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Der Haiflüsterer.

Wäre „Der weiße Hai“ ein Tatsachenbericht, dann wäre dieser Artikel wohl post mortem erschienen. Doch Haitaucher Jim Abernethy und die Tigerhaie der Bahamas sehen das anders, also folgten wir ihm ins Unterwasserabenteuer.

: M.K.
  • Der Haiflüsterer.

  • Passionierter Tauchveteran.

    Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Haie sind potenziell gefährlich. Wer sich mit ihnen ins Wasser wagt, sollte über jahrelange Expertise und Erfahrung verfügen. Glücklicherweise ist Jim Abernethy mit beidem gesegnet: Der passionierte Tauchveteran ist seit 1981 in globalen Gewässern unterwegs und hat im Laufe der Jahre Filmcrews von IMAX, National Geographic, BBC Wildlife, Animal Planet oder auch dem Discovery Channel auf seinem Boot Shear Water sicher durch die Wogen gesteuert.

    Haie sind potenziell gefährlich. Wer sich mit ihnen ins Wasser wagt, sollte über jahrelange Expertise und Erfahrung verfügen.

    Aber Jim ist weit mehr als ein Adrenalinjunkie auf der Suche nach dem nächsten Kick: Mit seinen Tauchtrips verfolgt er eine klare Mission.

    Eine wahre Haiexplosion.

    Eine klare Mission.

    Sein T-Shirt-Slogan „Stop Eating Shark Fin Soup“ (Esst keine Haifischflossensuppe mehr) bringt es ohne Umwege auf den Punkt. Er möchte unsere Wahrnehmung dieser Meeresjäger verändern, um ihr Überleben zu sichern. Und dank seiner hautnahen Begegnungen mit diesen Tieren – und seiner ständigen Außerkraftsetzung klassischer Taucher-Naturgesetze – liegen Vergleiche mit dem legendären Comic-Superhelden Aquaman auf der Hand. Obwohl Jim eigentlich in West Palm Beach zuhause ist, fühlt er sich vor den Küsten der Bahamas am wohlsten – dort, wo sich besonders viele karibische Riffhaie, Zitronen-, Bullen- und vor allem Tigerhaie tummeln.

    Tigerhaie sind DIE Raubtiere des Meeres.

    Vor den Küsten der Bahamas.

    Ausgehend von unserem Startpunkt, West Palm Beach, überqueren wir in tiefster Nacht die rauen Gewässer des Golfstroms, um in den sonnigen Nord-Bahamas wieder aufzuwachen – dem Lebensraum der Tigerhaie. Größere Exemplare dieser Spezies können bis zu fünf Meter lang werden, bis zu 700 kg wiegen und sind nicht zuletzt dafür bekannt, so ziemlich alles zu verspeisen, was ihnen vor das Maul schwimmt – von Fischen und Schalentieren bis hin zu Meeresschildkröten, Delfinen und anderen Haisorten. Einige machen selbst vor alten Dosen, Nummernschildern oder sonstigen unverdaulichen Dingen nicht halt – wie stehen da die Chancen für einen appetitlichen Menschenhappen?

    Der Schutz und das Wohlergehen der Tiere liegen Jim am Herzen.

    „Models“ und „Superstars“.

    Kein Grund zur Sorge, meint Jim, betont aber gleichzeitig, dass wir uns den Haien ausgesprochen vorsichtig und mit großem Respekt nähern sollten. Wenn man seinen Ausführungen vor versammelter Menge lauscht, hat man fast das Gefühl, er würde über ein Wiedertreffen mit guten Freunden sprechen.

    Die Haie sind seine „Models“ und „Superstars“. Und er hat jedes dieser Tiere so sehr ins Herz geschlossen, dass er ihnen sogar Namen verliehen hat – Emma bleibt sein unangefochtener Favorit.

    Risikofaktoren.

    Trotz seiner intensiven Vertrautheit mit diesen stromlinienförmigen Tieren hat Sicherheit für Jim höchste Priorität. Wenn z.B. ein Zitronenhai zuschnappt, hinterlässt es böse Verletzungen, während ein Tigerhaibiss zum sicheren Ausbluten führt, worüber sich jeder im Klaren sein sollte. Um möglichst viele potenzielle Risikofaktoren auszuschließen, müssen alle Taucher dunkle Farben tragen, sämtliche Gliedmaßen unter Kapuzen und Handschuhen verstecken und stets alle Haie im nahen Umkreis genau im Blick behalten.

    Trotz ihrer imposanten Länge von bis zu drei Metern handelt es sich bei diesen Tieren um keine einfältigen Killermaschinen.

    Doch auch der Schutz und das Wohlergehen der Tiere liegen Jim am Herzen und es ist beruhigend zu wissen, dass er diese Tauchgänge nicht allein aus kommerziellen Gründen durchführt.

    Im Schatten der Köderkisten.

    Ansteckender Enthusiasmus.

