Die Stadt der sieben Hügel besticht besonders durch ihr mildes Klima und der Nähe zum Meer.

48 Stunden in Lissabon.

Ob fangfrischer Fisch, Fotomotiv oder urbane Inspirationsquelle – in der Stadt der Sieben Hügel ist der ästhetische, kulturelle und gastronomische Einfluss des Atlantiks nur einen Angelwurf entfernt.
Text: Gabriel Tamez
Fotos: Carolina Florea, Alessandro Puccinelli
  • 48 Stunden in Lissabon.

  • Mit ihrem Projekt Last-Minute-Dreams fängt Fotografin Carolina Flores besondere Lissabonner Momente ein.

    Im Bann der glamourösen Patina.

    Ich beuge mich über den Balkon meiner Lissaboner Wohnung. Im historischen Hafenviertel Alfama winden sich die Straßen bzw. Gänge gen Wasser, während sonnige Strahlen aus kornblumenblauem Himmel die Blattspitzen benachbarter Bäume in einen goldenen Schimmer tauchen. Die glamouröse Patina Lisboas zieht mich in ihren Bann – und gleich vor die Tür, wo ich mit portugiesischem Filzhut bewaffnet die vielschichtigen Aromen der alten Welt einsauge.

     

    Vor dem Café Tartine im Chiado-Bezirk erwartet mich die Lifestyle-Fotografin Carolina Flores. Beim Brunch verrät mir die gelernte Produktdesignerin, die unter anderem Webseiten gestaltet, dass sie ihr Last Minute Dreams-Projekt seit mittlerweile vier Jahren verfolgt. Im Rahmen dieser bildgewordenen Liebeserklärung an die Fotografie und ihre Stadt fängt Carolina besondere Lissabonner Momente ein.

    Selbst in den engen Gassen der Stadt erhascht man noch einen Blick auf das Meer.

    Leichten Herzens.

    „Warum gerade diese Stadt?“ möchte ich wissen. „Je mehr ich unterwegs bin, desto mehr wächst mir Lissabon irgendwie ans Herz. Hier ist es das ganze Jahr über sonnig“, erklärt Carolina – und gibt lachend zu, „dass wir hier schon nach drei Regentagen depressiv werden. Außerdem ist man überall in wenigen Minuten am Wasser.“

    Dieser Richtung folgen dann auch ihre Füße, und ich mit. Schon bald genießen wir auf der wunderschön begrünten Terrasse des Restaurante Pharmacia bei einem Glas Wein die majestätische Aussicht über den glitzernden Tejo, und ich lasse mir von dieser jungen Enthusiastin die lokale Küche und Kultur näherbringen.

    Lissabon, maßgeschneidert.

    Nach unserem Abschied treffe ich in den Príncipe Real-Bezirk den überaus charismatischen José Cabral von O Alfaiate Lisboeta. Völlig entspannt präsentiert er sich im dekonstruierten Doppelreihermantel, um den Hals ein locker geschlungener Strickpullover als Schalersatz. Als gebürtiger Londoner weiß José, welche Kapriolen das Wetter im Frühjahr schlagen kann und hat sich deshalb mit einem Schirm bewaffnet, der sein stilsicheres Flaneur-Outfit bestens ergänzt.

    Obwohl er oft fälschlicherweise für einen Streetstyle-Fotografen gehalten wird, lichtet der geschmackssichere Ästhet hier „Menschen, und nicht ihre Kleidung“ ab. Auch José knipste seine ersten Bilder mit einer Second-Hand-Kamera, als er spontan eine Karriere in der Finanzwelt an den Nagel hängte.

    Lissabon glänzt mit aufwendig gestalteten Häuserfassaden.

    Nach ersten Aufnahmen im privaten Umfeld erzählen seine Aufnahmen nun faszinierende Geschichten: Vom Sohn, der das Polohemd des Vaters trägt, bis zur Schwangeren am Strand, die sich noch etwas Erholung gönnt, bevor gleich am nächsten Tag der neue Lebensabschnitt als Mutter beginnt.

    Palmen unter blauem Himmel: Regentage sind in Lissabon eine Seltenheit.

    Der Zauber der Einsamkeit.

    Mittlerweile beschränkt sich José zwar hauptsächlich auf Príncipe Real, doch nach einem Schluck Wein verrät er mir seinen Geheimtipp. „In Alcantara gibt es diese alte Kirche. Sie ist immer absolut leer und verlassen, eventuell spielen im Sommer vielleicht zwei oder drei Kinder davor Fußball.

