48 Stunden in Beirut.

Wo Berge, Meer und grünstes Grün warten, wo Französisch auf Arabisch und Englisch trifft, während die Nacht zum Tage wird, dort zählt allein der Moment.

Fotos & Text: Johannes Förster und Julian Robinet/broken bloke Production
  • 48 Stunden in Beirut.

  • Eine Sommerliebe.

    Mein erster Beirut-Besuch fiel in den tiefsten Winter – Anfang Februar begrüßten mich hier dunkle Wolken und Hagelschauer. In New York war gerade meine Beziehung in die Brüche gegangen, und ich brauchte Ablenkung. Mein Plan ging auf, doch die Einheimischen meinten, dass man „Beirut so richtig nur im Sommer erleben kann.“ Zweieinhalb Jahre später erwarten mich in Rafic Hariri schönster Sonnenschein und ein laues Lüftchen, das – wie die erste Berührung der Liebsten – sanfte Schauer auf der Haut hinterlässt.

    Jenseits des Cityrummels, kurz hinter der sandfarbenen Stadtküstenstraße und kaum eine halbe Stunde vom Zentrum entfernt, erwartet mich der Harissagipfel – in Beirut kann man problemlos morgens Skifahren und nachmittags in die Fluten abtauchen. Hier oben ist die Luft noch frisch und kühl.

    Bei Sonnenschein entfaltet sich die volle Schönheit der libanesischen Stadt Beirut.
    In der ehemaligen Garage kann die Vielfalt der libanesischen Küche mit allen Sinnen erfahren werden.

    Der Geschmack Beiruts.

    Weiter unten, bei Tawlet in der Innenstadt, kann man diese Farben sogar schmecken. Kamal, der charmant-elegante Besitzer, nimmt sich gern Zeit, um die versammelten lokalen Spezialitäten detailliert zu beschreiben. Mittlerweile zählt die ehemalige Garage zu den besten Lunch-Spots der Stadt und serviert Biodelikatessen aus der Region oder vom nahen Souk el Tayeb-Markt.

    Die kleinen Leckerbissen sind unglaublich köstlich. Nach diversen Gemüsegängen, Hallumi und Hackfleischröllchen in Zucchinimantel folgen frische Melone und pistaziengespicktes Gebäck, begleitet von leicht gesüßtem Rosenblättertee – das Aroma Beiruts an einem ruhigen Sommermorgen.

    Kreativität auf Libanesisch.

    Und auch in den Kreativzentren der Stadt blitzt diese Farbpalette immer wieder auf. Zum Beispiel in den verspielten, arabischen Schildern des Karim-Bekdache-Studios, oder in den Schmuckstücken von Tatiana Fayad und Joanne Hayek, die bei Vanina ausliegen. Ebenfalls unbedingt einen Besuch wert: das Bokja-Design-Studio, wo man die libanesische Ästhetik noch in Reinform erleben kann. Hier finden die extrovertierte Herzlichkeit, Neugier und Farben Beiruts in schönster Leichtigkeit zueinander. Jedes Produkt der beiden Studiogründer Maria Hibri und Huda Baroudi wird mit einem eigenen libanesischen Pass ausgeliefert, um so ein Schlaglicht auf das lebendige Handwerk und die reiche Geschichte dieses streckenweise gebeutelten multikulturellen Landes zu werfen.

    Maria Hibri, Mitgründerin des Bokja-Design-Studios, präsentiert libanesische Ästhetik in ihrer Reinform.

    Bei Bokja erzählt mir Maria eine Geschichte, die mich immer noch bewegt. Während einer Reise in den Süden begegnete sie einer Frau, der das akute Aussterben des libanesischen Schildkrötenbestands Sorgen machte, da viele Füchse – auf der Flucht vor dem Granatenbeschuss in den grenznahen Bergen – weiter südlich in den Küstenstädten Zuflucht gefunden hatten. Dort wartete direkt am Strand ein gefundenes Fressen auf sie: frischgelegte Schildkröteneier. Mittlerweile hatten die ausgehungerten Füchse die Schildkröten fast ausgerottet, und die Frau ging deshalb jeden Tag an den Strand, um Müll zu sammeln und die Gelege in kleinen Löchern mit Metallhülsen vor den Füchsen zu schützen.

