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Hut ab, Mister Porter.

Jazz-Sänger Gregory Porter fand spät zur Musik und füllt heute die großen Konzerthallen der Welt – was nicht nur seiner einzigartigen Stimme zu verdanken ist. Ein Gespräch über die Kraft des Jazz, Rassismus in den USA und sein Markenzeichen: die Ballonmütze

Gregory Porter hat Manieren, Stil und eine angenehm ruhige Art.

Plötzlich steht er da, ohne Tamtam, ohne Entourage, dafür mit einem Lächeln. Es ist ihm sichtlich peinlich, 15 Minuten zu spät zu kommen – im dauerverstopften New Yorker Verkehr ganz normal. Gregory Porter hat Manieren, Stil und eine angenehm ruhige Art. Er bewundert erst mal den Rundumblick über die Skyline aus dem historischen „Rainbow Room“ im 65. Stock des Rockefeller Center, zupft das lachsfarbene Einstecktuch im schicken Dreiteiler zurecht und lässt den Fotografen walten. Keine Hektik bitte, sagen Stimme und Körperhaltung des breitschultrigen Jazz-Sängers. Die Statur des Ex-Football-Spielers füllt den Raum. Sein Markenzeichen – die schwarze Ballonmütze – verschluckt wiederum einiges der Präsenz, eigentlich den Großteil seines Gesichts. Wie aus dem Nichts ist dieser Mann in die Musikwelt eingeschlagen und hat Jazz wieder cool gemacht. So ganz scheint der 44-Jährige, der mit Frau und Sohn nach einer Zeit in New York wieder in Kalifornien lebt, seinen rasanten Aufstieg selbst nicht fassen zu können. Für sein letztes Album erhielt er einen Grammy. Mit der neuen Platte „Take Me to The Alley” schreibt er die Erfolgsgeschichte fort.

Für solche Hirngespinste war keine Zeit.

Herr Porter, wo ist die Alley, in die Sie uns mit Ihrem aktuellen Album führen?

In Bakersfield, Kalifornien, wo ich aufgewachsen bin und wo meine Mutter als Pastorin gearbeitet hat. In dieser Straße habe ich eine Menge über das Leben gelernt.

Inwiefern?

Meine Mutter war oft im Viertel unterwegs, um anderen zu helfen. Mann, das war wirklich keine gute Gegend. Ich habe für Drogenabhängige  und Prostituierte auf der Straße gesungen. Das hat mich Mitgefühl gelehrt. Und Dankbarkeit.

Wollten Sie schon damals Musiker werden?

Ich wusste, dass ich gern singe, dass ich Musik liebe und dass in meinem Kopf immer etwas musiziert. In der Kirche hörte mir jeder gerne zu. Aber als Karriere? Für solche Hirngespinste war keine Zeit.

Stattdessen verschrieben Sie sich dem Sport.

Was auch kein leichter Weg war. Nur ein Prozent der amerikanischen College-Sportler bringt es zum Profi. Für mich war das die Chance auf einen Studienplatz. Ich hatte ein Football-Stipendium in Aussicht und mein Ziel vor Augen.

„Vergiss die Musik nicht.“

Bis zu einer Schulterverletzung gegen Ende der High School, die Ihnen rückblickend wie ein Glücksfall vorkommen muss.

So ungefähr. Aber erst mal brach für mich eine Welt zusammen. Es hat lange gedauert, bis ich zu meiner ersten Liebe zurückfand, zur Musik.

Was gab letztlich den Ausschlag?

Meine Mutter. Ich war in meinen Zwanzigern als sie schwer erkrankte. Vor ihrem Tod führten wir viele Gespräche. Irgendwann meinte sie: „Vergiss die Musik nicht.“ Ich hatte großen Respekt vor meiner Mutter. Sie hat alleine acht Kinder großgezogen. Als sie starb, stürzte ich in ein Loch. Die Musik hat mich herausgeholt.

Ihr erstes Album erschien, als sie 38 waren – recht spät, um durchzustarten.

