Der Welterklärer.

Am Kernforschungszentrum CERN suchen Wissenschaftler mit einem gigantischen Teilchenbeschleuniger nach dem Ursprung des Universums.
  • Interview Rolf-Dieter Heuer Forschungslabor Cern

  • Das Rollo an Rolf-Dieter Heuers Büro ist zur Hälfte heruntergelassen.

    Es klemmt. Schon seit Langem. Dabei stehen nur einige hundert Meter weiter, auf der anderen Seite der Straße, die größten, kompliziertesten und teuersten Maschinen, die sich die Teilchenphysik leisten kann. Für Heuer, Generaldirektor des europäischen Beschleunigerlabors CERN in Genf, sind solche Widersprüche Alltag. Der deutsche Physiker muss ein mehr als 60 Jahre altes Forschungszentrum mit knapp 4.000 Mitarbeitern und 11.000 Forschern aus aller Welt am Laufen halten. Gleichzeitig ist er für den Betrieb einer riesigen Maschine, des Large Hadron Colliders (LHC, siehe Infokasten), verantwortlich. Protonen prallen darin mit extremen Energien aufeinander – in der Hoffnung, neue Teilchen zu finden und zu verstehen, welche Kräfte und welche physikalischen Gesetze die Welt zusammenhalten.

    2013 ist hier in der Schweiz das Higgs-Boson entdeckt worden, das letzte noch fehlende Puzzlestück im theoretischen Gebilde der Teilchenphysik.

    Rolf-Dieter Heuer, 66 Jahre alt, weiße Tolle und ebenso weißer Bart, scheint das nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Mit ruhiger, sanfter Stimme erzählt der gebürtige Schwabe, von der Arbeit mit einer der größten Maschinen, die je gebaut wurden.

    Professor Heuer, die Suche nach dem Higgs-Teilchen ist zu Ende.

    Den Nobelpreis für die Entdeckung haben aber nur die beiden Theoretiker Peter Higgs und François Englert bekommen – nicht das CERN, wo die meiste Arbeit gemacht wurde. Fühlen Sie sich übergangen?

    Nein, im Gegenteil. Wir sind vielmehr stolz darauf, dass der Preis – völlig zu Recht – an diese große Entdeckung gegangen ist. Letztlich ist es doch egal, wer den Preis erhält. Wichtig ist, dass die Forschung ausgezeichnet worden ist.

    Ihr Sinn für Gerechtigkeit bleibt gänzlich unberührt?

    Wer würde solch einen Preis nicht gerne bekommen? Das ist doch ganz verständlich. Aber letztlich ist die ausgezeichnete Forschung das Wichtigste. Zudem ist jedem klar, dass der Nobelpreis nur vergeben werden konnte, weil am CERN die zugrunde liegende Theorie bestätigt worden ist.

    Sie profitieren also von der Auszeichnung?

    Der Nobelpreis hat uns mit Sicherheit nicht geschadet. Gerade in der Grundlagenforschung sind positive Schlagzeilen wichtig, um in der Diskussion zu bleiben. Sie machen es zudem weniger schwierig, die benötigten Ressourcen zu erhalten.

    Weniger schwierig?

    Für unsere Art der Forschung braucht man einen langen Atem. Niemand kann garantieren, dass es irgendwann zu einer Entdeckung kommen wird – schon gar nicht während der relativen kurzen Mandatszeit der Politiker, die über die Finanzen entscheiden. Viele stellen sich dann die Frage: Soll ich Geld in etwas stecken, von dem ich selbst keine wirtschaftlich verwertbaren Ergebnisse sehen werde, sondern vielleicht erst die fünftnächste Regierung nach mir?

    Sie haben kein Produkt, mit dem Sie werben können?

    Unser Ziel, unser Produkt, ist der Erkenntnisgewinn und nichts, das sich in ein paar Jahren anwenden lässt. In den meisten Fällen kommt die Anwendung dann irgendwann doch, sie können nur nicht voraussagen, wann das sein wird. Und das Schöne ist: Sie können auch nicht sagen, wo.

