Neuer Freiraum: Autonomes Fahren
  • Autonomes Fahren schafft Freiraum.

  • Autonomes Fahren schafft Freiraum.

    • 11. February 2016
    • Autonomes Fahren
    • Fotos: Daimler
    • Text: Peter Thomas
    • Illustration: Mario Wagner

    Autonom, elektrisch und vernetzt fahren: Mit unseren Mobilitätsgewohnheiten wird sich die Definition des Raums verändern – vom Fahrzeuginterieur bis zu neuen Stadtlandschaften.

    Der Sattelzug setzt den Blinker, schert aus, beschleunigt, überholt und ordnet sich wieder in den fließenden Verkehr auf der rechten Spur ein. Viele hunderttausend Mal wiederholt sich dieser Ablauf Tag für Tag auf Europas Autobahnen. Doch diesmal hält niemand das Steuer in der Hand: Stattdessen fährt der Truck autonom über die Fernstraße, sein Fahrer kümmert sich derweil auf dem Tablet um die Buchhaltung und übernimmt erst zum Abbiegen in den Regional- und Stadtverkehr wieder die Regie.

    Spätestens seit 2015, als der Mercedes-Benz Actros mit Highway Pilot als erster Serien-Lkw teilautomatisiert auf der deutschen Autobahn fuhr, bezweifelt niemand mehr, dass so die nahe Zukunft des autonomen Fahrens in der Serie aussehen wird: Das Fahrzeug ist mit den traditionellen Schnittstellen wie Lenkrad und Gaspedal ausgerüstet und es agiert in bestimmten Umgebungen wie einer Autobahn vollautonom. Es ist der erste Schritt auf dem „Urban Mobility Pathway“, wie ihn beispielsweise die OECD-Studie „Automated and Autonomous Driving: Regulation under Uncertainty“ aus dem Jahr 2015 nachzeichnet.

    Vollautonom agierende Cybercars

    Dabei bildet heute aktuelle Fahrzeugtechnik mit ihren zahlreichen Assistenzsystemen die Grundlage für die weitere Entwicklung autonomer Fahrzeuge in der nahen Zukunft. Vollautonom agierende „Cybercars“, die als fahrerlose Taxis oder Lieferwagen im gemischten Verkehr unterwegs sind, sagt das OECD-Papier erst für das Jahr 2030 voraus. Bis dahin werden sich Raum und Raumerfahrung in der Mobilität radikal verändern.

    Einen Eindruck davon geben schon heute Fahrzeuge, die ganz auf das autonome Fahren ausgelegt sind. Das trifft beispielsweise auf die Versuchsfahrzeuge von Google zu, aber auch auf die ganz alltäglich eingesetzten Taxigondeln am britischen Flughafen London-Heathrow, die autonom auf einer eigenen Fahrbahn verkehren.

    Ähnliche Gondeln – auch Pods genannt – werden bis 2030 im alltäglichen Straßenverkehr unterwegs sein. Als bedarfsabhängig zwischen Parkplatz und Flughafenterminal verkehrende Flotte („mobility on demand“) haben sie schon heute das Potenzial, jährlich 50.000 herkömmliche Busfahrten zu ersetzen und nachhaltig Energie einzusparen. Das beschreibt eine Studie des Instituts für Luftfahrttechnik der University of Bristol.

    Taxi-Pods im Straßenverkehr

    Abkehr vom klassischen Raumkonzept

    Im Innern der Pods sind die Passagiere einander zugewandt, statt gemeinsam in Fahrtrichtung zu schauen. Das ist eine Abkehr vom klassischen Raumkonzept fast aller Automobile seit dessen Erfindung vor 130 Jahren durch Carl Benz und Gottlieb Daimler. Denn gleich ob Limousine, Cabrio, Coupé oder Landaulet (alles Karosserieformen, die das Auto aus der Tradition der Kutsche übernommen hat), stets blickten Fahrer und Passagiere in die gleiche Richtung, nahmen den Raum also aus der Perspektive des Chauffeurs wahr.