    In den Kreativzentren der Stadt trifft europäisches Design auf orientalische Waren.
    In der Ruhe liegt die Kraft – zur Mittagszeit spendet der Schatten eine willkommene Abwechslung.

    Die Kostbarkeit des Augenblicks.

    Ihre Haltung prägt die gesamte Stadt, über Straßensperren und Checkpoints hinweg: Der Moment ist kostbar und wird bewahrt, da die Zukunft noch auf sich warten lässt. „Wir leben in einer Art Blase“, erklärt Maria. Nicht im westlichen Sinne.

    Denn die pure Lebenslust der Beiruter kann man jederzeit in einem der vielen innerstädtischen Dachterrassenrestaurants erleben, oder bei wilden Partys im Mar-Mikhael-Viertel bzw. den Bars im Gemmayze, wo diese lebensbejahende Einstellung im glutroten Sonnenuntergang vor der blau-goldenen Mohammad Al-Amin-Moschee zelebriert wird.

    Zwischen Kunst und Kultur.

    Am nächsten Tag geht es nach Bouyouti – ein arabisches Wortspiel mit dem englischen „beauty“ – in eines der schönsten Gebiete im Norden der Stadt. Hier stellen die grünen Hügel und Berge eine eindrucksvolle Kulisse für unser leicht verkatertes, aber leckeres Mittagessen mit Olivenhummus, Tabbouleh und Lammspießen. Der Nachmittag verspricht erstklassige Kunst in der ehemaligen französischen Botschaft (einst der Sitz von Charles de Gaulle) und bei der Metropolitan Art Society (MAS), wo im zweiten Stock schon Liza-A-Beyrouth auf uns wartet.

    Die Terrasse des Hotel Albergo lädt zu einer kurzen Pause ein und bietet eine atemberaubende Aussicht auf Beirut.

    Ein seltener, delikater Genuss, kreiert von Skinos Mastiha aus Kräutern, die nahe der Unterwasservulkane von Chios ihr Aroma entfalten. Zuguterletzt zieht es uns noch zum Hotel Albergo, einem der Klassiker der Stadt mit Samtsesseln, schwerem Holzmobiliar und liebevoll ausgestatteten Zimmern, die mit ihrer individuellen Einrichtung jedem Geschmack gerecht werden.

    Beirut - eine Stadt wie ein Lieblingslied.

    Im Dachgarten genießen wir die perfekte Kombination aus kühler Limettenlimonade, leichter Brise und kommendem Sonnenuntergang. Und obwohl das entspannte Restaurant mit hervorragenden Dinneroptionen, ausgezeichnetem Service und angenehmer Atmosphäre lockt, lassen wir uns lieber weiter durch die Nacht treiben und landen schließlich in einem Outdoor-Club am Meer, wo die restlichen Stunden in einem warmen Nebel aus Menschen, Lichtern und Musik verschwimmen. Beirut im Sommer ist wie ein heimlicher Lieblingssong, mit dem man morgens aufwacht, der den Nachmittag summend begleitet und in der Nacht zum Tanzen inspiriert.

    Auf den Dachterrassen der Stadt vermischen sich Musik, Kultur und die Lichter der Stadt.

    Mit etwas Mut wird man sich dort – inshʼAllah – vielleicht sogar neu verlieben. Oder, wie mir dort jemand zurief, „Ich steh auf dich.“ Genau, Beirut, ich steh auf dich. Yalla habibi, bei dir fühle ich mich wohl.

    Impressionen aus Beirut.

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