Gunther Holtorf beschloss auszusteigen und mit seiner G-Klasse alle Länder der Erde zu bereisen. Nach 26 Jahren hat er sein Ziel erreicht. Die Geschichte eines großen Abenteuers und einer großen Liebe.

In der G-Klasse bis ans Ende der Welt.

Eine Geschichte von Freiheit, Abenteuer und einer großen Liebe. Ein Gastbeitrag des Stern.
  • In der G-Klasse bis ans Ende der Welt.

  • 26 Jahre dem Ziel entgegen.

    Gunther Holtorf war Manager. Dann stieg er aus und beschloss, alle Länder der Erde zu bereisen. Nach 26 Jahren hat er sein Ziel erreicht. Die Geschichte eines großen Abenteuers – und einer großen Liebe.

    An diesem späten Vormittag rollt „Otto“ gemächlich durch Litauen in Richtung Kamenny Log, des Grenzorts zu Weißrussland. Die Septembersonne scheint, die Straße ist schnurgerade und kaum ein Auto unterwegs. Wer will schon nach Weißrussland?

    Gunther Holtorf will. Bestens gelaunt sitzt er am Steuer des blauen Mercedes-Geländewagens, den er seit vielen Jahren „Otto“ nennt: „Ich habe ein gutes Gefühl“, sagt er mit seiner immer leicht heiseren Stimme. Die weißen Haare sind raspelkurz, seine blauen Augen funkeln unter den buschigen Augenbrauen. Die 77 Jahre sieht man ihm nicht an, trotz Falten. Zweimal haben ihn die Weißrussen schon abgewiesen. „Diesmal“, sagt er, „klappt es mit der Einreise.“

    Gunther Holtorf in seinem umgebauten Reisebegleiter, einer G-Klasse.

    Zusammen durch dick und dünn.

    Oft wird die ehemalige Sowjetrepublik als letzte Diktatur Europas bezeichnet, als Land, in dem die Presse so unfrei ist wie die Wahlen. Aber um Politik geht es Holtorf nicht. Weißrussland ist das Land, das er noch braucht, um seine große Reise zu beenden.

    Die Reise, das ist der Versuch, alle mit dem Auto befahrbaren Länder der Erde zu besuchen. Mit demselben Auto wohlgemerkt, mittlerweile 26 Jahre alt und gerade mal 88 Diesel-PS stark. Fast 900.000 Kilometer hat Holtorf mit dem Wagen schon zurückgelegt. Zusammen haben sie Wüsten bezwungen, im Dreck gesteckt, Gefahren getrotzt, bereisten 214 Länder, autonome Gebiete und Territorien. Der Eintrag ins „Guinness Buch der Rekorde“ ist in Vorbereitung.

    In 26 Jahren hat Gunther Holtorf rund 900.000 Kilometer in seiner G-Klasse zurückgelegt und 215 Länder besucht.

    Weißrussland soll Land Nummer 215 werden. Langsam fährt Holtorf den Wagen vor die erste von vielen Schranken, die ihn in den nächsten dreieinhalb Stunden aufhalten werden. „Um so eine Reise zu machen, braucht man Ruhe, Geduld und vor allem eine tief greifende Freundlichkeit“, sagt er mit Blick auf die grimmigen Wachposten.

    Wie alles begann.

    Das große Abenteuer begann 1988, in einer Zeit, in der ohnehin alles im Umbruch war. Holtorf gab seinen Job als Geschäftsführer der Charter-Airline Hapag-Lloyd Flug auf. Der Vorstand hatte seine Pläne für ein innerdeutsches Linienflugnetz abgelehnt. Nach einer langen Karriere, unter anderem als Lufthansa-Landeschef in Argentinien, Chile, Hongkong, Indonesien und Uruguay, gefolgt von vier sesshaften Jahren in Hannover, hatte Holtorf erst mal genug, wollte wieder raus in die Welt. Und zwar so richtig. Er kaufte den Geländewagen bei einem Händler in Oldenburg – als Vorführwagen für 50.000 Mark. Holtorf nannte ihn Otto, weil er stets auch die Kinder von Freunden so nannte.

    Das große Reiseabenteuer begann 1988 in Kenia.

    Gemeinsam mit seiner dritten Frau brach er nach Afrika auf. Sie hatten erst kurz zuvor geheiratet, als sie im Dezember 1988 in Kenia losfuhren. Aber Tag und Nacht zusammen zu sein, die ständige Nähe, das wurde schnell zum Problem. Schon im April 1989 kehrten beide nach Deutschland zurück – und ließen sich scheiden. Da war Holtorf 51.