    Haben Sie dafür ein Beispiel?

    Als der Physiker Paul Dirac vor mehr als 85 Jahren aus einer kleinen Gleichung heraus die Existenz der Antimaterie postulierte, des Gegenspielers der „normalen“ Materie, hätte er bestimmt nicht an eine Anwendung im Krankenhaus gedacht. Heute ist die Positronen-Emissions-Tomografie, die Schnittbilder vom Menschen erzeugt und dabei mit Antimaterie arbeitet, ein bewährtes Verfahren. Aber das hat viele Jahrzehnte gedauert. Oder nehmen Sie das World Wide Web. Das wurde vor 25 Jahren am CERN entwickelt, um uns bei der täglichen Arbeit zu unterstützen. Inzwischen hat es das Leben der meisten Menschen total verändert.

    Bekommen Sie oft zu hören, dass die Milliarden, die am CERN in die Suche nach unsichtbaren Teilchen fließen, nicht besser in den Kampf gegen den Krebs oder den Hunger auf der Welt gesteckt werden sollten?

    Wir brauchen beides. Nehmen Sie aktuell Ebola. Da muss sofort gezielt geforscht werden, um Medikamente oder Impfstoffe zu entwickeln. Aber das geht nur, wenn vorher die Grundlagen für diese Forschung geschaffen worden sind. Und dazu brauchen Sie den nötigen Weitblick. Wenn wir einen richtigen Sprung nach vorn machen wollen, dann müssen wir auch ins Blaue hinein forschen können.

    Sieht das auch die Bevölkerung so?

    Das Interesse am CERN ist riesig, nicht erst seit dem Nobelpreis. Es ist unglaublich, welchen Hype solch eine komplexe und daher nicht leicht verständliche Forschung auslösen kann. Das fasziniert Leute aus allen Schichten und vom Erstklässler bis ins hohe Alter. Jedes Jahr wollen 300.000 Menschen das CERN besuchen, nur ein Drittel davon können wir herumführen.

    Woher kommt diese Faszination?

    Natürlich versteht nicht jeder, was wir machen. Aber jeder versteht, dass dahinter eine ganz wichtige Wissenschaft steckt, die die grundlegenden Fragen unserer Existenz berührt.

    Tatsächlich?

    Nehmen Sie das sogenannte Higgs-Teilchen. Ohne das würden wir nicht hier sitzen, denn erst das Higgs verleiht den anderen fundamentalen Teilchen ihre Masse. Das heißt, wir brauchen es, um unsere Existenz zu erklären. Wir stellen fundamentale Fragen: Wo kommen wir her? Wie entstand das Universum? Und können sie dank unserer Forschung teilweise sogar beantworten. Hier berühren sich an vielen Stellen Wissen und Glauben, Wissenschaft und Philosophie. Das fasziniert die Menschen. Ich persönlich finde es auch extrem spannend, durch Forschung in Bereiche vorzudringen, die die Grundlage für unser Wissen und unser Dasein bilden. Wir können dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zwischen Naturwissenschaftlern, Philosophen und Theologen zu fördern.

    Wie soll das gehen?

    Je besser man einander versteht, desto weniger Berührungsängste gibt es und desto mehr akzeptiert man die anderen Disziplinen. Schließlich setzen sich Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie mit verwandten Fragen auseinander. Sind das auch die Themen, die Studenten und Doktoranden ans CERN locken? Vor ein paar Jahren wurden in Großbritannien Studierende befragt, was sie zur Physik gebracht hat – und da waren es genau diese großen, eher esoterischen Fragen. Wir müssen in Europa allerdings aufpassen, dass wir nicht von anderen Ländern mit noch enthusiastischeren Studenten abgehängt werden.

    Teilchen-beschleuniger.

