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Raues Wunder.

Rotterdam, die zweitgrößte Stadt der Niederlande, bekennt sich zu ihren Ecken und Kanten. Für Architektur- und Designliebhaber ist die experimentierfreudige Metropole schon lange ein Anziehungspunkt. Jetzt entdecken immer mehr Reisende die Reize dieser Hafenstadt.

In Rotterdam kann man Dinge auf die Beine stellen, die anderswo keine Chance hätten.

Man erreicht die grüne Oase mit dem Aufzug. Auf dem Flachdach eines Bürogebäudes im Rotterdamer Norden befindet sich der „Dakakker“, Europas größte Rooftop-Farm. Umgeben von Wolkenkratzern, Wohnblocks, Schienensträngen und Straßentrassen gedeihen Spinat, rote Beete, Rhabarber und Kürbis. Es riecht nach Minze und Eisenkraut, Bienen summen um ihre Kästen herum.

Ai Ming Oei strahlt über das ganze Gesicht. Die Sonne scheint. Menschen verschiedensten Alters sitzen beim Kaffee zusammen. „Dakakker ist ein gutes Beispiel für das, was mir an Rotterdam gefällt“, sagt die Musikerin, „eine junge Stadt, in der etwas Neues wachsen kann.“

Mingue, wie sich die Künstlerin mit chinesischen, surinamischen und niederländischen Wurzeln nennt, ist eine gefragte Vokalistin im Deep-House-Geschäft. Das Unterrichten von Gesangsschülern will sie bald aufgeben, um sich ganz auf ihre vielen Projekte konzentrieren zu können. Musik, Video, Kunst und Tanz. „In Rotterdam kann man Dinge auf die Beine stellen, die anderswo keine Chance hätten“, erklärt Mingue. „Gerade, weil diese hemdsärmelige Stadt so unfertig und roh ist.“

Eine klassische Schönheit ist Rotterdam nicht.

Eine klassische Schönheit, so viel steht fest, ist Rotterdam beim besten Willen nicht. Gleich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, im Mai 1940, war die Stadt von deutschen Bombern fast vollständig in Trümmer gelegt worden. Aus den Ruinen entstand ein modernes Vorzeigeprojekt, eine Hafenmetropole mit extrabreiten Straßen, groß dimensionierten Wohnvierteln und radikalen Experimenten. Viele Architekten konnten hier wagen, was in keiner anderen europäischen Großstadt möglich schien. Und trotz der Bauwut ist das Gefüge an vielen Stellen so luftig geraten, dass es wie ein zu großer Anzug an seinen 600.000 Bürgern schlottert.

„Ich liebe auch die hässlichen Ecken dieser rauen Arbeiterstadt“.

„Ich liebe auch die hässlichen Ecken dieser rauen Arbeiterstadt“, gesteht Alex de Jong von OMA, dem wohl berühmtesten Architekturbüro der Niederlande. „Man kann in Rotterdam immer etwas verbessern“, erklärt der hagere Zweimetermann. „Ständig passiert hier etwas Neues.“ Man habe diese Dynamik, so de Jong, der Offenheit der Rotterdamer zu verdanken, aber auch der experimentierfreudigen Stadtregierung. Krise hin oder her, die Metropole an der Maasmündung ist nicht zu stoppen.

Gerade in den letzten Jahren sind zahlreiche spektakuläre Bauprojekte fertiggestellt und Lücken in der Stadtplanung geschlossen worden: der futuristische Hauptbahnhof beispielsweise (im Volksmund „Haifischmaul“ genannt), Rem Koolhaas’ gigantische „De Rotterdam“-Türme, die Markthalle, in deren hufeisenförmiger Überdachung gut 200 Wohnungen untergebracht wurden, und das „Timmerhuis“, eine Wolke aus stählernen Pixeln, in der städtische Büros und Wohnungen in friedlicher Eintracht nebeneinander schweben.

Die großen Schiffe legen schon lange nicht mehr in der Stadt an.