    Seine Abenteuerlust, die Sehnsucht nach Freiheit und die Liebe zu anderen Kulturen treibt Gunther Holtorf an, immer mehr Länder dieser Erde zu bereisen.

    Frau zum Mitreisen gesucht.

    Die Sehnsucht nach Afrika, die blieb, nach dem Gefühl von Freiheit, das er dort verspürt hatte. Er wollte zurück. Nur nicht allein. Also suchte er im Wende-Herbst 1989 per „Zeit“-Annonce eine Partnerin zum Mitreisen. Er fand Christine. Die war Verwaltungsangestellte in Dresden, sah das Inserat bei einem Berlinbesuch – und antwortete.

    Gemeinsam machten sie den Wagen reisetauglich: Sie warfen die Rücksitze raus, montierten auf halber Höhe eine Holzplatte in Laderaum und Fond. Oben legten sie passend zugeschnittene Matratzen rein, eng, aber bequem. Darunter fanden die Küche, Lebensmittel, Kleidung, Werkzeuge und Ersatzteile Platz. Was seltener gebraucht wurde, kam in Kisten aufs Dach. Im Herbst 1990 begannen sie ihre Fahrt, erneut ging es nach Afrika. Diesmal hielt die Beziehung.

    In der Welt zu Hause.

    Aus den geplanten zwei Jahren wurden fünf, und als die beiden wieder mal am Kap der Guten Hoffnung ankamen, packten sie den Wagen einfach in einen Container und schickten ihn weiter, nach Südamerika. Es folgten: Nordamerika, Asien, Australien und Europa. Fast jede Nacht schliefen sie im Wagen, kochten auf dem Gaskocher, der auf einem an der hinteren Stoßstange eingeklemmten Brett stand. Komfort gab es keinen. Die Klimaanlage baute Holtorf nach zwei Jahren freiwillig aus und schenkte sie einem kenianischen Mechaniker. Seitdem ist eigentlich immer ein Fenster auf.

    In der Welt zu Hause – Gunther und Christine Holtorf gaben für ihr Reiseabenteuer ihr Leben in Deutschland auf.

    Geld brauchten die beiden nicht viel. Sie lebten von Ersparnissen, seiner Rente und dem Verkauf des Stadtplans von Djakarta. Den gab Holtorf seit 1977 im Eigenverlag heraus – selbst gezeichnet, am Ende als Stadtatlas 400 Seiten stark; Auflage: 150.000 Stück. Um die Daten zu aktualisieren, flogen sie immer mal wieder für ein paar Wochen nach Indonesien. Nach Deutschland kamen sie nur sporadisch, eine Wohnung hatten sie hier nicht mehr.

    Aus einer Laune wurde ein Plan. Gunther Holtorf bereiste alle mit dem Auto befahrbaren Länder dieser Welt.

    Das Gefühl der Freiheit.

    Wann die Idee entstand, alle Länder der Erde anzusteuern, weiß Holtorf nicht mehr genau. Aber als selbst abgeschottete Staaten wie Bhutan, Brunei oder Saudi-Arabien das Paar samt ihrem Otto einreisen ließen, erschien das große Ziel plötzlich immer erreichbarer. Aus der Laune wurde ein Plan.

    „Wir haben oft einfach vor der Landkarte gestanden und uns neue Ziele gesetzt. Das ist ein unglaubliches Gefühl der Freiheit: Man guckt auf einen Kontinent wie Afrika und kann überallhin fahren“, sagt Holtorf. Seine Augen leuchten. „Solche Pläne haben uns immer wahnsinnig motiviert. Wir wollten dahin, wo die anderen nicht hinwollten.“

    Eine Reise mit Hindernissen.

    Besonders sozialistische Länder haben es den beiden nicht leicht gemacht, sie zu besuchen, China, Kuba, Myanmar und natürlich Nordkorea. Oft dauerte es Monate oder auch Jahre, bis die Einreise genehmigt wurde – häufig unter absurden Auflagen: In China mussten sie sich über Monate von einem Fahrzeug mit zwei Aufpassern begleiten lassen, in Nordkorea hatten sie sogar drei Wächter. Zusätzlich wurden Tausende Verkehrspolizisten mit Fotos ausgestattet. Sie sollten das Auto auf der penibel vorgeplanten und auf die Minute einzuhaltenden Route an ihren Kontrollposten sofort identifizieren können. Und all das, obwohl Kim Jong Il, der inzwischen verstorbene „ewige Generalsekretär“ der Nordkoreaner, den Besuch gutgeheißen hatte.