    Im Wasser locken Kisten voller Köder die ersten dunklen Schatten an, als sich ihr unwiderstehlicher Geruch langsam mit der Strömung verbreitet. Schon bald durchbrechen die ersten Rückenflossen die Wasseroberfläche direkt hinter dem Boot: Jim taucht mit seinem gelben Unterwasser-Scooter in die Fluten hinab und lässt sich regelmäßig blicken, um entweder weitere Kisten zu holen, oder um zu berichten, wie wundervoll es da unten ist. Sein ansteckender Enthusiasmus motiviert mich zum Griff zur Kamera – meinem einzigen Schutz vor den Haien. Einen Moment lang meldet sich die Unsicherheit, während ich langsam vom Heck gleite: Ich möchte vor allem nicht direkt auf einem Hai landen. Denn mittlerweile ziehen unter mir etwa 30 Zitronen- und karibische Riffhaie ihre Kreise – doch wo bleiben die Tigerhaie?

    Mythen und Gerüchte.

    Ich halte mich möglichst in der Nähe der Köderkisten und beobachte, wie die Haie ihrer Duftspur zur Quelle folgen. Die üblichen Mythen – dass Haie in einen wahren Blutrausch verfallen, sobald sie nur einen Tropfen im Wasser wahrnehmen – entpuppen sich als Gerücht, und die Tiere umkreisen mich erstaunlich ruhig und gelassen. Jim weiß genau, wie man mit ihnen umgeht; mit sanfter Kraft befreit er ihre Kiemen von Parasiten, und die Haie scheinen ihn als eine Art übergroßen Putzerfisch zu akzeptieren. Trotz ihrer imposanten Länge von bis zu drei Metern handelt es sich bei diesen Tieren um keine einfältigen Killermaschinen.

    Tauchen mit Haien.

    Ganz im Gegenteil: Mit ihrer friedlichen Eleganz ziehen sie alle, die sich vorher noch als potenzielle Mahlzeit verstanden hatten, in ihren Bann.

    Achtung - Tigerhaie im Anmarsch!

    Der erste Tigerhai des Tages.

    Plötzlich deutet Jim stromabwärts. Dort ist jetzt ein deutlich größerer und dunklerer Schatten aufgetaucht. Obwohl er noch etwas Abstand hält, handelt es sich hierbei ganz klar um den ersten Tigerhai des Tages. Bald gesellen sich vier weitere hinzu und ziehen immer näher an uns vorbei. Wir behalten die stolzen Jäger wachsam im Auge, während sie sich uns langsam, aber sicher nähern, um diese seltsamen Eindringlinge zu begutachten. Mit neugierigem Blick aus großen, dunklen Augen schwimmen sie heran, überwachen ihr Revier und tragen dabei eine fast unheimliche Aufmerksamkeit und Intelligenz zur Schau. Eine kurze Berührung und ein paar kleine, forschende Bisse in Richtung Kamera schenken mir genau die eindrucksvollen Nahaufnahmen, die ich mir erhofft hatte.

    Ein harmonisches Paar.

    Zu keinem Zeitpunkt fühle ich mich dabei von diesen großen Spitzenräubern bedroht, sondern bin einfach nur dankbar für diese außergewöhnliche Erfahrung. Und hätten wir uns nicht unter Wasser befunden, dann hätte ich sicher mit offenem Mund dagestanden. Als sich endlich auch Emma zeigt, habe ich schon viel Material im Kasten, aber sie ist und bleibt ein echtes Highlight. Jim spricht von ihr in den höchsten Tönen und hat eine eigene Beziehung zu ihr aufgebaut. Sie scheint ihn zu erkennen und schwimmt langsam für eine Art Kuss auf ihn zu. Es ist ein fast unwirklicher Moment, als nur noch wenige Zentimeter Jims Gesicht von ihren scharfen Zähnen trennen, aber er krault ihr einfach den Kopf und streichelt sie wie ein Haustier – die beiden wirken wir ein harmonisches Paar. Dabei unterscheiden sich Emma und all die anderen Haie nicht nur äußerlich, sondern auch vom Charakter.

    Wer eine Weile mit diesen prächtigen Kreaturen verbracht hat, der will sie unweigerlich auch schützen.

    Während einige sehr „freundlich” wirken, geben sich andere eher verspielt-frech, klauen Kameras und machen sogar Fotos damit. Doch das vielleicht wichtigste Resultat solcher Begegnungen ist ein ganz anderes: Wer eine Weile mit diesen prächtigen Kreaturen verbracht hat, der will sie unweigerlich auch schützen.

    Dank Jim Abernethy haben die klassischen

    Prächtige Kreaturen.

    Denn obwohl unser Haiflüsterer über schier unendliche Leidenschaft und Energie zu verfügen scheint, ist Jim letztendlich nur ein einzelner Mensch. Als wir schließlich sein Boot verlassen, hat er uns alle davon überzeugt, uns ab sofort für die Haie einzusetzen – und dies ist auch bitter nötig, da all die Millionen, die jedes Jahr von Menschenhand getötet werden, nicht aus unerschöpflichen Quellen stammen. Fast unvorstellbar, mit welcher Grausamkeit diesen eleganten Jägern begegnet wird – einige Fischer schneiden ihnen bei lebendigem Leib die Rückenflosse ab und werfen die blutenden Tiere danach einfach wieder zurück ins Meer. Als echter Augenöffner bittet uns Jim, diese Szene im Kopf einfach einmal mit Hunden oder Katzen durchzuspielen. Ein bestechendes Bild: Dank Jim Abernethy haben die klassischen „Weißer Hai“-Klischees für mich mittlerweile ihren Biss verloren.

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