Mit 70 Sachen den Abhang runter.

Mit 70 Sachen den Abhang runter.

Ein Reisebericht aus Nicaragua.
Text: Alexander Bühler
Fotos: Luca Zanetti (2011)
  • Mit 70 Sachen den Abhang runter.

  • Ashboarding auf dem Vulkan.

    Geröll fliegt mir entgegen, trotz Schutzbrille kann ich kaum noch etwas sehen. Kleine Lava-Kiesel dringen in meinen Overall und die Schuhe ein. Ich bin vielleicht 50, 60 km/h schnell, während ich den Cerro Negro Vulkan in Nicaragua hinunter fahre. Plötzlich fängt das Brett unter mir an zu schlingern, ich versuche, es gerade zu halten, indem ich meinen Schwerpunkt etwas verlagere – doch dann überschlage ich mich.

    Vor einer Stunde stand ich noch am Fuße des Cerro Negro, nahm mir wie jeder der übrigen 13 Teilnehmer einen orangefarbenen Stoffbeutel, in dem ein Overall steckte, prüfte meinen Wasservorrat und griff zu einem Vulkan-Schlitten:

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

    einem schmalen Holzbrett mit drei niedrigen Querstäben, an denen Füße und Hintern (siehe Schwerpunkt) Halt finden sollen. Und zur Beschleunigung noch ein Stück Plastik auf der Unterseite. Einfach – aber effektiv, wie sich später herausstellen wird.

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

    Hitze von überall.

    Denn in Nicaragua ist es schon zu dieser Jahreszeit heiß, ca. 30 Grad im Schatten. Nur: Der Vulkan bietet kein bisschen Schatten, sein schwarzes Magma-Gestein speichert sogar noch zusätzlich die Hitze. Und am Himmel treiben sich nur einige wenige, dafür aber umso pittoreskere Cumulus-Wolken herum. Und was am Anfang nach einem angenehmen Spaziergang aussah, wird zunehmend schwieriger: Gerade am steilsten Stück verliert sich der Weg in einem Magmafeld, dessen Brocken gerade mal Kieselgröße haben. Auf allen Vieren geht es voran, während man immer wieder ausrutscht und Steinchen den Abhang ins Tal hinunter kullern.

    Oben angelangt, am Rand des Vulkankraters, dann eine kilometerweite Sicht. Im Osten hat sich der Lavastrom 1971 in die Landschaft gewälzt: eine riesige schwarze Basaltzunge.

    Rauch und Asche.

    Mittlerweile haben die ansässigen Bauern auf dem Geröll allerdings wieder Erdnuss-Büsche, eine der Hauptanbaupflanzen, angesiedelt. Daneben stecken im knietiefen grauen Sand, den der Vulkan bei seinen Ausbrüchen ausspuckt, kleine Maniokpflanzen. Im Norden und Süden dagegen sind die Ausläufer der Vulkankette zu sehen. Nicht umsonst heißt Nicaragua das Land der Seen und Vulkane.

    Fast wie an einer Perlenschnur aufgereiht sind hier 13 aktive Vulkane zu sehen, deren beeindruckendster der Momotombo mit über 1900 Metern Höhe ist. Dank der klaren Luft ist die weiße Rauchfahne aus seinem Schlot deutlich zu erkennen. Eine kleine Erinnerung daran, dass Vulkane jederzeit ausbrechen können.

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

    Auf dem Weg zum Gipfel hat Marko die Gruppe kurz an einer Hütte aus rostigem Wellblech angehalten, Drähte ragen dort in alle Himmelsrichtungen. „Nein, das ist nicht das letzte Toilettenhäuschen vor dem Gipfel“, sagt er grinsend. „Das ist eine Vulkanbeobachtungsstation.“

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

    Von hier aus werden seismische Warnsignale aufgezeichnet und an eine Bodenstation abgeschickt. Aus den beiden Kratern im Innern des Cerro Negro steigt Rauch auf, Schwefel aus dem Erdinnern ist deutlich zu riechen. Manche Gruppenteilnehmer werden unruhig, als der Tourguide erwähnt, dass der Cerro Negro einer der aktivsten Vulkane weltweit ist. Er entstand erst vor etwa 160 Jahren und bricht durchschnittlich alle sieben Jahre aus. Das letzte Mal 1999. „Er ist überfällig“, witzelt Marko, woraufhin ein paar Aspiranten nervös kichern. Bei manchen Eruptionen flog Gestein bis zu 600 Meter über den Kraterrand hinaus in die Luft, wurde das gesamte Land von einer sieben Kilometer in die Atmosphäre ragenden Aschewolke zugedeckt. Im alten Kolonialstädtchen Leon, das 25 Kilometer entfernt liegt, stürzten Dächer ein. Rund einen Meter hoch lag graue Vulkanasche im Umland.

    Wahnsinnig oder mutig?

    Doch das ist nur ein kleiner Nervenkitzel, ein Nebenschauplatz. Die eigentliche Spannung kommt erst an der Abfahrt auf. Im Stehen kann man kaum den rund 600 Meter tiefer parkenden LKW im Ziel sehen, so steil ragt die Abbruchkante nach unten. Alle haben ihren Overall und die Schutzbrille an, der Schlitten steht neben ihnen bereit.