Alex de Jong, der am Entwurf des Timmerhuis maßgeblich beteiligt war, betont die ausgeklügelte Nachhaltigkeit des Gebäudes. Auf einer der großen Außenterrassen sitzt er zwischen Pflanzkübeln auf einem der chicen Metallstühle. Wie ein griechisches Inseldorf wachsen die verglasten Würfel hinter ihm in den Himmel. „Die großen Atrien im Gebäude“, erläutert de Young, „speichern Wärme, mit der im Winter geheizt werden, und Kälte, die im Sommer als kühle Luft zirkulieren kann.

“Für die Bewohner gibt es sogar ein eigenes Carsharing-Programm. Vom bedruckten Teppichboden, über die spezielle Verglasung bis hin zu den strategisch platzierten Treppen wurde an jedes Detail gedacht. „Wir wollen die Benutzer dazu animieren, möglichst viel zu Fuß gehen.“

Während die Innenstadt Rotterdams verdichtet und begrünt wird, und allerorten bezahlbarer Wohnraum entsteht, hat man den größten Hafen Europas mit seinen Raffinerien, Chemiewerken und Treibstofflagern immer weiter ausgelagert. In den ehemaligen Industrieanlagen haben sich Start-ups und Hochschulen niedergelassen. Studenten, Ingenieure und junge Erfinder tummeln sich heute in Backsteinhallen, in denen einst Schiffe repariert wurden.

„Die großen Schiffe legen schon lange nicht mehr in der Stadt an“, sagt Hans Koesen, der als Hauptmaschinist jahrzehntelang um die Welt gefahren ist.

„Unser Beruf hat sich massiv verändert.“

Inzwischen werden Seeleute mit dem Flieger an ihre Einsatzorte gebracht“, erzählt er. Er zuckt mit den Schultern. Es ist, wie es ist. Der bärtige Rentner wirft seine Angelschnur in eines der gigantischen Becken des neuen Europoorts, während haushohe Containerschiffe von roboterisierten Kränen entladen werden.

 

Gefangen hat der Mann mit der runden Brille heute bisher nur eine winzige Makrele, aber eigentlich will er ja auch nur die vertraute Atmosphäre genießen. Trotz aller Modernisierungen gehören die Stadt und ihr Hafen nach wie vor zusammen, und auch das ist eine Besonderheit in Rotterdam: Zwar haben im ehemaligen Rotlichtviertel Katendrecht inzwischen Gourmet-Restaurants eröffnet, aber von Gentrifizierung kann trotzdem keine Rede sein. „In Rotterdam gibt es keine richtigen Nobelviertel“, meint Alex de Jong, „wenn eine Straße mal eleganter daherkommt, ist spätestens die übernächste wieder ganz normal.“

 

 

Weniger chic und perfekt.

Die Stadt bleibt sich treu und nimmt dafür gern in Kauf, weniger chic und perfekt zu sein als andere Metropolen. „Amsterdam ist eine coole Stadt, aber ein Museum“, sagt Lizer van Hattem, „in Rotterdam muss man länger suchen, dafür kann hier jeder seine persönlichen Nischen finden.“ Der Grafiker hat sich als Tattoo-Artist einen Namen gemacht. Ihn interessieren aber nicht die neuesten Trends, van Hattem sticht seinen Kunden bevorzugt Panther, Indianer-Squaws oder aufreizende Schönheiten mit Sombreros in die Haut – Motive aus den Zeiten, als nur Matrosen, Sträflinge und Rocker Tattoos trugen. „Diese Bilder haben eine Geschichte, und sie passen in unsere Hafenstadt“, findet er, und dann muss er lachen. „Vielleicht wäre ich nur einfach selber gern ein altes Raubein und kein cooler Hipster, der im trendigen Katendrecht essen geht.“

Gourmets auf Landgang.

