Reizüberflutung mit Maximo Park.

Die britische Band über virtuelle Räume, analoge Welten und ihr Album „Too Much Information“.
  • Reizüberflutung mit Maximo Park.

  • Revolution.

    Er ist Bücherwurm, Kinojunkie und hoffnungsloser Romantiker. Es verwundert also nicht, dass Paul Smith uns mit dem fünften Album seiner Band einen musikalischen Denkzettel verpasst. In Zeiten einer mehr und mehr digitalisierten Welt fordern Maximo Park: Raus aus virtuellen Räumen und zurück in eine analoge Welt, um sich dem Diktat von Informations–Overload und Selbstinszenierung zu entziehen. Zumindest zeitweise. Lest wieder Bücher, spielt Fußball, geht spazieren, redet miteinander! Die Botschaft von “Too Much Information” ist unmissverständlich. Klangtechnisch erlaubten sich die Herren neue Wege zu beschreiten. Zwar dominieren die für die Band typischen Melodien weiterhin den Sound, doch ein paar Gitarrenriffs sind elektronischen Versatzstücken und dubbigen Beats gewichen. Wir trafen Sänger, Songschreiber und Chefromantiker Paul Smith und Drummer Tom English über den Dächern von Berlin.

    Bewusst selbstbewusst.

    Too Much Information ist Album Nr. 5 und Eurer Meinung nach eine sehr selbstbewusste Platte. Inwiefern?

    Wir haben uns weiterentwickelt. Wir haben Dinge getan, die wir noch nie gemacht haben, oder zumindest haben wir sie besser hinbekommen als vorher.

    Wir wissen jetzt genauer, was wir wollen, und haben uns weniger Gedanken gemacht über Dinge wie z.B.: Kann man diesen oder jenen Song überhaupt live spielen? Wenn heute ein Song gut ist, dann nehmen wir ihn eben auf, es gibt schließlich viele Arten ihn live zu spielen.

    Ausprobieren.

    Ihr habt Euch für die Aufnahmen viel Zeit gelassen, verheddert man sich da nicht zu sehr in Details?

    Tom: Ganz im Gegenteil. Wir haben in unserem eigenen Studio aufgenommen, ohne den Zeitdruck, der entsteht, wenn man in einem fremden Studio mit einem Produzenten arbeitet. Wir konnten Dinge ausprobieren, wann immer wir wollten - und was uns nicht gefallen hat, haben wir wieder rausgeschmissen.

    Paul: Die Platte hat sich quasi während der Aufnahmen weiterentwickelt, da konnten sich viele Ideen entfalten, für die sonst vielleicht keine Zeit gewesen wäre, und ich finde, das hört man auch.

    Das Vinyl dreht sich noch.

    Mit dem Titel Eures Albums zielt Ihr auf eine aktuelle Debatte ab: Informations- und Reizüberflutung. Kann man diesem Dilemma denn überhaupt noch entkommen?

    Tom: Ich finde es ziemlich schwierig, in dieser riesigen Online Community seine eigene Identität zu finden. Ich war der letzte in der Band, der sich ein Smartphone zugelegt hat, und ich konnte eigentlich gut ohne leben, aber jetzt, wo ich es habe, stecke ich mittendrin im Dilemma (lacht).

    Paul: Fakt ist, dass das Internet nicht mehr wegzudenken ist. Und dennoch mag ich es, in eine Bibliothek zu gehen und gezielt ein Buch aus dem Regal zu ziehen. Analoge Dinge scheinen irgendwie verlässlicher. Nimm Musik, nimm Vinyl: Du setzt Dir Kopfhörer auf, Du kannst Dir das Plattencover anschauen und dabei zusehen, wie sich die Platte dreht und Sound erzeugt.

    Digitale Grenzen.

    Tom: …und das in großartiger Qualität. Und wenn Du selbst Musik machst, willst Du natürlich auch, dass diese Musik in bestmöglichem Sound gespielt und gehört wird.

    Paul: Und ja, natürlich nutze ich Twitter, schaue YouTube Videos, lese Blogs und verfolge Fußball im Internet. Macht ja auch Spaß. Aber ich finde es wichtig, dass man sich selbst digitale Grenzen setzt.

    Man kann ja Fußballgeschichten online lesen, aber man darf eben auch nicht vergessen, rauszugehen und selbst Fußball zu spielen. Kids verstehen heutzutage oftmals gar nicht mehr, dass man sich mit Leuten auch einfach ganz normal unterhalten kann.

    Wenn aus Popcorn Rockmusik wird.

    Woher holt Ihr Euch das intellektuelle Futter für Eure Musik?

    Paul: Ich persönlich gehe gern ins Kino. In Filmen gibt es so viel Information und Subtext. Und viele unserer Songs sind tatsächlich von Filmen inspiriert.

    “I Recognise The Light” zum Beispiel entstand, nachdem ich einen Streifen von Mark Cousins gesehen habe (Anm. der Red.: “What Is This Film Called Love”). Kino und Kunst können das – sie können Dich dazu bewegen, selbst etwas zu kreieren.

    Der rote Faden.

    Schon mal darüber nachgedacht, Eure Musikvideos selbst zu drehen?

    Tom: Nicht wirklich. Wir haben gerade erst neues Terrain betreten mit der Musikproduktion. Scripts schreiben, ja. Das machen wir eh des Öfteren, aber danach übernimmt ein Regisseur.

     

     Paul: Ich glaube nicht, dass der Rest der Band es begrüßen würde, wenn ich ihnen Anweisungen gäbe. Bei uns geht es sehr demokratisch zu. Hinzu kommt, dass wir alle einen unterschiedlichen Geschmack haben. Auf “Too Much Information” hat Matt Stokes, ein Künstler aus Newcastle, das Cover Artwork gemacht, aber auch das neue Video. Das macht Sinn, damit ergibt sich ein roter Faden. Man läuft weniger Gefahr, dass alles voneinander abgekoppelt ist – Musik, Cover Artwork, Video bilden eine Einheit.

     

    Weiterhin abwechslungsreich.

    Habt Ihr schon Pläne für die Zeit nach der Tour zu “Too Much Information”?

    Paul: Noch mehr Musik machen. Ich werde demnächst mit Field Music eine Platte aufnehmen, für ein Streichquartett. Und ein bisschen Urlaub wäre nicht schlecht. Wir sind demnächst in Japan und in Amerika, vielleicht kann man ja hier und da ein paar Tage Entspannung dranhängen. Es ist immer schön, auch noch ein bisschen was von den Orten zu sehen, an denen man auch spielt. Aber letztendlich ist Musik unser Leben, und damit haben wir quasi immer irgendwie zu tun.

     

    Tom: Wenn Du mit Musik Dein Geld verdienst, brauchst Du mehr als ein Projekt. Immer nur eine Band, das ist auf Dauer nichts. Man braucht schon ein bisschen Abwechslung. Glücklicherweise sind wir alle noch anderweitig beschäftigt – und wer weiß, was sich daraus in Zukunft noch ergibt…

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