• “Ein neues Kapitel in der Sicherheitstechnik.”

  • “Ein neues Kapitel in der Sicherheitstechnik.”

    • 12. September 2013
    • Autonomes Fahren
    • Text: Rüdiger Abele

    Rodolfo Schöneburg, Leiter Sicherheit, Betriebsfestigkeit und Korrosionsschutz bei Mercedes-Benz Cars, über passive Sicherheit und autonomes Fahren.

    HERR SCHÖNEBURG, AUTOMOBILE WERDEN IN DEN KOMMENDEN JAHREN MIT DIVERSEN ZWISCHENSTUFEN ZUNEHMEND AUTONOMES FAHREN ERMÖGLICHEN. BEGINNT DAMIT EIN NEUES ZEITALTER DER SICHERHEITSTECHNIK?

    Es beginnt kein neues Zeitalter, aber gewiss ein neues Kapitel in der Sicherheitstechnik. Wir betrachten das autonome Fahren in Hinsicht sowohl auf die aktive wie auch die passive Sicherheit als Teil einer Evolution der verschiedenen Systeme – die Entwicklung geht immer weiter. Ein Beispiel: Bereits vor rund zehn Jahren hat Mercedes-Benz PRE-SAFE® eingeführt und damit eine Technik, die aktive und passive Sicherheit miteinander vernetzt. PRE-SAFE® nutzt Sensoren der aktiven Sicherheit, etwa vom Elektronischen Stabilitäts-Programm ESP® und vom Bremsassistenten, um Systeme der passiven Sicherheit anzusteuern. Dadurch sind Insassen schon in der Vorphase eines Unfalls besser geschützt. Das System nutzt also Merkmale der aktiven Sicherheit, um in Grenzsituationen die passive Sicherheit zu verbessern. PRE-SAFE® gibt es heute intensiv weiterentwickelt in fast jedem Mercedes-Benz Serienfahrzeug.

    „ Die Sicherheitsentwicklung baut immer auf dem aktuellsten Stand der Technik auf. “

    RODOLFO SCHÖNEBURG

    WIE WIRD DAS AUTONOME FAHREN ANSTÖSSE FÜR NEUE ODER VERBESSERTE SICHERHEITSSYSTEME GEBEN?

    Die Sicherheitsentwicklung baut immer auf dem aktuellsten Stand der Technik auf. Die Sensoren der Systeme des autonomen Fahrens werden wir beispielsweise nutzen, um den Insassenschutz weiter zu optimieren, etwa über eine verbesserte Auslösung der Rückhaltesysteme, wie Airbags oder pyrotechnische Gurtstraffer. Und es werden ganz neue Systeme entstehen. Wir entwickeln unsere PRE-SAFE® Strategie weiter mit Systemen, die wir erstmals im Experimental-Sicherheits-Fahrzeug ESF 2009 gezeigt haben. Ein Ergebnis ist PRE-SAFE® Impuls der neuen S-Klasse: Der Sicherheitsgurt bewegt Fahrer und Beifahrer in einer frühen Crashphase noch vor dem Anstieg der aufprallbedingten Insassenverzögerung entgegen der Aufprallrichtung. Wir entkoppeln die Insassen quasi von der unfallbedingten Fahrzeugverzögerung. Dadurch können das Verletzungsrisiko und die Verletzungsschwere bei Frontalcrashs erheblich reduziert werden. Dieses System ist vom Ansatz her auf jeden Unfalltyp übertragbar und könnte dazu führen, dass man in einem nächsten Schritt die Sidebags vereinfacht, gar keine mehr benötigt oder ganz andere Systeme hat. Darüber lassen sich dann vielleicht sogar Gewicht und Kosten reduzieren.

    GIBT ES SICHERHEITSMERKMALE HEUTIGER AUTOS, DIE DANN ÜBERFLÜSSIG WERDEN?