Früher war Katendrecht das Rotlichtviertel von Rotterdam. Heute ­befindet sich der Hafen weit vor den Toren der Stadt, und die Seemänner haben kaum Zeit für einen Landgang. Statt Prostituierten tummeln sich in Katendrecht inzwischen Gourmets, denn gleich mehrere Lokale haben sich in jüngster Zeit auf der schmalen Landzunge niedergelassen. „Posse“ etwa, ein geräumiges Restaurant im Retro-Chic samt Galerie, alten Rennrädern, Pin-up-Fotos und DJ-Pult. Der schönste Neuzugang ist aber „De Matroos en het Meisje“ (Der Matrose und das Mädchen), ein luftiger Laden mit 50 Plätzen und einem großen blauen Wandgemälde im Delfter Stil (ein surrealistisches Mischmasch aus Schiffen, fliegendem Besteck, Konfuzius und nackten Schönheiten). Eine Speisekarte gibt es nicht: Auf den Tisch kommt, was der Chef kocht – je nach Saison und Marktangebot. Frisch und raffiniert ist das Essen zu allen Jahreszeiten. Katendrecht ist übrigens nach wie vor ein Arbeiter- und Migrantenviertel. „Gentrifizierung?“, lacht die Servicefrau José van der Meulen: „Vor zwei Wochen gab es direkt vor unserem Fenster eine Schießerei. Noch Fragen?“

dematroosenhetmeisje.nl

Alles Käse!

Nur zwanzig Autominuten vom Zentrum entfernt steht seit 1641 der Hof der Familie Booij. Seit Ewigkeiten werden in dem winzigen Weiler Streefkerk Butter und Käse hergestellt. Die Booijs haben sich auf hochwertigen Gouda spezialisiert, bis zu zwei Jahre alt und natürlich aus Rohmilch. Außerdem stellt die Familie Boerenkaas her, Bauernkäse, mit Kräutern oder Gewürzen. Besonders cremig und nussig ist er, wenn er aus der Milch von Jersey-Kühen gewonnen wird. Und dann gibt es da noch den Bunkerkaas, der in alten Kriegsbunkern unter der Erde reift. Weil die Booijs nicht nur ein Gespür für Molkereiprodukte, sondern auch fürs Geschäft haben, gibt es ihren Käse in der „Fenix Food Factory“ in Katendrecht zu kaufen. Neun Produzenten vom Brauer und Kaffeeröster bis zum Chocolatier haben sich unter dem Dach eines alten Hafen­gebäudes zusammengetan, um ihre Waren unter die Hipster zu bringen. „Die Foodies kommen zu uns und die Bio-Käufer“, sagt Anne de Koeijer (r.), die hier den Käse der Booijs verkauft. Mit einem Wiegemesser steht sie an der Theke und lässt die Kunden kosten: „Heute wollen die Leute wissen, wo ihre Produkte herkommen, und das kann ich ihnen in unserem Fall ganz genau erzählen.“

fenixfoodfactory.nl

Überraschungserfolge.

„Manchmal muss man die Leute zurück in ihre Kindheit versetzen“, sagt François Geurds und serviert als Beweis eine winzige Eiswaffel. Das Gefrorene erweist sich als fein püriertes Piccalilly, süßsauer eingemachtes Gemüse, das in den Niederlanden eigentlich zu Würsten oder Pommes gegessen wird. Plötzlich fängt es im Mund an zu hüpfen, kribbelt es am Gaumen, und Erinnerungsblitze schießen durch das Hirn. Knisterzucker! Geurds grinst. Überraschung und Spaß gehören in seiner Küche dazu. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass seine Mutter von der Karibik-Insel Aruba stammt.

 

„Wer zu uns kommt, möchte genießen und etwas Einzigartiges erleben.“ Er ist der einzige Niederländer, der gleichzeitig ein Einstern- und ein Zweisterne-Restaurant betreibt, nämlich das experimentellere „FG Foodlabs“ und gleich daneben das edlere „FG Restaurant“. Vielleicht trägt François Geurds deshalb am liebsten zwei unterschiedliche Schuhe. „Wenn mir ein Schuh richtig gut gefällt, kaufe ich ihn in zwei verschiedenen Farben oder Ausführungen und kombiniere die beiden dann.“ Kein Wunder also, dass es bei ihm Leber mit Kirscheis gibt oder Kartoffelbrei mit Kaviar – Hauptsache, Überraschung.

 

francoisgeurds.nl

Grenzerfahrung.

