalten die bereits ausgehärteten und lackierten Helmschalen, um sie fertigzustellen. Sowohl die Sponsorenlogos als auch Rosbergs individuelle Verzierung werden per Airbrush auf die Schalen gebracht, ehe das Team sie zu richtigen Helmen macht.

Die Schale allein garantiert zwar Schutz vor Feuer – bis zu 740° Celsius muss der Helm aushalten – und Zerstörung, doch ohne die richtige Dämpfung wäre das nicht viel wert. Darum wird die Schale, wie bei jedem anderen Helm auch, innen mit Hochleistungsstyropor verbunden. Anschließend werden die Einlagen – und das ist der Clou, auf den sie bei Schuberth bis heute richtig stolz sind –, durch einen speziellen Dämpfungsschaum ergänzt. Die Rezeptur ist geheim, bekannt ist, dass er aus zwei Komponenten besteht. Schon als Schuberth im Jahr 2000 in die Formel 1 einstieg, wurde diese Methode angewendet.

Der frühere Mercedes-Ersatzfahrer Nick Heidfeld war der ­Erste, der mit Schuberth-Helmen in der Formel 1 fuhr, bald folgten Ralf und Michael Schumacher. Nico ­Rosberg vertraut schon seit Jugendzeiten auf die Produkte der Magdeburger. Gerade fertigt ­Krieter den 92. Kopfschutz für den gebürtigen Wiesbadener an.

Nicht jeder will die Vollausstattung.

Bis hierhin sind alle Rennhelme der Firma, abgesehen von Schalengröße und Lackierung, gleich. Erst jetzt beginnt die Maßarbeit. Anhand der genau vermessenen Kopf- und Gesichtsform der Fahrer werden die Polster angefertigt. Sie sollen das Haupt fest im Helm halten, es gibt aber einen gewissen Spielraum. „Die Fahrer müssen sich wohlfühlen. Wir probieren gemeinsam verschiedene Varianten aus, bis alles passt“, sagt Krieter. Auch bei den Visieren und den speziellen Mini-Spoilern über der Stirn und am Hinterkopf haben die Piloten das letzte Wort. Rosberg bevorzugt den Topspoiler. Andere verzichten aus Gewichtsgründen auf die Aerodynamik-Hilfe, die den Effekt minimieren soll, dass der Helm bei hohen Geschwindigkeiten Auftrieb bekommt. 1.350 bis 1.500 Gramm wiegt ein fertiger Rennhelm. Krieter hat an jedem Formel-1-Wochenende für jedes Exemplar sechs verschiedene Visierarten dabei. „Bei Regen muss ich die klaren anschrauben, dann haben wir noch welche mit 50 und 80 Prozent Tönung“, sagt er. Alle Visiere gibt es in drei verschiedenen Farben. Vor jedem Einsatz klebt der 40-Jährige außerdem die Abreißfolien an die Visiere, die die Fahrer auch bei 320 km/h noch mit einem Handgriff entfernen können, sollten sie dreckig oder beschlagen sein.

„Nico will nie mehr als drei, vier Folien pro Rennen, andere verlangen sieben bis acht“, so der Experte. Rosberg und der Helmtechniker stehen an der Strecke in direktem Kontakt. Mitunter ruft aber auch mal dessen Physiotherapeut an. „Wenn Nico ein Ersatzteil, neue Polster, ein anderes Visier oder sonst etwas braucht, weil er vielleicht einen Verbesserungsvorschlag hat.“ Zuletzt musste Krieter Rosberg aber enttäuschen. „Nico hätte gern ein Visier gehabt in derselben Farbe wie sein Nico-Schriftzug auf der Seite des Helms. Wir haben lange herumprobiert, doch leider konnten wir diesen Farbton nicht so produzieren, dass das Visier noch die ­Sicherheitsbestimmungen erfüllt hätte.“

Ansonsten versucht Krieter, so viele Wünsche wie möglich wahr zu machen. „Die wichtigsten Themen für die Fahrer sind Belüftung und Leichtigkeit“, sagt er. Fast jedes Jahr gibt es neue, leichtere Helmschalen, die im eigenen Labor auf ihre Sicherheit geprüft werden, ehe sie in ­Serie gehen können.

Mechaniker tragen Skihelme.

Durch zehn Löcher im Kinn- und Stirnbereich sowie am Visier sollen bei 100 km/h zehn Liter Frischluft die Köpfe der Fahrer anströmen. „Früher wurde die Luft einfach auf die Köpfe und Gesichter geblasen, nun führen wir sie am Oberkopf entlang nach hinten, wo sie dann über sechs Entlüftungslöcher wieder entweicht“, erklärt Krieter. Auch das dient der Aerodynamik. Ein Rennhelm funktioniert heute ähnlich wie der Diffusor des Boliden. Kein Wunder, dass die Helme im eigenen Windkanal getestet werden.

Die neueste Idee: Zwei zusätzliche Löcher zur Belüftung des Visiers, die das Beschlagen verhindern sollen. Wenn sich die Innovation im Windkanal bewährt und die Crashtests gute Ergebnisse bringen, geht sie in Serie. Vor dem Rennen in Monaco schraubte der Servicemann außerdem ein neues Hightech-Visier an Rosbergs Helm, durch das er schärfer sehen soll. „Nico sieht jetzt alles wie in HD“, sagt Krieter. Wie alle Visiermodelle wurde auch dieses zuvor im Prüflabor mit Stahlkugeln aus einer Luftgewehrvorrichtung beschossen. Seit 2015 ist Schuberth offizieller Ausrüster des Mercedes AMG Petronas F1 Teams.

Die Mechaniker, die in der Boxengasse direkt an den Boliden arbeiten, tragen dabei den Skihelm SK1, den es in Kürze als limitierte Version zu kaufen geben wird. Mit zwei Ausnahmen: Die beiden Kollegen, die vorn und hinten am Fahrzeug die Wagenheber bedienen, werden vom Integralhelm SR1 geschützt, Schuberths Motorradhelm.

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