    27 Kilometer lang, 100 Meter unter der Erde und eisig kalt: Mit dem Large Hadron Collider (LHC), dem stärksten Beschleuniger der Welt, macht sich das CERN auf die Suche nach den grundlegenden Bausteinen des Universums. Die ringförmige Maschine beschleunigt Protonen, positiv geladene Teilchen, auf 99,9 Prozent der Lichtgeschwindigkeit und lässt sie frontal miteinander kollidieren. Dabei herrschen für kurze Zeit ähnliche Bedingungen wie beim Urknall, so können unbekannte Partikel entstehen.

    Das funktioniert wunderbar, weil die physikalische Neugier alle Menschen vereint.

    An welche Länder denken Sie?

    Wenn ich in Indien einen Vortrag halte, brauche ich fast schon Personenschutz – im positiven Sinn. Dort bin ich anschließend von einer Mauer aus Studenten umringt. In Pakistan oder Bangladesch läuft es genauso. Dort liegt ein Riesenpotenzial. Manchmal frage ich mich: Warum fliegst du so weit für einen einzigen Vortrag? Dann sehe ich den Effekt und kehre zufrieden zurück.

    Und am CERN bilden all diese Forscher dann eine große Gemeinschaft?

    Es ist faszinierend, aber hier ist es wirklich egal, ob ein Inder mit einem Pakistani zusammenarbeitet oder ein Israeli mit jemandem aus dem muslimischen Kulturkreis. Das funktioniert wunderbar, weil die physikalische Neugier alle Menschen vereint. Auch das gehört zum ganz besonderen Spirit dieses Ortes.

    Zum Geist des CERN?

    Fragen Sie mich nicht, woher der kommt, aber er ist einfach da. Dieses Labor vibriert. Da zieht niemand Punkt 17 Uhr die Tür hinter sich zu. Da gibt es noch abends Besprechungen, da sitzen die Menschen lange in der Kantine zusammen …

    … die meistens brechend voll ist.

    Zu recht. Wenn die Kantine eines Instituts nicht brechend voll ist, dann läuft etwas schief. Dort muss es pulsieren, dort müssen die Leute sitzenbleiben, reden, diskutieren. Es ist viel einfacher, einen Kollegen oder eine Kollegin beim Essen anzusprechen als die Tür zu einem anderen Büro öffnen zu müssen.

    Als Physiker hätten Sie auch im Labor bleiben können, anstatt sich mit Politikern und Kantinenöffnungszeiten herumzuschlagen.

    Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich zwar gut in der Forschung bin, dass andere das aber besser können. Ich dagegen kann mit Leuten arbeiten, ich kann sie motivieren, ich kann ihnen zeigen, in welche Richtung es gehen könnte. Bei der Entdeckung des Higgs-Teilchens etwa habe ich nichts getan, außer ein bisschen zu steuern, zu koordinieren. Aber das macht auch viel Spaß.

    “Naturwissenschaft und Religion schließen sich nicht aus. Wir am CERN versuchen, die Fragen nach dem Wie zu beantworten – das Warum überlassen wir anderen Disziplinen.”

    Rolf-Dieter Heuer

    Obwohl Sie das Higgs-Teilchen entdeckt haben, läuft der LHC nun wieder an, stärker und besser als zuvor. Warum der Aufwand?

    Die Entdeckung ist das eine. Nun aber müssen wir verstehen, was wir da eigentlich entdeckt haben. Wir müssen die Eigenschaften des Teilchens vermessen und schauen, ob es wirklich den Vorhersagen des sogenannten Standardmodells der Teilchenphysik entspricht. Sollten wir da eine Abweichung finden, würde das ein Fenster zu einer neuen Physik öffnen. Das Standardmodell kann nicht die endgültige Theorie sein. Es beschreibt zwar die Realität, es erklärt jedoch wenig. Daher muss es eine umfassendere Theorie geben. Wenn wir nun Hinweise auf neue, unbekannte Effekte finden könnten, würde das die Physik enorm voranbringen. Genau dazu brauchen wir aber einen verbesserten Teilchenbeschleuniger, der mit höherer Energie arbeitet und noch mehr Daten pro Sekunde liefert.

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