Eine verlassene Straße in Los Angeles bei Nacht. Doch der Schein trügt – LAs Underground-Szene hat so einiges zu bieten.

Eine Nacht in Los Angeles.

Unterwegs in LAs Underground-Szene – von Großstadtabenteuern und geheimen Warehouse-Partys bis zum frühmorgendlichen Taco-Truck-Gelage – in einem 1968er Mercedes-Benz 280 S.
Text: Krystian Bandzimiera
Fotos: A.J. Herrera
  • Eine Nacht in Los Angeles.

  • Intro.

    Schon beim Anflug zeigt sich die Stadt der Engel von ihrer wundervollen Seite – als kleine, pulsierende Miniaturvariante ihrer selbst. Palmen und Stromleitungen durchziehen den tiefblauen Himmel und zeichnen das Bild einer Stadt, die auch nach Untergang der Sonne hinter dem Pazifischen Ozean noch lange nicht ans Schlafen denkt. Denn mit dem schwindenden Licht verwandeln sich Dächer, alte Druckereien und Lagerhallen in geheime Party-Locations – LAs Underground-Szene lässt grüßen. Unseren Einstieg in diese faszinierende Zwischenwelt verdanken wir dem Fotografen A.J. Herrera, bekannt für seine Arbeiten rund um das schwirrende Nachtleben.

    Unterwegs auf LAs Straßen im Mercedes-Benz 280 S aus dem Jahr 1968.

    Eigentlich wollten wir nur einen gemütlichen Kaffee trinken, doch wenn man unverhofft einem der Veranstalter der Underground-Partys vorgestellt wird, sagt man nicht nein – und lässt sich auf eine spontane Tour durch das nächtliche LA ein, wie diese Foto-Story beweist. Ein urbanes Abenteuer, das erst am folgenden Morgen sein Ende finden wird.

    Malerische Einstimmung auf eine lange Nacht: wunderschöner Sonnenuntergang über Los Angeles.

    Erstes Kapitel: Es geht Richtung Downtown.

    Wir machen es uns in unserem stylischen Gefährt, einem Mercedes-Benz 280 S aus dem Jahr 1968, bequem und nehmen den 101 Freeway. An diesem Samstagabend verwandelt der Sonnenuntergang die City und den Verkehr in ein goldgleißendes Stadtgemälde.

    Möchtest du LA einmal bei Nacht erleben?“ fragt A.J. plötzlich. Auf meinen fragenden Blick folgt ein knappes „Okay“ und „nimm die nächste Ausfahrt, Richtung Downtown.“

    Palmen im wunderschönen Abendrot über LA.

    Zweites Kapitel: Wir treffen Shawn.

    Es ist 23 Uhr, als wir irgendwo im Arts District anhalten und auf einem Parkplatz warten. Nach ein paar Minuten öffnet sich eine der Hintertüren des Wagens und eine Hand streckt sich vom Rücksitz entgegen – „Hi, ich bin Shawn.“

    Und dann: „Ich werde euch etwas zeigen, was man nur bei Nacht erleben kann.“ Ich lasse den kräftigen Motor aufheulen und wir fahren Richtung Osten.

    Die Brücke am LA River in nächtlicher Kulisse.

    Drittes Kapitel: 6th Street Bridge.

    An unserem ersten Stopp, unter den schwindelerregend hohen Bögen des Sixth Street Viaducts, wird die drückende Wärme der dunklen Stadt nur vom Zwitschern der Vögel durchbrochen. Die Brücke am LA River zählt zu den eindrucksvollsten nächtlichen Highlights der Stadt, und wir folgen geräuschlos einem langen, düsteren Schacht, bis wir das riesige Flusstal erreichen.

    Doch schon bald scheucht uns Shawn zum Auto zurück – „ich habe da eine Location für uns, die wir mal auschecken sollten.“

    LAs Underground-Szene hat für Nachtschwärmer einiges zu bieten.

