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  • Gastbeitrag: Diplomatenstatus in Afrika.
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    Gastbeitrag: Diplomatenstatus in Afrika.

    Der stellvertretende deutsche Botschafter für Somalia fährt mit seinem 35 Jahre alten 200 (W 123) durch Kenia.

    Text und Fotos: Jens Tanz

Der Ruf der Wildnis.

„Ich habe einen gefahr’n in Afrika, am Fuße der Ngong-Berge. Nach allen Seiten war die Aussicht weit und unendlich.“ Wenn man nicht genau hinhört, lassen sich die einleitenden Worte von Karen Blixens Bestseller auf dieses alte Auto adaptieren. Genau da, wo ihre tragische Liebesgeschichte mit Denys Finch Hatton wirklich stattgefunden hat. Der Tag wird wieder heiß werden. Das kann man jetzt schon spüren, und es ist noch nicht einmal 8:00 Uhr. Hausmädchen Brenda backt in der Küche duftende Pfannekuchen für die Kinder, der Gärtner harkt das trockene Laub zusammen. Deutsche Diplomaten beziehen während ihrer Zeit im Ausland einen dienstlichen Wohnsitz mit Angestellten, das ist nun mal so. Christian Resch ist so ein Diplomat. Er ist der stellvertretende deutsche Botschafter für Somalia. Aber weil es in Somalia keine eigene Botschaft gibt, regelt der smarte Mann seine Geschäfte aus dem benachbarten Kenia.


Hakuna Matata.

Durch die Hintertür zum Carport, vorbei an dem nagelneuen schneeweißen Nissan Patrol. Mit dem bringt seine Frau gleich die Kinder in die Kita. Dahinter steht noch ein Auto, vielleicht war das auch mal schneeweiß, jetzt ist es nur noch weiß. Der 200 von 1981 hat in den letzten Jahrzehnten einiges eingesteckt. Die ungezählten Vorbesitzer haben ihn immer am Laufen gehalten – aber nicht gepflegt. Dem barocken Herren aus der Blütezeit der gehobenen Mittelklasselimousinen fehlt Kühlwasser. Unser Ziel heute: der 100 Kilometer entfernte Lake Naivasha. Die Freizeit- und Safariklamotten liegen neben der Essenskiste im riesigen Kofferraum, der untenrum ein bisschen porös ist. Aber er hält. „Hakuna Matata“ sagen die lebensfrohen Kenianer, das bedeutet so viel wie „keine Sorgen“ und weist genaugenommen darauf hin, dass es einen Zustand gibt, über den man sich durchaus Sorgen machen könnte. Aber nicht heute.


Das Wohnzimmer der 70er.

Resch öffnet die massive Tür mit dem schmatzenden Zapfenschloss und setzt sich in die Welt aus blauem Plüsch und klarlackiertem Echtholz. Der Traum jedes besser verdienenden Mittelschichtlers in den späten 70ern ist noch immer zu spüren, ein alter Mercedes-Benz behält lebenslang seine stoische Erhabenheit. Huch? Wo ist denn das Lenkrad? Ah. Kenia ist eine ehemalige britische Kolonie, also fährt und sitzt man wie im Königreich rechts. Ungewohnt. Den blauen Dashboard-Teppich hat der Berliner in Nairobi anfertigen lassen, nicht etwa, um das Armaturenbrett vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Sondern um das zu verdecken, was die Sonnenstrahlen in den letzten 35 Jahren mit dem Armaturenbrett gemacht haben. Er pumpt ein paar Mal mit dem Gaspedal, dreht am Schlüssel – und der massive M 102 erwacht zu rauem Leben. Ein so vertrautes, mechanisches Geräusch. Ein beherzter Zug an der Entriegelung der Feststellbremse. Kuppeln, Gang rein, los geht’s.


Robust, preiswert und etwas speziell.

Der Stromberg-Vergaser wurde gerade erst vom Hausmechaniker eingestellt, jetzt verbraucht er nur noch 17 Liter. In der Stadt. Das wundert nicht, denn hier sind alle 100 Meter dicke Bumper in den Asphalt eingelassen, um das Tempo der Pendler zu drosseln. Hakuna Matata. Wer diese Bumper mit mehr als 20 km/h überquert, verliert beide Achsen. Nairobis Einwohner fahren mit Vollgas ran, bremsen abrupt und treten wieder bis zur nächsten Bodenwelle durch. Superbenzin ist in Afrika relativ preiswert. Der afrikanische Privatwagen des Diplomaten sollte robust, preiswert und ein bisschen abgefahren sein. Der Mercedes-Benz erfüllt alle drei Kriterien mit Bravour. Resch hat ihn vor drei Jahren von einem Inder gekauft, was vorher war, erzählt nur noch der Lack. Der Kilometerzähler ist bei knapp 114.000 kaputtgegangen. Während seiner 10-jährigen Bauzeit sind vom Typ 123 über 2,7 Millionen Fahrzeuge als Limousine, Coupé und T-Modell entstanden, im ersten Produktionsjahr nach 1975 noch parallel zum „Strich-Acht“.


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Freie Bahn mit CD.

Es geht weiter geht in Richtung Naivasha. Vorbei an Villen und Slums, bunt gekleideten Menschen beim Warten auf den Bus, Massai mit langen Wanderstöcken und zahnlosen Maiskolbenverkäufern. Unter dem Schutz der Buchstaben CD (für „Corps Diplomatique“) reist es sich angenehm in Kenia. Bist du ohne diese Immunität unterwegs, hält dich gern mal die überall lauernde Polizei an, findet was am Auto und öffnet die Hand. Das kann teuer werden.


Aber auch ohne die korrupten Cops gestaltet sich die Überlandfahrt abenteuerlich zwischen uralten Lastwagen, Handkarren und todesmutigen Mopedfahrern. Wir weichen ab und an ein paar Giraffen aus, die erhaben über die holperige Straße gleiten. Er schnurrt, der Daimler, und verströmt eine derartige Zuverlässigkeit, dass Resch immer wieder anerkennend mit dem Kopf nickt. Ohne mein Zureden hätte er sich nicht auf die lange Reise nach Naivasha gemacht. Warum eigentlich nicht?


Jenseits von Afrika.

Wir gleiten in die Ebene des Ostafrikanischen Grabens, genau wie Denys und Karen mit Finch Hattons Flugzeug im letzten Drittel des Films. Dank der großflächigen Verglasung des Mercedes-Benz ist die Aussicht weit und unendlich. Bis zu den Ngong-Bergen. Aus dem iPod klingt der Soundtrack von „Out of Africa“ an unsere Ohren. Selbstverständlich erreichen wir pannenfrei die Lodge. Ich sitze auf einem Stein am Seeufer und betrachte das alte Auto, das tickend und knackend abkühlt. Das Leben ist etwas einfacher hier in der Nähe des Äquators. Hinter uns schnauben Nilpferde, über uns kreisen Seeadler. Ein Stück deutsche Ingenieurskunst mitten in der Natur am anderen Ende der Welt. Vielleicht hat sich die Zeit unbemerkt an diesem alten Auto vorbeigedreht. Vielleicht ist ein W 123 der erste erfolgreiche Schritt zur Entschleunigung in einer immer schnelleren westlichen Welt? Wie dem auch sei. „Ich hab den gefahr’n in Afrika.“