Horizonterweiterung.

Wer beim Stichwort Provence nur an Lavendelduft und verträumte Altstädtchen denkt, den belehrt Marseille eines Besseren. Die Hauptstadt der Region ist das Gegenteil ihres Hinterlands: rau, avantgardistisch, und kontrastreich – so aufregend wie das Meer.

Innerhalb weniger Querstraßen einmal um den Erdball.

Das Gesicht von Marseille verwandelt sich so schnell und berührend wie das einer großen Schauspielerin: Die dekorierten Fenster der Luxus-Geschäfte in der Rue Grignan, östlich des Alten Hafens, wirken wie das glamourös geschminkte Antlitz einer Oscar-Gewinnerin auf dem roten Teppich. Dann führt die Straße über eine Brücke. Es geht nur ein paar Schritte hinauf, bis zwischen zwei Hausmauern ein Schild das „Quartier des Créateurs“ ankündigt, das Viertel der Gestalter. Und danke, nächste Szene! Ab hier zeigt die Stadt ein ganz anderes Gesicht: An den Mauern leuchten Graffiti in schrillen Farben, die Namen der Designer-Boutiquen klingen cool, alternative Bio-Läden und schmale, exotische Restaurants säumen die Gassen. Passanten haben den Eindruck, als reisten sie innerhalb weniger Querstraßen einmal um den Erdball. Wer dann zurück über den Marché de Noailles und die Canebière Richtung Hafen geht, erlebt wieder einen harten Schnitt – und wähnt sich plötzlich in Berlin-Neukölln. Mehr als zwei Kilometer sind seit dem Hermès-Shop nicht vergangen.

Marseille ist besonders. Nicht klassisch schön wie Cannes oder Nizza. Auch nicht so lieblich, wie einer dieser südfranzösischen Orte, in denen es ständig nach Lavendel duftet.

Anziehend, aber gleichzeitig auch abstoßend.

„Wer sagt, dass er Marseille uneingeschränkt liebt, kennt die Stadt nicht. Sie ist anziehend, aber gleichzeitig auch abstoßend. Sie ist eine Rebellin. Voller Kraft und schwer zu bändigen.“ So beschreibt die Modedesignerin Roselyne Gierlinger ihre Wahlheimat. Die gebürtige Korsin zog vor 20 Jahren hierher, ihren Familiennamen hat sie von ihrem österreichischen Mann. Über dem Eingang zu ihrer Boutique steht „Floh“ – ihr Spitzname, den die 55-Jährige so erklärt: „Als ich meinen Mann kennenlernte, konnte ich nie stillsitzen, habe immer mehrere Sachen gleichzeitig gemacht. Vielleicht passe ich deshalb so gut in diese Stadt.“

Vor ein paar Monaten ist Gierlinger mit ihrem Geschäft aus dem Multi-Kulti-Viertel Cours Julien heruntergezogen in die feinere Gegend nahe der Oper und des Museums der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers, das 2013 eröffnete. Damals war Marseille europäische Kulturhauptstadt. Gierlinger sagt: „Ich mochte auch das andere Ambiente, aber hierher kommt mehr Laufpublikum.“

Arm und Reich.

Passagiere der Kreuzfahrtschiffe, die früher sofort nach dem Anlegen in das 30 Minuten entfernte Bilderbuch-Städtchen Aix-en-Provence aufbrachen, schlendern heute gern durch Marseille. Auch Unternehmer aus der Biotech- und Internetbranche entdecken die Stadt langsam für sich. Sie war als Handelszentrum und Industriehafen schon globalisiert, als es den Begriff noch gar nicht gab. Tradition und Moderne, Arm und Reich haben dicht nebeneinander in Frankreichs zweitgrößter Stadt ihren Platz.

Zum Beispiel im Alten Hafen, wo vor den Yachten jeden Vormittag Fischer ihren Fang verkaufen. Gegenüber, in der Küche des Restaurants Kahena, steht Nouredine Miladi vor riesigen Bottichen mit Lamm- und Hühnerfleisch und braut eine Couscous-Brühe, wie er sie seit seiner Kindheit auf Djerba kennt.

