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  • Gastbeitrag: 1.000 Meilen im Supertanker.
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    Gastbeitrag: 1.000 Meilen im Supertanker.

    Man muss schon verrückt sein, um mit einem 400 SEL (W 140) auf den Spuren der Mille Miglia durch Italien zu driften.

    Text und Fotos: Jens Tanz

Hamburg – Brescia – Rom im 400 SEL.

Hart waren sie, die tollkühnen Fahrer jener berühmten Rallye über 1.000 Meilen quer durch Italien. Schnell und teuer waren ihre Autos, brutal und unübersichtlich die abgesteckte Route über Land von Brescia über Ferarra nach Rom und wieder zurück. Seit 1927 hat sich bei diesem Event einiges getan. Heute sind die teilnehmenden Autos noch immer schnell und teuer, aber vor allem alt. Die abgesteckte Route ist noch immer brutal und unübersichtlich ... oder? Unser Fahrzeug ist ein 1991er 400 SEL Typ W 140. Der vermeintliche Komfort soll mit einer Verdoppelung der Fahrtstrecke ausgeglichen werden. 3.700 Kilometer, also 2.312 Meilen, in 4 Tagen.

Ein Gefühl von Ewigkeit.

Brescia! Ich kenne es nur aus den Büchern über die Mille Miglia, und auf einmal sind wir da. Ein Roadbook von 2008 bringt uns an den Startpunkt der historischen Rallye. Es regnet wie aus Eimern. Ewig dankbar ob der Tatsache, nicht in einem Roadster der 50er-Jahre zu sitzen, fahren wir andächtig schweigend mit großem Respekt vor den eigentlichen Piloten der Rallye. Roma! Es ist schön hier, freundlich, fröhlich, wuselig, italienisch! Die ewige Stadt brummt Tag und Nacht. Ein milder Frühlingswind murmelt leise zwischen den grünen Bäumen, und einige nachtschwärmende Singvögel trällern verwegen ihre kleine Nachtmusik. Die nächste Etappe startet früh vor dem ehrwürdigen Mausoleum des Kaisers Hadrian, der nur ein Menschenleben nach einem gewissen Herrn Christus in Rom wandelte. Die „Engelsburg“ ist ein Bauwerk gleich unserem Mercedes-Benz. Irgendwie strahlt dieses Auto eine Massigkeit aus, die seinem Besitzer einen vagen Eindruck von Ewigkeit vermittelt.


Der italienische Verkehr.

Mit dem Roadbook auf dem Schoß versuchen wir, ohne Feindberührung durch den römischen Innenstadtverkehr zu kurbeln. Mofas und Motorräder wuseln wespengleich mit Lichtgeschwindigkeit zwischen verbeulten Autos herum. Der W 140 wirkt auf die herumschwirrenden Italiener anscheinend wie ein unkontrolliert notlandender Jumbo, sie lassen uns ab und an sogar mit angsterfülltem Blick durch! Mission erfüllt. Der Fels in der Brandung lässt die ewige Stadt hinter sich. Im Hinterland zwischen Rom und Siena sind die Straßen ein bisschen breiter, die Häuser ein bisschen flacher und der Verkehr vergleichsweise nicht vorhanden. In den kleinen Städtchen wie Ronciglione oder Montefiascone benötigt der Daimler ab und an einmal eine kleine Siesta, um das auf den Krümmer verteilte Motoröl in die Atmosphäre zu dünsten. Das muss bald mal heile gemacht werden. Außerdem ist es so schön hier, dass zwei gestandene Männer in pathetisches Schwärmen geraten.


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Mit zwei Tonnen in die Kurven.

Mille Miglia! In deine historischen Fußstapfen treten wir mit Ehrfurcht und kindlichem Erstaunen über die Schönheit der Toskana. Jede Etappe scheint wie geschaffen als Kulisse für die Klassiker, die später hier durchbrüllen. Als säßen wir in einem leichten Sportwagen, bremst mein Fahrer vor den Kurven kurz an, um dann mit beherztem Gasfuß den V8 auf die völlig überforderten Reifen der Hinterachse drücken zu lassen. Die quittieren das mit Rauch- und Geräuschentwicklung. Cool.


Ist das der heutige Sieg der Elektronik über die Trägheit der Masse? Das Ding fährt sich einfach fantastisch. Nach einer gewissen Zeit ist das Wegdriften der Hinterachse in engen Kurven zwischen Olivenbäumen zur Routine geworden. Wir erreichen lachend die Ebene vor Siena. Diese Stadt ist hübsch, hat wiederum aber den Nachteil, dass man sie nicht mit dem Auto befahren darf. Weshalb wir das Dickschiff umständlich und nörgelnd inmitten der Touristenmassen wenden müssen.



Hotel Sindelfingen.

Florenz. Was von Weitem noch romantisch aussah, entpuppt sich, wenn man drin ist, als enge Renaissancestadt mit Gassen, die gestaltet wurden, als man einen 400 SEL noch nicht kannte. Italien ist zu klein für dieses Auto. Der Arno und sein Ufer sind unser Ziel, hier haben wir vorhin noch ein paar Parklücken in den Dimensionen kleiner Reisebusse entdeckt. Der Supertanker steht endlich und tickt leise, während das Triebwerk abkühlt. Für heute sind wir genug gefahren! Wir haben keine Lust mehr, ein Hotelzimmer zu suchen. Jetzt ein kleines Prost auf die Rallye, diesen schönen Tag und den lauen Abend! Hotel Sindelfingen! Gute Nacht, John-Boy. Das Platzangebot ist gewohnt verschwenderisch, der alte Fluss plätschert einlullend. Es fühlt sich ein wenig schräg an, mitten in dieser brummenden Stadt zwischen vielen fremden Menschen in einem Auto zu schlafen. Aber der Landwein und das gute Essen sind prima Einschlafhilfen.


Quer durch Europa zurück.

6.30 Uhr. Eine leichte Morgenkühle liegt über der schlafenden Stadt. Letztes Zwischenziel: Maranello, schillernde Stadt rund um eine Autofabrik, die kleine, schnelle, rote und vor allem teure Sportwagen schmiedet. Ciao, Firenze. Und dann ciao Italia, es geht wieder in den Norden. Zwischen alten Mauern und schöner Landschaft auf ehrwürdigen Straßen in einem riesengroßen Auto haben wir ein Gespür für die Distanz von 1.000 Meilen über Land bekommen! Das ist wirklich viel Arbeit für vier Tage, auch in einem dicken Benz. Respekt für die Piloten der Mille Miglia, nach unserer Drifterei auch für die Autos, die schon ein paar Jahre mehr auf dem Blech haben! 23.00 Uhr, Hamburg. Ohne Stau, müde und voller Impressionen. Ende Mai geht die „echte“ Mille Miglia in Brescia los. Verfolgen Sie den Verlauf? Vielleicht erkennen Sie ein paar der Schauplätze wieder


Alle Aussagen in diesem Artikel sind persönliche Meinungen und Eindrücke des jeweiligen Autors und stellen mitunter nicht die der Daimler AG dar.