Mit Blick auf andere Musiker ist das spät, ja. Für mich wiederum war es eine Entwicklung, die ihre Zeit gebraucht hat. Jazz ist ein Genre, das vom Alter und von Erfahrungen erzählt, von Höhen und Tiefen. Man muss das Leben gelebt haben, bevor man darüber singen kann.

Welche Erfahrungen haben Sie geprägt?

Vor allem die lebenslange Lücke, die mein Vater hinterlassen hat. Ich kannte ihn kaum. Die seltenen Begegnungen brachten uns keine Nähe. Man sollte meinen, dass man als erwachsener Mann damit abgeschlossen hat. Aber so einfach ist es nicht. Seit ich über diese und andere Gefühle schreibe, ist meine Musik stimmig. Songs wie „Hey Laura“ oder „Be Good“ erzählen von wahren Begebenheiten. Ich muss nichts erfinden.

Es ist einfach mein Ding.

Das muss befreiend sein.

Oh ja. Das Songschreiben ist sozusagen meine persönliche Therapie – eine gute Sache. Dummerweise bringt sie mich in die prekäre Si­tuation, öffentlich auftreten zu müssen. Ich bin schüchtern. Anfangs war das ein Alptraum.

Verstecken Sie sich deshalb unter dieser riesigen Mütze?

Könnte sein (lacht). Ich weiß, dass jeder neugierig ist und wissen will, was es damit auf sich hat. Die simple Antwort: Es ist einfach mein Ding. Viele meinen, ich trage die Mütze, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist mir egal. Niemand gab mir einen Plattenvertrag, nur weil ich eine ballonartige Kappe trage.

Gleich Ihr erstes Album schlug ein, es folgten ein Grammy und weitere Preise. Sie gelten als der Mann, der den Jazz entstaubt hat. Musik verändert sich ständig, wobei die Basis eines Genres immer gleich bleibt. Der Jazz hat seine Wurzeln im Gospel, im Blues, im Spirituellen. Mit den Worten und Melodien erschafft man einen modernen Bezug: Aber Jazz ist und bleibt auch sechzig Jahre nach dem Civil Rights Movement ein kulturelles und politisches Sprachrohr.

Auch die Themen sind geblieben mit Fällen von Polizeigewalt gegen Schwarze in Fer­guson und Baltimore.

Leider. Im Grunde kämpfen wir immer noch um dieselben Dinge wie damals: Gleichberechtigung, Anerkennung, Freiheit. Dieser Kampf betrifft nicht nur Schwarze, sondern auch Frauen, Muslime, Immigranten, Schwule. Die Liste ist lang. Durch Ferguson und Baltimore wurde die Welt an den Rassismus in den USA erinnert. Aber der war nie weg.

Wurden Sie selbst schon mal wegen Ihrer Hautfarbe angefeindet?

Wenn, dann eher unterschwellig, etwa durch Blicke. In meiner Kindheit und Jugend sind da noch ganz andere Dinge vorgefallen, inklusive brennender Kreuze und Worte, die ich hier lieber nicht ausspreche. Wenn die jüngsten Vorfälle etwas Gutes haben, dann, dass die Dinge nun auf den Tisch kommen, damit wir endlich eine bleibende Veränderung bewirken. Ich bin stolz darauf, Amerikaner zu sein. Aber wir müssen offen reden, auch über die Vergangenheit. Man kann die eigene Geschichte nicht einfach wegwischen oder schönfärben.

Jazz war und ist die freieste aller musikalischen Ausdrucksformen.

Welche Rolle kann die Musik in einer solchen Diskussion spielen?

Jazz war und ist die freieste aller musikalischen Ausdrucksformen. Abbey Lincoln, John Coltrane, Max Roach – sie alle nutzten den Jazz als Anschub. Jazz grenzt sich nicht ab, weder musikalisch noch ideologisch. Das Spirituelle in den Texten will die Menschen berühren, aufrütteln und zum Protest aufrufen.