Im Altstadtviertel Panier mit seinen ansteigenden Gassen halten alte Muttchen in Kittel und Schürze ihren Schwatz. Ihre Wäsche hängen sie aus den Fenstern, sodass es wie eine Kunstaktion wirkt, wenn sie über den Eingängen der neuen Galerien und Läden trocknet. Verkauft wird hier auch die berühmte, aus Pflanzenöl und natürlichen Zusatzstoffen gesiedete Seife aus Marseille, die schon Ludwig XIV. schätzte. Und das ehemalige Hôtel Dieu beherbergt heute das Fünf-Sterne-Hotel Intercontinental.

„Diese Stadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen und Lebensarten. Wir fühlen uns hier in erster Linie als Marseiller – und danach vielleicht als Franzosen“, sagt Corinne Vezzoni. Auch die 51-jährige Stadtplanerin und Architektin ist eine Zugereiste – wie so viele andere der 850.000 Einwohner. Bis zum Abitur lebte sie mit ihren Eltern in Marokko.

Ein ideales Ausflugsziel.

Bei den Wahlen 2015 hatte nicht viel gefehlt – und eine Rechtsradikale wäre Regionalpräsidentin von Provence - Alpes - Côte d’Azur geworden. Die Weltoffenen in der Regionalhauptstadt sind erleichtert, dass es nicht so weit kam. „Es waren Griechen, die Marseille vor 2.600 Jahren gründeten“, sagt Vezzoni. „Die kamen über das Meer, nicht auf dem französischen Landweg.“ Auch die Berge im Rücken der Stadt tragen dazu bei, dass die Bewohner stets den Horizont im Blick haben – die Fähren nach Afrika seien ihnen näher als der TGV nach Paris, sagt Vezzoni.

Sie arbeitet im sechsten Stock eines Beton-Hochhauses, das von außen wenig anziehend wirkt. Le Corbusier hatte das Anfang der 1950er-Jahre eröffnete Gebäude entworfen. Sein Stil prägte weitere Wohnblocks vor den Hängen des Estaque-Gebirges. „Man muss die Bauweise nicht schön finden. Aber selbst Menschen, die sich keine Villa am Strand leisten können, haben bei uns Meerblick“, sagt Vezzoni und weist triumphierend auf das Panorama vor ihrem Büro­fenster. Von hier aus ist gut zu erkennen, wie der schroffe Gebirgsausläufer vom Hinterland bis zur Küste reicht. Die schmalen Buchten der Calanques sind ein Stück ungezähmter Natur in der Stadt mit steilen Klippen, dazwischen glitzert türkisfarbenes Wasser. Ein ideales Ausflugsziel für Wanderer, Kletterer, Bootfahrer und Paddler. Früher boten die Höhlen der Calanques Seeräubern, Schmugglern und auch Widerstandskämpfern im Zweiten Weltkrieg Schutz.

Marseille ist nichts für Schwächlinge.

Ein gutes Versteck für seine Geschäfte in der Stadt hat sich auch Guillaume Ferroni ausgedacht. Per Mail kommt der Zugangscode – Betreff: geheime Instruktionen. Nach der Eingabe der Nummer C25469 springt die Tür des angeblichen Souvenirladens auf. Durch einen Kleiderschrank geht es in die Untergrundbar „Carry Nation“, benannt nach der gottesfürchtigen Frau, die Ende des 19. Jahrhunderts in den USA gegen den Alkoholausschank kämpfte.

Ferroni brennt Rum. Legal natürlich. Trotzdem ungewöhnlich für Marseille. Der erste Pastis ist zwar schon bald nach dem Frühstück gesellschaftsfähig, aber Rum ist seit dem Ende der Kolonialzeit mit ihren Zuckerbaronen doch eher untypisch.

