Tofua’a: Auf Augenhöhe mit Buckelwalen in Tonga.

Unser erstes filmisches Unterwasserabenteuer „Tofua’a“ lotet das Potenzial nichtverbaler Kommunikation in den Tiefen des Südpazifiks mit Freediver und Meeresbiologe Lucas Handley aus.
Text: Hadassa Haack
Fotos: Jon Shaw und Scott Last
  • Tofua’a: Auf Augenhöhe mit Buckelwalen in Tonga.

  • Eine besondere Begegnung.

    Wenn ein 36 Tonnen schwerer und 16 Meter langer Buckelwal eine Wendung macht, um dich genauer unter die Lupe zu nehmen, scheint die Zeit plötzlich still zu stehen. Kein anderer Gedanke schleicht sich in den Kopf. Wer diesen sanften Riesen in der riesigen, weiten Stille des Pazifischen Ozeans einmal näher gekommen ist, möchte diese neuen Freunde – wie ein Kind auf dem Spielplatz – so schnell nicht von dannen ziehen lassen.

    Sprache ist kein Hindernis.

    An Tonga reizen uns nicht nur die beeindruckenden Kulissen, sondern auch die Chance auf eine Begegnung mit diesen singenden Unterseeakrobaten. Dank des Walfangverbots 1963 hat sich ihr Bestand weltweit erholt, nachdem sie damals kurz vor dem Aussterben standen. Etwa fünf Stunden Flug von Sydney entfernt wartet mit Vava’u ein Archipel aus 40 kleinen und einer großen Insel mit kristallklarem Wasser, Sandstränden und einer friedlichen Atmosphäre im Naturhafen von Neiafu auf uns.

    Das milde Klima, Wetterumschwünge mit dramatischen Wolken, hohe Klippen und mysteriöse Unterwasserhöhlen runden das echte Schatzinsel-Feeling ab. Es ist keine fahrzeugfreundliche Umgebung: Hier nehmen Frischlinge die sandigen, oft ungeteerten Straßen in Beschlag und viele rostige Autowracks säumen den Wegesrand aber unsere C-Klasse kommt gut damit zurecht. Das Leben hier ist schlicht – und angenehm einfach.

    Unter der Oberfläche.

    Die Einheimischen winken uns in den Straßen freundschaftlich zu. Sie geben sich herzlich und haben ihren Stolz: Hier wird niemand von Verkäufern belästigt oder zu etwas gedrängt. Als einziger Staat im Pazifik hat Tonga seine Unabhängigkeit nie ganz verloren und bleibt die einzige Monarchie der Region. Die lokalen Kinder zeigen sich fasziniert von unserer Ausrüstung und wollen fotografiert werden.

    Ein gelebtes Beispiel dafür, dass Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede gegenseitiges Verständnis nur dann verhindern, wenn wir es selbst dazu kommen lassen. Doch unsere eigentliches Ziel ist eine Kommunikation der etwas anderen Art: unter Wasser, mit den gewaltigen Buckelwalen.

    Zu diesem Zweck – und um das Ganze filmisch festzuhalten – stehen uns bei diesem herausfordernden Abenteuer der preisgekrönte Kameramann Jon Shaw, der professionelle Freediver und Meeresbiologe Lucas Handley und der Kameramann Scott Last zur Seite.

    In der Landessprache bedeutet Tofua’a übrigens Wal – ein passender Titel für unseren Film. Buckelwale fressen nur im Sommer in arktischen Gewässern und wandern daraufhin zur Paarung in tropische Zonen. Hier kommen im Winter auch die Kälber zur Welt, während die Mütter von ihren Fettreserven zehren. Auf Vava’u endet die Walsaison allerdings Anfang Oktober, und wir sind relativ spät dran.

    Die erste morgendliche Ausfahrt im Boot ist dementsprechend spannend, denn niemand will diese gewaltigen Tiere verpassen – oder die einmalige Chance, das berühmte „Wal in Sicht!“ in die Runde zu schmettern.

    Der Unterwasser-Übersetzer.

    Meerestiere sind Lucas Handleys Revier. Der „Unterwasserjäger“ ist Meeresbiologe, erfahrender Freitaucher und ein mit allen Wassern gewaschener Abenteurer. Nach einer Kindheit im australischen Byron Bay pendelt er mittlerweile zwischen den Solomon-Inseln und unzähligen Drehorten. Den Ozean kennt er wie seine eigene Westentasche und hat für sein Alter schon erstaunlich viele Unterwassergeschichten auf Lager. Nebenbei verfügt er noch über andere nützliche Fähigkeiten – als versierter Speerfischer hat er bei Bedarf in kaum 60 Sekunden das nächste Essen besorgt.

    Lucas taucht viel und oft mit Haien und weiß, wie man sich in ihrer Gegenwart – selbst bei Angriffen – richtig verhält. Sie folgen ihm oft unter Wasser und versuchen dann, ihm seinen späteren Fang abzujagen. Doch Wale sind anders, wie Lucas im Film verrät: mit Futter sind sie kaum zu motivieren, da sie sowieso ein halbes Jahr lang fasten und wohl kaum Leckereien von uns erwarten. Wir sind gespannt, wie die Wale hier auf Lucas reagieren werden.

    Akrobaten des Ozeans.

    An der Oberfläche geben sich die Buckelwale ausgesprochen akrobatisch: Sie durchbrechen die Oberfläche, wackeln mit der Schwanzflosse und schlagen mit der Brustflosse aufs Wasser. Ein besonders aktives – leicht übermütiges – Kalb überrascht uns mit Dauersichtungen. Eine halbe Stunde lang scheint es sich großartig zu amüsieren und prüft sogar ab und zu, ob wir ihm immer noch die gebührende Aufmerksamkeit zollen.

    Und dann sind da noch diese wirklich magischen Momente, wenn ein anfangs schüchternes Kalb der Neugierde nicht mehr widerstehen kann und zum ersten Mal hinter seiner Mutter hervorlugt. Nach einem vorsichtigen Ausflug an die Oberfläche, für einen tüchtigen Atemzug und eine kurze Umschau, schwimmt es direkt auf Lucas zu – und die beiden ahmen die Bewegungen des jeweils anderen nach. Oder als drei der Wale Lucas in ihre Mitte nehmen und unschlüssig scheinen, was es mit diesem kuriosen menschlichen Dauergast auf sich hat, der so viel tiefer tauchen kann als alle anderen zuvor. Sie beschließen, ihn zu ignorieren.

    An unserem letzten Tag, kurz vor Sonnenuntergang und weitab der Küste, traut sich schließlich ein größeres Kalb mit markantem Schwarzweißmuster direkt vor die Kamera und schenkt uns die perfekte Einstellung, bevor es zu seiner Mutter zurückkehrt. Plötzlich schwimmen beide geschlossen auf mich zu – während ich das Unmögliche versuche: diese Riesen mit dem winzigen Bildschirm meines iPhones einzufangen. Als sie wenig später endgültig in den Tiefen des Ozeans verschwinden, bleibt mir nur ein Gefühl und Gedanke: das zu toppen wird wirklich schwer werden.

    Bildergalerie.

    Auf Augenhöhe mit Buckelwalen in Tonga.

    Besonderer Dank.

    Besonderer Dank geht an: Phil, Ciani und Vili von Whales in the Wild / die gesamte Paradise-International-Hotel-Belegschaft / Lucy und Haniteli Fa’anunu, die den sehr sehenswerten und einzigen botanischen Garten ‘Ene’io betreiben / Kurt & Lynn Carlson sowie allen in Vava’u für ihre freundliche Unterstützung.

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