    Viertes Kapitel: Eine Lagerhalle, irgendwo in Downtown.

    Wir nähern uns einer Kreuzung, an der eine Handvoll junger Leute herumhängen. Als ich das Fenster herunterfahre, kommt einer von ihnen zu uns herüber, grüßt und fragt Shawn, ob er schon das Passwort bekommen hätte? Shawn nickt. Wir verlassen das Auto, überqueren die Straße und betreten die Lagerhalle unter dem wachsamen Auge eines Türstehers im schwarzen Anzug. Der lange, unbeleuchtete Gang vibriert im Beat – hinter der Tür erwartet uns eine tanzende Masse, die trotz enormer Hitze begeistert die beiden DJs abfeiert.

    Fünftes Kapitel: Der Taco-Truck.

    Gegen 3 Uhr morgens meldet sich der Hunger – und wir entscheiden uns für Tacos, denn einige der besten Köstlichkeiten, die die Stadt zu bieten hat werden aus schlichten, oft schwer zu findenden Taco-Trucks verkauft, die auch in den frühen Morgenstunden stets lange Schlangen anlocken. Gut gesättigt geht es weiter, an großen Menschenmengen vorbei, die das eigene Zuhause ansteuern. Denn mittlerweile haben die meisten Nachtclubs der Stadt geschlossen. Langsam leeren sich die belebten Straßen und Bürgersteige. „Okay, verrätst du mir vielleicht, wie die Leute von solchen Events überhaupt erfahren?“ „Ort und Zeit wird grundsätzlich nie im Internet veröffentlicht.

    Verlassene Straßen im Herzen von LA. Doch der Schein trügt.

    Stattdessen werden nur zugelassene Gäste eine Stunde vor der Veranstaltung per Privatnachricht informiert. Selbst die DJs wissen frühestens zwei Stunden vor Beginn, wo sie später genau auflegen. Solche spontanen Partys sind genau das – spontan.“ Und ab und zu muss deshalb auch früher dicht gemacht werden, weil die Behörden davon spitz bekommen haben.

    Sechstes Kapitel: Die zweite Lagerhalle.

    Mitten in einem eher trostlos-verschlafenen Industriebezirk finden wir unser nächstes Ziel. Vorsichtig tasten wir uns durch einen weiteren schlecht beleuchteten Korridor. Am Ende wartet eine große Schlange auf Einlass in den riesigen, hellen Raum dahinter – die tanzende Menge schwimmt im Meer tiefer Bässe. Unglaublich, welche Energie diesen Raum durchzieht! Es drängt sich dabei die Frage auf, wie man derart große Hallen ganz ohne Werbung füllt? „Wir veranstalten diese Partys schon seit einigen Jahren. Immer auf exklusiver Basis – nicht jeder wird bei uns eingelassen.

    Energiegeladene Atmosphäre in einem der Underground-Clubs von LA.

    Auch Geld ist keine Eintrittskarte, denn wir wollen vor allem normale Leute wie du und ich, die Musik über alles lieben und keine Lust auf die schicken Durchschnittsclubs in Hollywood oder Beverly Hills haben. Einige der besten internationalen DJs fliegen extra nach LA, um bei uns aufzutreten, da sie die Musik und Kultur solcher Underground-Events lieben. Diese pop-up Partykultur, die wir hier etabliert haben, gehört mittlerweile zu Los Angeles dazu.“

    Nach einer langen Nacht in LA können wir dem Geruch frisch gebrühten Kaffees des Handsome Coffee Roasters nicht widerstehen.

    Siebtes Kapitel: Sonntagmorgen, irgendwo in Los Angeles.

    Wir fahren zurück in den Arts District, um uns bei den Handsome Coffee Roasters einen willkommenen Kaffee zu gönnen. In der warmen Morgensonne lassen wir ein paar unvergessliche Eindrücke Revue passieren.

    Unser nächtliches Abenteuer geht zu Ende und ein weiterer, wunderschöner Tag beginnt in Los Angeles.

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