    Doch das autonom fahrende, elektrisch angetriebene und digital vernetzte Fahrzeug, das Automobil ohne Fahrer, schafft neue Perspektiven. Wie sich mit ihm der Innenraum ganz grundlegend ändert, hat ästhetisch und technisch überzeugend das Forschungsfahrzeug Mercedes-Benz F 015 Luxury in Motion gezeigt. Das 2015 auf der Elektronikfachmesse CES in Las Vegas präsentierte Fahrzeug gibt einen Eindruck, wie das autonom fahrende Auto aussehen kann, wenn es sich in seiner Form in gleicher Weise vom Fahrer emanzipiert hat, wie es dem Automobil bis zum Jahr 1900 gelungen ist, sich von der Form der Kutsche zu lösen.

    Fahrer blickten stets in die gleiche Richtung

    Dienstleistung ersetzt Eigentum

    Die kommenden Jahre werden nicht nur die Art und Weise verändern, wie Autos aussehen und wie sie angetrieben werden. Auch der Nutzung steht ein Wandel bevor: weg von der Dominanz des Fahrzeugs als persönlicher Besitz, hin zu neuen Formen des geteilten Eigentums und der Nutzung als Dienstleistung. Das hat auch Auswirkungen auf Wirtschaftszweige wie zum Beispiel Versicherungen.

    Die KPMG-Studie „Automobile Insurance in the Era of Autonomous Vehicles“ aus dem Jahr 2015 sagt denn auch voraus, dass mit der Durchsetzung des autonomen Fahrens zwar das Volumen der Schäden bis zum Jahr 2040 um rund 40 Prozent zurückgehen wird. Gleichzeitig müssen aber auch neue Geschäftsmodelle entwickelt werden, die Fragen wie die Verantwortung für das Handeln eines autonomen Fahrzeugs beantworten.

    Freiräume in der Parkraumbewirtschaftung

    Autonome Fahrzeuge werden vor allem den Stadtraum verändern. Denn in der Nutzungspause durch einen Passagier müssen sie nicht statisch in räumlicher Nähe zum Arbeits- oder Wohnort geparkt bleiben. Das bietet zum Beispiel die Chance einer automatischen Parkraumbewirtschaftung (beispielsweise durch leistungsfähige unterirdische Abstellanlagen, verbunden mit Ladestationen), die vor allem Innenstädte von der überwältigenden Präsenz im offenen Verkehrsraum abgestellter Automobile entlastet.

    Gerade geteilte Fahrzeuge werden aber hauptsächlich unterwegs sein, statt im Stand auf den nächsten Nutzer zu warten. So prognostiziert das International Transport Forum in dem 2015 publizierten Papier „Urban Mobility System Upgrade. How Shared Self-Driving Cars Could Change City Traffic“, dass die Auslastung einzelner Fahrzeuge durch neue Mobilitäts- und Serviceangebote stark steigen wird.

    Das könnte zur Folge haben, dass die Flotte der heute in einer Stadt verkehrenden Autos durch nur etwa ein Zehntel an autonom fahrenden Autos ersetzt wird, während jedoch die gesamte Fahrleistung weiter steigt. Jedes einzelne autonome Fahrzeug wird also eine Fahrleistung erbringen, die mehr als das Zehnfache dessen beträgt, was heutige Autos zurücklegen. Gerade in der Übergangszeit kann das zu Herausforderungen beim Lenken der urbanen Verkehrsströme führen.

    Ändern wird sich auch der Platzbedarf an Parkflächen, der in Großstädten um bis zu 80 Prozent zurückgehen wird. Und klassische Tankstellen werden ebenfalls seltener werden, abgelöst zunächst durch eine elektrische Ladeinfrastruktur. Dieser Wandel schafft Freiräume, die gerade in stark verdichteten Regionen gebraucht werden. Mobilität, das macht die Frage nach dem Parkraum klar, ist viel mehr als die Bewegung des Menschen in seiner Umwelt. Sie trägt auch nachhaltig dazu bei, wie wir Räume definieren, gestalten und wahrnehmen.

    Parkplatzbedarf sinkt um 80%

    Neonbunter Leuchtturm automobiler Alltagskultur

    So hat das Automobil die Großstadt des 20. Jahrhunderts ganz entscheidend geprägt: Von der Urbanisierung über vielspurig in das Umland der historischen Stadtzentren führende Schnellstraßen entlang reichen die Auswirkungen bis zu den prächtigen ersten Parkhäusern, gebaut als Kathedralen individueller Mobilität. Aber auch der Stau im Berufsverkehr, die allabendliche Parkplatzsuche in dicht bebauten Vierteln, die Tankstelle als neonbunter Leuchtturm der automobilen Alltagskultur und das Kaleidoskop der Verkehrsampeln sind Kapitel dieser Geschichte.