    Kein heutiges Sicherheitsmerkmal aktueller Autos wird auf absehbare Zeit überflüssig sein. Denn im Straßenverkehr wird es ja nicht auf einen Schlag ausschließlich autonom fahrende Automobile geben. Wir werden mit einer sehr langen Übergangszeit leben müssen, in der sich autonom fahrende Fahrzeuge zusammen mit konventionellen Fahrzeugen in einem gemeinsamen Verkehrsraum bewegen. Vermutlich wird es sogar immer konventionelle Fahrzeuge geben, beispielsweise Motorräder oder Oldtimer. Auch gibt es Situationen, in denen der Fahrer eines autonom fahrenden Autos selbst fahren möchte und deshalb Systeme deaktiviert. Durch autonomes Fahren wird man Sicherheitsmerkmale also nicht reduzieren, aber ich denke, es werden Sicherheitsfunktionen entstehen, die den Schutz für die Insassen weiter verbessern werden.

    KÖNNEN SIE SCHON HEUTE UNFALLSITUATIONEN IDENTIFIZIEREN, IN DENEN DAS AUTONOME FAHREN VORTEILE BRINGT?

    Das autonome Fahren wird zunächst auf gut ausgebauten Straßen möglich sein, etwa auf Autobahnen. Dort wird es die Zahl der Unfälle voraussichtlich auch reduzieren. Denn der reine Längsverkehr ganz ohne Kreuzungen ist insgesamt aus der Sicht der technischen Systeme eine im Wortsinn gut berechenbare Situation, in der die Technik dann auch unfallvermeidend wirkt. Aber es wird noch eine Weile dauern, bis auch unübersichtliche Situationen autonom gemeistert werden, etwa in der Stadt oder auf Kreuzungen. Dabei muss stets das Unfallszenario genau betrachtet werden. Nehmen Sie das Beispiel, dass ein Auto autonom auf einer Vorfahrtsstraße fährt; wenn nun ein konventionelles Auto plötzlich aus einer Einmündung auf die Vorfahrtsstraße biegt, lässt sich ein Unfall kaum vermeiden; im umgekehrten Fall vermutlich schon, da verhindern die Systeme fürs autonome Fahren ein Losfahren in die Vorfahrtsstraße hinein.

    WARUM GELTEN AUTOBAHNEN SCHON HEUTE ALS SICHERE STRASSEN

    Vor allem aus zwei Gründen: zum einen, weil alle Autos in eine Richtung fahren, zum anderen, weil sie mit mehr oder weniger gleicher Geschwindigkeit unterwegs sind und deshalb ihre Relativgeschwindigkeit gering ist. Je höher der Geschwindigkeitsunterschied, desto größer ist auch die Unfallschwere. Wenn auf der Landstraße zwei sich entgegenkommende Fahrzeuge mit jeweils 100 km/h unterwegs sind, haben sie eine Relativgeschwindigkeit von 200 km/h. Da genügen ein kleiner Stein und ein Verziehen des Lenkrads, um einen Unfall mit sehr hoher Schwere zu erzeugen.

    AUF WELCHE SYSTEME KÖNNEN SIE IN AUTONOM FAHRENDEN AUTOMOBILEN ZUSÄTZLICH ZURÜCKGREIFEN?

    Zum Beispiel die Radarsysteme der Umfelderkennung sind für uns hervorragend geeignet, um damit auch Sicherheitssysteme zu steuern. Ein nächster Schritt wird Car-to-X sein – der Informationsaustausch des Fahrzeugs mit seiner Umwelt und anderen Fahrzeugen. Das könnte uns bei einem drohenden Unfall etwa die Information zum Kollisionsgegner liefern: Welche Fahrzeugart ist es? Wie schwer ist es? Mithilfe dieser Angaben lassen sich die Sicherheitssysteme dann für einen optimalen Insassenschutz voreinstellen. Wir sprechen hier von Fahrzeugklassifizierung.