    Die Länder China, Kuba, Myanmar und Nordkorea haben es Gunther und Christine Holtorf nicht gerade einfach gemacht.
    Otto, die G-Klasse von Gunther Holtorf, bewies sich 26 Jahre auf rund 900.000 Kilometern als zuverlässiger Begleiter.

    Die G-Klasse – ein zuverlässiger Begleiter.

    Seinen Wagen hat Holtorf mit viel Vorsicht über die lange Distanz gesteuert: Alle 5.000 Kilometer wechselte er das Öl, ersetzte Verschleißteile, bevor sie kaputt waren, und fuhr kaum je schneller als 80 km/h. Motor und Getriebe dankten es ihm, sie musste er nie austauschen. „Mit einem heutigen Modell wäre das nicht mehr möglich“, glaubt er. „Zu viel Elektronik, zu viel Schnickschnack.“ Die Mercedes G-Klasse wird zwar seit 35 Jahren äußerlich ziemlich unverändert gebaut. Trotzdem haben die modernen Versionen mit dem Wagen Holtorfs wenig gemein: Manche leisten über 600 PS und kosten eine Viertelmillion Euro.

    Fragt man Holtorf, ob denn immer alles geklappt hat auf seiner Abenteuerreise, sagt er: „Ja“, ohne nachzudenken. Schlechte Erfahrungen abhaken, vergessen, das Beste draus machen. So ein Typ ist er.

    Schicksalsschläge.

    Aber natürlich gab es in den 26 Jahren auch Probleme: den Überschlag in Madagaskar etwa, als ihn im vergangenen Mai ein Lkw von der Straße drängte. Oder die acht Malaria-Anfälle, die ihn meist im tiefen Urwald erwischten; die Infektion, die ihn in Ostafrika fast den Fuß gekostet hätte; die ausgekugelte Schulter im Sudan, mit der er hundert Kilometer zum nächsten Krankenhaus fahren musste. Ach ja: Und die Hyäne, die ihn nachts in der Hängematte besuchte, die scharfen Zähne wenige Zentimeter vor seinem Gesicht. „Alles gut gegangen“, sagt Holtorf.

    Bloß bei seiner Frau ging nicht alles gut. 2003 erkrankte sie an Krebs. Für die Therapie unterbrachen die beiden nun immer wieder die Reise und kehrten nach Deutschland zurück. Der Wagen blieb dann irgendwo in der Welt stehen. Aber bis zuletzt war Christine Holtorf mit ihrem Mann unterwegs. Zwei Jahrzehnte lang hatten sie an unzähligen Grenzen dieser Welt behauptet, sie seien ein Ehepaar. 2010, wenige Tage vor ihrem Tod, heirateten sie auch noch amtlich.

    Die Abenteuerreise führte Gunther und Christine Holtorf in unterschiedlichste Kulturen dieser Erde.

    Wenn Gunther Holtorf heute in seinem Auto sitzt, erzählt er viel von seiner Frau. Viele Details der Ausstattung stammen von ihr. Noch vier Jahre nach ihrem Tod hält er immer mal an, um Blumen zu pflücken und sie einer Monchichi-Figur, die am Rückspiegel hängt, zwischen die Finger zu klemmen. „Christine hat jeden Tag dafür gesorgt, dass frische da waren“, sagt er. Und: „Ich habe ihr versprochen, die Reise in ihrem Namen zu Ende zu machen.“

    Die Weltkarte – das wichtigste Gut an Bord.

    „Die Karte ist wichtiger als mein Reisepass oder das Visum“, sagt er. Er verschenkt oft ein Exemplar. Mit ihr macht er jeden zum Teil seines Projekts, zum Rekordhelfer: die weißrussischen Zöllner genauso wie einst den korrupten Polizeichef in Liberia, der erst lachte, als Holtorf ihm statt Banknoten mit großer Geste seine Karte überreichte. Dann fuhr er mit dem Finger die Linien nach, ließ sich das Auto zeigen und nahm Holtorf zum Abschied in den Arm. Oder die nervösen Soldaten der Präsidentengarde in Kamerun, die Holtorf erst der Spionage bezichtigten, sich beim Anblick der Karte aber entspannten. Was soll so einer ausspionieren, mögen sie gedacht haben. Der war doch schon überall.

    Die Weltkarte ist für Gunther Holtorf das wichtigeste Gut an Bord seiner G-Klasse.

    Jedenfalls fast überall, denn in 26 Jahren gab es drei Länder in Afrika, an deren Grenze Holtorf immer scheiterte: den Tschad, Somalia und den Südsudan. Alle drei stets zu gefährlich, im Bürgerkrieg oder abgeriegelt. Außerdem ließ Holtorf Inselstaaten wie die Malediven, Nauru oder Tuvalu aus. Dort gibt es selbst für ihn zu wenige Straßen.

