Musikvideos: kleine, legendäre Meisterwerke, die unsere Ästhetik, Kultur und Gesellschaft noch immer prägen.

Schöner Schein.

Ob hübsches, audiovisuelles Beiwerk oder visionärer Medienexkurs: Einige Regisseure drehten kleine, legendäre Meisterwerke, die unsere Ästhetik, Kultur und Gesellschaft noch immer prägen.
Text: Sonja Commentz

Die Geburtsstunde des Musikvideos? Sie liegt bis heute im Dunkeln bzw. in einer fließenden Grauzone, die vielleicht irgendwo in der Frühphase des Tonfilms anzusiedeln wäre. Denn seitdem dort nicht nur echte Stimmen (statt Sprachtafeln und Live-Orchester) zu Wort kommen, sondern auch Tänzer, Sänger und ganze Ensembles in sogenannten Vitaphone-Kurzfilmen ihr Bestes geben – bzw. das Publikum via Cartoons mit Untertiteln, wie wir sie aus Karaoke-Bars kennen, zum Mitsingen animieren – machen Musikvermarkter mit ihnen Werbung. In der Nachkriegszeit waren es dann vor allem einfach gestrickte und Song-gespickte Musicals bzw. Starvehikel wie „A Hard Day’s Night“ (Beatles) oder „Blue Hawaii“ (Elvis Presley), die die Massen in die Kinos lockten, während sich Couch Potatos vor dem Fernseher auf revueartige „Live“-Shows freuen durften, die brav gescheitelte Künstler im Sonntagsstaat vor Studiomikrofonen schaulaufen ließen.

So ganz „offiziell“ lassen sich die Anfänge des Genres also nicht einkreisen, doch auf Queens „Bohemian Rhapsody“ (1975) können sich die meisten Experten mittlerweile einigen.

Musikvideos: kleine, legendäre Meisterwerke, die unsere Ästhetik, Kultur und Gesellschaft noch immer prägen.

Das ambitionierte, überlange Werk gilt vielen als erstes modernes Musikvideo und Meisterwerk. Die wichtigsten Zutaten: durchdachtes Setdesign, gezielte Verweise auf Fritz Langs visionäres Epos „Metropolis“ und Sänger Freddy Mercurys überschäumend-extravagante Präsenz, die als roter Faden durch das Mini-Epos führt.

Musikvideos: kleine, legendäre Meisterwerke, die unsere Ästhetik, Kultur und Gesellschaft noch immer prägen.

Zum echten, medialen Dammbruch kam es allerdings erst etwas später, als die globale Deregulierung der TV-Branche die Frequenzbänder mit neuen, kommerziellen Kanälen füllte – allen voran MTV. Ab sofort gab es kein Halten mehr: Gleich das erste Video des Senders, der billig-effektgesättigte Clip zu „Video Killed The Radio Star“ des ironisch-intellektuellen Synthpop-Duos The Buggles läutete am 1. August 1981 um 00:01 Uhr Ortszeit die neue Ära schneller Schnitte und bunt-blinkender Bildwelten ein.

Und ging dabei mit „gutem“ Beispiel voran, denn in einem Jahrzehnt, das zweifelhafte Modesünden und hedonistische Tendenzen gern mit einer Extraportion Cash belohnte, investierten Plattenfirmen enthusiastisch in den neuen Videobereich und zuckten auch bei Produktionsbudgets von mehr als 100.000 Dollar kaum mit der Wimper. Qualitativ fiel die Ausbeute dieses großzügigen Gießkannenprinzips allerdings eher enttäuschend aus: Statt stringenter Stories oder radikaler Ideen verließen sich Möchtegern-Stars lieber auf klassisches Playback, attraktive menschliche Deko, exotische Drehorte und wirre Schnitte (siehe „Rio“, Duran Duran).

Als leuchtende – und kontroverse – Ausnahmen setzten in dieser Aufbruchsära u. a. Grace Jones‘ surreal skulpturale Körperwelten und Madonnas schockierend sexy-subversive Unschuldsunterwanderung („Like A Virgin“, 1984) Akzente. Und natürlich das beste – und noch immer wichtigste – Beispiel eines detailverliebten Musik-/Video-Gesamtkunstwerks: Michael Jacksons „Thriller“ (1983), das dank Regisseur John Landis spielfilmartige Züge entwickelte.

 

Dieser insgesamt 14-Minuten-lange Clip glänzte nicht nur mit echten Schauspielern, Sprechrollen und einem Gastauftritt von „Dracula“-Darsteller Vincent Price, sondern auch mit extrem ausgefeilten Tanzszenen, einer geschickt verschachtelten Zombie-Geschichte und einem finalen Happy (?) End. Das innovative Ergebnis dieser Zusammenarbeit gilt immer noch als ultimative Messlatte des Genres – und fand als erstes und einziges Musikvideo überhaupt Eingang ins Nationale Filmregister der US-Kongressbibliothek.

 

Musikvideos: kleine, legendäre Meisterwerke, die unsere Ästhetik, Kultur und Gesellschaft noch immer prägen.

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