Der 47-Jährige erklärt: „Noch im 19. Jahrhundert gab es in Marseille 25 Rum-Marken und zig Spirituosenlager. Aber die sind alle verschwunden.“ Ferroni will das ändern. Er durchforstet Archive, sucht nach Nachkommen der aufgegebenen Brennereien und betreibt inzwischen drei Bars in der Stadt. „Bei mir gibt es keine Cocktails, in denen Fruchtsäfte den Alkohol verstecken“, sagt er. Lieber schenkt er einen Bellevue millésime 1998 aus. Pur. Sechs Zentiliter für 33 Euro. Marseille ist nichts für Schwächlinge.

Kochkunst im Baudenkmal.

Mediterran-maghrebinisch nennt Jérôme Caprin seine Küche im Restaurant Le Ventre de l’Architecte. Schließlich stammt die Oma des Chefkochs aus Tunesien, sodass ihn nicht nur die französische Esskultur, sondern auch die am südlichen Ufer des Mittelmeers geprägt hat. Die Leibspeise des 34-Jährigen: Hase Molokheya – mit einer grünen Sauce, wie sie schon seine Oma aus dem Pulver eines Blattgemüses zubereitete, das auf Deutsch Muskraut oder Lang­kapselige Jute genannt wird. Die Gerichte für den Mittagstisch im Le Ventre de l’Architecte wechseln jede Woche, die Abendkarte ändert Caprin monatlich. Ein Besuch im Restaurant ist aber nicht nur ein kulinarisches Highlight: Gespeist wird im dritten Stock des Hochhauses „Cité radieuse“. Zumindest ein schmaler Streifen des Meeres ist vom Restaurant aus zu sehen. Entworfen hat den Beton-Riegel der Architekt Le Corbusier, eröffnet wurde er Anfang der 1950er-Jahre. Die Konzeption des Gebäudes im 8. Arrondissement erinnert an eine Art Ozeandampfer, auf dem Appartements, Büros, Geschäfte, Lokale und Kindergärten Platz haben. Le Corbusiers Idee einer vertikalen Stadt, die möglichst viele Alltagsbedürfnisse der Bewohner erfüllen sollte, setzte sich bald weltweit durch. Die Möblierung des Hauses in Marseille ist zum Teil noch im Original vorhanden. Wer über die Länge eines Restaurantbesuchs hinaus noch verweilen möchte, kann sich nebenan im Hotel Le Corbusier einmieten.

hotellecorbusier.com/restaurant

Der Couscous-Meister.

In Marseille kann man sich problemlos durch die Küchen sämt­licher Kontinente schlemmen. An die 40 Nationalitäten leben in der Stadt. Die meisten Einwanderer stammen aus benachbarten europäischen Ländern und aus Nordafrika – wie Nouredine Miladi. Seine große Familie nennt ihn einfach „tonton“, Onkelchen. Dabei ist Miladi längst eine Institution in Marseille. Mit 20 kam er von Djerba nach Frankreich und begann als Küchenjunge. Heute gehört ihm das Restaurant La Kahena am Alten Hafen. Kaum einer kocht Couscous so gut wie er. Sein Geheimnis? Der Sud aus Lamm- und Hühnerfleisch köchelt mehrere Stunden auf kleiner Flamme vor sich hin. Dafür steht Miladi schon morgens sehr früh in der Küche.

la-kahena-.zenchef.com

Mehr als Suppe.

Vallon des Auffes – so heißt eine Gräserart, aus der Fischer früher ihre Netze knüpften. Den gleichen ­Namen trägt heute eine Bucht, die zu Fuß etwa zehn Minuten vom Alten Hafen entfernt liegt. Das Restaurant Chez Fonfon serviert dort eine der besten Bouillabaisses des Landes. Chefkoch Clément Renault lässt dabei Suppe und Fisch in zwei separaten Gängen auftischen. Ursprünglich war das Gericht mal ein Arme-Leute-Essen, ein Eintopf, der überall in der Provence aus Resten und nicht verkäuflichem Beifang zubereitet wurde. Renault aber verwendet nur Zutaten bester Qualität – sowohl für die Suppe als auch für den zweiten Gang, einen Teller mit fangfrischen Edelfischen.

chez-fonfon.com

Experimente am Bett.