Im ehemaligen Zollamt am Koningshaven wurden Karen Hamerlynck und Edwin van der Meijde endlich fündig: Lange hatten die beiden Ex-Journalisten nach einem Objekt gesucht, in dem sie ein kleines, feines Hotel unterbringen könnten. Direkt am Wasser sollte es liegen und den Charme des alten, industriellen Rotterdam atmen. Sechs Jahre lang dauerte der Umbau des Gebäudes aus dem Jahr 1879. Der Aufwand hat sich gelohnt. Jedes Zimmer, jede Suite hat ihren eigenen Charakter: ein bemaltes Trampolintuch, ein Duschkopf in vier Metern Höhe, Seekarten, die zu Lampen­schirmen gerollt wurden und zerbrochene Delfter Kacheln. Man sollte die Homepage genau studieren, ehe man sich für eines der Zimmer entscheidet.

hotelpincoffs.nl

Der Sand der Dinge

40 Kilometer vom Zentrum entfernt liegt der neuen Hafen. Ein Großteil des gigantischen Geländes wurde im wahrsten Sinn des Wortes auf Sand gebaut. Dabei entstanden an der Maasvlakte 2 auch Strände für Kitesurfer, Nudisten und Vogelkundler. Sehenswert ist auch die begehbare Skulptur des Künstlerkollektivs Observatorium. Das Holzgerüst stellt die Entstehung von Dünen dar und wird selbst einmal vom Sand verschluckt werden.

Alles nach Maas.

Beginnend an der eleganten Erasmusbrücke führt unser Spaziergang an der Neuen Maas entlang, hinter den „De Rotterdam“-Türmen von Rem Koolhaas vorbei. 150 Meter hoch ragen sie in den Himmel. Wenn nicht gerade ein Kreuzfahrtschiff vor Anker liegt, kann man direkt am ­Wasser bis zur Spitze der Landzunge schlendern. Hier steht, eingequetscht zwischen Wolken­kratzern, ein altes Art-déco- Gebäude, in dem heute das Hotel New York untergebracht ist. Schräg gegenüber liegt das „Las Palmas“-Haus mit dem Fotomuseum. Zurück zum Ausgangspunkt geht es an der Südseite der Halbinsel entlang, am Weg liegt der Bobbing Forest im Rijnhaven. Der Künstler Jorge Bakker hat hier Bäume auf Bojen gepflanzt, die im Wasser schwanken.

Gut zu wissen

Flüssiger Verkehr

Jede Menge Wasser schwappt durch Rotter- dam. Besonders, seitdem sich die Stadt in die ehemaligen Hafengebiete im Süden ausgedehnt hat. Es wurden zusätzliche Brücken und Stege gebaut, aber manchmal geht es einfach schneller, wenn man sich per Boot an sein Ziel schippern lässt. Es gibt regelmäßig verkehrende Wasser-Busse oder das Wasser-Taxi.

Kleiner Preis von Holland

Die Hafenstadt ist nicht nur aufregend, sondern auch überaus preiswert gemessen an niederländischen und an europäischen Standards. Man kann hier günstige Wohnungen erwerben, günstig essen gehen und günstig studieren. Ein guter Grund für viele Firmen, Unternehmen und Bürger, einen Umzug an die Maas zu erwägen.

Gute Bodenhaftung

Auch wenn Rotterdam immer stärker zu einer Destination für Architekten, Kunstsinnige und Designliebhaber wird, ist die Stadt nach wie vor eine Hafen- und Arbeiterstadt. Bodenständig, hemdsärmelig und gerade- aus. 90.000 Arbeitsplätze in der Region sind direkt vom Hafen abhängig, mindestens noch einmal so viele indirekt. Man redet hier nicht gern um den heißen Brei herum und packt die Dinge lieber gleich an.

Entwicklungslabor

Der Bürgermeister von Rotterdam heißt Ahmed Aboutaleb und wurde in Marokko geboren. Dass die Stadt von einem Muslim regiert wird, ist kein Zufall. Menschen aus 170 Nationen leben in Rotterdam, die Hälfte der Einwohner ist nicht nieder­ländischen Ursprungs. Die Stadt gilt heute als Vorbild in Sachen Integration.

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