    Wenn ich jemals heiraten sollte, dann dort! Der Garten ist wunderschön und es ist ein zauberhaft romantischer Ort.“

    Atlantische Schönheiten.

    Dem romantischen Ruf des Wassers folgen jedoch nicht nur die Einheimischen. Auch der italienische Meeresfotograf Alessandro Puccinelli fühlt sich an der portugiesischen Atlantikküste zuhause, nachdem er sie fast ein halbes Jahr mit seinem 1983er Hymer-Wohnmobil mit Mercedes-Benz-Motor bereiste. Was lockt ihn so an diesem Lebensstil? Seit ersten Surfversuchen mit 16 ist Alessandro schlicht dem Lockruf des Ozeans verfallen: „Ich habe diese Leidenschaft einfach mit der Fotografie verknüpft, damit ich nicht länger Schuldgefühle haben muss, wenn ich ständig am Strand herumhänge!“ Sein malerisches „Van in the Sea“-Langzeitprojekt bringt diese Philosophie auf den Punkt. „Ich suche nach einem friedlichen Leben, in dem ich mich jeden Tag etwas weiterentwickele und auf das Wesentliche konzentriere.“

    Die Nähe zum Atlantik macht Lissabon für Besucher aus aller Welt attraktiv.

    Als ich ihn später noch einmal in seinem Studio bei Pisa anrufe – ebenfalls in unmittelbarer Küstennähe gelegen – erklärt Alessandro, dass „Portugal zu den wenigen Ländern Europas zählt, in denen man noch direkt am Strand übernachten kann.“

    Der italienische Meeresfotograf Alessandro Puccinelli übernachtet in seinem Wohnmobil direkt am Meer.

    Professioneller Vagabund.

    Inspiriert von all diesen meerchenhaften Lebensentwürfen nehme ich am nächsten Morgen einen Zug von der Cais do Sodré-Station nach Carcavelos and Cascais, wo Surfer smaragdgrüne Wogen durchschneiden, die an der felsigen Küste zerschellen.

    Konfrontiert mit dieser ungestümen Wildheit, muss ich unwillkürlich an Alessandro denken, den es „nach nur zwei Tagen in Lissabon einfach wieder an den Strand zurückzieht.“

    Schätze für Feinschmecker.

    Doch was wäre ein Lissabon-Besuch ohne die kunstvoll zubereiteten Früchte des Ozeans? Ich besorge mir die nötigen Zutaten bei einem neuen Fischhändler – der kleinen, lebendigen Peixaria Centenária am blütenreichen Praça das Flores. Hier behaupten Designer und Künstler hinter der Theke bescheiden, dass sie „keine Fischexperten wären“, obwohl alle Beteiligten aus echten Fischerfamilien stammen.

    Die Jüngste im Bunde, Joana Mateus erklärt: „Wir haben hier gar keinen edlen oder Gourmet-Anspruch.“ Stattdessen setzt das Kollektiv auf ein ehrliches aber klar modernes Angebot. Dank ihrer sympathischen Mischung aus ansprechender Atmosphäre und Expertise – die eigenen Eltern und Großeltern sind für die sorgfältige Auswahl des täglichen Fangs verantwortlich –

    Gaumenfreuden kommen in Lissabon nicht zu kurz: frische Lebensmittel sind hier einfach zu finden.

    ziehen sie eine neue Klientele an, die „kein Problem damit hat zuzugeben, dass sie sich vielleicht nicht auskennen, aber gern etwas Neues ausprobieren möchten, um ihre Freunde damit zu überraschen. Wir wollen hier nicht nur Fisch verkaufen, sondern auch Leuten das Kochen beibringen!“

    Lissabons Architektur verbreitet einen ganz eigenen Charme.

    Verblasster Glanz.

    Ich wähle einen Wolfsbarsch – der später wahrscheinlich sanft gedünstet mit portugiesischen Süßkartoffeln, Butterpilzen und einem Rotwein goutiert wird – und nehme so ein Stück portugiesischen Ozean mit nach Hause. Ab und zu erreichen romantisch-düstere Fado-Klänge aus nahen Restaurants oder Bars meine Ohren.

    Lissabons Einwohner haben Glanz und Stolz vergangener Zeiten verinnerlicht und lassen ihn in ihrer Kultur immer wieder aufleben. Bevor ich schließlich in meine Straße einbiege, erblicke ich direkt hinter mir, zwischen all den gekachelten Häusern, noch einmal den Tejo, der sich blausilbern und gravitätisch glitzernd bis zum Ozean zieht.

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