    „You can go.“

    Die weißrussische Zöllnerin hat die Karte lange studiert. Jetzt stellt sie freundlich ihre Fragen: „Wieso sind da auf dem Dach zwei Ersatzreifen?“ – „Die brauche ich“, sagt Holtorf. „Sind vorgeschrieben.“ Sie grinst, weil sie weiß, dass das nicht stimmt. Dann legt sie ihm vertraulich die Hand auf den Arm und fragt: „Haben Sie Drogen dabei?“ Holtorf, fast einen Kopf kleiner als sie und von der Reise gebeugt, blickt zu ihr auf und sagt theatralisch: „Oh nein – und auch keine Pornografie!“ Jetzt muss sie lachen. Schließlich reicht ihr Kollege die Papiere durchs Fenster und sagt: „You can go.“ Holtorf tritt sanft aufs Gas und rollt über die Grenze. Dabei tätschelt er das Armaturenbrett. „Ottilein, du bist in Weißrussland“, sagt er. „Haste gut gemacht.“ Der blaue Geländewagen ist ihm ans Herz gewachsen, wie ein Mensch.

    Zusammen mit Otto, seinem Geländewagen, erkundete Gunther Holtorf auch die entlegensten Flecken dieser Erde.

    Er hat mehr Zeit mit ihm verbracht als mit seiner Tochter Sabine aus erster Ehe, die in Frankfurt lebt. Und auch mehr Zeit als mit Martin, Christines Sohn, den er adoptiert hat. Während seine Eltern unterwegs waren, ging Martin aufs Internat. „Das war grenzwertig“, gibt Holtorf zu. Trotzdem haben die Kinder ein gutes Verhältnis zu ihrem weltenbummelnden Vater. Martin reiste nach dem Tod seiner Mutter lange mit ihm durch Ostasien und den Südpazifik.

    Das Ende eines unvergesslichen Abenteuers.

    Am nächsten Tag rollt der Wagen auf Sandpisten durch kleine weißrussische Dörfer. Hier und da hält Holtorf an, um besonders schöne Holzhäuser zu fotografieren. Sofort laufen die Bewohner zusammen: Wiktor, Wanda, Sergej – sie alle beugen sich bald über die Karte und staunen, bieten Tee und Essen an. Holtorf kennt das: In den meisten Dörfern der Welt ist sein Wagen mit den Expeditionskisten und der Patina ferner Länder wie ein Raumschiff, das dort landet. Die Einheimischen fotografieren, klopfen aufs Blech, wünschen mit Händen und Füßen Glück. Jeder, dem Holtorf seine Geschichte erzählt, beginnt im Kopf mitzureisen. Es gibt unzählige Berichte lokaler Medien über ihn, den weit gereisten Deutschen mit seinem Otto. Im Ausland ist er bekannter als in der Heimat.

    Gunther Holtorf und seine G-Klasse: Zusammen haben sie Wüsten bezwungen, im Dreck gesteckt, Gefahren getrotzt. Der Eintrag ins „Guinness Buch der Rekorde“ ist in Vorbereitung.

    Am Ende dieses Reisetags in Weißrussland sagt Holtorf ziemlich unvermittelt etwas, das zeigt, wie er gerade fühlt: „Bald ist Otto tot“, sagt er. Und meint damit, dass der letzte Weg des Autos ins Museum führt. Am 11. Oktober will er die Schlüssel Daimler-Chef Dieter Zetsche übergeben. Für Holtorf ist das eine Ehre, trotzdem weiß er, dass seine Reise damit zu Ende sein wird. Er, der Mann aus Göttingen, der die Welt gesehen hat, wird in ein Haus am Chiemsee ziehen.

    Wie wäre es mit der Krim?

    Aber nach Deutschland muss der Wagen ja noch. Holtorf blickt auf die vor ihm ausgebreitete Karte. Sie reicht von Weißrussland im Westen bis nach Wladiwostok am Pazifik. „Ich glaube, ich fahre über Kiew zurück“, sagt er. Kurze Pause. „Und die Krim, die würde mich schon noch mal reizen.“

    Seit Anfang 2012 steht Jan Boris Wintzenburg mit Gunther Holtorf in Kontakt. Er war fasziniert von den Geschichten, die der über seine Reise erzählte. Ende September fuhr der stern-Reporter mit Holtorf nach Weißrussland – und schlief selbst eine Woche in dem Geländewagen.

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