    WIE HAT SICH DIE SENSORIK ÜBER DIE JAHRE ENTWICKELT?

    Die Sensorik ist für uns ein „Enabler“, wie wir es nennen – sie macht Dinge möglich. Sensoren fühlen, sehen und kommunizieren. In der Entwicklungsgeschichte haben wir zunächst mit fühlenden Sensoren gearbeitet, die etwa Beschleunigung, Kräfte und Drehraten messen, um die Sicherheitssysteme passend einzustellen. Im nächsten Schritt kamen die „sehenden“ Radar- und Kamerasensoren, die das Umfeld erkennen; sie verbessern die Systeme, weil diese schon sehr viel früher reagieren können, um beispielsweise eine Bremsung einzuleiten oder reversibel die Gurte zu straffen. Die Kommunikation über Car-to-X als nächster Schritt wird dann weitere deutliche Verbesserungen ermöglichen.

    ARBEITET DIE TECHNIK BESSER UND ZUVERLÄSSIGER ALS DER MENSCH?

    Pauschal kann man das nicht sagen. Grundsätzlich verhindert der Mensch sehr viele Unfälle durch sein vorausschauendes Fahren und richtiges Reagieren in kritischen Situationen. Geschieht dennoch ein Unfall, liegt etwa bei 85 Prozent aller Unfälle ein Fehlverhalten des Menschen vor – und in diesen Situationen kann die Technik sie verhindern oder die Schwere reduzieren. Anders gesagt: Die Maschine muss in der Fehlervermeidung erst einmal so gut werden wie der Mensch. Daran werden die Wissenschaftler und Ingenieure noch eine Weile arbeiten.

    WO LIEGEN WEITERE STÄRKEN DER TECHNIK UND DES MENSCHEN?

    Grundsätzlich gilt, dass das Fahrzeug mithilfe der Systeme und Sensoren in vielen Situationen schneller und präziser reagiert als der Mensch und auch nicht müde wird. Rund um die Uhr steht die volle Leistung zur Verfügung – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit, denn manche Sensoren benötigen etwa gute Sichtverhältnisse, wie auch der Mensch. Aber in einem Aspekt ist der Mensch deutlich besser: Er hat auch beim Autofahren einen „siebten Sinn“ für drohende Situationen, welche die Technik nicht erkennen kann. Ein Beispiel: Man fährt auf der Autobahn auf der linken Spur, in der rechten Spur ist dichter Kolonnenverkehr mit einem Personenwagen zwischen Lastwagen. Mithilfe des „siebten Sinnes“ und der Fahrerfahrung beurteilt man, wie der Fahrer des Personenwagens agiert und ob es Anzeichen dafür gibt, dass er eventuell die Fahrspur wechseln wird, um zu überholen. Schaut er in den Rückspiegel? Bewegt er das Fahrzeug schon in Richtung linke Fahrspur? Mithilfe des „siebten Sinnes“ schauen wir mitunter nach ganz feinen Zeichen, die eine Sensorik auf absehbare Zeit nicht erkennen wird – sie beobachtet die eigene Fahrspur. Der Mensch hingegen bewertet die Gesamtsituation. Wobei ich denke, dass die Technik auch in dieser Hinsicht immer besser werden wird – und vielleicht eines Tages sogar einen „siebten Sinn“ hat.

    CURRICULUM VITAE

    +++ geboren 1959 in Ciudad Bolivar, Venezuela +++ Diplom an der TU Berlin in den Bereichen Flugtechnik und Betriebswirtschaft +++ Promotion an der TU Berlin zum Thema computergestützte Crashsimulationen +++ seit 1999 Centerleiter Sicherheit und Fahrzeugfunktionen bei Daimler +++ ausgezeichnet mit dem Paul-Pietsch-Preis für das innovative präventive Insassenschutzsystem PRE-SAFE® und dem „Pathfinder Award“ der amerikanischen Sicherheitsvereinigung „Automotive Safety Council“

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