Hoch im Norden.

Reykjavík geriet nach dem Bankenkollaps 2008 in ein Tief, das selbst Wickie und die starken Männer umgehauen hätte.

Ein Symbol für den Neuanfang.

Dass Islands Hauptstadt wieder Land in Sicht hat, grenzt an ein Wunder. Zu verdanken ist der Aufschwung den Künstlern und Kreativen. Ein Besuch bei den wohl originellsten Krisenbekämpfern der Welt

Hoch über dem Hafen kauert Víkingur Ólafsson auf der schimmernden Außenhaut des Harpa-Konzerthauses und atmet die Seeluft ein. Ein Dreimaster liegt dort unten, ein Boot der Küstenwache und diverse Fischkutter. Der 31-jährige Pianist blickt zufrieden auf seine Heimat. Am vergangenen Abend ging das Mittsommer-Festival, das er seit drei Jahren leitet, mit einem ausverkauften Kammerkonzert zu Ende. Es war ein weiterer Schritt in der traumhaften Karriere des jungen Musikers – und zeigte außerdem, welchen Weg die nördlichste Hauptstadt der Welt eingeschlagen hat: raus aus der Misere, zurück zur Normalität. Im Herbst 2008 waren die Banken des Landes zusammengebrochen, der Staat sprang ein und ging pleite. Die Entscheidung, das damals halbfertige Konzerthaus trotzdem zu vollenden, war umstritten.

Die Fertigstellung sagt viel über die Isländer aus: Kaum etwas ist ihnen so lieb und teuer wie Kunst und Kultur. „Inzwischen ist das Harpa-Konzerthaus ein Symbol für den Neuanfang“, sagt Ólafsson, der schon beim Eröffnungskonzert 2011 am Flügel saß.

Lichtblick: Reykjaviks Hafen gesehen durch die Fenster des Konzerthauses.

Neues Wahrzeichen.

Das Gebäude mit der gläsernen Hülle ist ein neues Wahrzeichen geworden – und ein Indiz für das Selbstvertrauen der Hauptstadt, die weit ab vom Schuss liegt und nur 120.000 Einwohner hat, dafür aber jede Menge Mut und ein gewaltiges kreatives Potenzial. Ólafsson ist einer der Köpfe, die Reykjavík prägen. Auch wenn er in aller Bescheidenheit auf andere verweist: „Björk und Bands wie Sigur Rós haben mehr für das Image unseres Landes getan als jeder Staatsmann“, sagt er.

Wahr ist aber auch: Nirgends liegen Politik- und Kunstbetrieb näher beieinander als in Reykjavík. Im Krisenjahr 2010 wurde hier einer zum Bürgermeister gewählt, der nirgendwo sonst eine Chance gehabt hätte. Jón Gnarr, Jahrgang 1967, war Sonderschüler, Punk, Anarchist und Komödiant, ehe er zusammen mit Freunden die „Beste Partei“ gründete. Den Wahlkampf hatte er mit ironischen Nonsens-Slogans wie „Nachhaltige Transparenz“ gewonnen. Während in Krisenzeiten anderswo Wut-Bürger auf die Straße gehen und für radikale Parolen empfänglich sind, schickten die Reykjavíker lieber einen etwas verschrobenen Künstler ins Rathaus.

Ausblick: Die Stadt vom Turm der Hallgrímskirkja aus gesehen.

„Beste Partei“.

„Die ‚Beste Partei‘ hat Menschen überall inspiriert“, sagt Gnarr, der von 2010 bis 2014 im Amt war. Seine Gruppe reformierte Schulen und ließ den maroden städtischen Energiekonzern sanieren. Zwar gab es kein fest umrissenes Programm, dafür aber jede Menge schwarzen Humor, verrückte Ideen und die Bereitschaft, den Bürgern zuzuhören. Gnarr ist bis heute weltweit gefragt, um aus seinen Büchern zu lesen und über das Polit-Experiment zu sprechen. „Man bittet mich ständig um Rat“, seufzt der Mann in der Bomberjacke, „dabei habe ich gar keine Ratschläge zu verteilen.“ Nachdenklich spaziert er über den alten Friedhof seiner Stadt, ein fast romantischer Ort, an dem Moose, Farne und knorrige Bäume wachsen. „Was für eine herrliche Ruhe“, sagt Gnarr

Ein paar Schritte weiter hebt er allerdings ein kleines Plastiktütchen vom Boden auf. „Sogar die Dealer fühlen sich hier wohl“, er lacht. Gnarr ist so populär, dass er problemlos ein zweites Mal Bürgermeister oder gar Regierungschef hätte werden können. Er sagt dazu nur: „Das wäre schrecklich langweilig geworden. Und ich wollte denen zeigen, dass man nicht automatisch von der Macht korrumpiert wird.“ Schriftsteller Sigurjón Sigurðsson ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sich kreative Menschen in Reykjavík für ihre Heimat engagieren. Auch der 52-jährige war Mitglied in der „Beste Partei“: „Wir alten Anarchisten haben die Stadt übernommen und unsere Aufgaben erfüllt, so wie wir vorher Galerien und Plattenlabels geführt hatten“, sagt er.