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.
    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

    Die Piste ist berüchtigt, weil der Vulkan hier bis zu 41 Grad Neigung hat und der Untergrund aus einer Mischung aus Sand und kleinen Kieseln besteht. Die ideale Mischung, fand schon der Franzose Eric Barone, um ins Tal zu rasen. Der Fahrradfahrer brach hier 2002 seinen eigenen Geschwindigkeitsrekord: Auf einem standardmäßig hergestellten Mountainbike erreichte er bei der Testfahrt 167 km/h.

    Für den nächsten Versuch zog er sich einen speziellen luftgepolsterten Anzug an, setzte einen Helm auf und bestieg ein handgefertigtes Mountainbike mit Carbon-Rahmen. Bis heute wissen die Insider nicht, ob sie ihn für sehr wahnsinnig oder für sehr mutig halten sollen.

    Die gefährliche Piste.

    In den bestehenden Videos sieht man, wie Barones Fahrrad bei der Schussfahrt beschleunigt, wie ein Schatten mit einer Staubfahne huscht er an den Kameras vorbei. Als er die Geschwindigkeitsmessung auf zwei Drittel der Strecke passiert, ist er schon über 170 Km/h schnell.

    Doch dann das Unglück: Er rast in eine sanfte Sandkuhle hinein – deren Ende Felsbrocken bilden. Barones Fahrrad kracht mit immer noch über 100 km/h dagegen, löst sich förmlich in seine Einzelteile auf und der Fahrer wird meterweit durch die Luft geschleudert. Die Zuschauer sind fassungslos, niemand weiß, ob er das überlebt hat.

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

    Doch dann schlägt Barone die Augen wieder auf – er hat sich einige Rippen gebrochen und viele weitere Verletzungen erlitten. Die Genesung dauert Monate.

    Staubverschmierte Teilnehmer und kein Geschwindigkeitsrekord.

    Diese Piste soll ich nun auch hinunter. Marko gibt letzte Instruktionen: „Die Füße runter vom Brett, leicht über dem Boden schweben lassen, sie stabilisieren. Und den Hintern, den Körperschwerpunkt, genau in der Brettmitte halten.“ Dann geht es abwärts. Schon nach Sekunden habe ich seine Ratschläge vergessen und hebe die Füße aufs Brett, um noch schneller zu werden. Nach wenigen hundert Metern die logische Konsequenz: Ich fliege aus der Bahn. Ich werde keinen Geschwindigkeitsrekord mehr brechen. Immerhin, als ich schließlich am Pritschen-LKW ankomme, der die Gruppe wieder zum Ausgangspunkt León zurück bringen soll, habe ich noch 39 km/h drauf. Und keine wesentlichen Verletzungen. In León zurück begrüßt der Organisator Phil Southan die staubverschmierten Teilnehmer mit einem Mojito.

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

    70 km/h war das schnellste, was heute geleistet wurde. Kein Rekord, aber immerhin beachtlich. An einer Tafel sind die Bestleistungen aufgelistet: Die Spitzengeschwindigkeit hält eine Israelin mit 87 km/h.

    Testfahrten mit einer Kühlschranktür.

    Erst seit fünf Jahren besteht dieser Sport, sagt der aus Barbados stammende Southan. Damals waren es gelangweilte Surfer vom wenige Kilometer entfernten Pazifik, die anfingen, sich mit den verschiedensten Objekten den Cerro Negro hinunterzustürzen. „Wir fingen mit Snowboards an, aber die verbrauchten sich viel zu schnell am spitzen Vulkangestein. Dann kamen Surfbretter, aber das war auch nicht optimal.“

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

    Zwischendurch, sagt er, experimentierten sie auch mit exotischeren Objekten, wie etwa einer Kühlschranktür. „Zu schwer und zu langsam“, winkt er grinsend ab.

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

    Rund 100 Board-Designs probierten seine Freunde und er aus, bis sie auf das Brett kamen. Das aufgeklebte Plastikstück am Ende, auf dem das Körpergewicht ruht, wirkt bei der Abfahrt wie ein Stück Seife. Und verbraucht sich auch so schnell.

    Bei den bisher 15.000 Abfahrten sei bisher noch niemand ernsthaft zu Schaden gekommen, sagt Southan. Selbst ein älteres Paar um die 65 habe das Spektakel genossen. Und Marko, der Tourguide, der fast jeden Tag den Cerro Negro mit einer Gruppe erklimmt, ergänzt: „Ich genieße immer noch die Abfahrt, die Aussicht und den Wind, der einen oben fast wegweht.“ Und natürlich den Nervenkitzel, auf einem aktiven Vulkan zu stehen.

    Rund 100 Board-Designs probierten seine Freunde und er aus, bis sie auf das Brett kamen. Das aufgeklebte Plastikstück am Ende, auf dem das Körpergewicht ruht, wirkt bei der Abfahrt wie ein Stück Seife. Und verbraucht sich auch so schnell.

    Bei den bisher 15.000 Abfahrten sei bisher noch niemand ernsthaft zu Schaden gekommen, sagt Southan. Selbst ein älteres Paar um die 65 habe das Spektakel genossen. Und Marko, der Tourguide, der fast jeden Tag den Cerro Negro mit einer Gruppe erklimmt, ergänzt: „Ich genieße immer noch die Abfahrt, die Aussicht und den Wind, der einen oben fast wegweht.“ Und natürlich den Nervenkitzel, auf einem aktiven Vulkan zu stehen.

    Mit 70 Sachen den Abhang runter.

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