Kunstmäzen und Hotelier Georges Antoun lädt regelmäßig junge Kreative in sein „New Hotel of Marseille“ ein. Für einige Monate dürfen die Künstler dann seine Herberge nutzen – und zugleich verschönern. So entstand zum Beispiel das Zimmer „2113“: Die Möbeldesignerin Marine Peyre entwarf  ein multifunktionales Bett, in dem sich Gäste nicht nur zur Ruhe legen können. Essen, lesen, Musik hören, mit Freunden chatten – das alles soll hier möglich sein, ohne aus den Federn kommen zu müssen. Der Street Artist $kunk Dog, der sich sonst an Marseiller Hausmauern verewigt, lieferte die passende Wanddeko.

new-hotel.com

Experimente am Bett.

Kunstmäzen und Hotelier Georges Antoun lädt regelmäßig junge Kreative in sein „New Hotel of Marseille“ ein. Für einige Monate dürfen die Künstler dann seine Herberge nutzen – und zugleich verschönern. So entstand zum Beispiel das Zimmer „2113“: Die Möbeldesignerin Marine Peyre entwarf  ein multifunktionales Bett, in dem sich Gäste nicht nur zur Ruhe legen können. Essen, lesen, Musik hören, mit Freunden chatten – das alles soll hier möglich sein, ohne aus den Federn kommen zu müssen. Der Street Artist $kunk Dog, der sich sonst an Marseiller Hausmauern verewigt, lieferte die passende Wanddeko.

new-hotel.com

Zentrale Runde.

Auf diesen elf Kilometern lernen Jogger oder Spaziergänger Marseille gut kennen: Der Kurs beginnt im Alten Hafen (1), am nördlichen Ufer, eine Gedenktafel erinnert an die Stadtgründung durch griechische Seefahrer. Dann am Hafenbecken entlang, bis es im Osten hinauf in das Altstadtviertel Panier geht. Pausen-Tipp hier: das Kulturzentrum mit archäologischer Sammlung im ehemaligen Armenhospiz Vieille Charité (2). Von dort aus über das Einkaufszentrum Terrasses du Port (3) zur Cathédrale La Major (4) und zum Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (5). Über die Festung Fort Saint-Jean, das Palais du Pharo (6) und die Abtei Saint-Victor (7) führt der Weg zum Ende an den Plage des Catalans (8) – hier lockt das Meer mit Abkühlung. Dann geht es zurück zum Alten Hafen.

Gut zu wissen.

Frisch gebacken.

„Four des Navettes“ heißt die älteste Bäckerei der Stadt nahe der Abtei Saint-Victor. Seit 1781 werden hier die berühmten „Schiffchen“ gebacken – Kekse mit Orangenaroma. Kenner tunken das Gebäck gern in den Kaffee, bevor sie es essen. fourdesnavettes.com

Zügig erreicht.

In etwas mehr als drei Stunden rast der TGV von Paris nach Marseille. Die Linienflüge hat Air France seither aufgegeben.

Sauber gemacht.

Viele Jahre lang durften die Marseiller Müllmänner nach Hause gehen, sobald sie alle Tonnen in ihrem Bezirk geleert und die Abfälle zur Deponie gebracht hatten. Das führte zu wahren Wettfahrten der Müll­wagen – auf Kosten der Gründlichkeit. Die Praxis hat sich inzwischen geändert, havarierte Müllsäcke gehören nur noch ausnahmsweise zum Stadtbild.

Gut gebrüllt.

„Sei still, Marseille, du bist zu laut, ich kann die Segel im Hafen nicht mehr ­hören“, so sang Colette Renard in einem berühmten Chanson der 1950er-Jahre. Die Beschwerde über den eher rauen Umgangston in der Stadt hat noch heute ihre Berechtigung.

Offen gelassen.

Nur 25 Prozent der Metropolregion Marseille sind bebaut. Mitten in der Stadt gibt es Strände. Manche nutzen sogar das ­Bassin am Museum der Zivilisationen ­Europas und des Mittelmeers. Das ist zwar verboten – aber gilt es nicht, den Ruf als rebellische Stadt zu verteidigen?

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