    Zentrale Technologien für das autonome Fahren stehen kurz vor dem Sprung in die Serie. Das zeigt Mercedes-Benz in der hochgradig vernetzten neuen E-Klasse, die auf der Detroit Auto Show 2016 Premiere hatte. Aber wann werden wir die Veränderung spüren, die autonome Fahrzeuge in den Straßenverkehr bringen?

    Steigende Effizienz durch intelligenten Mobilitätsschwarm

    Das geschieht nicht sofort, sagt eine Studie des ENO Center for Transportation voraus, die bereits 2013 unter dem Titel „Preparing a Nation for Autonomous Vehicles“ erschien, sondern hängt von einem gewissen Maß an Marktdurchdringung ab. So gehen die Autoren davon aus, dass sich bereits zehn Prozent autonomer Fahrzeuge sehr positiv auf die Flüssigkeit des Gesamtverkehrs auf Autobahnen auswirken, während die volldynamische Regelung von Kreuzungsverkehren vielleicht erst bei 95 Prozent autonomen Autos reibungslos funktioniert.

    Woran heute kaum noch ein Experte zweifelt: Das Aufkommen ganzer Flotten solcher Fahrzeuge wird den Verkehrsraum und mittelfristig auch den gesamten Stadtraum verändern. Denn der intelligente Mobilitätsschwarm autonomer Fahrzeuge hat das Potenzial, bisher scharf voneinander getrennte Funktionen wie Privat-Pkw und Taxi, Lieferwagen und Carsharing-Fahrzeug bei steigender Effizienz in sich zu vereinen.

    Und er wird zu einer deutlichen Verringerung der Unfallzahlen und –schwere führen. Das betont unter anderem die Rand Corporation in ihrem Papier „Autonomous Vehicle Technology. A Guide for Policymakers“ aus dem Jahr 2014. Den Menschen wird die Aneignung dieser neuen Technik zu Beginn vor allem durch den Vergleich mit der vertrauten Mobilitätsform des vom Fahrer gelenkten Autos gelingen. Das galt so ähnlich auch nach 1886, als das Automobil mit Verbrennungsmotor oft „pferdeloser Wagen“ genannt wurde.

    Unfallzahlen nehmen ab

    Panoramatisches Sehen und sphärische Offenheit

    Gerade eine jüngere Zielgruppe wird aber schnell das Vertrauen in Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Komfort des autonomen Fahrens gewinnen. Das sagt wiederum die KPMG-Studie voraus, die als „Early Adopter“ mit mehr als 80 Prozent Marktanteil Käufer im Alter zwischen 15 und 44 Jahren ausmacht. Für diese Gruppe wird die pferdelose Kutsche 2.0 Realität werden:

    Mit von der Fahrtrichtung entkoppelter Raumwahrnehmung, mit neuen Möglichkeiten des panoramatischen Sehens und mit Fahrzeuginnenräumen, die eine fast sphärische Offenheit bieten. Die Flotte autonomer Pods am Flughafen London-Heathrow macht es schon heute vor: In der Studie der Universität Bristol bekommen die futuristischen Fahrzeuge von allen Verkehrsmitteln am größten britischen Flughafen die beste Note.

    Bis die Zukunftsflotte im Jahr 2030 oder 2035 auf öffentlichen Straßen rollt, müssen allerdings noch rechtliche Fragen geklärt werden. Denn der Raumbegriff umfasst auch den Verkehrsraum. Und in diesem gelten Straßenverkehrsregeln, die sukzessive an die Möglichkeiten des autonomen Fahrens angepasst werden müssen.

    Die neue E-Klasse fährt dieser Entwicklung derzeit mit Tests auf Interstate-Straßen und State Highways in Nevada voraus. Der Nachbarstaat Kalifornien hat ein entsprechendes Regelwerk vorgelegt, das den Einsatz autonom agierender Fahrzeuge zukünftig erlaubt. Allerdings müssen die Fahrzeuge mit einem Lenkrad ausgerüstet sein und der Fahrer muss jederzeit das Steuer übernehmen können. So soll das autonome Fahren im normalen Straßenverkehr dann 2017 im Golden State Premiere haben.

    Vertrauen in Sicherheit wächst

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