Auf Ihrem aktuellen Album tun Sie genau das mit „Fan The Flames“.

Richtig, „stand up in your seat with your dirty feet“ ist ein Aufruf zum Denken und Handeln. Du hast ein Recht zu protestieren. Deine Füße sind schmutzig, weil du durch den Schlamm und Bullshit gelaufen bist, den Politiker hinterlassen haben. Aber weiter im Song heißt es: „Raise your fist in the air. Protest. But be sweet!“ Für Frieden ist gewaltfreier Widerstand un­abdingbar. Ich wünsche mir fairen Protest und gegenseitigen Respekt.

Meine Musik ist flexibel und dehnbar.

Ist das Aufrütteln das Hauptziel Ihrer Musik?

Es ist eines meiner Ziele. Warum ich Musik mache, hat viele Gründe: emotionale, politische. Und ich möchte die Leute unterhalten und für den Jazz begeistern. Es ist ja kein Geheimnis, dass das Genre über die Jahre Fans verloren hat. Das will ich ändern. Beim Schreiben meiner Songs denke ich oft an den 20-Jährigen, der meint, Jazz habe ihm nichts zu sagen hat, weil es eine Musikrichtung für Ältere ist. Oder an den 35-Jährigen, der den Großteil seines Lebens Hip-Hop gehört hat und keine Verbindung zwischen den Genres sieht.

Gehen Ihre neueren Alben deshalb immer stärker in Richtung Mainstream?

Für mich ist alles, was ich mache, zunächst mal Jazz. Aber meine Musik ist flexibel und dehnbar. Ich will nicht, dass sie statisch auf ein Genre pocht. Sie muss leben. Wenn durch die Zusammenarbeit mit anderen Musikern ein neuer, massentauglicher Sound entsteht, kann ich darin nichts Falsches erkennen. Crossover zu Hip-Hop, Soul, Klassik oder Pop sind eine Bereicherung. Ich weiß schon: Manche Kritiker betrachten das als anbiedern oder verramschen. Aber ich glaube an den Jazz, ich liebe ihn. Und ich will, dass die Menschen erkennen, was diese Musik zu bieten hat. Wenn ich ihnen mithilfe von Pop oder Hip-Hop den Einstieg erleichtern kann – wunderbar!

Damit haben Sie vor allem in Europa einen Nerv getroffen. Wie erklären Sie sich diesen riesigen Erfolg, während Amerika erst jetzt auf den Gregory-Porter-Zug aufspringt?

Wenn ich das wüsste – vielleicht weil man die Bedeutung einer Sache nicht erkennt, wenn man sie direkt vor Augen hat? Aus der Distanz sieht man bekanntlich klarer. Außerdem ist das Publikum in Europa offener und neugieriger. Gerade in England und Deutschland lassen sich die Leute für Neues noch richtig begeistern. So intensiv habe ich das nirgendwo anders erlebt, was definitiv nicht allein an mir und meiner Musik liegt. Die Geschichte zeigt, dass es auch schon beim Blues so war, beim Rock’n’Roll und beim Soul. Da gibt es einfach noch einen faszinierenden Musik-Hunger.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Und die USA sind übersättigt?

Gewissermaßen. Vor allem kommt man hier kaum gegen die Macht der Musikindustrie an. Darüber spreche ich in Songs wie „Liquid ­Spirit“: „Un-re-route the rivers. Let the dammed water be.“ Das kann man auf die Musik beziehen – lass ihr einfach ihren Lauf. Stattdessen gibt die Industrie bei uns vor, was „in“ ist. Und wenn Jazz nicht auf der Liste steht, läuft er auch nicht im Radio. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Dieses Jahr toure ich verstärkt in den USA und Kanada, es passiert also etwas.

Sie haben aber wirklich die Ruhe weg.

Wenn mich das Leben eines gelehrt hat, dann, dass der Holzhammer nichts außer Schmerzen bringt. Lieber gehe ich mit Bedacht vor. Und wenn sich eine Chance bietet, greife ich zu.

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