„Reykjavík ist eine kleine Stadt“.

Sjón, wie er sich nennt, ist einer der erfolgreichsten Autoren des Landes, hat Songtexte für Björk geschrieben und mit Lars von Trier zusammengearbeitet. „Reykjavík ist eine kleine Stadt“, sagt er, „aber die Isländer waren noch nie Isolationisten. Wir haben schon immer fremde Einflüsse aufgesogen und mit ihnen angestellt, was wir wollten.“ In seinen lyrischen Romanen erzählt Sjón von einer Insel, die trotz ihrer Abgeschiedenheit mit der Welt kommuniziert. So ist es tatsächlich: In der Stadt spricht fast jeder gutes Englisch und Hochhäuser wachsen in den Himmel wie überall. Und doch bleiben mehr Eigenheiten erhalten als auf dem Festland. „Wirklich schön ist Reykjavík ja nicht“, sagt Sjón so liebevoll, wie man einen solchen Satz nur sagen kann. Man merkt, wie sehr er die Wellblechhäuser, die verwilderten Gärten, die mit Grafitti besprühten Hinterhöfe und die altmodischen Cafés seiner Heimat mag.

In der Nähe des Hafens, in dem Fischer einst ihre Hering- und Dorsch-Kutter vertäuten, hat sich die Designerin Steinunn Sigurðardóttir einquartiert. Sie verlegte ihre Boutique samt Studio ans Wasser, um dem Touristenstrom in der Haupteinkaufsstraße zu entkommen.

Stadtflucht: Jenseits von Reykjavík beginnt Islands Wildnis, wie hier auf dem Weg zum Þríhnúkagígur-Vulkan.

Wärme und Inspiration.

Ihre Strickmode liegt jetzt in den Regalen eines weiß gestrichenen Raums, der früher eine Fischfabrik beherbergte. „Ich hätte vor zehn Jahren in Italien oder New York weitermachen können“, sagt sie, „aber ich wollte nicht von der Modeindustrie geschluckt werden.“ In Reykjavík findet die Designerin, die früher für La Perla und Calvin Klein arbeitete, Ruhe. Ihren Strickwaren ist die Liebe zur Handwerkstradition anzusehen und zugleich sind die meist schwarzen oder grauen Jacken, Kleider und Pullis, die Hüte und Mäntel so zeitlos schön wie ein Blick auf den Atlantik.

„In Reykjavík gibt es keinen Prada-Shop, aber dafür jede Menge befreundete Maler, Bildhauer und Musiker“, sagt Steinunn. Sie will ihrer kühlen Heimat etwas von dem zurückgeben, was sie hier stets gefunden hat: Wärme und Inspiration. Solange es in Reykjavík Menschen wie Steinunn, Sjón, Jón oder Víkingur gibt, braucht man sich um diese Stadt keine Sorgen zu machen.

Schlicht und ergreifend.

Das wohl Beste Restaurant des Landes ist in einem scheunenhohen, schmucklosen Raum für maximal 24 Gäste untergebracht – das „Dill“ wirkt atmosphärisch wie ein Gegenentwurf zum klassischen Gourmettempel. Chefkoch Gunnar Karl Gíslason stammt aus dem Norden der Insel, wird von Freunden Gunni genannt und bezeichnet sich als „Jungen vom Land“. Den Bauern und Fischern seiner Heimat hat er mit dem Kochbuch „North“ ein Denkmal gesetzt. Alte Traditionen der Lebensmittelkonservierung nutzt der Meister für seine Zwecke: Da wird Fisch getrocknet und geraspelt, Lamm geräuchert und eingelegter Hering als Milcheis gefroren. Je nach Jahreszeit stammen bis zu 95 Prozent der Zutaten aus Island, sogar das Salz lässt der Chef eigens für sein Restaurant herstellen. Mittels geothermischer Energie – versteht sich.

Von blumigen Statements hält Gunni nichts, die Bezeichnungen seiner Speisen sind eher lakonisch: „Rote Beete – Leber – geröstete Hefe“ oder „Süßsauer glasierter Seeteufel – Lamm – Angelikakraut – Sellerie“. Erst auf der Zunge ist dann Schluss mit Schlichtheit.

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Walversprechen.

Vor nicht allzu langer Zeit, sagt Hrefna Rósa Sætran, „kannten die meisten Isländer Thunfisch nur aus der Dose. Aber die Gastro-Szene in Reykjavik hat sich in den letzten zehn Jahren drastisch verändert.“ Die 27-jährige Chefköchin betreibt in der Hauptstadt zwei große Restaurants mit insgesamt 500 Plätzen. Im „Fish Market“ können Gäste in eine offene Küche blicken, Fisch und Fleisch werden auf einem 1.200 Grad heißen japanischen Robata-Grill zubereitet. Während einheimische Traditionalisten Thunfisch, Sushi und asiatische Gewürze exotisch finden mögen, wundern sich Touristen über landestypische Speisen wie arktischen Saibling, geräucherten Zwergwal und Papageientaucher. Dabei versichert die Gastronomin: „Mein Vorname bedeutet Zwergwal. Ich mag Wale, und diese Tiere werden nach strengen Regeln gefischt.“

fiskmarkadurinn.is

Hier kriegen wir’s gebacken.

Wer es süß und raffiniert mag, ist bei Axel Þorsteinsson richtig. Seine ersten Backversuche machte der Konditor mit 15 Jahren bei seiner Mutter. Für die Ausbildung zum Pâtissier ging er nach Dänemark, schloss sie als Klassenbester ab und bekam sogar einen Orden von der Königin. Axel tüftelt Süßspeisen aus, die mit Fruchtaromen spielen und Konsistenzen von cremig bis knusprig miteinander verbinden. Beliebt sind seine Macarons, der gesalzene Erdnusskeks oder der Zitronenkuchen mit Matcha-Creme und weißer Schokolade. Serviert – und auch zum Mitnehmen an der Theke verkauft – werden die Köstlichkeiten im chicen Grill-Restaurant „Apotek“ im Gebäude des gleichnamigen Hotels.

apotekrestaurant.is

Schlaf ist die beste Medizin.

Zentraler als im Hotel Apotek lässt sich in Reykjavík kaum übernachten. 1917 entstand das Haus nach Plänen von Guðjón Samúelsson – es war die Hauptapotheke der Stadt. Heute spielen Rezepte nur noch in der Küche eine Rolle. Da beim Umbau des Art-déco-Gebäudes keine Mauern eingerissen werden durften, hat das Viersternehotel nun 45 elegante und modern eingerichtete Zimmer mit unterschiedlichen Grundrissen. Vom Parkett über die Ledersessel bis zu den Couches ist alles in Grau- und Brauntönen gehalten. Wer das Treppenhaus nutzt, kann Guðmundur Einarssons kuriose Skulpturen in ihren Nischen betrachten. Highlight des Hotels ist die dreistöckige Turmsuite.

keahotels.is

Unterwegs.

Ausflug ins Graue

Direkt hinter den Stadtgrenzen beginnt die Wildnis Islands, die teils wie nicht von diesem Planeten wirkt. Eine der schönsten Wanderungen im Umland der Hauptstadt ist die Tour ins Reykjadalur. Sie beginnt hinter dem Ort Hveragerði (durch den Ortskern, am Fußballfeld vorbei und auf einer Schotterpiste zum Wanderparkplatz). Die Route führt hinauf in ein grünes Tal mit brodelnden Schlammtöpfen und knallbunt verfärbten Steinen. Da der Bach von heißen Quellen gespeist wird, lässt sich gut darin baden. Aber Vorsicht, an manchen Stellen besteht sogar Verbrühungsgefahr.

Unsere Reisetipps.

Aktivitäten:

Gipfelglück: hallgrimskirkja.is

Heimatlieder: 12tonar.is

Abgrundtief schön: insidethevolcano.com

Wechselbad: nautholsvik.is

Gut zu wissen.

Bargeldlos.

Münzen und Scheine braucht man in Island fast nie. Ob Parkuhr, Schwimmbad oder Theaterkasse – überall lässt sich per Kredit- oder EC-Karte bezahlen. Island ist kein EU-Mitglied. 1.500 Isländische Kronen entsprechen rund 10 Euro.

Reinlich.

In einer Badeanstalt darf man nur frisch gewaschen in den Pool steigen. Viele Isländer kommen täglich in eines der 129 öffentliche Bäder auf der Insel und achten peinlich genau auf Sauberkeit. Scham ist in den Duschräumen fehl am Platz, man schäumt sich stets nackt ein.

Thorreich.

Blutrünstig und fies geht es in den isländischen Gründungsmythen zu. Es sind herrliche Sagen, die Gäste allerdings leicht verwirren. Versuchen Sie lieber gar nicht erst zu verstehen, wer genau Thorolf, Thorgerd, Thorberg, Thorir, Thorgeir, Thorgunna oder Totschlag-Bardi waren.

Naturverbunden.

Katastrophen sind auf einer Vulkaninsel ein wichtiges Thema. Doch trotz zahlloser Ausbrüche, Fluten, Erdbeben und Stürme scheinen die Isländer geradezu begeistert von den Launen ihres Heimatlandes zu sein. Man kann Postkarten mit Desaster-Motiven kaufen, Filme über Lavaexplosionen anschauen und angeregte Gespräche darüber führen, wie das war, als der Eyjafjallajökull spuckte.

Korrekt.

Für Autofahrer wichtig: Fahren Sie auch auf den besten Schnellstraßen niemals schneller als 90. Die Strafen für Temposünder sind hart, die Polizei ist technisch sehr gut ausgerüstet.

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